Ausgabe 
16.10.1911
 
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fcer klassifizieren will, so scheint er mir in der Wahl seiner Ausdrücke kein besonderes Glück gehabt zu haben. Mir scheint, daß wenn mau sie als Narren bezeichnet, man eine Nachsicht gegen sie übt, zu der sie nicht berechtigt sind, und sie gescheite Leute zu nennen scheint mir geradezu ein Widerspruch. Ich Hube immer gehört, daß wahrhaft ge­scheite Menschen zugleich wahrhaft gute Menschen sind und tiefen Abscheu gegen alles.Verbrechen hegen.

Meine berate Dame, sagte der Gras, das sind herr­liche Gefühle, uno ich habe sie oft als Vorschriften in Schön­schreibebüchern gesehen. Er nahm eine der weißen Mäus­chen und setzte sie aus seine Handfläche; dann hielt er ihr auf seine launige Weise eine kleine Rede. Mein lieber, hübscher, glatter kleiner Spitzbube, sagte er, hier ist eine Moral für dich. Eine wahrhaft gescheite Maus ist eine wahrhaft gute Maus. Sei so gütig, dies deinen Gefährten bekannt zu machen und nage dein Leben lang nicht wieder an den Stäben deines Käfigs.

Es ist eine Kleinigkeit, alles ins Lächerliche zu zieheu, sagte Laura entschlossen; aber Sie werden es nicht ganz so leicht finden, Graf Fosco, mir ein Beispiel von einem gescheiten Manne zu geben, der ein großer Verbrecher ge­wesen wäre.

Der Graf zuckte mit den Achseln und lächelte Laura auf das freundlichste an.

Sehr wahr! sagte er. Des Narren Verbrechen ift das­jenige, welches entdeckt, und des gescheiten Mannes das, welches nicht entdeckt wird. Wenn ich Ihnen ein Beispiel geben könnte, so wäre es nicht mehr das eines gescheiten! Mannes. Liebe Lady Glyde, Ihr gesunder englischer Ver­stand hat mich geschlagen. Diesmal* bin ich schachmatt; wie, Miß Halcombe?

Laß dich nicht verblüffen, Laura, spottete Sir, Percival, der von der Türe aus zugehört hatte. Sage ihm auch noch, daß Verbrechen durch eigenes Verschulden des Täters entdeckt werden. Da hast du noch eine Schönschreibebuch- moral, Fosco. Verbrechen werden durch des Täters eigenes Verschulden entdeckt. Welch verdammtes Gewäsch!

Ich glaube, daß es wahr ist, sagte Laura ruhig.

Sir Percival lachte laut auf so heftig, so über­trieben, daß er uns alle erschreckte, den Grafen aber am meisten.

Ich glaube dasselbe, sagte ich, Laura zu Hilfe eilend.

Sir Percival stieß heftig mit dem neuen Spazierstocke auf den Boden und ging fort.

Dieser gute Percival! rief der Graf, ihm fröhlich nach­blickend; er ist das Opfer englischen Spleens. Aber meine liebe Miß Halcombe, teuerste Lady Glyde, glauben Sie wirklich, daß Verbrechen durch des Täters eigenes Verschul­den entdeckt werden?

Ich nickte entschieden.

Der Graf liebkoste lächelnd seine Lieblinge.

Es ist wahrhaft staunenswert, sagte er, wie leicht die Gesellschaft für die schlimmsten ihrer Vergehen sich durch ein Stückchen Gemeinplatz tröstet. Die Maschinerie, welche sie zur Entdeckung von Verbrechen eingesetzt hat, ist auf eine erbärmliche Weise unzureichend, und dennoch es erfinde nur einer ein moralisches Epigramm und sage, daß es von guter Wirkung sei, und sofort wird er alles gegen die Fehler desselben verblendet haben. Also:Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen", tote? Fragen Sie die Richter, Lady Glyde, welche in großen Städten bei Leichenschauen gegenwärtig sind, ob dies wahr sei! Kragen Sie Sekretäre, die bei Lebeiisversicherungs- gesellschaften angestellt sind, Miß Halcombe, ob dies der Fall ist! Lesen Sie die Zeitungen! Sind nicht unter den wenigen Fällen, die ihren Weg in die Zeitungen finden, genug Beispiele von erschlagen gefundenen Körpern, deren Mörder unentdeckt bleiben? Wenn der Verbrecher ein bru­taler, unwissender Narr ist, so siegt die Polizei in zehn Fällen neun Mal; ist er aber ein entschlossener, gebildeter, in hohem Grade intelligenter Mensch, so verliert hie Polizei in demselben Verhältnisse. Wenn die Polizei siegt, hören Sie gewöhnlich den ganzen Hergang der Sache verliert sie dagegen, so hören Sie meistens kein Wort von der Ge­schichte. Und auf diese wackelige Grundlage bauen Sie Ihre gemütliche moralische Maxime, daß Verbrechen durch des Täters eigenes Verschulden entdeckt werden! Ja alle Verbrechen, von denen Sie etwas wissen. Wie aber steht's mit den übrigen?

Verflucht wahr d'as^ it.nb sehr gut dargetan, rief eine

Stimme am Eingänge des Bootshauses. Sir Percival hatte feinen Gleichmut wieder gewonnen und war zurückgekehrt, während wir dem Grafen zuhörten.

Es mag zum Teil wahr sein und ist alles sehr gut dargetan, sagte ich. Aber ich sehe nicht ein, warum Graf Fosco den Sieg des Verbrechens über die Gesellschaft mit solchem Frohlocken feiert, oder warum Sie, Sir Percival, ihm so enthusiastisch dafür applaudieren sollten.

Hörst du es, Fosco? sagte Sir Percival spöttisch. Nimm! meinen Rat und schließe Frieden mit deinen Zuhörern. Sage ihnen, daß es etwas Herrliches nm die Tugend ist das wird ihnen gefallen, kann ich dir versprechen.

Tugend? Was ist Tugend? meinte Fosco. In jedew Lande etwas anderes. Also gibt es überhaupt keine Tilgend.

Der Graf lachte stille in sich hinein, und zwei von den Mäusen in seiner Weste stürzten, über das Erdbeben unter derselben erschrocken, heraus. Eine eilte in ihren Käfig zurück, die andere entfloh.

Um Gottes willen, rief er aus. Sie ist entkommen.

Wir waren noch über die zynischen Reden des Grafen entsetzt, aber der komische Schmerz eines so umfangreichen Mannes über den Verlust einer so kleinen Maus war un­widerstehlich. Wir lachten wider Willen, und als die Gräfin Fosco sich erhob und uns das Beispiel gab, das Boothaus zu räumen, damit der Graf in dessen entlegensten Winkel Nachsuchnng halten könne, standen wir ebenfalls auf, um ihm zu folgen.

Ehe wir noch drei Schritte getan hatten, entdeckte des Grafen scharfes Äuge schon die verlorene Maus unter dem Sitze, den wir eingenommen hatten. Er zog die Bank auf die Seite und nahm das kleine Tier in die Hand; plötzlich aber kniete er nieder und blickte aufmerksam ans einen Flecken am Boden dicht vor ihm.

Als er sich wieder aufrichtete, zitterte seine Hand so, daß er die Maus kaum in ihren Käfig zu setzen vermochte, und sein Gesicht war mit einer matten Blässe bedeckt.

Percival! rief er flüsternd. Percival! Komm her.

Sir Percival hatte während der letzten Minuten uns nicht beachtet. Er war beschäftigt gewesen, Zahlen in den Sand zu malen und sie dann mit seinem Stocke wieder zu verwischen. Jetzt kam er herein.

Mut! flüsterte der Graf aufgeregt, Blut!

(Fortsetzung folgt.)

Hamburger Aükeu.

Eine Reiseskizze von Anny Wothe. (Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Als Graf Bodo aber am Morgen seine Nachforschungen im Hotel anstellte, mußte er zu seiner tiefsten Niedergeschlagenheit bemerken, daß die Sache doch nicht so einfach war, als er gedacht.

Es waren schon viele Herrschaften am Morgen ab gereist,, auch ein älterer Herr mit zwei jungen Damen, mehrere sogar. Ein Baron Reichenbach, der Millionenmann, nach dem der Graf sich auch erkundigte, war nicht im Hotel abgestiegen. Graf Bodo kannte sich garnicht mehr aus. Wer gestern von den Hotelgästen inTristan und Isolde" gewesen, wußte der Portier auch nicht, es wären viele ins Theater gegangen. Bodo war in Verzweiflung. Er mußte die Trägerin der perlgrauen Hand­schuhe finden. Tie Folge war, daß er ein unliebsames Ren- kontre mit einem Herrn im 'Frühstückszimmer hatte, weil ey dessen Frauso unverschämt", wie dieser behauptete, angestarrt, und daß er einer Dame die Schleppe abtrat, als er, hinter ihr die Treppe hinabschreitend, vermutete, es könnte die Ge­suchte sein.

Ganz abgehetzt .kam er endlich auf das Schiff. Hoffentlich war es das richtige.Natürlich der Turbiuen-Dampser Kaiser," beschwichtigte ihn ein Mitreisender, den er aufgeregt sargte. Tur­binen? Der Graf wußte garnicht, was Turbinen waren, na,- er war nun glücklich da, und die Suche konnte weiter gehens Er wanderte auf dem Deck des Schiffes unruhig hin und her, zur Plage aller Mitreisenden. Er starrle jedem hübschen Mädchen unverwandt ins Gesicht, und wo gar zwei zusammen waren, da stellte oder setzte er sich dazu, fing auch wohl hier ünd da ein leichtes Gespräch an, in dem immer ganz unauffällig Hamburger Küken" emgeslochten waren, aber er merkte nicht das Geringste, daß eine seiner Zuhörerinnen ihn verstand. Siö schienen ihn einfach für nicht ganz normal zu halten, und der Graf selbst kam sich allein ganz närrisch vor. , ,

Helgoland war längst in Sicht, und noch immer hatte er noch keine Dame gesehen, die der nächtlichen Besucherin gleichen konnte.