Ausgabe 
16.3.1911
 
Einzelbild herunterladen

170

nämlich' Witwer," fügte et in traurigem Don hinzu, nnS die Kosy machte ein bedauerndesOh!"

Ja, meine Frau, die liebte die höheren Berge, so wie die Schweiz oder Tirol, na, und Kinder hatten tote keine! Vorbeigefahren bin ich ja oft, aber nie ausgestiegen, und wie das denn so plötzlich einmal kommt. In der letzten Zeit hab ich mich ein bißchen überanstrengt in der Arbeit und brauchte eine Ausspannung. Seitdem aber meine Frau nicht mehr ist, hab ich keine Energie mehr. Ich könnte mir ja andere Reisen leisten wie die nach hier

Das will ich meinen!" Die Kost) reichte Uj-m das warme Glas Salzbrunnen, und der Herr sah in Gedanken verloren vor sich hin. .

Wenn einem die Frau fehlt, fehlt einem alles! Man weiß nicht mehr, wofür man arbeitet, wofür man da ist, man weiß überhaupt nicht mehr, was man auf der Welt soll." t

Aber der Herr ist doch noch jung!" In der Kosh Stimme lag eine aufrichtige Teilnahme.

Der Herr trank einen Schluck von dem gewärmten Salzbrunnen, aber er schmeckte ihm nicht.

Das ist alles Gewohnheit, mein Herr!" versicherte die Kosy.Ich habe Fremde gehabt, die konnten im Anfang unser Wasser nicht sehen, und wenn sie zwei Wochen da waren, konnten sie nicht genug kriegen."

So?" Ungläubig schüttelte der Herr seinen Kops. Mein Morgentrunk wär's nicht! Gin Täßchen guter Bohnenkaffee--" ,

Können Sie haben, können Sie haben!" ®ienfteifrig holte die Kosy ihr blaues Kännchen vor und goß vor­sichtig eins von ihren Brunnengläsern voll.Auch mit Zucker und Milch kann ich aufwarten, wenn der Herr be­lieben, nur Semmel hab ich nicht mehr, die nehm ich nur für eigenen Bedarf mit."

Der Herr aus Leipzig nahm dankbar den Kaffee an und sah auf feine goldene Uhr, die er an einer schweren, goldenen Kette trug. .

Einhalb acht, das ist ausgerechnet meine Kaffeestunde. Ich hatte mir nur vor genommen, heut mal da oben," er deutete auf die Rudelsburg,meinen Morgentmnk zu nehmen, nur der Abwechslung halber, aber bei dem H-m- mel! Na, und wo ich so unvermutet angenehme Gesell­schaft gefunden habe---" ,

Die Kosy strahlte übers ganze Gesicht und besah sich ihren netten Nachbarn von oben bis unten.

(Fortsetzung folgt.)

die Müdigkeit War von W gewichen und auch Sie ganze . große Beklommenheit. , I

Kosy, du mußt mir helfen!" dachte sie plötzlich ganz Mutig.Wir zwei sind doch über so viel hinweggekommen, I wir werden uns auch jetzt nicht überwältigen lassen, und I das Hans lassen wir uns nicht nehmen, nicht wahr, Kosy? Wir wehren uns: dreitausend Mark sind doch nur eine | SHfHTticifßit I

Sie lief fast die Chaussee hinunter, sie freute sich Plötz­lich, daß die Sonne so hell schien und daß alles um sie her so froh und lustig aussah.

Sie sehnte sich nach der Kosy, nach ihrem Jungen und nach ihrem alten, bösen Haus, das ihr so viel Kummer bereitete.

AmMutigen Ritter" traf sie ihren kleinen Jungeii, der ihr eutgegengelaufen war, und auf dem schmalen Weg zwischen Haus und Gärtchen stand die Kosy, hielt die Hand über die Augen, weil das helle Licht sie blendete, und rief ihr zu: ,

Nu, aber, kleine Gnädige! Von neun bis gegen fünfe am Nachmittag in einer Tour in Naumburg! Wenn Sie da aber nichts ausgerichtet haben!"

I Die Kosy ließ sich in den nächsten Wochen die I dreitausend Mark auch stark im Kopf herumgehen, obschon sie doch genug anderes zu denken hatte.

Das Bad war eröffnet worden, und sie mußte früh von sechs bis acht am Brunnen sitzen, trotz Regen und Kälte, denn der Mai ließ sich in diesem Jahr recht un­freundlich an, brachte Frost in der Nacht und einen lang­weiligen Landregen am Tag.

Die Kosy mußte ihre Hände in die Schürze wickeln und saß verdrießlich unter dem Blechdach neben dem Brunnen. Bei der Hundekälte fiel es keinem von den zwanzig Kurfremden, die bis jetzt am Ort weilten, ein, toren Morgenbecher zu trinken, aber sie mußte zur Stelle sein, und kein Mensch gab ihr was dafür, wenn sie über kurz oder lang am Gelenkrheumatismus ober Aehnlichem krank lag. Sie saß pflichtgetreu ihre zwei Stunden ab, kochte sich Kaffee auf einem kleinen Spirituskocher und i sah die Welt, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, grau in g-rau.

Dreitausend Mark! Wo soll sie die her beschaffen?" sagte sie immer wieder.

Dreitausend Mark, das ist eine Kleinigkeit für einen, der sie nicht braucht, aber ein Armer kann sich die Füße wund danach laufen. Und wenn man bedenkt, wie mancher helfen könnte, wie mancher auch gern helfen würde, wenn er wüßte--"

Die Kosy sah den langen, schmalen Weg, der an der Saale entlang führte, hinunter. Waren da nicht Schritte gewesen? Nein, sie konnte sich nicht getäuscht haben, aber sie sah niemand. , ,

Dann muß er grad in der Biegung sein und wird gleich Vorkommen!" Sie lauschte und machte die Augen ganz klein, damit sie besser sehen tonnte.

Richtig, es kam einer! Aha, das war der, der gestern tot Mutigen Ritter ab gestiegen war, sie hatte ihn gesehen, wie er im Omnibus saß.

Guten Morgen, mein Herr! Schönen guten Morgen!" begrüßte sie ihn freundlich, fast zärtlich, wie er näher kam.

Der Herr, der im grauen Regenmantel ging, sah sich erstaunt um, auf die Begrüßung war er nicht vorbereitet gewesen. t,,,

Guten Morgen!" antwortete er freundlich, als er die Mte unter ihrem Blechdach gewahrte.So früh schon auf dem Posten?"

Ja, mein Herr! Seit acht Tagen schon für nichts und wieder nichts. Sie sind mein erster Gast, und vom ersten hängt die ganze Saison ab. Sie nehmen doch ein Gläschen, mein Herr?"

Ra, eigentlich, offengestanden, viel Lust hab ich nicht dazu! Bei der Witterung braucht man nicht gerade was Kaltes in den Magen!"

D bitte, bitte, wir wärmen dem Herrn ein Gläschen. Sie sollen mal scheu, wie das schmeckt! Der Herr ist wohl aus Leipzig, der Sprache nach zu urteilen?"

Ganz richtig!" entgegnete der Fremde, und die Kosy Ittb ihn ein, zu ihr unters Blechdach zu kommen.

Nu, da ist Ihnen unser Ort wohl schon bekannt?" fragte sie und hantierte am Spirituskocher.

Das nicht! Aber meine selige Frau..... Ich bin

Karl Gutzkow.

Zu seinem 100. Geburtstag, 17. März 1911.

Von Dr. Wilhelm Mietzner.

(Nachdruck verboten.)

Wer eine Geschichte des Ruhmes zu schreiben unter­nimmt, wird in allen Zeiten auf Größen ersten Ranges stoßen, die schon ein Jahrzehnt nach ihrem Tode wie ver­sunkene Städte nur noch dem Namen nach bekannt sind. Am 100 Geburtstage ist, was von ihrem Ruhm übrig blieb, nur noch wie ein Glockengeläut aus der Tiefe, das einige gehört haben wollen, um zu sagen: Seht, dort muß sie einst gestanden haben ... v , >

Wer kennt heute Ludwig Tieck, wer Karl Gutzkow, unv doch nahmen sie einst das Maß von Ruhm, das ein Volk an seinen anerkanntesten großen Dichter hiiizugeben vermag, jeder ganz für sich in Anspruch. Goethe war nicht so ge­liebt und gekannt von seinen Zeitgenossen, wie Ludwig Tieck. Und selbst der Nachruhm Goethes, der in stetem Wachsen den aller seiner Nachfolger im Olymp überstrahlte, mußte ein wenig verweilen, um vorerst noch Karl Gutzkow, dem Sproß eines Berliner Hofstallmeisters, für kurze Zeit den ersten Platz einzuräumen.

In Tieck wie Gutzkow war es junges, aufstrebendes Berlinertum, das vorwitzig und geschickt sich die neuen Gedanken einer Heranwachsenden Generation zu eigen machte und mit lauter Stimme und nie ermüdender Wiederholung dem erstaunten Publikum verkündete. So hat die Romantik in Tieck,das junge Deutschland" in Gutzkow seinen Herold gefunden. ,

Mancher unserer jugendlichen Gernegroße könnte mit Neid den literarischen Ruhm des Primaners Karl Gutz­kow betrachten, der, ehe er noch die Lehrjahre der Universi­tät beginnen konnte, bereits zwei kritische Zeitschriften