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Das getupfte Band.
Eine Dcleklivgeschichtc von Conan Doyle.
(Fortsetzung.)
Wohin geht diese Klingel?" fragte et zuletzt und deutete dahei auf einen dicken Klingelzug, der neben dem Bett herabhing, so das; die Quaste auf dem Kissen ruhte. ,
„3ii das Zimmer der Haushälterin." , „
„Sie scheint neuer zu fein als die übrige Einrichtung.
Jawohl, sie wurde erst vor ein paar Jahren angebracht.
/.Vermutlich auf Verlangen Ihrer Schwester?"
„Nein so viel ich weiß hat Julia sie me benützt. Wl« waren gewohnt, uns alles, was wir brauchten, selbst zu holen.
Nun, dann war es wahrhaftig recht überflüssig, einen so schönen Klingclzug anzubringen. Sie erlauben wohl, da« 'N mich jetzt ein paar Minuten ans dem Boden umsehc." Er legte sich mit der Lupe in der Hand nieder und kroch behende vor- unö rückwärts, um jede Spalte zwischen den Dielen auf das genaueste zu untersuchen. Hieraus prüste er die Holztäfelung des Zimmers ebenso sorgfältig. Zuletzt trat er an da^ Bett und betrachtete es längere Zeit, während er gleichzeitig den Blicksai öet Wand hinter demselben auf» und abgleiten liess. Schließlich saM er den Glockenzug und tat einen tüchtigen Ruck daran.
„Tas ist ja nur eine Scheinklingel!" sagte er.
■'«Rein, cs ist nicht einmal ein Draht daran befestigt. M»
lernt, beleidigten fein Ksthetifches Gefühl, es,waren Me, häßliche, verkümmerte Geschöpfe mit neugierigen Klugen Und gedrückter Haltung.
Das blonde Mädchen, die Tochter jener Frau, die ihr Leben an der Strickmaschine fristete, das damals so wund an Leib und Seele vor ihm gelegen, hatte seine^Sympathrn aelvonnen aber nur für die Zeit, da. fit kraui !var, an dem ersten Abend besonders, da er in das düstere, große Ummer ulit den vielen jammernden Frauen gekommen war. Er Batte sie alle bei dem matten Licht kaum unterscheiden können, aber in der Nacht, die jenem Abend gefolgt war, schwebte ihm etwas Sonderbares vor.
Da hatte eine in einem Sessel gesessen und hatte das kleine Kind des kranken Mädchens int Arm gehalten; ihre Wae hatte er nicht erkennen können, aber von dieser Frau war es wie ein Funke in ihn übergesprungen, als ob er ent Knistern gehört habe, so lvar es ihm gewesen, rme war noch jung, aber schmal und blaß und unfroh, sie hatte auch nicht gesprochen und gejammert wie die andern, sie war ganz ruhig gewesen, und doch war e» wie Wärme und Licht von ihr ausgegangen. - . , m ,,
____ Am Tag vergaß er sie, aber in der Nacht sah er sie vor sich, und einmal hörte er in der Nacht vom Nebenzimmer aus unterdrücktes Schluchzen, da wußte er, es war die. Frau, von der Licht und Wärme ausgegangen war; die lag da neben ihm int Zimmer und weinte und war so entsetzlich schwach und sehnte sich, und sonderbar, plötzlich wußte er etivas Schönes, Liebes: Sie sehiite sich nach ihm, sie weinte, weil sie Sehnsucht hatte, sich und ihre große Schwäche an ihn anzulehnen. Er wußte vieles von ihr durch das alte Bediennugsweib, ihr ganzes Schicksal kannte er, aber er ging ihr aus dem Weg. Er wollte nicht wissen, wie sie aus ah, wie sie sprach. Er hatte Angst vor ihr und ihrer Schwäche.
Aber jede Nacht war sie wieder bei ihm, ganz und dicht bei ihm, und das Zimmer war durchflutet von ihrer Wärme von ihrem Licht, und sie hing an seinem Körper, und er hielt sie fest, und wenn er aus dwsem Traum erwachte, mußte er stöhnen und seufzte. „Ach, ein Weib so mi sich hängen zu haben, fo ganz und gar, und sie halten zu können — — —'" t. , r ,
Aber dann schlug er sich au die Stirn und faßte:
„So ein Elender, der sich nicht selbst aufrecht halren kann!" Und er ging ruhelos im Zimmer hin und her und lauschte, ob sie wieder weinte.
— Au jenem Tag, da die alte Kosh ihn mit wort- reicher Entschuldigung wegen des kalten Zimmers geb ten hatte, zu ihrer Frau, die so verlassen sei, heruberzukvmmen, war es ihm tote ein Schreck durch die Glieder gefahren.
Einen Augenblick tu ar er versucht gewesen, dem alten Weib ein grobes Wort zu sagen, daun plötzlich sah er wieder all die Wärme und das Licht, und irgend eine Stimme in ihm sprach: „Wenn du nicht gehst, wiro sie zu Tode traurig sein!"
So ivar er zu ihr gekommen und hatte sie toll und übermütig gesehen und hatte sofort gewußt: ,„Sie lugt, sie muß lügen, weil sie ihre Schwäche nicht zeigen will! Und ihre Schwäche hakte ihn still und ruhig, und stark gemacht, an jenem Abend und auch in der Nacht, da fte wieder so jammervoll geweint hatte.
Nun saß er Abend für Abend bei ihr, und fte war ruhig geworden, und diese «Ruhe erschien ihm rührend, weil sie doch nicht tvirklich da war, denn sie wollte ja etwas von ihm: ihre Seele war bang und unruhig und voll von Wünschen und Begehren, aber ihr Mnnd lachte und plauderte. ~ , ,, _
Ihre Augen sahen oft ins Leere, und ihre Gedanken flatterten todesbang und aufgeregt umher; es war ihm immer, als hörte er den Flügelschlag eines anfgescheuchten Bogels im Zimmer.
„So ein armes, armes Ding!" dachte er oft, wenn er von ihr ging und wenn ihre Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, fo hilflos in der seinen lag. „So ein armes, armes Ding, und hat so viel zu tragen und würde doch den Mut haben, zehn solcher Häuser mit samt feinen Insassen und deren Kummer und Herzeleid aus die Schultern zu nehmen! Zehn solcher Häuser mit lauter vergrämten, armseligen Weiblein würden fie nicht zu «Boden drücken, Nicht einmal müde machen, aber an der eigenen, gewaltigen, ziellosen Sehnsucht trägt fie fich wund, diese ge
waltige Sehnsucht raubt ihr beit Willen, die Kraft, Hub diese Sehnsucht wird ihr den Todesstoß geben’-
Sie sprachen über gar manches an all de« langen, traulichen Abenden int Wohnzimmerchen. Die Kosh läpperte in einer Ecke mit ihren Nadeln, und wenn es zehn Uhr ge- schlaaen hatte, fiel ihr der Kopf vornüber, und sie machte Ki Nickerchen, und wenn dieser Augenblick gekommen war, dann lächelten die beiden. Es war ihnen dann, aL feien sie nun endlich allein, als dürften fte nun etwas tun, was fie in Gegenwart einer dritten «Person nicht tun tonnten.
Aber sie' taten es nicht, fie saßen jeder auf feinem Stuhl und sprachen oder schwiegen, und wemt die .cosh erwachte, sah der Doktor auf seine Uhr, eittschuldigte sich, daß er so lange geblieben, machte einen Scherz mit der, Alten, reichte Fran von Hilbach die Hand und ging-
Die Kosh wirtschaftete dann noch eut «Weilchen im Zimmer umher, deckte ihrer Frau das Bett auf, half ihr auch beim Ausziehen und sagte wohl manchmal ein viß- ^"„Daß ei? jeden Abend kommt, ist ja sehr nett, aber in letzter Zeit bleibt er doch eigentlich reichlich lang!
Dabei gähnte sie und fragte ihre Herrin. „Meiner kleinen Gnädigen wird die Zeit aber nicht lang, wenn er da ist, was?" Und wenn Fran von Hilbach keine Anw wort gab, ging sie zu des Jungen Bett und lachte leise,
^Was"der wohl sagen würde, wenn er noch mal einen Papa bekäme! So ein Junge wird ein ganz mnderev Kerl, wenn ein Vater da ist, der ihn bei Gelege.iheih auch einmal durchhaut! Sie sollten em bißchen schlau, fein, Frau von Hilbach und ihn ermuntern — —
’ „Dumme, alte Kosh!" antwortete dann Frau von Hilbach, gab ihr die Hand zur guten Nacht, und die Mo ging und schüttelte den Kopf. ,,
ß Sie hatte es nun bald über. Zum Spielen war ihre Fran denn doch zu gut, und so em kluger Mann mußte doch wissen, was er wollte. .
} Entweder — ober!" das war immer ihr Prinzip gewesen, möglichst schnell Klarheit über eine Sache zu bekommen. Dreimal war sie in ihrem Leben von erneut Manne zur Frau begehrt worden, und keiner von denen hatte so lange Umstände gemacht. Beim dritten Mai Sehen war man einig gewesen und smg an zu überlegen! wegen der Möbel, der Wohnung und all der schonen, interessanten Sachen, die eine Verlobung mit sich bringt.
Diese zwei aber blieben immer auf demselben Fleck, unb aus dem Doktor wurde matt überhaupt nicht mig.
Wenn die Kosh fich aber ansinalte, daß er eines Tages einfach abdainpfen unb ihre arme Frau altem Men lasten mürbe, bann empfanb sie etwas wie Haß gegen ihn, und sie versuchte, ihn kühler zu behandeln, aber wenn sie bann in seine warmen, guten Augen sah, sagte sie sich. „Ne, wenn ber ein Lump sein soll, bann gibt-s überhaupt feine anstänbigeti Menschen mehr auf ber Welt.
(Fortsetzung folgt.)


