Ausgabe 
16.10.1911
 
Einzelbild herunterladen

Kissingen bewohnten Räume samt' Bent echten Renaissance- Und Barock-Mobiliar in wundervollster Weise mit Stift und Farben sestgehalten, wohl auch die originelle und gedankenreiche Ehren­urkunde nach dem deutsch-französischen Kriege gemalt, laut deren Magistrat und Stadtverordnete Bismarck zum Ehrenbürger Ber­lins ernannten, aber der Größe des Eisernen Kanzlers den künst­lerischen Tribut durch die Darstellung eines wichtigen historischen Moments zu zollen, hat er unterlassen.

Bilder aus Konstantinopel

Während in Italien und in Rom die kriegerische Stimmung sofort auf die Massen übergegangen ist und hohe Wogen schlägt, herrscht diesmal im Herzen des ottomanischeu Reiches gelassene Ruhe, und der Besucher, der heute durch die Straßen Siam- b u l s wandelt und das Volksleben beobachtet, sucht vergebens nach äußeren Anzeichen, die von Krieg oder Unruhe oder Er­regung der Bürger Kunde geben könnten.

Das Geschäftsleben", so berichtet ein in Konstantinopel wei­lender Engländer nach London,geht in seiner gemächlichen, ruhigen Weise weiter, wie immer wird viel gehandelt und viel gebetet." Denn der Markt und die Moscheen nehmen weiter in gleicher Weise das Interesse des türkischen Bürgers in Anspruch. Nirgends findet man eine Spur verhaltener Erregung, nirgends ein Symptom, das vielleicht auf einen nahenden Anfall pon Kriegsfieber Hinweisen könnte. Ein Spaziergang durch Pera und das alte Stambul verschafft einem den Eindruck, daß der größte Teil der ärmeren Bevölkerung von dem Vorhandensein eines Krieges kaum etwas ahnt; ja es ist, als wüßte man gar nichts von all dem, was vörgefallen ist. Von dem städtischen Händler Und Kaufmann bis hinab zum Lastträger und zum Hafenarbeiter bekümmert sich jeder nur um seinen Beruf und seine Arbeit.

Der Europäer, der nie den Orient gesehen hat, wiegt sich vielleicht gern in der Vorstellung, daß in Konstantinopel das Leben wie in einem Halbschlummer dahinschleicht und daß der Tag zwischen der Kaffeetasse und der persischen Pfeife träge verstreicht.Doch überall", so schreibt der englische Beobachter, finde ich reges Leben und alle Geister sind mit ihren Geschäften ausgefüllt. Ja noch mehr, dieser Eifer und diese geschäftige Rührig­keit, die dem malerisch zerlumpten Bettler wie dem reichsten europäisch gekleideten Großkaufmann den Tag ausfüllt, erweckt den Eindruck, als ob jedermann an der Zukunft des Landes Mit­arbeiten möchte. Das mag vielleicht ein neuer Geist sein und sicherlich ein guter. Er stärkt -ie Türkei zu neuen und großen Aufgaben: aber vom Krieg und von Kriegsstimmung nirgends eine Spur. Selbstverständlich wird hier und da von den Er­eignissen gesprochen, müßige Gespräche gleiten hin und her, im Schatten der Moschee tauscht man patriotisch angehauchte Mei­nungen, und auf einem Winkel des Marktplatzes fällt vielleicht auch das Wort Tripolis. Aber im übrigen hat uiemend viel Beit zu diesen Erörterungen. Ter Marktplatz um die Validamoschee ist von Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung von einem eifrigen Volke erfüllt, das seine eigenen Geschäfte erledigt. An der Peripherie des Marktes, int lauschigen Schatten der Bäume, spricht man einen müßigen Augenblick ein paar Worte über jene fernen, fernen geheimnisvollen Ereignisse, dieKrieg" ge­nannt werden. Aber man hat keine Berichte, die Zensur unter­drückt alles. Nur dem Europäer gegenüber beschwert man sich Melleicht darüber, daß man gar nicht erfahre, was eigentlich los sei. Als Europäer betrachtet Man ntich natürlich als einen Speicher des Wissens und als ein Sammelbuch der neuesten Meldungen. In dem Barbierladen bei der Balida, wo die Gläu­bigen für einen Groschen ihr Haupt rasieren lassen, umringt Man mich und fragt nach Nachrichteit. Aber ich weis; auch nicht Mehr wie alle, und so beruhigt man sich und läßt sich gelassen fertig rasieren." Auf der anderen Seite des Marktes füttern junge Leute das Vieh, und dort sitzen auch eine Anzahl greiser Männer auf Matten am Boden, sonnen sich friedlich, rauchen ihre Nargileh und schlürfen ihren Kaffee. In ihren Mienen voll­zieht sich nicht die geringste Veränderung, wenn aus Belt Straßen das donnernde Gedröhn vorbeiziehender Artillerie ertönt. Und sie bleiben auch ruhig sitzen und verfolgen mit den Blicken die Rauchwolken ihrer Pfeifen, als drunten Infanteriekolonnen vor- übermarschiereu.

Bisweilen hat diese Ruhe des Türken etwas Furchtbares, eine rätselhafte Ruhe, die an ein Bewußtsein der eigenen Kraft, an feste Ueberzeugung und unverrückbare Ziele denken läßt. Und vielleicht werden die lebhaften und unruhigen Italiener diese Ruhe noch als unheimlich empfinden lernen, wenn sie das Abenteuer dieses Krieges ausdehnen. . e

Vermischter.

* 21H Kilometer unter der Erde. Dis drei tiefsten Bohrlöcher der Erde befinden sich in Preußen; alle drei erreichen eme Tiefe von über 2000 Meter. Es sind dies das Bohrloch bei Paruschowrtz im Kreise Rhbnik mit 2003,3 Meter Tiefe, das von Schubin in der Provinz Posen gelegene, das 2149,4 Meter unter die Erde geht, und das tiefste mit 2239,7 Meter, das bei Czuchow,

ebenfalls irrt Kreise Rhbnik, gelegen ist. Es' wurde von der Körtiwt lichen Bohrverwaltung zu Schönebeck a. E. zwecks einer Unter-, suchung der Lagerungsverhältnisse des Steinkohlengebirges in den Feldern der Berginspektion Knurow angelegt. ?i/2 Türme von dep Höhe des Eifelturmes würden, aufeinandergestellt, die gleiche Höhe über der Erde erreichen.

*SanktBureaukratius irr der Waisenpflege. AuS Paris wird berichtet: Eine neue Leistung des St. Bureau« kratius in der französischen Armenpflege erregt in Paris berechtigte Verwunderung. Am 8. September fand rnair am Odeon ein kleines Kindchen, einen Säugling weiblicherr Geschlechts, der sofort der Armenpflege überwiesen ivurde. Marr stellte fest, daß das Kind von einem Dienstmädchen namens Berthe Hussenet stammte, die in ihrer Not und Verzweiflung das kleine Mädchen aussetzte.Ich habe schon zwei flehte Kinder und verdiene mit Mühe und Not 35 Fraires int Monat. Wie sollte ich die unglückliche Kleiite noch durch- brütgett ?" Das Argument war schlagend. Voll Mitleid erklärte sich eilte wackere Schlossersfrau, deren Mamt täglich 13 Francs verdient, bereit, das Kind zu sich zu nehmen und aufzuziehen. Glück­lich nahnr die Mutter diesen Vorschlag an. Aber die Armen­verwaltung war attf der Hut.Sie müssen das Kind adoptieren und sofort 20 000 Francs hinterlegen als künftige Aussteuer für das Mädchen." Aber die brave Schlosserssrau hat keine 20 000 Francs, und so wird das kleine Mädchen nie den Segen eines Heims und einer Familie genießen.

kf. Wein für Hühner. Die ständige Abnahme der ©ter« Produktion in Frankreich hat Herrn Joubert, Professor der Land« wirtschaftskuitde in Fontainebleau zum Studium der bedrohlichen Erscheinung veranlaßt. Seine Versuche, Wandel zit schaffen, haben ztt bemerkenswerten Ergebniffeit geführt. Im Oktober des ver­gangenen Jahres wählte Joubert ein Dutzend junger Hennen aus und teilte es in zwei Abteilungen zu je sechs, die er vollkommen gleich ernährte. Nur wurde der einen Hälfte täglich ein Glas Wein für jedes Huhn gereicht. Die Resultate ivaren überraschend: die­jenigen Heimen, die uott dem Bacchustranke nichts genossen hatten, legten im Oktober 4, im November 1 und im Dezember keins und im Januar 22 Eier. Die anderen dagegen, die täglich ihr Gläschen getrunken hatten, zeigten sich außerordentlich dankbar und lieferten tatsächlich 148 Eier mehr als die Enthaltsamen. Für den Fall, daß der verbrauchte Wein sich nicht allzu teuer stellt, würde daher die neue Methode beträchtliche Vorteile für die Landwirtschaft nach sich ziehen, denn auch die Größe und Güte der Eier soll nach dem Wein­genuß noch gediegen sein.

* Iminer derselbe. Dame:Der Arzt hat mir zur Heilung meiner entzündeten Augen verordnet, das Anschauen alles Blendenden zu vermeiden." Leutnant:So werde ich also fernbleiben müssen."

* Gute Bezeichnung. Lebemann (zum anderen):Sagt mal, Waldemar, mit wieviel Schulden kommst du jährlich aus?"

* Kinder von heute. Elschen:Ach, Martin, ich wünschte, ich hätte zehn Pfennig, dann könnte ich mir Schokolade kaufen." Martin:Geh' zu Mama und stelle ein paar recht dumme Fragen an sie; dann gibt sie dir gewiß zehn Pfennig,' um dich 'los zu werden."

* Leicht ab geholfen. Kellnerin:Ja> haben wir denn keinen Deidesheimer?.....Fortwährend ist nach dem die

Nachfrage!" Wirt:Morgen ist er schon zu haben - . . ich bestelle sofort di» Etiketten telegraphisch!"

Morgen.

Frisch der junge Morgen Uns von draußen grüßt, Der denkt nicht der Sorgen, Wer ihn still genießt.

Sturm und Ungeivitter Tobte in der Nacht.

Früh zieht aus der Schnitter, Hell die Sonne lacht.

_ 0. 8.

Altägyptische Hieroglyphen.

Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B. Sonne s, Glas = g rc. Die Vokale sind zu ergänzen.)

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Müssiggang i st aller L a st e r Anfang.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Sange, Gießen.