Ausgabe 
16.12.1911
 
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nur nod) Mrs. Michelson ent Hindernis, das sehr leicht beseitigt wurde, indem wir die liebenswürdige Dame mit eyiS Auftrage, in einem Seebade eine Wohnung zu suchen, abschickten. 0 1

. m®ie ^brbälktisse waren jetzt genau so, wie sie sein sollten. Llady; Glyde war durch ein nerviiscs Leiden an ihr Zimmer gefesselt, und jene Stubenmagd (ich bube ihren Namen vergessen) wurde nachts zu ihrer Bedienung bei ihr eingeschloffen. Marianne hütete, obgleich sie schnelle Fortschritte in der Genesung machte, noch immer unter Madame Rubelles Pflege das Bett. Außer meiner Frau, Perewal und mir war weiter kein lebendes Wesen int Hanse Nachdem sich auf diese Weise alle Chancen zu unseren Gunsten gestaltet hatten, trat tch der zweiten Notwendigkeit gegenüber und tat den zweiten Zug.

Der Zweck des zweiten Zuges war, Lady Glyde zu bewegen, Blackwater Park ohne ihre Schwester zu verlassen.

^ckst einreden konnten, daß Marianne ihr nach Cumberland vorausgereist sei, so hatten wir keine Hoffnung, daß sie freiwillig das Haus verlassen werde, llm dresen notwendigen Eindruck bei ihr hervorzubringen, verbargen wir itnsere interessante Rekonvaleszentin in entern der unbewohnten Schlafzimmer in Blackwater Park, jsn der chtefe der Nacht bewerkstelligten meine Frau, Ma- dame Rnbeile und ich (Pereival war nicht gefaßt genug, um dabei zugelasseu werden zu können) diesen Schacbzuq. ^br Auftrttt war im höchsten Grade malerisch und dra- mattfch. Chemische Hilfe war bei dieser Gelegenheit weder notwendtg, noch wurde sie angewandt.

Am folgenden Morgen reisten meine Frau und ich nach London ab intern wir Marianne in Abgeschlossenheit ftn Mittleren Teile des Hauses unter Madame Rubelles Ob­hut zurucklteßen, welche letztere gütigst einwilligte, sich auf zwei oder drei Tage mit ihrer Pflegebefohlenen gefangen gu lassen. Ehe wir jedoch abreisten, gab 'ich Per- ctval Mr. Fairlies Einladung an seine Nichte, in welcher er ihr empfahl, aus ihrem Wege nach Cumberland int Hause ihrer Taute tn London zu übernachten, mit der Weisung, Lady Glyde dieselbe zu zeigen, sobald er von mir hören StutE) ließ ich mir von ihm die Adresse der Irren­anstalt geben, in der Anna Catherick gefangen gewesen, und einen Brief an den Besitzer derselben, in welchem diesem Herrn die Rückkehr seiner Patientin angekündigt wurde.

^ch hatte bei meinem letzten Besuche in der Hauptstadt Anordnungen getroffen, daß unsere bescheidene Häuslichkeit bereit fern solle, uns, wenn wir mit dem Frühzuge anlanw- ten, aufzunehmen. Infolge dieser weisen Vorsicht waren wrr noch an demselben Tage imstande, unseren dritten Zug in dem Spiele zu tun nämlich, Anna Catherick in unsere Hande zu bekommen.

, Es sind hier die Data von Wichtigkeit. Ich vereinig« in mir die entgegengesetzten Eigenschaften eines Gefühls­menschen und eines Geschäftsmannes. Ich kann alle Data an meinen Fängern herzählen.

Mittwoch, den 24. Juli 1850 schickte ich meine Frau in einem Fiaker ab, um zuerst Mrs. Clements aus dem Wege zu raumen. Ein angeblicher Auftrag von Lady Glyde, die sich ui London befinden sollte, genügte, um dieses Re- IH. ?t herbeizuführen. Mrs. Clements wurde in dem Fiaker abgeholt und in demselben gelassen, während meine Frau (unter dem Vorwande eines Einkaufes) ihr entwischte und umkehrte, um ihren erwarteten Besuch in unserem Hause tn St. Johns Wood zu empfattgen Es ist unnötig zu sagen,chag den Dienstboten der Besuch alsLady Glyde" angekunüigt worden war.

Unterdessen war ich tn einem zweiten Fiaker meiner Frau nachgefahren, mit einem Briefe für Amta Catherick welcher bloß angab, daß Lady Glyde Mrs. Clements für Pen slch zu behalt' beabsichtige und daß sie unter der Obhut des guten Herrn, welcher draußen auf sie wartete und sie bereits in Hampshire gegen Entdeckung vor Sir Perewal geschützt, zu ihnen kommen solle. Dergute Herr schickte dteses Billett durch einen Straßenbuben ins Haus und wartete ein paar Häuser davon das Resultat ab. wu bem Augenblicke, wo Anna vor der Haustüre erschien und dieselbe wieder schloß, hatte dieser vortreffliche Herr dte Ftakertur für sie geöffnet sie hineingeschoben und war davongefahren.

,,. ,Fuf dem Wege nach St. Johns Wood verriet meine mrl'n kbme Furcht. Ich kann väterlich sein fein Mensch ist es tn höherem Grade wenn ich will; und ich

£mT. ber dieser Gelegenheit unendlich väterlich. Welche 2[n> spulst' hatte ich nicht an ihr Vertrauen! Ich hatte die Medizin gemischt, welche ihr wohlgetan; ich hatte sie vor Sw Pereival gewarnt. Vielleicht baute ich zu sehr auf diese Ansprüche; vielleicht unterschätzte ich die Schärfe, die nie­deren Instinkte in Leuten von geschwächten Geisteskräften

gewitz aber ist es, daß ich sie auf eine Täuschung vorzu- beretten vernachlässigte, die ihr beim Eintritte in mein Haus widerfahren sollte. Als ich sie in den Salon führte als ,w dort niemanden sah, als die Gräfin Fosco, die ihr fremd war geriet sie in die heftigste Aufregung, ^.ck) versuchte vergebens, fie zu beruhigen. Es wäre mir v^tteicht gelungen, ihre Angst zu besänftigen aber ihr gefährliches Herzleiden >var außer dem Bereiche aller mo- ralischeu Beruhigungsmstlel. Zu meinem unbeschreiblichen Entsetzen fiet sie in Konvulsionen eine Erschütterung! he» Systems, die sie in ihrem Zustande zu jeder Minut« tot zu unseren Füßen hätte hinstrecken können.

Der nächste Arzt wurde herbeigerufeu und unterrichtet, daßLady Glyde" seines augenblicklichen Beistandes be­dürfe. Zn meiner unaussprechlichen Erleichterung fand ich m ihm, einen tüchtigen Mann. Ich beschrieb ihm feine Patientin als eine Person von schwachem Verstände und an Sinnestäuschungen leidend und befahl, daß niemand als meine Frau sie pflegen und in ihrem Zimmer wachen solle. Das unglückliche Geschöpf war übrigens zu krank, nm in Bezug auf das, was sie sagen konnte, irgendwie Besorgnis einzuflößen. Tie eine Furcht, welche mich jetzt verfolgte, war die, daß die falsche Lady Glyde sterben möchte, ehe die wahre Lady Glyde in Loudon anlangte.

Ich hatte morgens ein Billett au Madame Rubelte ge­schrieben, mit der Weisung, sich am Freitag, dcii 23., abends tn ihres Mannes Hause einzufinden, und ein zweites an P^iuval, worin ich ihn aufforderte, seiner Fran ihres Onkels Einladung zu zeigen, ihr zu versichern, daß Ma­rianne ihr bereits vorausgereist fei, und fie mit dem Mittagszuge am 26. ebenfalls nach London zu schicken. Ich hatte nach einiger lleberlegung die Notwendigkeit gefühlt, wegen Anna Cathericks Gesundheitszustände die Ereignisse zu beeilen und Lady Glyde früher zu meiner Verfügung zu halten, als ich dies anfangs beabsichtigt. Welche'neue An­ordnungen koniite ich jetzt in dieser furchtbaren Ungewiß­heit meiner Lage treffen? Ich konnte nichts tun, als auf deu Zufall und auf den Doktor hoffen.

(Schluß folgt.)

(Ein kurzes Glück.

Skizze von E. Zedler.

Das Halbdunkel eines Novembernachmittags' liegt über Var Stadt. Sturm, Regen, Schnee haben in angenehmer Abwechslung Straßen und Plätze in unergründlichen Schmutz verwandelt, haben Wasserpfützen von solch gewalttgem Um- ange erstehen lassen, daß die Passanten oft nur in wahr­haften Hechtsätzen ihre Rettung suchen können und dann noch zuweilen wie ausgerechnet mitten in Schlack und Schnee hineinhupfen. Ein Brummen, ein Schelten und hastig laufen sie weiter. Es ist doch gar so unfreundlich und kalt. 7

An einer Straßenecke stehen drei Knaben, die trotz Sttirm und Wetter hier sicher etwas sehr wichtiges er­örtern müssen. Es sind wohl Kinder der ärmsten der Armen, alle drei zerlumpt, unzureichend bekleidet, schmutzig/ elend. Die blaugefrorenen Hände fuchteln erregt in der Lust herum, die verhungerten, fast verwahrlosten Gesichter neigen sich eifrig einander zu; sie lachen, sprechen, die Augen leuchten. Ob sie den schneidenden Wind nicht durch ihre dünnen Höschen suhlen? Ob die Kälte und Nässe des Erbodens nicht ihre Füße erstarren lassen?

Der kleinste, vielleicht achtjährige Junge sieht fast träu­merisch glücklich ans. In seinem schmutzigen Fänstcheii hält er wahrscheinlich etwas sehr Kostbares, denn von Zeit zu Zeit öffnet er es und sieht strahlenden Blickes hinein. Eincn Pfennig hat er gefunden, einen wirklichen, echten, blanken Pfennig! Richtiges Geld! Er, der arme Franz, £cr von zu Hause ja nur Not und Hunger kennt, beffen nranfe Mutter für ihn und die Geschwister die wenigen! Groscpen zehnmal dreht und wendet, um das MlernötigstÄ zu bestreiten!