Ausgabe 
17.5.1911
 
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8'cy verließ den Ork. Weit hatte ich nicht g"hen, Henn unser Hans war eines der letzten an der Ch'aus iee.

Es war ein trübet Dag, dunkel, wie es aus sah in meiner Seele. Rings auf den Feldern lag der Schnee, ein einziges Bahrtuch, aus hem in der endlosen Ebene kein Baurn, kein Strauch ragte; nur ganz in der Ferne zog sich am Gesichts­kreise der Wald hin. Hinter dichten Nebelschleiern blieb die Sonne verborgen, alles schien grauweiß weißgrau zu. sein, soweit das Auge blickte. Die Straße war holprig, uneben, mit tiefen, gefrorenen Gleisen. Schnurgerade streckte sie sich in den Schnee und Nebel hinein, endlos, hoffnungslos tote meine Stimmung.

Die Landschaft, 9ie,6el, Schnee, Oede, alles lastete drü­ckend auf mir. Ich hatte das Gefühl der tiefsten Berlassen- heit, der unerhörtesten Hoffnungslosigkeit, der lähmendsten Einsamkeit dazu. Einsamkeit, ja, denn immer gaukelte es mir vor der Seele, wie etwas Erschreckendes, daß Maria ntich nicht erkannt hatte. Wir hatten alles zusammen ge­dacht, getan, alles miteinander gelebt, ertoogen, entschlossen. Wir gehörten zusammen, ein Fleisch, eine Seele, ein Mensch l und sie erkannte mich nicht! Was war da geschehen? Die Verbindung zwischen uns war abgerissen. Ich konnte meine Gedanken ihr nicht mehr mitteilen, sie mich nicht be- fragen, mir nicht klagen, was sie bedrückte. Sie konnte mir nicht anvertrauen, was in ihr vorging. Wie sollte ich helfen, wenn ich nichts wußte von ihr? Wir waren hie Menschen, die einer dem anderen am nächsten standen auf her ganzen Erde und Verkehr und Verstehen zwischen uns war zU Ende! Mit einem Mal hatte sie sich von her Berührung mit mir zurückgezogen. Auf sich selbst allein wär sie angewiesen. Kein Mensch konnte ihr helfen auch ich nicht. War das nicht schrecklich?

Und mich überkam die furchtbare Erkenntnis, daß wir auch von den uns am nächsten Stehenden, Liebsten getrennt sind durch die Grenze zweier Leben, zweier Menschen. Ich einpfand das Tielniederdrückende wie nie zuvor.

Da kam mir jäh der quälende Gedanke: und wenn wir nun geschieden blieben? Wenn sie nicht wieder zunt Bewußtsein Kurückkehrte! ? So war der Tod! Uitd wie ich daran dachte, schoß es mir durch den Sinn: Sie ist tot! Du wirst sie nie Wiedersehen. Ich hielt inne in meinem Gang. Ich drehte nm Wb' eilte mit klopfen dem! Herzen heim. Immer schneller wurde mein Schritt, immer eiliger. Ich machte ntir Vorwürfe, daß ich das Haus verlassen hatte. Ich! 'begriff meine Sorglosigkeit nicht. Ich lief. Ich rannte. Ich klingelte. Dem Burschen, der öffnete, rief ich entgegen mit zitternder Stimme, mit großem Ange, in stockender Hast:

Was . . . ist . . . geschehen'

1 i Der Herr Doktor ist da.

' i; Geht es . . . geht es schlechter?

Der Bursche wüßte von nichts. Er begriff nicht, warum ich fragte und sagte nur mit erstauntem Gesicht:

. Es ist hie Zeit, wo gewöhnlich der Herr Doktor kommt!

So ... so ... stammelte ich und sah nach her Uhr. Dann ging ich hinüber in das Zimmer meiner Frau. Aber der Arzt kam mir schon entgegen, auf den Fußspitzen, indem er den Finger vor den Wund hielt. Ich fragte in atemloser Erregung:

7-^ Wie geht's?

I Sie schläft.

H Sie erkannte mich nicht mehr. . .

7 Es ist die Krisis. Sie ist über die Höhe. Das Fieber sinkt. Sie schläft.

Ich hätte vor Jubel fast laut aufgeschrien. So drückte ich dem Arzt die Hand, mit aller Kraft, daß er das Gesicht Verzog. Dann schlich ich mich an Marias Bett und blieb lange vor der Schlafenden stehen. Sie schien weniger heiß, sie atmete weniger stürmisch. Langsam ließ ich mich nieder auf ein Knie, faltete die Hände, senkte das Gesicht hinein und erhob zum Schöpfer Himmels und der Erden meine arme, zitternde Seele, die ,wm die andere Seele bangte, das Einzige, das ich hienieden besaß. Es mar mir mit der Kraft und Ruhe, die wieder in mein Herz einzog, als kehrte auch die Verbindung zwischen meinem Weibe und mir zuruck. Maria schlief; aber wäre sie wach gewesen, sie hätte mich erkannt. Und mir schien es, als ob ihre schlunr- Wrnde Seele wieder Zwiesprache pflegen könnte mit mir.

Ich erhob mich. Der Arzt hatte befohlen, die Schla- ABo ja nicht zu stören, MhnWi.rdM gewiß vergehen,

eche sie aus dem stärkenden Schlummer der Meyesung' ,e'« wache. So nahm ich wieder die Mütze, den Säbel, den Mantel und verließ das Haus. Die gleiche Straße schritt ich hinaus in die Schneelandschaft. Aber mir schien die Ebene nicht mehr trostlos', nicht mehr kalt, kein Bahrtuch! der Schnee. Wohl deckte er das Land, doch ich sah nur in ihm den weisen Schutz der gütigen Natur gegen Frost und Kälte. Und die gerade, endlose Straße befaß nichts Hoffnungsloses mehr, denn sie führte, wenn man auf ihr weiter und weiter schritt, beim Wandern doch einmal in den Frühling hinein, wie Maria kam zu Genesung und! Gesundheit. An Maria dachte ich während. des ganzen Weges. Ich wär nicht mehr einsam und sie nicht in ihrem Fieberwahn allein. Wenn sie e rwachte, erkannte sie mich! auch.

Ohne mich umzublicken, war ich gegangen. Ich hatte nicht.bemerkt, daß die Nebel sich geteilt, daß der Hunmel sich rötlich färbte, daß die Sonne durch dicWollen sich rang. Sie stand am Himmel. Sie kämpfte mit den Schleiern. Sie ward! Siegerin. Immer mehr gewann fie an Macht, Nun glitzerte und blitzte und gleißte fie auf dem weiten, weißen Feld in Milliarden von Schneekristallen, und nur ward wieder gewiß in dem Feuer; dem Licht, bem Jubel der Natur, daß alles, alles für uns Menschen gut ist auf Gottes Erde. Auch' Schnee und Wolken und Nebel, siuch Augst und Krankheit, Sorge Und Leid; denn das Herrlichste in der Schöpfung, die Souue, voii der alles Leben kommt, muß wenn sie auch lange mit ihrem tröstenden Lichte verborgen gewesen und doch einmal wieder scheinen.

(Fortsetzung folgt?

Eine Gstettour in Indien.

Dadurch, daß auf unser christliches Ostern einige höchst heid­nische Festtage folgten, bekamen wir fünf Feiertage heraus, für! die ich mich bei einem Missionar der Goßnerschen Mission in Ranchi angemeldet hatte, einem aus einer Hochebene (660 Meter) zirka 500 Kilometer von Ealcutta entfernt liegenden Ort. Trotz­dem es mir für so kurze Zeit ist, und als BeforderlmgsmittcWenau! wie zu Hause die Eisenbahn dient, ist doch eine Reise in Indien ein ganzes Unternehmen. Nach einer langen und weil in Hindustani geführten schwierigen Verhandlung nut meinem boy, kommt selbst für die paar Tage ein sehr ansehnliches Gepäck zustande und zwar dadurch, daß mau neben vollständigem Bett­zeug und Mosqniionetz bei der jetzt herrschenden Schattentemperatnr von 3840° Celsius für jeden Tag frische Kleider und Wa,che mit sich führen muß. Bon der durch die dort erfolgte An um st und Abfahrt des Kronprinzen bekannten Howrah-Statioii, diq jenseits des Hooghly liegend mit Ealcutta durch eine den Schisis- verlehr nach den oberen Fluß-Statiomm ermöglichende Ponton­brücke verbimdeii ist, geht die Reise los und zwar, tote mau hier der Hitze wegen meistens reist, bei Nacht. Langsam kommt der leere Zug hereingerollt, dessen Wagen mit den über em Viertel der Fenster herabreichenden hölzernen Sonnenblenden einen fremdartigen Eindruck machen. Wie überall hier draußen, genießt inan auch hier das Vorrecht des Europäers; der Bahiisieig bleibt für die Eingeborenen so lange geschlossen, bis die Sahibs, trt diesem Fall außer mir etwa sechs bis acht andere, sich gemächlich ut ihrem Abteil eingerichtet haben. Ein Abteil zweiter Klasse ent­hält drei Bänke und zwei zum Schlafen herabklappbare Pritschen. Meistens haben nur fünf Passagiere ein solches Abteil zu teilen, und somit hat jeder seine Bank oder Pritsche zum schlascn, aus einer von diesen macht mein boy aus dem mitgebrachten Bett­zeug ein bequemes Bett zurecht. Dann osfnet sich der Bahnsteig für die besseren Klassen der Eingeborenen, und bald sind alle Plätze mit Beschlag belegt. Ich komme mit drei Baboos (Name für Hindus besserer Stände) und einem Eurasier (Halbeuropäer) zusammen, Lautes Geschrei zeigt an, daß man nun auch die große Masse der 3.-Klasse-Passagiere zugelassen hat. Mit Sack und Pack kommen die braunen Kerle hereingeströmt, und es dauert einige Zeit und verursacht großen Lärm, bis jeder sein Plätzchen ge- funben hat, wo er, mit untergeschlagenen Beinen schlafend, die Nacht verbringen kann. Ein eigentümliches Signal auf einem! eisernen Triangel ist das Zeichen zur Abfahrt. Ein echt ham­burgischesKommen Sie man gut längs" meines deutschen Freun­des, einSalam Sahib" meines boy, ünd hinaus geht es die Nacht in das unbekannte Indien. Es beschleicht einem doch ein etwas seltsames Gefühl. Nachtfahrten sind mir zwar keine Unbekannte Sache, aber während Man zu Hans immer durch bekannte Strecken fuhr, weiß ich hier weiter nichts, als daß ach des Morgens tu. einer Station Purulia den Zug zu wechseln habe. Zunächst mache ich es mir jutn einmal bequem, wobei mich die Baboos nicht weiter genieren. Dagegen zeigt der Eurasier ein auffallendes Interesse für den Aufenthaltsort von Br.ieftqsM Und Uhr, und', itm ihm! den Appetit etwas zu verleiden; Asm ich allen diesen Sachen meine schußfertige Browning unter das KMNstn folgen;. Dies lenkte feine AüfMrW-Mit. schiMM