Ausgabe 
16.10.1911
 
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möchte so gern einmal mit Ihnen zusammenHamburger Küken" essen."

Ta riß er sie jubelnd' an sein Herz und bedeckte ihren Mund mit Küssen.

Du, du List es selbst," stammelte er jauchzend,nun be­greife ich auch, wie mich alles immer wieder zu dir zwang, wenn ich ausgehen wollte, meine holde Unbekannte zu suchen. Wirst du aber auch den Mut haben, das Leben des einsamen Träumers da draußen in der Ferne zu teilen inNot und Tod", wie du in jener süßen Mondennacht in Hamburg mir verheißen?"

Sie lächelte zu ihm aus und schmiegte sich willig in seine weitgeöffneten Arme.Ich habe dich immer geliebt," flüsterte sie,vom ersten Sehen bis zu dieser Stunde. Ich wußte so­fort, daß du es warst, denn der Oberkellner hatte mir. deinen Namen genannt, als ich ihn nach dem Bewohner be§' Zimmers fragte, der mich so namenlos erschreckt."

Und du wirst niemals wieder so kopflos vor mir davon­laufen, wie damals, mein holdes Lieb?" flüsterte er, sie heiß an sich pressend.

Sie schüttelte tief errötend das blonde Haupt.Nein, ich bleibe immer und in jeder Stunde bei dir."

Lange saßen sie noch still in dem weißen Dünensande und sahen die Sonne ins Meer sinken. Blutrot, flammensprühend ging sie unter. Rosenrot lag ihr Schein auf den weißen Wellen, die der Möwen silberschimmernde Flügel streiften.

Ta legten sich Bodos Lippen noch einmal heiß auf Bett roten Mund, Der ihm so heiß, so leidenschaftlich entgegenatmete. Dann gingen sie heim zum Vater, ihm ihr Glück zu künden.

Am anderen Morgen aber hob sich schimmernd zwischen den beiden Strandburgen von Erna und Bodo ein schlanker, hoher Wimpel empor, und darauf stand in großen, mächtigen Lettern: Hamburger Küken".

Die Strandläufer, die es sahen, schüttelten die Köpft über die närrische Inschrift. Erna und Bodo aber sahen sich tief in die Augen und lachten sich glückselig an.

Tie Flagge, die so lustig im Wende flatterte, die leuchtete! ihnen ja so verheißungsvoll, so sinnberauschend hinein in ihr neues, herrliches, gemeinsames Leben.

Vkmarck auf MenM KröinmgsbUö.

Bismarck und Menzel sind sich während ihres langen Lebens persönlich nicht näher getreten, obwohl die Gelegenheit dazu nicht gefehlt hat, besonders nicht in Kissingen, wo beide während einer langen Reihe von Jahren einige Wochen des Sommers zn ver­bringen pflegten. Seine Karte im Salinenschloß avzugeben, unter­ließ Menzel, dennich werde doch die Ruhe des großen Mannes nicht stören! Und dann auch--." Er stockte, wollte aber wahr­

scheinlich sagen:Und dann auch bin ich Menzel." In der Tat hat sich Menzels Pinsel ganz wenig mit dem Eisernen Kanzler beschäftigt. Der Künstler, der den von Chodowieckl und Schadow geschaffenen Typ Friedrichs des Großen so recht ver­tieft und volkstümlich gemacht hat, würde sehr wahrscheinlich auch BiSmarck in eigenartigster Weise erfaßt haben.

Was er von ihm überliefert hat, gehört zu dem großen GemäldeKrönung Wilhelms I. am 18. Oktober 1861 in der Schloßkirche zu Königsberg". Unter den Dargestellten steht hier auch Bismarck. Aus der .gewaltigen Menge der Gestalten laßt er sich erst nach einigem Suchen herausftnden. Sem charakte­ristischer Kopf blickt noch energischer als rot späteren Lebensalter und seine Brust deckt ein breites Ordensband. Sonst ist von der Figur nichts zu sehen. Hofstaaten in «Mer Tracht, bilden ein Gehege und zu Häupten funkelt em Kronleuchter- Bismarck war damals preußischer Gesandter am Hofe nt St. Petersburg. Im Avril 1859 hatte er dieses Amt angetreten. Wie so viele andere preußische Staatsbeamte war auch er zur Krönung nach Königsberg befohlen worden. Aber einen hervorragenden Platz unter den Geladenen konnte er noch nicht beanspruchen vor ihm rangierten die Mitglieder des am 6. November 18o8 be­rufenen Ministeriums Hohenzollern-Siginaringen, die Auerswald, Roon Schleinitz, Pückler, Bethmann-Hollweg, Flottw.ll, Patow, und so manche andere ältere. Exzellenz. Und was die.militari! chen Exzellenzen betrifft, so stand er hinter ihnen besonders weit zuruck, denn erst die Rangliste für das.Jahr 186'- verzeichnet ihn al». Major, und zwar des zweiten Aufgebots des 7. schweren Land­wehr-Reiter-Regiments, int Register versehentlich lM »och als Rittmeister. So wäre Bismarck auf Menzel» Bild, dessen sollen- duna ins Jahr 1865 fällt, um der historischen Treue willen nickt einmcft so, wie es geschehen ist, berückilästig .worden, wenn ihm nicht das Vertrauen seines Königs im b'rühiahr 18M, den in Paris unb int September bev^elben

das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und« Präsi­dium in dem neugebildeten Kabinett übertragen hatte. Nun war es wohl geboten, den vormaligen Gesandten im Bilde etwas, mehr nach vorn Ku rücken und ihn so als den kommenden Mann

J^Ä^Folgezeit hat sich dann Menzel gegen Bismarcks Person so außerordentlich reserviert verhalten, M> Bei

aussallt. Wohl hat. er. die von Mchnarck im Salinenschloß. hex

Seltsam, eine Dame, die mit einem alten Herrn cöni Bug i des Schiffes stand und mit glänzendem Auge Ausschau hielt über das schäumende, wogende Meer, sesselte immer wieder seine Aufmerksamkeit. «Aber sie konnte es natürlich nicht sein, denn seine nächtliche Friedensstörerin war ja mit dem Papa micht allein, sondern in Begleitung einer Freundin oder Schwester, I die Grete hieß. Sie mußte auch jünger fein, die da gestern I Nacht so drollig erzählte und so herzlich gelacht. Freilich, die I Erscheinung? Der zarte, mädchenhafte Reiz der Büste erinnerte I fast an die Umrisse, die er im Dämmerlichte geschaut. Wenn I er nur gewußt hätte, ob sie blond oder braun gewesen. Tie | Dame dort war blond und die Augen grau, groß und glänzend | uiid doch von einer Tiefe wie das Meer mit seinen schäumenden I Wogen.

Und er konnte nicht anders. Er sprach den alten Herrn an, der ihm erst sehr kühl und gemessen antwortete, und schließlich fand auch hier und da ein Wort von ihr zu ihm herüber seinen .Weg.

Es war so, als ob sie nur gezwungen antwortete, und zu­weilen hatte der Graf die Empfindung, als mache es ihr Qual, seine Sprache zu ertragen.

Eine heiße Röte huschte dann über ihr seines, durchsichtiges Gesicht, und die grauen Augen blitzten zornig auf.

Es war dem Grafen ordentlich ein Genuß, dieses Wechsel­spiel zu beobachten. Er fühlte sich seltsam angeheiinelt von Vater und Tochter, und als die Sonne ins Meer sank und die weißen, flatternden Vögel, die Möwen, zur Ruhe gingen und der Strand von Westerland sichtbar ivurde, da hatte er das Gefühl, als wären der alte Gerichtsrat Beringer und seine Tochter Erna, ihm liebe und lang vertraute Freunde.

Beim Abschied versprach man sich ein baldiges Wiedersehen in Westerland, und Bodo hätte den Tag dieser wundervollendeten Meerfahrt als einen der schönsten seines Lebens gefeiert, wenn nicht die leise Sehnsucht und Unruhe, die .er nach der nächtlichen Besucherin empfand, ihn unaufhörlich gequält hätte.

Zuweilen war es ihm' zwar, als höre er aus Ernas Stimme jenen leisen, süßen Zauberklang der Sehnsucht nach Liebe, der ihn in der Nacht in Hamburg so berauscht, aber das war ja töricht, er sah und hörte eben überall nur die holde Zauberin, die ihn wider Willen so ganz in ihren Bann getan.

Und dann kamen einige schöne und stille Tage und Wochen in Westerland. Am Strande hatten sie, dicht nebeneinanber, in dem weißen Tünensaude ihre Burg gebaut. Bunte Fähn­lein flatterten darüber hin, und in Ernas großen, grauen Augen stand ein freudiges Leuchten, wenn, während ihr Vater be­haglich in der Sonne schlief, Bodo ihr im leisen Flüsterton er­zählte von feinem fernen, einsamen Haus, von der stillen,, holden Frau, die fein Leben einst beglückt, von seinem liebreizenden Knaben, den der Tod ihm geraubt.

Tas Meer murmelte und fang dazu, und die weißen Wellen gingen und kamen. Wie schimmernde, feurige Rosse jagten sie heran, und so brausend wie das Meer, so stieg auch ihrer Herzen brandende Flut.

Unb eines Tages, als die Sonne sank und Bodo und Erna wieder allein am Strande saßen und gedankenvoll auf das Meer sahen, bereit grüne Wogen weiße Schaumkronen trugen, rosen­rot umsäumt von der Sonne Licht, ba konnte er nicht anders,

ba mußte er ihr sagen, in welchem seltsamen Bann er seit

Wochen lebte, da mußte er ihr sagen, das fein ganzes Ich

sie begehrte, die so hold, so lieb neben ihm tn dem weißest

Tünensaude ruhte, Und daß doch seine Seele an der Fremden hing, die sich damals in der Nacht zu ihm verirrt, und Deren fuße Stimme wie die ihre klang. .

Er hatte nicht die verräterische Röte bemerkt, Die tit Ernas Antlitz bei seinen Enthüllungen aufgeflammt war, als er letzt leise fortfuhr und so still zu ihr sagte:.

Wenn wir jetzt scheiden müssen, Erna, fttzt, wo alle meine Sinne, mein Herz, meine Seele Sie so stürmisch begehren, so machen Sie das unerbittliche Schicksal verantwortlich, das mir damals den holden Puck in bett Weg führte. ,^ch habe Nicht Ruhe und Rast, bis ich sie miebergefunben, und ich werbe weiter ziehen, sie zu suchen. Erst dann kann mein Herz entscheiben, welcher Weg der rechte fein wird, und bis bahin, Erna, lafftn Sie unsere Begegnung nichts als eineblaue Stunde sein, eine Wegzehrung der Erinnerung, eine Goldmünze für die alten Tage. Wollen Sie?" .

Er hatte mühsam mit seltsam gebrochener Stimme gesprochen, jetzt sah er erwartungsvoll in ihr Antlitz, das. von schimmernden Tränen überströmt war. .

Erna, Sie weinen, Sie weinen UM Mich, rief er laucy- zeud und doch schmerzlich Betroffen. . . .

Ta lächelte sie zu ihm, so strahlend glücklich und so hm- qeBenb zärtlich, daß ihm ein Schauer über den Leib rann und er an sich halten mußte, die schlanke Gestalt nicht mit Gewalt an seine Brust zu reißen. ...

Wollen Sie heute abend nicht Bei Beyer Mit uns speisen? fragte sie leise und mit einem' merklichen Zittern in der Stimme.

Er fah sie befremdet an. War das die Antwort Huf ferne bra^Ja," sagte sie errötend mit abgewandtem Gesicht. ^Ich