Ausgabe 
17.6.1911
 
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die wir hatten, verdienten, ausgezeichneten Leuten, denen jedes Vertrauen ihrer Vorgesetzten eine Ehre war, die man mit ein paar persönlichen Worten mehr noch ans Regiment fesselte, wenn dies möglich gewesen wäre. Auch denen habe ich gesagt:Wachtmeister, ich habe mich verlobt."

Ja, was mögen die Leutnants gesagt haben, wie mögen sie gesprochen haben im Kasino? Richt anders, als wie ich es getan hätte in meinen jungen Jahren:Ter ölte Oberst ist ja ganz doll verliebt. Nu soll er uns mal was sagen, wenn wir zn stark den Hof machen!"

Ja, der Oberst war verliebt. Er war verliebt wie ein Knabe. Jeden Tag fuhr er nach Berlin, wenn es der Dienst nur irgend erlaubte. Jeden. Tag schrieb er nach Berlin, und das ich muß es doch wissen gestattete der Dienst Seiner Majestät.

Es war, als wollte ich nachholen, was ich lange Zeit über versäumt hatte.

Wir hatten uns spät gefunden. Vielleicht waren uns allzuviel Jahre doch nicht mehr bestimmt, nun mußten wir schnell machen. So setzten wir auch schnell die Hochzeit an. Ein langer Brautstand wäre mir lächerlich vorgekommen.

Ich bin in dieser Zeit wie ein junger Tor hernm- gelaufen. Mein Adjutant mag sich gewundert haben, daß ich ihn zum Reiten nicht mehr mitnahm. Ich sagte dem braven Jungen, es wäre kein Zeichen des Mißtrauens, ich müßte allein sein und mir überlegen, wie ich mein Leben einrichten wollte.

Allein ritt,ich hinaus in den schweigenden Wald, ga­loppierte in langen Sprüngen hinab, und wenn der Gaul unter mir gestreckt ging und gleichmäßig schnaubte, war es mir, als säße wieder, wie vor so viel Jahren, auf mein ent ersten Pferde die erste Liebe des jungen Offiziers.

Am frühen Morgen schon ritt ich hinaus, wenn alles noch schlief in der Weite, ehe noch die erste Schwadron zürn Exerzierplatz zog oder zum Felddienst strebte. Durch di« stillen Gassen gewanrr ich im Schritt das Freie, und dann ging es die lange Straße hinab, die nach Berlin führt. Nicht gar schnell, sondern in vielen, vielen Kilometern, aber einmal kam sie doch hin. Und immer ritt ich in dieser Richtung. Es war mir, als müsse ich der.Geliebten näher sein, als atme ich dort ihre Luft.

Aber bald verließ ich die Straße und schlug Feldwege eilt, wo ich keinen Menschen traf, denn nun war es gewollte Einsamkeit, der ich mich überließ. Ich dachte, während ich der Stute lang die Zügel gab, an meine Zukunft, an meine kleine Frau, wie ich sie setzt schon nannte, wenn sie auch nicht klein war und meine Frau ebensowenig. Ich malte mir aus, wie glücklich wir sein würden. O Gott ja, wie glücklich mußten wir sein! Wenn eine so viel Jahre lang auf einen Mann gewartet hat, sollte nicht ein gütiges Geschick ihr auch langes, langes Glück auf den Weg streuen?

Ich ritt durch prangende Saaten, dem Sensenschnitte nah. Ich ritt über grüne Wiesen, mit einem grauen Silber- Hauch überzogen, dem Tau der Nacht, und immer dachte ich an die eine nur, die mein Leben krönen sollte und enden Herzeloide.

Ich habe Lentuantsstreiche vollführt, ich will sie nur beichten. Dort drüben in der Garnison wußte niemand davon. Ich habe auf langen Ritten Eisenbahnstationen besucht und dringende, ach, so dringende Sachen telegra­phiert oit Herzeloide. ' Ich habe mein Frühstück ein­genommen in entfernten Dörfern, oft so weit nach scharfem Ritt, daß selten einer von uns Reitern dorthin verschlagen ward. Sie kannten den Oberst nicht. Die Bauern starrten mich an, sie wüßten nicht einmal, aus welcher Garnison ich sei. Dort habe ich beim Kaffee einen Brief geschrieben und in den Dorfbriefkasten gesteckt, einen Brief an Herzeloide.

Dann kam ich einmal auf solchem Ritt an eine Gärt­nerei, die ihre Blumen nach Berlin zn senden pflegte, und bestellte den schönsten Strauß für Herzeloide.

Die ganze Gegend habe ich unsicher gemacht. Van allen Ecken und Enden Liebesgrüße der gesandt, die mein Weib werden sollte. Ich, der Oberst und Regimentskommandeur. Der Mann mit grauem Scheitel.

Daß war aber morgens. Dann folgte der 'Dienst, Exerzieren, Rapport, und nachmittags saß ich auf der Bahn und habe den Abend bei meiner Braut verbracht, die mich mit ihrer Pflegetochter dann Tag für Tag um acht Uhr zum letzten Zuge nach dein Bahnhof geleitete.

Täglich kam ein Brief aus Berlin, und wären es

nur wenige Zeilen gelvesen. Wenn er aber nicht auf meinem: Schreibtisch lag, sobald ich vorn Reiten wiederkehrte, war ich unruhig und hätte am liebsten telegraphiert: Bist du krank?

Krank war ich. Krank an Liebe und Sehnsucht nach meinem späten Gluck. Aber bald sollte ich gesunden, denn näher und näher rückte der Tag der Hochzeit.

Kurz war das Manöver gewesen, es lag hinter mir. Wir hatten Lob geerntet, gut abgeschnitten, das brachte ich Herzeloiden als Botschaft mit.

Wir hatten lange überlegt, wen wir zur Hochzeit bitten sollten. Verwandte gab es kaum, nur Herzelöidens Pflege­tochter mit ihrem Mann und Ella, die andere, ein liebes/ bescheidenes, blondes Mädel, das bald mit mir war, als hätte sie mich immer gekannt. Ich fragte, wie lange sie bereits von mir wüßte. Das kleine Ding ward rot:

Schon immer:

Ich war erstaunt und nahm sie vor. Sie mußte beichten. Herzeloide stand daneben und drohte mit dem Finger.

Immer schon?

Da warf sich das Mädchen der Taute an die Brust und gestand mit stockender Stimme, sie hätte es gemerkt seit vielen Jahren. Herzeloide wär nicht verlegen, sie fragte:

Woran?

Die Kleine blickte schelmisch auf:

Am Ton.

Nun wollte ich wissen:

> Hat denn die Tante oft von mir gesprochen?

Lachend kam die Antwort:

Nur wenn das Avaneement, ein Orden oder irgend etwas in der Zeitung stand. Manchmal nur der Name. Dann war es aber ein anderer, und dann ivar Tante enttäuscht.

Herzeloide strich ihr die Wange, und sah ihr in die Augen:

Ich habe nicht gewußt, daß du so schlau bist, Kind.

Dann küßte sie die Errötende auf die Stirn, und ich sprach, um der Sache den Abschluß, die Weihe des Vaters zu geben:

Weißt du, Ella, die Tante hat ganz recht gehabt/ denn eigentlich war sie ja all die Jahre schon verlobt.

Die Hochzeit fand eines Morgens statt, an einem klaren Septembertage. Ein paar Herren und Damen vom Regi­ment, der Kommandierende, der sich angesagt hatte, und damit war der Kreis geschlossen.

Im Hotel war das Diner bestellt. Ich holte Herze­loiden ab. Und als sie vor mir stand im weißen Kleid, den Myrtenkranz im Haar, sah sie nicht anders aus als damals in jungen Jahren, da ich sie in der Garnison ge­kannt hatte. Mir schien die ganze Zwischenzeit fortgelöscht. Die Jahre halten ihr nichts anhaben können.

Große Schönheit fressen Runzeln, glatte Haut verzehrt die ,3eit, eins aber bleibt bei allen Menschen: das Auge und die Stimme. Ihre Augen leuchteten noch in hellem! Glanze. Sie strahlten, sie jubelten: all das Glück, das dieses Menschenkind empfand, brach aus dem Schein der Augen. Das Glück, auf das sie so viele Jähre laug gewartet, wie auf ein Wunder.

Und ihre Stimme klang noch so iuie einst, so tief, weich, voll. Nein, mehr als einst, denn damals mußte sie sich zähmen. Ich sollte nicht spüren, was in ihrem Herzen vorging. Die Wohlerzogenheit des jungen Mädchens ver­bot' ja das. Ich durfte nicht ahnen, daß im Zittern ihrer Stimme die Sehnsucht lag, mir zu sagen: Ich liebe dich.

Heut aber waren die Schranken gefallen. Ja, däruin meine ich, klang die Stimme nicht wie einst. Noch weicher tönte sie, noch voller, noch reicher, noch tiefer, zärtlich', lieb, so lieb, daß mich ein Schauer der Glückseligkeit über­rann, wenn mir die Worte in den Ohren klangen, die sie mir in tiefer Dunkelheit in das Ohr geflüstert- hatte als schönstes Geständnis, das ein Weib dem Manne machen kann: Ich habe dich lieb.

Ja, sie war jung, sie wär schöner als einst. Mir wär sie jung, denn sie besaß das Beste, das die JrMen haben Liebreiz und Weiblichkeit.

(Schluß folgte)