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Ger ausgegeben hatte, und von Cotta, Bent ersten Verleger der Zeit, sogleich für das „Literaturblatt" in Stuttgart engagiert wurde, wie man sich einen neuen Tenor rechtzeitig sichert. Gutzkow ließ seine schmollenden Eltern, die einen Theologen aus ihm machen wollten, und eine unglückliche Braut in der Heimat zurück, in dem Gefühl ferner Berufung zu etwas Ungewöhnlichem; und war später indiskret genug, diese erste Liebesgeschichte in seinem Roman ,,Seraphine" sehr ausführlich zu verwerten.
Doch wurde zunächst einmal das Studium nachgeholt, in Jena der Doktor gemacht, Heidelberg, München, Leipzig, Hamburg, Italien nach Mitstreitern durchstöbert, denn die große Zeit des zur Freiheit Heranwachsenden uni) Freiheit fordernden Bürgertums erforderte ungewöhnliche Anstrengungen. Nichts aber ist falscher, als jener unsinnige Verdacht, mit dem ein Wolfgang Menzel (zunächst ein persönlicher Gönner Gutzkows), als er sich eines Tages von dem jungen Heißsporn angegriffen sah, zum Deutschen Bundesrat lief und alle die jungen Kämpen einer neuen Kunst als staats gefährlich, antinational, atheistisch und sittenlos denunzierte und die Aufmerksamkeit des Zensors ganz besonders auf Gutzkows Roman „Wally, die Zweiflerin" lenkte. Der Erfolg blieb nicht aus. Alle, auch die zukünftigen Werke „Jungdeutschlands", wurden verboten; und Gutzkow wurde überdies wegen „Verächtlichmachung des Glaubens" drei Monate in Mannheim in Haft gehalten. Und das für eine Sittenschilderung, die heute an Skepsis gegen bestehende Einrichtungen durch jeden Familienzeitschriftenroman übertroffen werden kann. Wichtiger ist uns, daß der vierundzwanzigjährige Gutzkow hier wie in seinem ersten Roman „Mahn Guru", der „metaphysisch-ironischen" Erzählung einer asiatischen Religionsstiftung, nach der Devise seiner literarischen Parteigänger und im Aktuellen Erfolg und Ruhm suchend mitten ins Leben seiner Zeit hineingegriffen hatte. Wurden hier moderne Religionsprobleme und das Gottesgnadenkönigtum mit Schellingschen Ideen abgehandelt, so dort ein vielbesprochenes Tagesereignis: der Selbstmord Charlotte Stieglitz' zum Gegenstand eines Romans gemacht, jene heroische Geste einer Frau, die ihren schwerfälligen Gatten durch ihren Tod zum Genie um- wandeln wollte. Diese ganz unsinnig angewendete Eitelkeit batte in der an Pathosschwund leidenden Zeit wahre Begeisterungsorgien entfesselt.
Immer darauf aus, mit dem Publikum in dem, was er für Lebenskuust hielt, im engsten Konnex zu bleiben, gab er unmittelbar nach seiner Freilassung der Welt seine Stellung zu Goethe kund, schrieb eine Philosophie der Geschichte und mehrere Essaybände, die {em Verleger Campe hinter dem Rücken des Staatsanwalts auf den Markt brachte. Unter dem Namen Bulwer wurde er in Hamburg, wohin er mit seiner jungen Frau (Amalie Klönne) aus Frankfurt übersiedelte, der Herausgeber des „Telegraphen für Deutschland". Das, was die Freunde einst zu ihrem Programm erhoben hatten: lebensvolle Schilderung der Wirklichkeit und eine Verherrlichung des Lebens selbst, als des höchsten aller Erdengüter, hatte sich in Gutzkow in Mancher Beziehung gewandelt. Er war zu sehr auf seine eigene gesonderte Stellung bedacht, um nicht hier und da ohne Absicht vielleicht das Werk seiner Mitstreiter im Stich zu lassen. So hatte Muiidt in seiner vortrefflichen Literaturgeschichte eine glänzende objektive Charakteristik des geistreichen Verteidigers der katholischen Weltanschauung, Gör- res, gegeben. Gutzkow schreibt ein Pamphlet „Die rote Mütze und die Kapuze", das sein Ziel abermals vor lauter Originalitätssucht verfehlen mußte. '
Während Laube sich anschickte, mit den Ideen des >,Jungen Deutschland" der bedeutendste Burgtheaterdirektor aller Zeiten zu werden, empört sich Gutzkow in Paris Über die Natürlichkeit des Spiels und läßt sich von den Franzosen gerade in dem belehren, was wir ihnen auf die Dauer nicht verzeihen können, in jener Pointenjagd, die immer darauf aus ist, das Publikum durch Anspielungen auf politische Ereignisse oder durch Schmeicheleien feines gesunden Menschenverstandes in lautes Entzücken zu versetzen.
Gutzkows Beziehungen zum Theater, angeregt dürch einen Besuch in Paris, fallen in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, in die dreißiger seines eigenen Lebens. Die Theaterstücke aus der Feder des großen Mannes überstürzten sich fast und brachten der deutschen Bühne einen viel aufgefüyrten und zuletzt auch schon viel umstrittenen
deutschen Autor. Immerhin, gegenüber dem üblichen französischen Salonton, auch mit ihrem Temperament, dessen künstliche Steigerung man in der aufgeregten Zeit übersah, und dem Mut, mit dem der Autor darin der Gegenwart auf den Leib rückt, eine Bereicherung! „Zopf und Schwert", „Der Königsleutnant", „Uriel Aeosta" und „Das' Urbild des Tartüfs" sind noch heute Repertoirstücke unserer Bühne. 1846 engagierte das Dresdener Hoftheater, an dem zwanzig Jahre zuvor auch Ludwig Tieck gewirkt hatte, den neuen Dramatiker als Dramaturg. Weber die Bühne noch die Stücke Gutzkows haben von dieser Tätigkeit viel profitiert. Gutzkow war eben int Grunde doch ein zu eitler Mensch, um von den Dingen und aus dem Leben heraus für das, was er lebendige und int höchsten Maße aktuelle Kunst nannte, viel zu lernen. Krankheit und Tod seiner Frau hinderten ihn daran, in der politischen Bewegung von 1848 eine Rolle zu spielen, wie er es sich wünschte. Dennoch riefen ihn die Märzunruhen nach Berlin, wo er am 19. März, auf den Schultern begeisterter Verehrer nmher- getragen, eine Befchwichtigungsrede an die aufgeregten Volksmassen hielt. — Das Dresdener Hoftheater wurde aufgelöst, und Gutzkow ging 1849 nach Frankfurt a. M.^ wo er bald darauf die Cousine seiner ersten Frau heiratete.
Noch war der Gipfel seines Ruhmes nidjt erklommen, wenn ihn auch schon die Anzeichen eines ersten Abflauens beunruhigten. Er machte noch einmal gewaltige Anstrengungen, das Publikum zu uneingeschrättkier Verehrung zu zwingen und das Urteil der Zeit sich untertan zu machen. Diesmal wieder als Romanschriftsteller. Er hatte sich auch hierfür wie für die Bühne zunächst wieder eine neue Theorie ausgedacht. Er wollte das Nebeneinander des modernen Lebens schildern, nicht wie die Klassiker beim Schicksal einzelner Menschen verharren. Er übersah dabei, daß das Typische künstlerisch umfassender fein kann als das Vielerlei. In dem Jahrzehnt 1850—1860 entstehen die beiden Hauptwerke Gutzkows, der neunbändige Roman „Die Ritter vom Geist" und „Der Zauberer von Rom". Alle Reformgedanken der Zeit, evangelische wie katholische, wurden von den Personen in Endlosen Gesprächen erörtert. Darüber hinaus wollte er bald ironisch, bald tragisch die Macht des Zufalls und des Milieus zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig bestimmte er das kritische Urteil seiner Zeit als Herausgeber der Zeitschrift: „Unterhaltungen am häuslichen Herd". ’ ■
Das Maß feiner Arbeitskraft und die Auswirkung seines persönlichen Einflusses aber hat sich dann auch damit erschöpft. Seine krankhafte Empfindlichkeit nahm mit immer steigender Unruhe und gereizter Abwehr die allmählich wachsenden Stimmen seiner literarischen Gegner und Kritiker wahr. Solche Gemütsverstimmungen, zu denen sich schließlich pekimiäre Sorgen gesellten, führten zu einem Selbstmordversuch. Und 1856 brachte man den „großen Dichter" vorübergehend in eine Nervenheilanstalt. Ein unruhiges, rastloses, immer übertrieben ehrgeiziges Leben neigt sich seinem tragischen Ende zu. Er mußte es erdulden, daß man für ihn sammelte. Der Roman der Reformation „Hohenschwangau", der Kaspar-Hanser-Roman, „Die Söhne Pestalozzis", die Novellen „Die neuen Sera- pivusbrüder", gekränkte Kritiken gegen alle Großen feiner Zeit und der Vergangenheit tragen nur zu deutlich den Stempel einer Nervenüberreizung. Ein unstetes Umherwandern von Stadt zu Stadt macht ihn vielen seiner Helden immer verwandter. Und so kehrte sich das Programm „Jungdeutfchland" in feinem großen Vertreter geradezu in das Gegenteil. Nicht das Leben bestimmte die Kunst — sondern die Kunst, das Erdachte wurde das Leben. Fast alle seine Helden waren eines gewaltsamen Todes gestorben. Nun ereilte auch ihren Schöpfer dasselbe Geschick. In Sachsenhausen ist Karl Gutzkow in der Nacht des 15. Dezember 1878 in seinem Bett verbrannt. Eine starke Dosis Chloral, fein ständiger Begleiter, sollte ihm Ruhe geben. In der Betäubung stieß er das brennende Licht um und erstickte int Ranch des Feuers.
Dermifcbtes.
Frühlingszonen. Die Frage, wann der Frühling seinen Einzug hält, ist vom astronomisch-kalendarischen Standpunkt aus leicht bis auf Stunde, Minute und Sekunde genau zu beantworten. Der frierenden Menschheit aber, die den Frühling erst mit dem Eintritt milder Lenzeswitterung und dem Aufblühen der Bäume und Sträucher beginnen läßt, ist wenig damit gebient, daß der astronomische Frühling mit dem Augenblick beginnt, in dem


