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Dabei streift ihr Blick das dürftige, zerlumpte Kind mit I e™1 sthmntzigen Gesicht, dem wildhängenden Kraushaar
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I r. E, Seme teils enttäuscht, teils gierig dreinsckiauenden an^E^raden empfangen Franz draußen, drängen sich
$ ' J 9L '■ reb,en' brtten. Der Kleine hebt seine Tute T-Z-M äcls“rta”": "W S“ßtfeI *** * KN I n„T.> "siWnt •r ie^F öehn, nich du? Wir zählen ab. Fch Ernsts «-dermal auch, Franz," umschmeichelt der
Soll ich teilen?" fragt Paul, „bei mir gehts fixer — gib — heimtückisch lacht der Bengel. J ’ T 5 f. "Ne — ich kann besser", schreit Ernst, und beide langen
Tute, und beide greifen zu gleicher Zeit danach.
Br-»aHaA8 Gefahr erkennt, die seinen festumKammerten Papier zerrissen, all die bun-
I ß-1 Pe^kchen fallen zur Erde, alle roten, gelben, blauen Körnchen, ehe emer von den drei Knaben auch nur eins gegessen hat, liegen im Straßenschmich, versinken — vergehen — verfließen —
pefe Stille folgt der Schreckenstat. In Ernst kommt I zuerst Bewegung. Geschwind bückt er sich. Ob nicht eins I zu retten ist? Nicht ein Perlchen noch liegt? — Nein — l 9ro^e Wasserlache, der Straßenschlamm hat alles ver-- | Ichlungen — alles verwichtet! Resigniert richtet er sich f auf. Semmel — Zwieback — Liebespcrlen — nichts — I ihm da noch Franz? Er geht — ruhig, in ganz
selbstverständlichem Egoismus wendet er sich ab.
, Aber Paul lacht laut und höhnisch „du Dummlack", em roher Fausthieb läßt den eben noch so glückselig rubeln- deii Franz an die Wand des Hauses taumeln.
Als sich der Geschlagene erholt, ist er allein, ganz allein. Verlassen steht er mit seinen zertrümmerten Luftschlößern, mrt seinen nun leeren Händen. Im Schaufenster sind wieder die hellbeleuchteten Liebesperlen, liegen die Kuchen und Brezeln, all das Süße, Herrliche — wie vor Minuten.
Aber das Kind sieht mit unendlich trostlosem Blick I Darauf, schluchzt leise und geht müde, die steifgefrorenen Händchen in die Taschen steckend, in den dunkeln Abend | Hinern. Kleiner Franz, du armes Kerlchen! Weißt du nicht, daß mir Menschen ungestraft nie jubeln dürfen? Weißt du nicht, daß das Glück Flügel hat?
Schicksalsfragen in der Weihnachtszeit.
Wenn die Glocken die Christnacht einläuten, dämmern die Schatten der Zukunft heraus, prophetische Stimmen regen sich allenthalben in der Natur. Wer klug ist, kann sie vernehmen, und das Volk will sie hören und fragt.
Aus die Träume, die dem Schläfer in den heiligen Nächten aufsteigcn, muß er achten, denn die sollen der Reihe nach in dem wmmenden Jahre in Erfüllung gehen; wer die schwankenden Bilder zu deuten weiß, kennt sein Schicksal voraus. Auch wie das Wetter sich gestalten wird, kann man erforschen. 12 Zwiebeln höhlt man aus und stellt sie der Reihe nach auf den Tisch; sie bedeuten die Monate des neuen Jahres. In die Höhlungen schüttet man etwas Salz und sieht zu, in welcher das Wasser sich sammelt; der entsprechende Monat wird feucht sein, der andere bleibt trocken. Wer Mut hat, mag auch den Jahrgang wagen, der im Norden ehemals üblich gewesen ist. In frühester Morgendämmerung ging man hinaus in den Wald, ohne zu sprechen oder sonst ein Geräusch zu verursachen. Kein Feuer durfte man sehen und keinen Hahn krähen hören. Wenn daun die Sonne aufging, so zeigte sie dem Glücklichen, was das neue Jahr bringen würde. Auf dem Kirchwege sah er so viel Leichenzüge, als das ganze neue Jahr hinderuch dort kommen sollten. Auf Feldern und Wiesen konnte er erkennen, wie der künftige Saatenstand sein würde, und das Haus, das von Feuer heimgesucht werden sollte, war gezeichnet. Auch die Tiere im Stalle vermögen in der Weihnachtszeit das Schicksal M prophezeien. Sie bekommen Stimmen und reden miteinander. Aber es ist gefährlich, sie mutwillig zu belauschen; nur Sonntagskinder können sie ungestraft reden hören. Den anderen Sterblichen bleiben freilich auch so noch genug Mittel übrig, um in das Dunkel der Zukunft zu schauen; knicket sich doch in der heiligen Zeit oft genug von selbst an, was keiner gerne vernehmen will, zumal das Nahen des Todes. Wessen Schatten am Heiligen Abend keinen Kopf hat, der ist dem unbarmherzigen Würger geweiht, und wer eines der beiden Lichter, die man hier und da die ganze Christnacht hindurch auf dem Tische brennen läßt, verlöschen sieht, der weiß, wer so sein Kommen angekündigt. Weit verbreitet sind die freundlicheren Bräuche, die zu Liebesprophezej-
, Aber diesen Pfennig — ja, den fand er, - der ist Jein — mit diesem Pfennig kann er zum ersten Male seinem kümmerlichen Leben schalten und walten, wie J1.. ■. Ach. welche Träume der Seligkeit knüpfen sich für den Kleinen an diese Kupfermünze! Einen Gummi- mann, eine Lakritzenstange, — Bonbons, Schokoladenplätz- chen, ein Haiichblatt ein bunter Griffel, ach, wie herrlich!
d" so viele andere mit gedankenloser Selbstverständlichkeit besitzen, die er, Franz, aber noch nie fein eigen nannte. Seine großen, dunklen Auaen glanzen bei all diesen Vorstellungen, ein zaghaftes Lächeln hegt auf dem Kindergesicht, er sieht von einem zum an- beim der beiden vor ihm stehenden Kameraden und hört gespannt, halb ablehnend, halb zuneigend auf ihre Rat- |U)Luy t.
„Zwiebacken von gestern kriegst du 'ne Masse", ermuntert der blonde Er,ist. Sein Blick schweift in das Schau- M tVu ^"^rs vor dem sie zufällig stehen. Sein tft begehrlich, sehnsüchtig der Ausdruck seines etwas !^lden Gesichtes. Natürlich nmß er doch auch etwas w , ^^"Eauf haben und möglichst viel - und er hat auch solch Gefühl wie Hunger, ein solch bekanntes Gefühl , l jungen — und von einem Bonbon, von einem -Aal lecken an einer Lakritzenstange, was hat er da? Nein wenn sie auch altbacken waren, Seimnel oder Zwiebacke machten doch satter! — Ueberredeud schiebt er den zögern- den Franz zur Ladentür. „Und wenn du noch ein bißchen heulst, geben sie immer noch was zu — jedes Mal"
Der Kleine steht unschlüssig.
»Soll ich reingehen?" drängt der andere.
. , 'Fe, — Ne" — Franz schüttelt ängstlich aber bestimmt i Köpfchen. Sein Glück, feinen Pfennig, fein wirkliches, eigenes Geld in andere Hände geben! Krampfhafter umschließt er die Münze.
3« den Mienen des größten, fast elfjährigen Knaben spiegelt sich inzwischen ein ganzes Buch von Empfindungen wieder Verächtlicher Spott, Neid, Habgier, ja fast Haß ^edeil feine Züge. Die schmalen, blutleeren Lippen ziehen sich chmsch nach unten, seine Blicke gehen unruhig, gierig lauernd vom Franz zum Ernst, vom Ernst zum Franz Ob er ihm das Geld entreißt? Ob er beide bezwingt? Und dann mit dem Pfennig tut, was er will? Heimlich er seine dürren Glieder, er atmet kurz und ballt verstohlen die Hände. Dann aber wendet er sich doch, einem I "Eren Gedanken folgend, kriechend und heuchlerisch I lächelnd dem Franz zu. 1 I
„ „Du —. for—n Pfennig gibts Bei Peters fünf Ziga- I retten, für jeben eine — unb die zwei andern, da kriegt I denn immer jeder ’n Zugchen." I
Erschreckt, fast bestürzt tritt der Angeredete zur Seite. I . „Ne ue", wehrt er, „und denn wird ein'm immer so |
schwcht, so schlecht." — Irgend wo und wann muß der I Kleine wohl recht trübe Erfahrungen mit dem Rauchen I gemacht haben, denn so energisch und dringend der große I mtt Worten und Püffen für die erwünschten Zigaretten kämpft — Franz will nicht.
„Ne, ne," spricht er nur stereotyp, „ne, ne," wiederholt er noch ein paar Mal mit glücklich glänzenden Augen. €VX„ Ta flammt die Gasbeleuchtung im Schaufenster des I uuf und bestrahlt grell einen umfangreichen | Glasbehalter mit winzigen Zuckerkügelchen mit leuchtenden, säst aufdringlichen Farben. Blau, rot, gelb, grün, weiß, braun wie ein köstlicher Regenbogen schimmert's vor I Franz auf, wie fasziniert hängen feine Blicke an dieser bunten, wundervollen, ihn bis ins Herz entzückenden Pracht! Seine Lippen buchstabieren mühsam den unten angeklebten Zettel „Liebes-perlen". Noch einmal sagt er halblaut „Liebesperlen" und im nächsten Augenblick, ehe Ernst mit seinen altbackenen Zwiebacken und Paul mit feinen Ziga- rettenwünfchen einspringen können, steht er im Laden und legt bestimmt und ruhig seinen kostbaren Schatz auf den Tisch. 1 I
"Für'n Pfennig Liebesperlen." Seine Stimme zittert ern ganz klein bißchen, fein schmächtiges Körperchen preßt er ganz dicht an den Ladentisch, die Äugen verfolgen mit großem, gespanntem Ausdruck jede Bewegung der Verkäuferin. Wie sie wohl schmecken mögen? Wie sehr die roten Kügelchen leuchten! Ob die grünen und gelben auch I wohl so süß sind, wie die andern? Wie viel es wohl geben mag? Das Mädchen dreht eine kleine Tüte unb nimmt mit einem Teelöffel einmal nms andere aus dem Glase. $


