Ausgabe 
17.6.1911
 
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Ehre.

Novellette Von M « r i ä n n e M e, w i g.-

Die drei Freunde Hatten die Karten niedergelegt und dachten tt'n Aufbruch, dehnten sich indes ttoch ein wenig in den Bequemen Ledersesseln, tranken langsanr das letzte Glas leer und rauchten gemächlich. Die vertrauliche Stimmung nach meHrstündigeur Zu- iainmeusein. in engem Kreise fand in einzelnen offenherzigen Mitz- ieilungeu und Bemerkungen Ausdruck.

Baron von Keller hatte den Kopf zurückgelehnt und blickte nachdenklich zu dem Bilde über dem Schreibtisch, dem Porträt der Vor Jahresfrist verstorbenen Hausfrau, auf. Nach einer Weile sagte er zu deut Gastgeber, seinem Duzfreunde:

Hecking?, ich glaube, ich kannte deine Frau stets, nur mit grauem Haar. Und sie ist doch stichst alt geworden. Als das Bild gemalt wurde, nmst sie noch recht jung gewesen sein. Aber auch hier schon die Herbstfäden!"

Auf Heckingks Stirn furchte sich eine! seltene Falte, Und seine guten, geduldigen Singen blickten traurig,

Verzeih, Alter . . bat der andere.

Nichts zu verzeihen. Weshalb sollte man unter Freunden nicht davon sprechen- jetzt, da alles so weit zurück liegt. Und am Ende bin ich's ihr, der Makellosen und noch Einem schuldig. Wenigstens vor euch Getreuesten. Bergen hat sie ja noctji mit «ihren braunen Lockenscheiteln gesehen. Und sogar am Hochzeits­tage. Aber als er später, nach seinem türkischen Intermezzi AüM Regiment zurückkehrte, horte er vielleicht astch etwas?"

Nichts!" versetzte der Graf schroff, 'konnte indes nicht hindern, daß ihm wieder einmal geschah, was ihn bei seinem starken igrauen, Haarbusch und Schnurrbart und den blitzenden Augen int! kühnen Gesicht so ungemein kleidete und den Damen sehr gefiel: er errötete wie ein unverdorbener Jüngling.

Dieses fesselnde Farbenspiel entging Heckingk nicht. Er nickte ein paarmal und meinte:Es ist besser, daß. ich erkläre -.fj , Ihr liebtet sie ja beide wie eine Schwester . .

Wer liebte sie nicht!"Diese Heilige!"Dies wunder­volle Kind!"

Ja. Wie du sagst. Bergen, wer liebte sie nicht?. Natürlich auch ich, der Vetter, der mit ihr fast Ivie ein Bruder! ausgewachsen war, Ein Bruder. . . Und mit den schwester- lichsten Gefühlen sie war ja noch so jung und nur eben aus der Gnadenfreier strengen Erziehungsanstalt heraus nun, dieses Kind legte also ton1 Altar ihre Hand in die meine. Und ich kann euch gestehen> Wochen hat es gedauert, eh' ich den jungen Leib Meiner Gattin zu berühren wagte, obwohl sie von ihres Vaters Schwester, der alten Generalin, wohl auf ihr Frauenlos hiuge- 1 viejeit worden war. Und sicher nicht allzu zart. . . 9(6 et sie blieb, wie ich sie erhielt, rein, blieb ein Kind trotz allem'.

Mnttergefühle- und Pflichten versagten sich ihr. Es wäre -sonst wohl, . . anders gekommen. Und ich hätte jünger sein Müssen wir waren zwölf Jahre auseinander. Etwas spiele­rischer, törichter, selbstsüchtiger. Heischend und rücksichtslos, wie eben die Jugend zu sein pflegt, statt ängstlich schonend. Glaubt Nur: trotz meiner lebenserfahrenen Dreißig drohte auch mir das Heiße Blut manchmal die Adern zu sprengen. Und ich hätte mein junges Weib vor Zärtlichkeit erdrücken mögen. Aber ich dachte: du- darfst nicht! du zerbrichst sie ja wenn nicht körperlich, so doch seelisch. Du knickst der Psyche Biei SchMetterlingsschwmgeN -und streifst den Schmelz davon. Ich Esel! Wecken ist nicht zerstören. Auch der SeeleuschlumMer darf nicht ewig dauern, sonst bedeutet er, wie der körperliche, Tod., Weil ich den Vorhang, der die Lebüussonn« verbarg, nicht bei Zeiten fortzuschiebeu ver­stand, mußte ihn ein anderer lüften. Schickung, nicht Schuld.

Wir waren anderthalb Jahre verheiratet. Da trat ein junger Offizier ins Regiment. Bildhübschen Junge. GnteräDeut- jscher, aber mit einem Schutz polnisch Blut von Vatersseite her. Ein impulsives Gemüt, das sich gleich herzlich mir auf- yn.bi a n schloß"

Lesziuskh?"

Ja, lieber Keller."

Reizender Mensch!"

Gewiß; sand ich ebenfalls. Und ich (üb' ihn in Mein Haus wie einen jungen Bruder. Ohne Zwang sollte er verkehren. Er ließ sich nicht Bitten lunb kam bald täglich. Und entfaltete! schnell sein ganzes Wesen: bestrickend liebenswürdig; stets vor­ahnend gefällig, ja, aufopfernd; ritterlich bis zur Donquixoterie, Und, ohne daß ers wußte, meiner schönen.Frau gegenüber werbend mit iebent Blick seiner sammetbraunen ebenso feurigen ivie sausten Äugen."

Nun, es dauerte nicht lange, -da schwatzten und lachten sie wie die Kinder miteinander. Hatten stets Pläne für morgen. WnÄsiertcn sich köstlich natürlich stets in Gesellschaft von meh­reren. Musizierten zusammen, nur in meiner Gegenwart und für mich, der ich ganz unmusikalisch bin . - , Und das Leben wurde ihnen ein harmloses Fest."

Das währte seine Zeit.. Dann- kamen die verstohlenen Blicke, die einander eilig mieden, wenn sie sich trafen, und sich doch jimMer wieder suchten. Das fliegende Erröten. Ihr Zusammen- 'zücken, wenn .er ihr die Hand küßte. Zerstreutheiten. Unbe­wußtes Versunkensein. Ein scheinbar grundloses Lächeln. Halb- Mter.drü.ckte Seufzerz .Endlich heimliche Tränen; bange Rächte

mit erheucheltem' Schlaf bei Mila. In seinem Antlitz schärften sich die feinen Züge. Und in den.dunklen Augen glommen Funken., Dennoch war das kann ich beschwören nichts geschehen, kein -unerlaubtes Wort gefallen." ,

Mein fröhliches Kind wurde ernst, der Blick pathetisch, das Kolorit zarter und wechselnder, die.Wangen schmal. Mila hielt sieh gerade, nahm, vornehme Allüren -an, lernte sich beherrschen! und verstellen. Sie war wach geworden ..."

Mein Herz blutete. Und wenn ich die hektische Rote in ihrem Antlitz wahrnahm und ihre blutlosen Hände ansah, dachte ich: Sie erlischt mir ja.! Soll ich reden? Ich liebe sie doch, Uno, will sie nicht töten. Sie, selber,sie stirbt, ehe sie treulos wird.

Leszinsky litt unter sichtlicher Rastlosigkeit, blieb tagelang fern, erschien dann flüchtig und schützte Abhaltungen vor, redete auch vom Bersetzeulasscnwollen: das Regiment sei ihm zu teuer. Zu solchen Reden nickte sie ernsthaft und trat dann beileite, Jini ihre feuchten Augen zu verbergen."

So lagen die Dinge, als von unserer Garnison aus eine längere Ballonfahrt geplant wurde. Vier Teilnehmer sollten sich Melden, lauter im Lustsport erfahrene Männer. Und eigentlich waren die Meldungen keine freiwilligen: wir wurden ziemlich energisch darauf gestoßen: Göbler, Turn, Lesziuskh und ich.

,,Mila schien in tausend unbestimmten Aengsteu und Vor- ahuuiigeii fast zu vergehen. Aber nicht ihn, Leszinsky, sondern mich beschwor sie zstrückzntteten. Es war untunlich: Zur be­stimmten Stunde bestiegen wir die Gondel. Mila hatte, wider meinen Willen, zugegen sein wollen. Als wir frei wurden, ent? schwand uns mit den anderen Köpfen auch ihr furchtbleichesj Gesicht."

Tie Luft war klar, sonnig und nicht kalt, dem borge? schritt en en Frühjahre angemessen. Wir trieben, wie wir berechnet hätten, westwärts. Tann stiegen Wolken im Südosten auf. Der Wind wurde böig, flatterte, schwankte und drehte nch. tlud schließlich wurden wir von einer! steifen Landbrise nach Norden ge­jagt. ' Wir blieben guten Muts. Freilich fausten wir in raienber Fahrt der See zu. Dennoch wollten wir nicht niedergeheim hofften sie zu überfliegen und irgendwo in Schweden oder Dänemark M landen, je nachdem' es der Wind wollte."

Die Wolken rückten herauf, würden dichter und dunkler, die Luft kälter. Endlich stiebten einige Flocken nieder. Wir sahen! einander bestürzt an. Der Schnee! Den hatten wir nicht mehr in Betracht gezogen! Aber bald waren wir im dichtesten Ge­stöber. llitb binnen kurzem legten, sich- drückende Lasten auf Ballon Und Korb: .Wir sanken und erkannten unter -uns eine wild- bewegte See."

Wir warfen Ballast aus und fliegen nicht beträchtlich. Und sanken aufs neue . . . und warfen wieder und wieder und spähten nach Land. Aber wenn wir durch den Flockenwirbel |o tief hinabkämen, daß. wir etwas wahrnehmen konnten, waren es. stets die dunlelgrauen Wogen. Und .ihr Tosen klang an unser, Ohr. Dem Steigen und Fallen des Ballons folgte das Baro­meter -unserer Hoffnungen, bis der letzte Sand iiiebergertefelti war Als der Korb den weißen Schaum der Wellenkämme streifte,, herrschte Tiefstand. Alles Entbehrliche wurde aus der Gondel! geworfen. Noch ein flüchtiges Heben. Daun wieder der hoch- -anffpritzeude Gischt, dessen einzelne Flocken bereits nufere Gesichter netzten. Und immer noch fein Land, das 'unserer Berechnung nach nicht fern fein konnte. Jedem von uns saß der bleiche Tod im| Antlitz. Dennoch jammerte keiner. Man biß die Zahne zu­sammen. und erwartete das Ende."

Turn, unser Führer, riß, den Arm um einen Strick ge­klammert, Blätter aus seinem Notizbuch-, beschrieb sie nut mit und hergeschleuderter Hand m»d wies sie uns. «äste trugen Zahlen. Wir nickten. Er faltete sie' irgendwie und bot sie hin. Wir zogen ünd betrachteten unser Los. Meines trug die Zahl drei. Turn schaute uns mit grauenvollem aber festem Blick an. xa» Wasser qmg uns bis zur Mitte. Die Gondel schlingerte, tonnte leben Augenblick Umschlägen. Göbler löste seine Linke, zeigte seine, Nummer: ei,ns. Er sah Turn an. Turn senkte die ~-tber. An faßte Göbler den Naud des Korbes, schwang sich himlber, ward nicht mehr gesehen ..."

Für eine kurze Frist hoben sich Ballon und Korb. Wir fühlten wohl alle zwischen den. lallen Salzwassertropfen an Unseren Wimpern einige heiße. Hohlwangig, mit roten gierigen Augen starrten wir in den Graus ringsum'- unter uns. Turn, ber Katholik, schlug ein Kreuz."

Eine Henkersfrist verstrich. Der Korb senkte sich abermals, schleifte int Meer. Bis zu den Schultern tauchten wir in die kalte. Flut. Nud nirgends Land. Mir brannte tut Gedanke im! Hirn: ich hatte Nummer drei. Wer war der Zweite. Trotz der unmittelbaren Todesgefahr suchte mein Blick Leszinskys Augen, und begegneten idem seinen . . . Pnd wie wir .mm so stumm befragten, ertönte rin deutlichesEs lebe der Kaiser. durch den Donner der Wogen. Wir waren nur noch zwei ist der Gondel Leszinsky und ich... Einstweilen gerettet."

Schief flog der Korb in geringer Entfernung über f)tm| Meer hin, das wilder und wilder zn toben schien, wie ein Raub­tier, dem die Beute entschlüpft, lind mit den glühenden Aim- apfeln, die uns fast äus dem Kopfe sprangen, nahmen, wir durch das lichter werdend.« GeWber graste Schatten wahr. osfenha>,