Donnerstag den |6. Februar
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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
t8orlsctziing.) (Nachdruck verboten.)
, , ®L^ai-^e ieme Waffen von sich geworfen, er hatte nicht mehr .ampfen wollen, nur noch verachten, nur noch herab- Kl)en und warum? ®nnj einfach ans dem Grunde: Ihm, dem superklugen Doktor Bergholz war einmal, zum ersten -Aale un Leben etwas fehsgegangen! Zum ersten Male hatte ihn ein schlag getroffen, ein harter Schlag allerdings, ein Schlag, der ihm den einzigen Freund seines Lebens und aller! äußeren Besitz gekostet hatte, und das hatte genügt, ihn mederzuwerfen, ihn, einen Menschen von sechsunddreißig Jahren, groß, stark, gesund und ausgestattet nut einem Vermögen von praktischen Kenntnissen, das ihm
Verlust der äußeren Glücksgüter in ein paar Jahren doppelt embringen konnte.
Er aber wollte nicht mehr; es war etwas in ihm zerbrochen. 0
Auf Ruinen neu aufzubauen, wie das Wohl viel Taufende anderer tun mochten, das paßte ihm nicht.
Einen Sonderling hatte man ihn oft genannt, und warum? Vielleicht, weil er seine eigenen Ansichten hatte, weil ihm das, was man so im vulgären Leben Vergnügen nennt, kein Vergnügen bedeutete, weil er etwas Besonderes wollte. Er wußte es nicht. Was hatte es ihn auch gekümmert? Ein paar Staffeln über dem Durchschnitt der kämpfenden Menschheit hatte er schon deshalb gestanden,, weil er Geld gehabt und dadurch jene schöne, freie Ruhe, die em sicherer Besitz verleiht.
Dazu kommt so einer, der ein Grübler und Nachdenkler ist, Eigentlich jung und glücklich war er nie gewesen.
ja nicht. Aber das Leben, die Welt, die Menschen hatten ihn interessiert, sein Studium hatte ihn gepackt, hatte ihm schöne Jugeudjahre in einem Arbeitsvausch vergehen lassen, Und er wußte nicht, daß man das sonderlich nennt, wenn einer, der es nicht nötig hat, sich von Freude und Lustia- keit zurückhält.
Es war dann ein Mensch in sein Leben gekommen, der hatte ihn interessiert, vom Hause aus ein armer Schlucker, auch Mediziner wie er. Aber der stand mitten im praktischen Leben, weil er verdienen mußte, und der hatte des Doktor Bergholz Gedanken auch in die Wirklichkeit zurück- gefuhrt.
Wie das so langsam gekommen war, er wußte es nicht, aber der j-nge Mensch, der erste Freund seines Lebens hatte es ihm beigevracht: er müßte etwas für die leidende Mensch- hert tun, er müßte etwas ^gründen, ein Sanatorium, ein Heim für Verlassene, irgend etwas, nur von den Büchern aufstehen und in die wirkliche Welt blicken. — Im Anfang hatte sich Doktor Bergholz dagegen gesträubt, aber dann hatte sich der Gedanke an eine Moße, ideale Gründung doch
in sein Herz eingeschlichen und war gewachsen, so schnell und mit solcher Gewalt gewachsen, daß er plötzlich keine Ruhe mehr hatte.
Das, was er sich da in stillen und doch erregten Stunden an seinem Schreibtisch ausgedacht hatte, das paßte aber nicht in die Welt, das überstieg auch seine Mittel und Kräfte. Er gab dem Freunde, der so viel verständiger und praktischer war, die Vollmacht, er gab ihm seinen Besitz, sein Vertrauen, gab ihm alles, was ihn erfüllte und begeisterte, und---ha ha, —
„Verfehlte Spekulation!" hatte man das genannt. Der Freund hatte plötzlich eine kühle, abwehrende, fast feindselige Miene angenommen, er hatte des Doktors Besitz überschätzt. ---
Er, Doktor Bergholz war ein Spekulant, ein ruinierter Mensch, auf den man mitleidig herabsah, ein Phantast, einer, der sich blamiert hatte. Sein Leben war verpfuscht! —
Im Anfang hatte er manchmal den Revolver an die Schläfe gehalten, dann aber war der Trotz gekommen. Er mochte nicht, so nicht! Das Gesindel um ihn herum wäre fähig gewesen, ihn zu bedauern. —
Fort mußte er, in die Welt. Gleichgültig iverden! Verachten! —
In der Folge war ihm daun manches so fremd und kindisch vorgekommen, so zum Beispiel das Rechnen. Für ein, zwei Jahre langte das, was geblieben. Ein oder zwei Jahre, das war aber eine Zeit, die wie etwas so Gewaltiges, Unausdenkbares vor dem Doktor lag, daß es ihn nicht kümmern konnte, was dann werden sollte.
So war er mit einer Bürde dunkler, schwerer Gedanken in die Welt gezogen, hatte so viel Hochmut und Verachtung mit sich herumgetragen und saß nun hier, seit vielen Wochen hier in dem' alten, gemütlichen Haus am Saaleufer und ließ sich durchtränken von Behagen, Kleinlichkeit und Gefühlsduselei.
Ein altes, schwatzhaftes Weib brachte es fertig, ihm wieder Interesse für bas Schicksal seiner Mitmenschen ein» zuflößen, für so absonderlich kleine Menschlein, wie die Insassen dieses Hauses waren.
Er liebte die Frauen nicht, das heißt, er hatte sich nie mit ihnen beschäftigt, weil das Ideal, das er sich von der Frau gemacht, in Wirklichkeit nicht zu finden war.
Eine Frau mußte etwas Schwach ?, etwas so armselig Schwaches sein, daß man es in der Hand zerdrücken konnte, aber in dieser großen Schwäche sollte ihre Stärke liegen.
Er war eben ein Sonderling; hätte er jemandem erklären wollen, daß er die Frau suchte, die Schwäche und Stärke in der höchsten Potenz in sich vereinigte, man hätte ihn einfach ausgelacht, hätte ihn „Phantast" genannt. Also, ließ er die Frauen laufen! —
Hier in diesem Weiberhaus aber hörte er durch die alte Dienerin viel von dieser Art Frauen, die schwach und star§ zugleich waren, aber die, deren Schicksal er nun kennen ge*


