Ausgabe 
16.11.1911
 
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Donnerstag den (6. November

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Die weiße Frau.

Roman von W. Collins, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Auf einfache Weise unterstützten wir langsam die Ge­nesung ihres Geistes; an schönen Tagen führten wir sie hinaus, um in einem ruhigen alten Gartenplatze der City spazieren zu gehen, der uns ganz nahe gelegen war und wo nichts sie erschrecken oder verwirren konnte; wir er­übrigten ein paar Pfund von unsrem Kapitale, um ihr Wein und kräftigende Nahrungsmittel zu verschaffen, deren sie bedurfte, und unterhielten sie abends durch Kinder­kartenspiele nnb Bilderbücher, die ich von dem Stecher borgte, welcher mir Beschäftigung gab. Doch sie aus ihrer Zurückgezogenheit und Ruhe zu reißen, sie mit Fremden zusammenzubringen oder Bekannten, die nicht viel besser als Fremde für sie waren; die schmerzlichen Erinnerungen an das Vergangene wieder zu wecken, die wir mit solcher Mühe zur Ruhe gebracht hatten dies wagten wir in ihrem eigenen 'Interesse nicht zu tun. Welche Opfer es auch erheischen mochte: das Unrecht, das ihr zugefügt wor­den, mußte, falls menschliche Kräfte es erkämpfen konnten, ohne ihr Mitwissen und ihre Hilfe wieder gutgemacht werden.

Sobald ich hierüber mit mir einig war, mußte ich mich zunächst entscheiden, welches Verfahren mein erstes sein müsse.

Nachdem ich mich mit Marianne beraten, beschloß ich, den Anfang damit zu machen, daß ich möglichst vrele Fakta sammelte und dann Mr. Kyrle zurate zog und mich von ihm unterrichten ließ, ob wir begriindete Aussicht auf ge- rrchtlichen Beistand hätten. Ich war es Laura schuldig, die Bestimmung ihrer ganzen Zukunft nicht meinen Bemühun­gen allein zu überlassen, solange uns noch die geringste Aus­sicht blieb, unsere Lage durch irgend welchen zuverlässigen Beistand zu verstärken.

Die erste Quelle der Nachforschungen, an die ich mich wandte, war das von Marianne Halcombe in Blackwater Park geführte Tagebuch.

Hierauf wandte ich mich an Mrs. Beseh.

Bet ihr erfuhr ich, daß Laura wohl an sie geschrieben;, über sich nicht bei ihr hatte sehen lassen. Das Kuvert des Briefes war längst verloren, während der Brief selbst noch vorhanden war,, aber feilt Datum enthielt.

Dann verschafften wir uns die Aussagen des Arztes, der Haushälterin, bet Leichenfrau und Köchin, genau wie sie in diesen Blättern angeführt sind.

Mit den in diesen Dokumenten enthaltenen Zeugnissen Versehen, hielt ich mich für hinlänglich vorbereitet, um eme Besprechung mit Mr. Kyrle zu halten, und Marianne ' schrieb ihm demzufolge, um ihn mit meinem Namen be­

kannt zu machen und ihm Tag und Stunde anzugeben, wo ich ihn allein und in Privatangelegenheiten zu sprechen wünsche. Während man Mr. Kyrle meine Karte brachte, fiel mir etwas ein, das nicht früher bedacht zu haben ich ernstlich bereute. Die Mariannens Tagebuche entnom­menen Mitteilungen setzten es außer Zweifel, daß Gras Fosco ihren ersten Brief, oen sie von Blackwater Park aus an Mr. Kyrle geschrieben, geöffnet und den zweiten mit Hilfe seiner Frau unterschlagen hatte. Er kannte daher voll­kommen die Adresse des Bureaus, und man durfte an- nehmen, daß er natürlich schließen werde, daß Marianne, falls sie nach dem Entweichen ihrer Schwester des Rates' oder Beistandes bedurfte, abermals Mr. Kyrles Erfahrungen in Anspruch nehmen würde. In diesem Falle war das Bureau in Chancery Lane gerade der Ort, den er und Sir Percival zuerst bewachen lassen würden; und falls die dazu verwandten Personen dieselben waren, welche mich schon vor meiner Abreise aus England verfolgt hatten, so mußte ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach meine Rückkehr schon an diesem Tage bekannt werden. Ich hatte im allgemeinen wohl an den Fall gedacht, wo ich in der Straße erkannt würde, aber die besondere Gefahr, die sich an das Ge­schäftslokal knüpfte, war mir bis zu diesem Augenblicke nie eingefallen. Es war jetzt zu spät, um dieses unglück­liche Versehen wieder gutzumachen. Ich konnte nur den Entschluß fassen, vorsichtig zu sein, wenn ich Chancery Lane wieder verließe und unter keiner Bedingung von dort aus direkt nach Hause zurückzukehren.

Nachdem ich einige Minuten gcinartet, wurde ich in Mr. Kyrles Privatzimmer geführt. Er war ein blasser, magerer, ruhiger, unbefangener Wann mit sehr aufmerk­samem Auge, einer sehr leisen Stimme und einem leiden­schaftslosen Wesen, nicht (wie es mir schien) sehr teilneh- rnend, wo es sich um Freunde handelte, und durchaus nicht leicht aus seiner Advokatenhaltung zu bringen. Ich hätte für meinen Zweck schwerlich einen besseren Mann finden können. Falls er sich zu einer Meinung herbeiließ und sie uns günstig war, so war von dem Augenblicke an der Erfolg unserer Angelegenheit sicher.

Ich machte ihn nun mit meinen Beweisstücken bekannt und tat dann zum Schlüsse dreist die Frage:

Was ist Ihre Ansicht, Mr. Kyrle? Er war zu vor­sichtig, um eine Antwort zu wagen, ehe er sich Zeit ge­lassen, seine ganze Fassung wieder zu gewinnen.

Bevor ich eine Meinung ab gebe, sagte er, muß ich um Erlaubnis bitten, mir durch ein paar Fragen den Weg etwas zu bahnen.

Er legte mir seine Fragen vor scharfe, argwöhnische, ungläubige Fragen, welche mir deutlich bewiesen, daß er mich für das Opfer einer Sinnestäuschung hielt, und daß er, hatte mich nicht Miß Halcombe an ihn empfohlen, wohl gar geglaubt hätte, ich suche ihn durch einen listigen betrug zu hintergehen.