Ausgabe 
16.11.1911
 
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Glauben Sie, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, kM. Kyrle? srug ich ihn, als er mit seinem Examen zu Ende svar.

So weit es Ihre persönliche Ueberzeugung betrifft, entgegnete er, glaube ich, daß Sie die Wahrheit gesprochen haben. Aber Sie sind zu mir gekommen, um sich gesetz­lichen Rat bei mir zu erholen. Als Rechtsgelehrter muß ich Ihnen aber sagen, daß Sie nicht den Schatten einer Hoffnung für Ihre Sache haben.

Das ist stark ausgedrückt, Mr. Kyrle.

Ich will versuchen, es auch klar auszudrücken. Der Beweis von Lady Glydes Ableben ist dem Anscheine nach klar und ausreichend. Da ist das Zeugnis ihrer Tante, welches beweist, daß sie nach Graf Foscos Hause kam, dort erkrankte und starb. Da ist das ärztliche Zeugnis, welches den Tod beweist, und daß er unter natürlichen Umständen stattfand. Dann ist die Tatsache des Begräbnisses zu Limmeridge und die Angabe der Inschrift auf dem Grabsteine da. Und dies alles wollen Sie Umstürzen. Welches Zeugnis haben Sie Ihrerseits, um Ihre Erklärung, die Verstorbene und Begrabene sei nicht Lady Glyde, zu unterstützen? Behauptet etwa Miß H-alcombe dem Besitzer der Anstalt gegenüber die angenommene Identität ihrer Schwester und greift dann zu gesetzlichen Mitteln, um sie zu befreien? Nein: sie besticht heimlich eine der Wärterin­nen, sie entfliehen zu lassen. Wie die Kranke, nachdem sie auf diese zweifelhafte Weise ihre Freiheit erlangt, darauf vor Mi'. Fairlie geführt wird erkennt er sie? ist sein Glaube an den Tod seiner Nichte auch nur auf einen Augenblick er­schüttert? Nein. Erkennen die Diener sie? Nein. Bleibt sie in der Umgegend, um ihre Identität zu behaupten und ferneren Proben entgegenzutreten? Nein: sie wird heimlich nach London gebracht. Unterdessen haben Sie sie ebenfalls erkannt; aber Sie sind kein Anverwandter, nicht einmal ein älter Freund der Familie. Die Diener widersprechen Ihnen und Mr. Fairlie widerspricht Miß Halcombe; und die angebliche Lady Glyde widerspricht sich selbst. Sie behauptet, daß sie die Nacht in eine'm gewissen Hause in London zugebracht hat. Ihr eigenes Zeugnis dagegen beweist, daß sie dem Hause mit keinem Fuße nahegekommen, und Sie selbst geben zu, daß ihr Gemütszustand Sie verhindert, sie irgendwohin zu bringen, um verhört zu werden oder für sich selbst zu sprechen. Ich übergehe, um Zeit zu sparen, geringere Punkte im Zeugnisse auf beiden Seiten, und ich frage Sie: falls die Sache vor einen Gerichtshof, vor eine Jury gebracht würde, deren Pflicht es ist, Tat­sachen so anzusehen, wie sie wirklich erscheinen wo sind Ihr e .Beweis e?

Ich war genötigt zu warten und mich zu sammeln, ehe ich ihm antworten konnte. Es war dies das erstemal, daß die furchtbaren Hindernisse, die auf unserem Pfade lagen, mir in ihrem wahren Charakter erschienen.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, sagte ich, daß die Tatsachen, wie Sie sie hingestellt haben, gegen uns sprechen; aber

Aber Sie denken, daß sich diese Tatsachen hinweg er­klären lassen, unterbrach mich Mr. Kyrle.

Und nun bewies er mir, daß seiner Ansicht nach wenigstens unsere Sache durchaus hoffnungslos sei.

Gegen alle Argumente der Logik aber war ich fest entschlossen, an das Gegenteil zu glauben, und griff in diesem Entschlüsse die Sache von einer andern Seite an.

Gibt es keine anderen Beweise, die uns nützen könnten, außer den Beweisen der Identität? frug ich.

Keine in Ihrer Lage, entgegnete er. Der einfachste und sicherste Beweis von allen, der nämlich durch Ver­gleich der Data, ist, wie Sie sagen, nicht zu erlangen. Falls Sie einen Widerspruch in dem Datum des ärztlichen Zertifikats und dem von Lady Glydes Reise nach London beweisen könnten, so würde die Sache ein ganz anderes Aussehen erhalten, und ich der erste sein, der Ihnen sagte: Lassen Sie uns fortfahren.

V.

So kam es, daß ich ihn verließ, ohne einen einzigen Schritt weiter gekommen zu sein. Das einzige, was ich Marianne von dieser Unterredung mitbrachte, war ein Brief für sie, der vor einigen Tagen für sie zu Händen des Rechtsanwaltes angelangt war.

Als ich das Haus verließ, hütete ich mich, mich durch Stillestehen und 'Zurückblicken auffallend zu machen: Ich

ging nach- der Richtung eines der ruhigsten der großen Plätze nördlich von Holborn zu stand dann plötzlich stille und schaute mich an einer Stelle um, wo eine lange Strecke des Trottoirs hinter mir lag.

An der Ecke des Platzes sah ich zwei Männer, welche ebenfalls stille standen und sich besprachen. Nach kurzer Ueberlegung ging ich zurück, um an ihnen vorbeizugehen. Als ich näher kam, ging der eine fort, um die Ecke, welche von dem Platze in die Straße führte. Der andere blieb stehen. Ich sah ihn an, als ich an ihm vorbeiging, und erkannte in ihm augenblicklich einen der Männer, welche mich vor meiner Abreise von England verfolgt hatten.

Wäre ich frei gewesen, um meinem eigenen Instinkte zu folgen, so hätte ich wahrscheinlich damit angefangeny daß ich den Mann angeredet, und damit geendet, daß ich ihn zu Boden geschlagen hätte. Aber ich war gezwungen, die Folgen-zu berücksichtigen. Falls ich mich einmal öffent­lich eines Fehlers schuldig machte, gab ich sofort die Waffen in Sir Percivals Hände. Es blieb mir keine andere Wahl, als der List durch List zu begegnen. Ich bog in die Straße ein, in welcher der zweite Mann meinen Blicken ent­schwunden war,-und sah ihn hier im Vorbeigehen in einem Torwege warten. Er war mir fremd, und ich war froh über diese Gelegenheit, mir für den Fall künftiger Belästi­gung sein-Aussehen einzuprägen. Hierauf richtete ich meine Schritte wieder nordwärts, bis ich New Rvad erreichte. Dort angelangt wandte ich mich westlich (während die Män­ner mir immer folgten) und wartete an einer Stelle, von der ich wußte, daß sie ziemlich weit von der Droschken­station sei, bis ein leeres schnelles zweirädriges Kabriolet vorbeikommen würde. Es kam eins in wenigen Minuten. Ich sprang hinein und befahl dem Mann, schnell nach Hyde Park zu fahren. Es war kein zweites Gefährt für die Spione hinter mir da. Ich sah sie nach der anderen Seite der Straße hinüberschießen, um mir laufend zu folgen, bis wir an einer Droschkenstation vorbeikommen würden. Wer wir waren ihnen zu weit voraus, und als ich dem Kutscher zu halten befahl und ausstieg, waren sie nirgends mehr zu sehen. Ich ging durch den Hyde Park und ver­sicherte mich auf der offenen Ebene, daß ich frei fei. Als ich endlich meine Schritte heimwärts wandte, war es viele Stunden später war es bereits dunkel geworden.

Ich sand, daß Marianne mich allein in dem kleinen Wohnstübchen erwartete. Laura war bereits schlafen ge­gangen. Ich übergab Marianne den Brief.

Er enthielt folgendes:

Durch ehrenvolle Bewunderung getrieben ehren­voll für Sie und ehrenvoll für mich schreibe ich, herr­liche Marianne, im Interesse Ihrer Ruhe, um Ihnen zwei tröstende Worte zu sagen:

Fürchten Sie nichts!

Folgen Sie Ihrem natürlichen, feinen Verstände und bleiben Sie in der Verborgenheit. Teures und bewunde­rungswürdiges Weib, verlangen Sie nicht nach gefährlicher Oeffentlichkeit.

Tun Sie dies, so versichere ich Sie, Sie haben nichts zu fürchten. Keine neuen Trübsale sollen Ihre Gefühle verletzen Gefühle, die mir so kostbar sind, wie meine eigenen. 'Sie sollen nicht belästigt, die schöne Gefährtin Ihrer Einsamkeit nicht verfolgt werden. Sie hat eine neue Zufluchtsstätte gefunden in Ihrem Herzen. Unschätz­bare Zufluchtsstätte! Ich beneide sie und lasse sie darin.

Gehen Sie nicht weiter, als Sie bis jetzt gegangen sind; kompromittieren Sie keine ernsten Interessen; drohen Sie niemandem! Zwingen Sie mich nicht ich flehe Sie an zum Handeln, mich, den Mann der Tati da es der innige Wunsch meines Ehrgeizes ist, ruhig zu bleiben und dem weit umfassenden Bereiche meiner Tat­kraft und meiner Verbindungen um Ihretwillen Schranken zu setzen

(Fortsetzung folgt.)

Thomas wallbotts Familienleben, vrautfatzrt und Hochzeit.

Bon Gg. Schäfer.

(Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.)

1. Kapitel.

Spinnstube. Metzelsuppe. Scheidabend.

So kann es nicht weiter gehen, es muß eine junge. Frwt ins Haus, die mich unterstützt. Kannst du das Mariechen immer