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Noch nicht vergessen?" sprach Fran Waltbott zü ihrem Sohne Thomas, der ihr aufmerksam Mhörte.
„Ich habe bis jetzt kein Mädchen gefunden, däs mir so gut gefallen könnte, wie das verstorbene Mariechen. Ihr*) wolltet Mch Kr mich umsehen, Mutter; tut es doch," erwiderte Thomas.
„Soll geschehen, Thöms; ich fahre morgen ins blaue Ländchen Kur Base Möller, die hat drei Töchter von 17, 19 und 21 >Jahren. Eine davon kann zu dir passen. Nach Geld und Gut brauchst du nicht zu heiraten, das Geld gibt man aus, den Drachen behält man im Haus. Du bist unser einziges Kind, brauchst mit nie- mandeir zu teilen, Haus und Hof sind schuldenfrei, aus den Nebeneinkinften von Milch, Butter und Eiern habe ich in -den 26 Jahren, seit wir verheiratet sind, etliche Tausend Gulden gespart, mit denen ich machen kann, was ich will! Wir brauchen mit feinem Grafen zu tauschen. Eine junge, brave, muntere! Frau muß ins Haus, ich will Kindergeschrei hören. Drei Per- sonen sind zu wenig in diesen großen Stuben."
„Ihr habt recht, Mutter! sucht eine; wenn sie mir gefällt, heirat' ich sie vom Fleck weg."
„Ich werde schon eine finden. Wer noch eins! Blättere! nicht zu viel in den Zeitschriften Und Kalendern, geh in den Singverein. Doch das nächste zuerst. Wir haben den 15. Dezember, heute in acht Tagen ist Scheidabend. Großknecht Matthes, der 17 Jahre bei uns war, will heiraten und tritt aus. Kathrine, die Großmagd, ist 11 Jahre bei uns und macht es wie Matthes. Neues Gesinde kommt; sorge, daß alles richtig verläuft. Auf Donnerstag und Freitag abend bestelle ich mir die Spinnstube."
„Mr ist alles recht, wie Ihr es macht, MUtter."
„Das soll es gerade nicht fein, Thöms! Du sollst dein Lrehpeterig Wesen ablegen, sollst tatkräftig eingreifen. Deinen Vater wollen sie zum Landstand wählen. Wenn Fremde kommen, mußt du oder deine Frau, oder ich mit ihnen reden. Unsere gute Bauernart müssen wir behalten, aber Einfaltspinsel dürfen wir niemals werden."
„Recht, Mutter! recht!" lachte Thomas, „eine Frau muß ins Haus. Schafft eine herbei, ich bekomme Lust zum heiraten."
Während Frau Wallbott mit ihrem Sohne über das Heiraten verhandelte, fand auf dem Heuboden eine Auseinandersetzung zwischen dem Großknecht Matthes Brück und der Grostmagd Kathrine Müller statt. Diese war eine energische Person von dreiundzwanzig Jahren, kräftig, wohlgenährt und sauber. Matthes war acht Jahre älter, hager, ruhig und iparsam. Seit einigen Jahren „gingen die zwei miteinander", d. h. sie hätten ein stilles. Verhältnis.
In den letzten Wochen war Matthes etwas lau gegen Kathrine, die ihm Strümpfe, Hemden und Hosen flickte, geworden. . Von der Kleinmagd Bärbel hatte sie erfahren: Dem Matthes ist die Scholzehannjers Lore gefreit worden. —• Unverzüglich schlich Kathrine dem Matthes auf den Heuboden nach, um ihn zur Rede zu stellen. „Wenn du diesen Hirsebootz, diese Vogelscheuche nimmst," rief Kathrine den Matthes wütend an, „bann ergreife ich den dicksten Prügel und haue dich und die Lore zusammen, wie alt Eisen." Kathrine vermochte so etwas auszuführen. Sie war so stark, daß sie einen Sack Roggen von 150—160 Pfund ohne besondere Anstrengung aus den obersten Speicher trug. — Ter ruhige, bedächtige Matthes gab gute Worte: „Die Lore hatte zwar ein Häuschen und ein Paar Aecker; Kathrine hatte nichts, aber es war eine saubere, frische Person." „Wir bleiben beisammen!" sprach er. Da fiel ihm Kathrine um den Hals; sie küßten sich, wie noch nie, und versprachen sich gegenseitig wiederholt die Ehe.
Am folgenden Morgen Nhr Frau Regine, die abends vorher noch einmal alles mit ihrem Manne besprochen hatte, ins blaue Ländchen zu ihrer Base Möller, die hatte drei Töchter: Torchen, Grittchen und Sendjen. Dorcheu war gesund, stark und ftettjtg, aber sie besaß einen unangenehmen Widerspruchsgeist und wußte alles besser als ihre Mutter. Grittchen hatte ihre Schuhe schief getreten, der eine Strumpf hing herab. Leuchen, die jüngste und schönste, schaute in den Spiegel, so ost sie daran vorbei kam. Auch hatte sie einen harten Zug um den Mund. Frau Regm« Wallbott Nhr mit der Ueberzeugung nach Hause: Die Möllers MÄ>chen passen nicht in das Wallbottische Werk.**)
Bei der Morgensuppe***) erklärte Frau Regine Wallbott: „Ich habe einen Metzgergang gemacht, wir müssen uns ander- weit umschauen."
Der Bürgermeister lachte läut: „Thöms, öü mußt Unter die Haube, es Hilst und batt't alles nichts. Aber die Mutter hat
*) Me Kinder auf dem Lande pflegen ihre Eltern aus Ehr- Nrcht mit „Ihr" usw. anzureden.
**) Unter Werk versteht man den ganzen Besitz eines Bauers: Haus, Hof, Wiesen, Felder, Schiff Und Geschirr.
***) In den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Kaffee, als erstes Frühstück »och wenig eingeführt. Man aß auf dem Sanbe Mehl-, Milch-, Rahm-, oder Kartoffeisauce; auf diese folgte ein tüchtiges Stück Roggenbrot, mit Latwerge (Obst- honig) ober Käse belegt.
er
All mein
df) Ein ausgepichtes täppisches Mädchen.
Mit Gott Mit Gott Drum ist
„Eins habt Ihr vergessen, Mutter," siel die älteste Tochter ein«
„Was ist es?"
„Der Faden darf nicht zu hart gesponnen werden, sonst wird knoterig, und nicht zu weich, sonst springt er."
„Hast recht. Große. Also gebt fein acht und macht uns
fang ich die Arbeit an, nur geht es glücklich fort, auch dies mein erstes Work!
Tas walte Gott!
Beginnen, Tun und Werk Gottes Kraft und Stärk,
Erfordert _______ . . .
Mein Herz sucht Gottes Angesicht, Drum auch mein Mund mit Freuden spricht? Tas walte Gott!
Ehre."
Am bestimmten Wend erschienen die SpimieriNnen bei Wallbotts ; etwas verlegen nahmen sie Platz.
„Wie es seit Menschengedenken Brauch und Sitte ist," sprach die Bürgermeisterin, „beginnen wir unsere Arbeit mit dem Liede: „Das walte Gott, der helfen kann!" Lieschen Hörth fange an!"
Tiefe ftimmte an, die anderen folgten: anfangs verzagt dann kräftig:
Das walte Gott, der helfen kann.
recht, daß sie in dich dringt, sonst wirst dÜ ein alter JUnggeselks und das Wallbotts-Werk gibt in 50 Jahren ein Erbstiick stst? Seitenverwandte."
„Daraus wird nichts, ich will heiraten," antwortete Thomas) mit Ueberzeugung, „aber keinen Mummetrost*), der sich schnätzt, keine drei Worte reden und allenfalls Gekochtes essen kann/ sondern ein sauberes, fleißiges, sparsames Mädchen, mit dem! man sich sehen lassen darf."
„Recht! recht Thöms! vorwärts ins Ehejoch, meinen Segen! sollst du haben," rief der Bürgermeister.
Die Nachricht, daß die Frau Bürgermeisterin eine Spinne stnbengesellschaft eingeladen habe, erregte Freude unter den jungen Leuten; sie wußten: nach und nach kommen alle Kameradschaften an die Reihe.
„Ihr Mädchen!" sprach Frau Gemeindeeinnehmerin Hörth, als sie von der Einladung hörte, „nehmt euch zusammen, macht ja alles fein und ordentlich! Putz und Staat ist unnötig, aber! blank und sauber müßt ihr fein. Die Bürgermeisterin kennt alle Arbeiten, sie sieht jedes Untätchen. Die Spinnräder dürfen nicht knarren! Der Flachsrocken muß angelegt werden, daß er kracht, d. h. fest; der Wergrocken, daß er lacht, d. h. leicht und lose. Wer einen Laib Brot nicht richtig anschneiden kann, darf ebensowenig heiraten, als wer das Rockenanlegen nicht versteht. Schaut zu, daß euch der Rocken nicht ausschlitzt, sonst werdet ihr zuv Strafe an die Stubentüre gemalt. Thomas Wallbott versteht es. Hochmütig dürft ihr euch nicht benehmen; jede bekommt ihren Platz angewiesen. Ob eine Spinnerin neben die Herrin, ödest neben die Magd zu sitzen kommt, muß euch einerlei fein. Unterschiede gibt es dorten nicht. Vergeßt nicht, daß Frau Wallbott die Tochter des verstorbenen Revierförsters Brühl ist. Sie hat weit mehr gelernt als eine Bauersfrau und liest heute noch in den Büchern. Seid bescheiden in eurer Rede, aber singt heraus, wenn ein Lied angestimmt wirb. Der Bürgermeister hat vor vier Wochen ausschellen lassen: es dürfen keine Spinnstuben gehalten werden, wo Witfrauen, Schulkinder und Konfirmanden wohnen. Also: seid munter, aber vorsichtig und zurückhaltend. Jetzt wißt ihr, was ihr zu tun habt."
„Das war schön!" sprach die Bürgermeisterin; „habt ihst neue Lieder gelernt?"
„Bis jetzt vier: Zwei Jägerlieder, ein Wanderlied und eilt Tanzlied." , .
„Wieviele Lieder insgesamt habt ihr ausgeschrieben?"
„Mit den neuen sind es hundertsechs."
„Tas sind wenig; wir hatten über zweihundert. Ich werde mein Singbnch hervorsuchen, worin ihr alte Sachen findet, bte wieder neu werden müssen. Nun singt weiter!"
Sofort begann der Gesang wieder, ein Lied folgte auf däH andere, bis die Uhr acht schlug.
„Jetzt beginnt die Lausterstunde," spracht die Bürgermeisterin; „schöpft frische Luft, seid munter, aber macht fernen Lärm. Hellst Läch auf offener Straße sind abscheulich."
Tie Mädchen zogen durch das Dorf, Unterwegs trieben sie allerlei Scherze. An manche Fenster warfen sie Erbsen, daß es rasselte, als flögen Hagelkörner gegen die Schechen. An einem Hause hingen-sie einen alten Strumpf an das Tor, indem ein Stein stack. Vorher hatten sie ein langes Seckchen gesponnen, iws M dem Strumpf befestigt und stark gezupft wurde. Ter Lürumpf donnerte an das Tor, oder an die Hausture und versetzte die Bewohner in Schrecken, auf den Gelächter folgte« „Klamperu 1 neunen die jungen Leute diesen Spaß.
(Fortsetzung folgt.)


