Ausgabe 
17.5.1911
 
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Mvä's ab, wenigstens schsief e'r die ganze Nacht/ ein Bein zuM Fenster heraushängen lassend. Ich bleibe noch einige Zeit wach sind lasse die wechselnde Szenerie an mir vorüberziehen. Zunächst K-omMen wir noch durch Häuser unb große Ziegeleien, aber bald sind wir inmitten weiter- jetzt unbebauter Reisfelder, jetzt toten wir durch einen Palmenwald, aus dessen Innern flackern­der Feuerschein Ansiedlungen verraten. Der Palmenwald weicht jb'cm Dschungel, durch den- im Mondschein weithin verfolgbar<.. die festgetretenen schmalen Pfade der Eingeborenen führen. Trotz all des Neuen und Interessanten übermannt mich bald die Müdig­keit, und obwohl der Zug in seiner Gangart eine unangenehme Aehnlichkeit mit der der Biebertalbahn aufweist, liege ich doch bald im festen Schlaf, Unb wie immer wenn man hier draußen träumt, ich Wachen ober int Schlafen, bin ich zu Haus: Der rumpelnde slow passenger train verwandelt sich in den Nacht­schnellzug Hamburg-Gießen, die Reisfelder in Sturzäcker, per -Palmenha.ist in deutschen Laubwald heim in die Osterferien! Nicht wenig erstaunt bin ich deshalb, gegen 6 Uhr morgens dadurch geweckt zu werden, daß der über mir schlafende Baboo beim! Herunterklettern von seinem hohen Bette mir empfindlich auf den Magen tritt. Immerhin bin ich dadurch mit einem Male gleich sehr wach und kann das schöne Schauspiel der auf- geljenbeit Sonne genießen. Wie sie da so heraufkomMt, alles in einen goldigen Schimmer tauchend, macht sie gar nicht den Eindruck, als ob sie uns wenig später so plagen würde. Bald sind wir auch ist Puriilia, wo uns Chota Haziri (erstes Frühstück) serviert wird. Auf der anderen Seite der Station steht schon der kleine Zug, der uns auf einer schmalspurigen Bahn nach Ranchi bringen soll. Trotz der frühen Morgenstunde fängt es schon an, Ungemütlich warm zu werden, und schon gegen 10 Uhr zeigt das Daschenthermometer eines Mitreisenden mit 104° Fahren­heit -(40° Celsius) eine ganz nette Schattentemperatur ün.. Die kleine Lokomotive muß mächtig arbeiten, immer den Berg hinauf durch öde der Bewässerung wegen terassenförmig angelegte Reis- selder, aus denen hin und wieder kahle oder dürftig bewachsene Felskuppen hervorragcst, die mit ihrer typischen Form den vulka- stischen Charakter der Gegend verraten. Auf einigen der Reis- selder sind die Eingeborenen schon an der Arbeit, das harte, trockene Erdreich Mit dem Pfluge aufzubrechen, aber tzer größte Teil liegt noch Unbearbeitet, nusgedörrt und öde da, und un­willkürlich drängt sich einem der Gedanke auf, wie furchtbar es sein muß, wenn hier einmal der befruchtende Monsunregest ausbleibt. Zahlreiche Flußläuse sind zu passieren,- deren ost tief eingefurchten Betten man ansieht, daß sie in der Regenzeit große Wassermassen zu führen haben. Aber jetzt sind sie Meist vollständig ausgetrocknet, nur einige Tümpel sind vorhanden, in denen die breitnackigen indischen Wasserochsen Kühlung gegen die immer drückender werdende Hitze suchen. Immer steiler hat das Züglein zu klettern bis wir gegen Mittag nach en. 16 stündiger ermüdender Fahrt am Ziel, Ranchi, anlangen. Dort würde ich freundlicherweise von Herrn Missionar Sic. Stosch in Empfang genommen, der mir in seiner gleichzeitigen Eigenschaft als Pastor der evangelisch-deutschen Gemeinde in Calcutta bereits bekannt ist. Ist einem der ortsüblichen zweirädrigen Gefährte gehts im flotten Trabe nach der Missionsstation. Die Goßnersche Mission arbeitet hier seit 1845 unter den Kols (Salnm-elnÄme für Mundas, Urans und andere Stämme), den volksstarken Resten der Ureinwohner. .Indiens, die unter dem Andrang der einwa.nderntzen Arier in diese bergigen Gegenden zurückwichen. Bon den Hindus ge­knechtet und verachtet, von den Engländern lange Zeit gänzlich unbeachtet, erwiesen sie sich dem Christentum viel zugänglicher als die Hindus, weil ohne deren strenges Kastensystem-, einem der größten Hindernisse für die Verbreitung der christlichen Lehre, So ist hier int Laufe der Jahre unter vielfachen Opfern und trotz häufiger Rückschläge -eine große erfolgreiche Arbeit getan und ununterbrochen im Gange. Die älteste und heute zentrale -Station ist Ranchi, in deren Gebiet ich mittlerweile angelommen bin. Es. ist ein riesiger Besitz, den die Mission hier im Laufe der Jahre durch Schenkungen und Käufe erworben hat, so groß, daß ich mich selbst am Ende meines 5 tägigen Aufenthaltes noch darin verlief. Aus dem Grün zahlreicher schattenspendestder Bäume leuchten die weißest Bungalows der Missionare hervor. Da ist zunächst die Wohnung des derzeitigen Präses der Mission, Herrn I), Dr. Nottrott, der nVtt 74 Jahren in voller Rüstigkeit .als ein wahrer Patriarch unter seinen Heidenchristen loirtt. Sein Name ist wohl gelegentlich der Reise des Kronprinzen, der ihm den roten Adlerorden verlieh-, auch durch die deutschen Zeitungen gegangen. Neben verschiedenen anderen Wohnungen wären dann aufzuzählen die Schulen für Knaben und Mädchen, die beiden' boarding houses, in denen diese untergebracht sind, eine Druckerei und viele kleine Nebengebäude, Tie Kirche macht mit ihrem sand- stemfarbenen Anstrich und dem aus Geldmangel unvollendet ge­bliebenen Turm einen äußerst freundlichen Eindruck. Es würde zu weit führen, und ist hier nicht der geeignete Platz, auf die einzelnen Zweige der Arbeit genauer einzugehen, es ist vielmehr Meine Absicht, nur eine kleine Schilderung dessen zu geben, was ich dort selbst miterlebt habe. Aber einiges sei doch kurz erwähnt. Neben der von der englischen Regierung anerkannten und sub­ventionierten high school, bereit Absolvierung zum Besuch der indischen Universitäten berechtigt, besteht da ein theologisches Semi- Mr, ist der die emgeborchim Lehrer nntz Pastore,n KeWnMMö

werdest. Einest Maßstab für die Höhch Nus der der UnterriM ist diesen Anstalten stch-t, Mag dch Umstand gebest, daß die Seminaristen befähigt werdest, das neue Testament in Griechisch zst lesen. Die Leitung dieser Schulen,- wie überhaupt des. gesamten Schulwesens der Mission, liegt in den Händen meines freund­lichen Gastgebers, Herrn Sic. Stosch, in dessen reizend gelegenen! stud mit deutscher Gemütlichkeit eingerichteten Bungalow ich mich rasch heimisch fühle. Eilt paar Skundett Schlaf bringen den Aus- gleich für die Anstrengungen der langen Bahnreise. Gegen Abend Unternehmen wir noch -eine kleine Ausfahrt durch den Ort, vorbei an den inmitten großer Gärten gelegenen Bungalows der eng­lischen Beamten, vorbei an den Gebäuden und Kirchen der eng­lisch-protestantischen und der jesuitischen Mission, hinaus an einest Ort, der einen weiten lieb erblick über das Land gewährt.

Ein prachtvoll sonniger Tag ist auch der folgende Kar­freitag. Zur selben Zeit, wie zu Hause, rufen auch hier dte Glocken zum Gottesdienst. Und -während draußen auf der an-, grenzenden Landstraße eine heidnische Prozession mit dem ohren- betäubenden Lärm ihrer Trommeln und Instrumente die Stille des. Morgens stört, ziehen in feierlichem Zug die christlichen Schulest zur Kirche, deren großes Innere bald übervoll ist. Ein größeres Mädchen ist meiner Nähe fielst, daß ich kein Gesangbuch habe,- Und bietet mir sofort das ihrige mit 5ent ausgeschlagenen Sieb an, dessen ist Dewanagri gedruckten Text ich freilich nicht zn leien vermag.- Aber die Melodie kenne ich, -als dann von den Posaunest geführt- der Gesang durch die Kirche erklingt: O^Haupt Volk Blut und Wunden in Hindi. Auch eine Chorschule ist vorhanden/ die die Kreuzesworte wirklich nett singt. Das Schreien her vost den Frauen mitgebrachten kleinen Kindern stört den daran mast gewöhnten anfänglich etwas. Aber trotzdem und trotzdem tch mit meinen noch sehr geringen Kenntnissen von Hindu IlanilSpr a che der höheren Klassen) von der in Hindi gehaltenen Predigt Nennens­wertes nicht verstehe, habe ich selten einen eindrucksvolleren Gottes­dienst mitgemacht. Mittags ist Abendmahl mit ca. 300 Äbend- mahlsgüsten, Nach des Tages Hitze ladet eine herrliche Vollmond­nacht noch zu einer kleinen Ausfahrt ein. Der Mond ist lstest draußen zwar schöner, aber keineswegs derselbe harmlose Gesellst wie zu Hstuse, sondern, wie mit dem Korkhelm gegen die Sonnst/ Muß man sich -auch gegen ihn immer mit irgendwelcher Kopf­bedeckung schützen. Da lernt M-an den 121. Psalm verstehens Daß dich des Tags die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts". Unser Weg führt uns in entgegengesetzter Richtung/ wie abends zuvor, über -eineit kleinen Bergrücken nach einem Mangohaine, dem. Ziel eines für Montag geplanten Ausfluge! der Missionsschulen.

Ter Ostersamstag geht unter allerhand Vorbereitungen und Spaziergängen bald dahin. Auch müssen wir früh zu Bett, denn! morgen sollen wir vor der Sonne heraus,

Ter Mond steht noch hoch am Himmel, 8a'sammeln sich schost die Justgens aus dem boarding house, treffen sich an der Kirch­hofsmauer mit den Mädchen und den übrigen Äemeindegliederm Der Posaunenchor stimmt anJesus meine Zuversicht", und iist feierlichen Zug wird der Kirchhof betreten. Dort sind am Tage zuvor alle Gräber weiß getüncht unb geschmückt worden. Ist der Mitte steht ein alter heidnischer Tempel, jetzt das Zeichest des Kreuzes tragend-, und als Leichenhalle dienend. In einer! Ecke find die Gräber der Europäer, derer, die im! Dienste deck großen Sache dem Klima zum Opfer gefallen sind, und hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. 1845 ist die Station gegründet/ 1850 hatte man hier schon 5 Missionare begraben, die alle nach nur einjähriger Arbeit gestorben waren, weil sie int Ueber eifer] der Pflichten dem Klima keine Rechnung getragen hatten. Bost einem dieser Gräber aus wird nun int Lichte der eben ausgehenden! Sonne der braunen .Christenschar bist Botschaft von , der Auf­erstehung verkündigt, Und fast jubelnd klingt es über die Gräber? -,,O du fröhliche, o du selige, gnadeitbringende Osterzeit!" Und an den Mauern stehen in Scharen die neugierigen Heiden, das Zeichen des Bannes des Aberglaubens und der Todessurcht auf der Stirne tragend, und schauen verständnislos dem allem zu-;- kümmern sie sich doch ihrer Religion nach überhaupt nicht UM ihre Toten. Unsere Christen verteilen sich nach der Feier und fingen in einzelnen Gruppen an ihren Gräbern Choräle und christ­liche Volkslieder, bereit Texte unter ihnen selbst entstanden sind, unb bic in ihren eigentümlichen für uns etwas monoton ktingendest Melodien unter Begleitung ihrer primitiv-en Instrumente ge­sungen werben. Unb überall glänzende Augen, hoffnungssreubige Gesichter! In noch zwei weiteren Gottesdiensten sieht man eine gefüllte Kirche und eine mit unverminderter Aufmerksamkeit ge­spannt lauschende Menge. Ein nicht allzu schwüler Abend gewährt uns Europäern noch ein schönes Zusammensein, heimatliche Lieber schallen hinaus in die stille Osternacht und führest die Gedanken! zu den Angehörigen in weiter Ferne.

Früh Muß auch der letzte Ferienta'g begonnen werden, um ihn ganz auszunutzen. Wieder führt uns das leichte, Gefährt durch das Dorf, in dem' Gerichtsgebäube tritt die Polizeiwache unter Gewehr und präsentiert, eine Ehrung, die hier noch jedem Europäer zu teil wird, und vieleSalam Sahib" her Heiden unb'Jesus sahai" unserer Christen sind trotz der frühen Morgenstunde zst beantworten. Eine kleine Felskuppe, deren Gipfel ein Heiligtum der Hindus trägt, ist unser Ziel. Wir fahren bi.s^an dey Fuß ststh Mtern, hinaus/ die eben erst ausgegailgene seaiüK MKMÜ