Ausgabe 
16.11.1911
 
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vom Glanz eines indischen Wstenlebens.

So sehn auch andere Herrscher der Welt den Maharad- schah von Baroda an Macht und Größe ihrer Reiche über­ragen mögen, so kann sich hoch keiner mit ihm in dem Glanz seiner Lebensführung und dem Prunk seiner Hofhaltung messen. Sein Reich umfaßt kaum 13000 Quadratmeilen, die Bevölkerung ist nicht größer als 2 Millionen Seelen, aber er gebietet über Leben und Eigentum seiner Unter­tanen als absoluter Selbstherrscher, und alles um ihn her scheint nur dazu da zu sein, um die orientalische Marchen- herrlichkeit seines Auftretens blendender und kostbarer er­scheinen zu lassen. Ein Freund und häufiger Gast seiner Hoheit, Sayaji Rao III., des Gaekwad von Baroda, Saint Nihal Singh, entwirft in Pearsons Magazine einige farben­leuchtende Bilder aus dem Leben dieses indischen Herrschers.

Ein merkwürdiges Gemisch von altgeheiligter Dradi- tion und modernem Komfort beherrscht seine Tagesenr- teilung, seine Arbeit und seine Vergnügungen. Ganz im stillen hat der Maharadschah Lebensformen angenommen, wie sie ein europäischer Gentleman entfaltet: früh ein Ritt nach dem Frühstück im elegantesten Reitkostüm mit Tropenhelm, dann ein Frühstück, vom französischen Koch bereitet, ein Billardspiel', Unterredungen mit beit Mi­nistern, nachmittags Erholung beim Golf, -Tennis oder Crocket. Aber dies ist gleichsam das Dasein,, in dem der Liebling des Höchsten" gleichsam nur Mensch ist. Erscheint er als Fürst, dann ist er von all jener wunderbaren Pracht, von der sprichwörtlichen MärchenfüU'e indischer Fürsten­herrlichkeit umgeben. Die großen Feste, die Durbars, die Audienzen und Zeremonien sind für den Herrscher Tage großer Anstrengung, Dann wird er von geschäftigen Dienerhänden in jene kostbaren Staatsroben gehüllt, die von den erlesensten Edelsteinen glühen und funkeln. In ein Meer von aufsprühenden Lichtern und schimmernden Farben getaucht, tritt dann dieser dicke Mann mit dem etwas gewöhnlichen Gesicht daher, so daß wirklich ein über­irdisches Leuchten von ihm ausgeht. Die Menge der Ju­welen, die dann auf ihm lastet, wird auf einen Wert von 15 Millionen Mark geschätzt. Eins seiner Halsbänder ist allein 4760000 Mk- wert und enthält den berühmten Stern des Südens", einen Diamanten von 125 Karat, der früher Napoleon gehörte, und einen blattförmigen Stein von 71 Karat, der einst das Kronjuwel der Großmoguls war.

Wenn der Gaekwad die gewaltige, in edlen Architektur­formen gehaltene Audienzhalle seines Palastes zum Durbar betritt, dann ertönt eine ohrenbetäubende Musik, eine Gruppe von Hoftänzerinnen, den sogen. Nautsch-Mädchen, vollführt vor dem Herrscher ihre anmutigen Körper- und Armschwingungen, und die hohen Beamten, alle in ihre herrlichsten Gewänder gehüllt, sinken vor ihm zu Boden. Hat er den Thronsitz eingenommen, dann naht sich jeder einzelne mit tiefer Verbeugung und reicht dem Maharad­schah ein Geschenk, das dieser sorgfältig betrachtet. Nicht minder eindrucksvoll ist sein Auftreten bei den großen Festen, die er veranstaltet. Alle Sitze um die gewaltige Arena sind dann mit Zuschauern dicht gefüllt. Auf hohem Balkone nimmt der Fürst Platz, ganz in Weiß gehüllt, den roten Durban, das Zeichen seiner Würde, auf dem Haupt. Um seinen Hals glitzert ein diamantenes Band in der Sonne, und das Licht entzündet in den Juwelen ein zauberhaftes Farbenspiel, auf das jedes Auge sich richtet. Auch die Pantoffeln, die der Herrscher trägt, sind völlig übersät mit Perlen, Smaragden und Rubinen.

Das Hauptschauspiel, das man dem Maharadscha bietet, ist ein Elefantenkampf. Zwei der riesigen Tiere, die durch berauschende Tränke noch wilder gemacht worden sind, werden in die Arena getrieben, die Hinterbeine gefesselt. Kaum sind sie befreit, so stürzen sie mit ihren Hauern gegeneinander und suchen sich zu zerfleischen. Bei früheren Elefantenkämpfen hatte das Spiel nicht eher ein Ende, als bis eins der Tiere als blutüberströmte Masse zusammen­sank. Sayaji Rao ist von dermodernen Humanität" nicht unberührt geblieben und läßt den Kampf abbrechen, wenn eins der Tiere völlig erschöpft ist und das Blut in Strömen zu fließeit beginnt. Die Wächter umschwärmen dann die Tiere, Fußbänder mit spitzigen Nägeln werden ihnen um die Hinterbeine geworfen, so daß sie vor Schmerz in die Kniee sinken und sich wieder Fesseln anlegen lassen.

Aber nicht nur Elefanten fechten gegeneinander, son­dern auch der Mensch mißt sich mit dem Riesentier. Ein gewaltiger Dickhäuter wird durch rote Tücher, durch spitze Speere, durch Quälereien aller Art in sinnlose Wut gebracht und stürzt nun hinter den rasch entfliehenden Kämpfern her. Diese finden ihre Zuflucht in einer kleinen runden Umfriedigung mitten in der Arena, die wohl dem Menschen, aber nicht dem Elefanten den Eintritt erlaubt. Die El'e- fantenkämpfe wechseln mit anderen Schaustellungen. Zwanzig dressierte Papageien fahren auf Dreirädern, schießen Miniaturkanonen ab, Akrobaten machen ihre Kunst­stücke, 38 Ringkämpfer messen sich, die Nautschmädchen ent­zücken durch ihre graziösen Tänze.

Zieht der Maharadscha aus die Jagd, dann wird eine ganze Zeltstadt im Dschungel errichtet, und vom Elefanien- rücken herab schießt der Herrscher Tiger und Panther. Doch die schlechten neuen Zeiten sind selbst an diesem glanz­vollsten Herrscherleben nicht ganz spurlos vorübergegangen. Der Fürst, der Edelsteine im Werte von 40 Millionen und neben anderen Kostbarkeiten in seinem Schatz einen gol­denen Wagen, zwei goldene und eine silberne Kanone im Werte von etwa 2 Millionen Mark besitzt, muß sich ein­schränken. Er bezieht nur noch 2 700 000 Wk. Staatsein^ fünfte und hat seine Dienerschaft und seine'Elefanten etwas vermindert.

Wie ernst er es damit nimmt, zeigt eine kleine Ge­schichte, die in einem der elegantesten Londoner Gasthäuser geschah. Seine Hoheit bestellte für sich und seinen Be- Keiter ein so kärgliches Mahl, daß. der Kellner zunächst glaubte, es sei nur für einen berechnet, und dann sich die bescheidene Frage erlaubte, warum die beiden eleganten Herren so wenig äßen. Da antwortete der Herrscher von Baroda mit tränendem Auge, er könne keine so teuren Speisen essen, während seine Untertanen zu Hause unter Hungersnot litten . . .

Vüchertlsch.

==-= Eduard Engel: Geschichte der deutschen Lit er atur von d en Ansän gen bis indieG eg enw art. Zwei Bände mit 101 Bildnissen und 33 Handschriften. Zwölfte, durchgesehene Auflage. (Verlag von G. Freytag und F. Tempsky in Wien.) Von Eduard Engels wohlbekannter Deutscher Literatur­geschichte erscheint soeben die 12. neubearbeitete Auslage, also eine Art Jubiläumsausgabe schon nach fünf Jahren. Aber ein Erfolg von dem Umfange dieser Deutschen Literaturgeschichte, 12 starke Auflagen, in nur fünf Jahren ist natürlich nicht bloß dadurch zu erklären, daß es ein Primaner- oder Studentenbuch geworden: nein, es hat sich längst fest eingebürgert in den ge­bildetsten deutschen Familien. Die vorliegende neubearbeitetö 12. Auflage, selbstverständlich bis in die unmittelbare Gegenwart fortgeführt, ist abermals um einige werwolle Handschriften be­reichert wurden: so z. B. ChamissosAlte Waschfrau" nach der Urhandschrift wiedergegeben, und von Mörike erscheint diesmal das berühmte Gedicht:Früh, wenn die Hähne krähn" in des Dichters eigenen Zügen. Trotz den 101 Bildnissen und 33 Hand­schriften ist Eduard Engels Literaturgeschichte sehr weit entfernt von der Bilderbücherei anderer ähnlicher Werke: nur unsere be­deutendsten Dichter und Prosaiker werden dem Leser in guten, Wiedergaben ihrer Bildnisse und Handschriften vorgeftihrt. Den Wert eines nützlichen Nachschlagewerkes erhöht in dieser neuen; Auflage noch eine sehr dankenswerte Zugabe: eine Zeittafel der wichtigsten Ereignisse, Menschen und Bücher. Dem schönen Werke in seiner neuen Gestalt darf ein dauernder Erfolg vorausgesagh werden, ____________

Vilderratsek.

Auflösung in nächster Nummerr

Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer : Niederschlag. (Regen; abwärtsiührendeBewegung des Armes beim Dirigieren.)

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Gieße«,