Donnerstag des 16. März
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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Dortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
— Frau von Hilbach war den weiten Weg von Naumburg gut Fuß nach Hause gegangen. Sie mochte nicht an den Bahnhof gehen, mochte nicht mit Menschen aus ihrem Ort im selben Kupee sitzen, sich von ihnen ansehen lassen wie eine, die eine schwere Krankheit hat und deren baldiges Ende man erwartet. —
Sie fühlte sich müde; die laue Frühlingsluft legte sich schwer auf ihre Glieder, doch tat es ihr wohl, so in den schönen Tag hineinzuwandern.
Es war so still, so einsam um sie her; kleine, weiße Wölkchen schwammen am Himmel; die ersten grünen Blättchen sprangen aus den Knospen, und die Vöglein jubelten in der Luft.
Eine rechte Frühlingsschwärmerin war sie nie gewesen, schon als Kind nicht. Der Frühling hatte sie immer bedrückt, hatte traurige Gedanken in ihr geweckt. Er war ihr oft vorgekommen wie ein strahlender, wunderschöner, selbstbewußter, junger Mensch, der bewundert sein will, den man aber nicht so recht lieb haben kann, weil er blendet Und betäubt.
Ihr war der stille, traurige Herbst lieber. Wenn der Herbst ein Mensch wäre, vielleicht eine einsame, müde Frau wie sie, dann würde er sie wohl verstehen, und sie könnte ihn lieb haben und ihm ihr Leid klagen.
Sie sehnte sich so sehr nach einem Menschen, der sie verstand, der ihr ein gutes, warmes Wort sagte und ihr die Hand briicrte, weiter nichts. —
Ach, sie war so bescheiden und demütig geworden in diesen letzten Tagen. An ihn, der da draußen in der Welt für sie arbeiten und kämpfen wollte, mochte sie gar nicht mehr denken. Vor so einem armen, zermarterten Ding, wie sie es jetzt war, mußte das Glück doch meilenweit fliehen.
Er hatte ihr einmal an einem traulichen Winterabend im Wohnzimmer gesagt, daß sie eine Lichtseele habe, die nie erlöschen könne; sie hatte es geglaubt, weil sie sich damals so unaussprechlich reich gefühlt hatte. Jetzt aber wußte sie: es war ja gar nicht ihr eigenes Licht gewesen, von dem er gesprochen, es war nur der Widerschein von dem Glanz gewesen, den er über sie ausgeschüttet hatte.
Nun, da sie verlassen, da Sorgen und Kümmernisse Mer Art sie erdrücken wollten, war es kalt, dunkel und tot in ihr geworden: ihre Seele wußte nichts mehr von Licht und Wärme und Glück.
„Dreitausend Mark!" dachte sie unablässig auf dem tzanzen, langen Weg. „Dreitausend Mark bis zum 1. Juli muß ich schaffest sonst nehmen sie mir das Haus! Wenn
er dann kommt, wird er traurig und' muß mich verachtens weil ich nicht Wort gehalten habe." '
Dreitausend Mark! Sie wußte nicht, war das oder wenig, sie wußte nur das eine, daß dreitausend Mark jetzt für fte die ganze Welt bedeuteten! Von diesen dre^ tausend Mark hrng alles ab, ihre und ihres Kindes Zukunft, des Doktors Glück und auch der armen Kosh Wohlergehen: denn wenn sie selbst erst glücklich war, dann sollte auch die Kosh endlich, endlich belohnt werden sü« all ihre Treue und Teilnahme.
Die ganze Luft schien ihr erfüllt zu sein von Zahle«. Ueberall las sie Dreitausend! Am Himmel, an den Baumes auf der Erde, auf jedem Grashalm stand es: Dreitausend^ immer wieder: Dreitausend!
Wie sie in Schulpforta ankam, fühlte sie sich erschöpft wie einer, der eine Wanderung von vielen Tagen gemaiM hat. Die Zahlen hatten sich rhr an die Kleider gehängt und auf die Schultern gelegt; sie preßten ihr die Gruft zusammen und tanzten vor ihren Augen. Sie wollte laufen, um vor ihnen zu fliehen, aber die Füße wollten nicht. M war ihr, als schleppte sie Mei mit sich, ganz große, flöt waltige Lasten von Mei.
„Ich kann nicht mehr!" jammerte sie leise und sich sich mn. Nirgends eine Bank, auch kein abgesägter Baumstamm, wie er früher oft dagelegen hatte. Langsam Schritt für Schritt ging sie durch das Klostertor, ein Stückchen Dorf bis zur Friedhosstür. Da bei den Gräbern standen Bänke; dieser alte, einsame Friedhof war amh ein bessere, Platz für sie als der blaue, Helle Frühlingstag draußen.
Sie saß lange und still an einem uralten Grab, und sie dachte — und dachte auch nicht, denn ihre Gedanken hatten wieder ihren eigenen Willen und schwirrten wie aufgescheuchte Vögel in ihrem Kopf. Im Anfang erzählten sie ihr immer noch von Zahlen, von dreitausend Mark, un« jede einzelne von diesen dreitausend Mark, war ein böser Mensch, der sie bedrohte, der sie quälte: kam er in ihr« Nähe und wollte sie zugreisen, tun ihn festzuhalten, dann war er fort, und wenn sie weinte, kicherte man um fte herum. t
Dann aber waren die Zahlen verschwunden, und es war jemand zu ihr gekommen, von dem eine große Ruhr ausging, etwas Einschläferndes fast- Sie hatte die Augen schließen und den Kopf zur Seite neigen müssen.
Was sie dann noch int bunten Durcheinander gedacht oder geträumt hatte, das wußte sie nicht mehr. Es war plötzlich wie ein Ruck durch sie gegangen. Sie hörte den vollen, schönen Ton einer Kirchenglocke, die vier Schläge toch, und schrak auf.
Vier Uhr! Und es war Mittag gewesen, als sie vom Naumburger Markt gegangen war. Drei Stunden hätte sie hier aus dem Friedhof bei den alten Gräbern mit den latemischen Inschriften gesessen, hatte geschlafen, tief und fest geschlafen. Sie reckte sich und breitete die Arme aug4


