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Nch, so erschreckend machtvoll über sie, daß sie keinen Willen dagegen besaß.
Sie saß nun auf einem Stuhl, den Kopf weit hinabgebeugt; die Haare hingen ihr wirr um den Kopf, und ihre Glieder bebten, denn es war bitter kalt im Zimmer.
„All das hast du mir angetan, Georg!" sagte sie leise, totb ihre Stimme zitterte. „Und wenn sie es erst wissen, dann ist auch hier meines Bleibens nicht mehr länger; dann deuten sie mit Fingern auf mich, und an all dem List du schuld — du — o du!"
Warum war sie nur hierhergekommen? Warum hatte Rott sie gesund werden lassen vor Jahresfrist, als sie da hinten in einem Oertchen Schlesiens auf den Tod krank gelegen und in ihrem armen Hirn doch nur noch der eine Wunsch, der eine Gedanke gelebt hatte, still und lautlos zu sterben, ohne Aufsehen, wie ein Wurm, den man getreten, der sich ein paar Mal aufkrümmen muß und dessen Tod Niemand beachtet!
Ja, sterben, nur kein Interesse mehr auf sich lenken, demütig, still und tonlos sterben, um jene zu versöhnen, die ihr zürnten, nachdem das Entsetzliche in ihr Leben gekommen war, ihre Schwestern und Brüder, all die, die ihr einstmals nahe gestanden und die sie jetzt mieden.
Wenn sie still und bescheiden gestorben wäre, dann würden all die, wenn sie einmal an ihrem Grab vorbei- gingen, vielleicht doch eine weiche Regung für sie haben, würden vielleicht sagen: „Arme Frau! Verpfuschtes Leben!" Und das würde ihr wohltun r-? noch im Tode würde es ihr wohltun.
Aber dann plötzlich war das andere wieder da, das Furchtbare, das, was sie oft mieten in der Nacht so laut Und gellend auflachen ließ, das sie rüttelte und. zerrte, ihr etwas Brausendes in die Adern goß, daß sie aufspringen mußte, daß sie wie eine Wahnsinnige den Kopf an die Wand stieß und schreien oder beten mußte.
Die Frau eines Mörders! Das war der Fluch, der sie verfolgte, seit zwei Jahrzehnten, seit sie ruhelos durch die Welt zog, in der steten Angst, dem fortwährenden Mißtrauen lebend: „Weiß man schon? Weiß man alles?"
Sie konnte die Blicke der Menschen nicht mehr ertragen. Monatelang lebte sie allein, weltabgeschieden, und dann plötzlich mußte sie heraus; irgend etwas in ihr quälte und peinigte sie und ließ ihr keine Ruhe
Ihr verstörtes Wesen aber siel den Menschen auf; man sah die unscheinbare Frau mit scheuen Blicken au, und diese Blicke entsetzten, erschreckten sie, und dann ging sie eines Tages hin zu irgend einem Menschen, den sie kannte Und den sie für gut hielt, und bei ihm erleichterte sie ihr armes Herz und sprach sich das Entsetzliche von der Seele.
„Kein Raubmörder, keiner der stiehlt und heimlich kommt! In der Wut hat er ihn erschlagen! Glauben Sie, « war nicht schlecht, nur maßlos, nur jähzornig!"
Und sie erzählte ihre ganze traurige Geschichte, wie der Mann, der sein Leben lang ein ordentlicher Mensch gewesen, ins Zuchthaus gebracht wurde und nach zwei Jahren gestorben war: daß der einzige Sohn ins Ausland gegangen war und sie allein zurückgelassen hatte, und daß sie die furchtbare Last nicht von der Seele wälzen könne.
Hier in Thüringen, in dem alten, stillen Haus war ihr eine Zeitlang so wohl gewesen; den ganzen Sommer Über hatte sie sich glücklich und froh gefühlt, hatte ihre zwei Vorderstübchen an Kurfremde vermietet und all das Vergangene war ruhig geworden, war eingeschlafen, Um dann plötzlich wieder ausznwachen mit all seinen Schreck eii. —
Frau Lengerich spürte jetzt den alten Druck auf der Brust, der sie schon oftmals bewogen hatte, sich irgend einer Menschenseele anzuvertrauen.
Sie las den Brief immer, immer wieder. „Frau Häuflein" stand darunter. Sie überlegte einen Augenblick. Das war die große, schlanke Frau, die so ruhig und zielbewußt «nssah, nicht bösartig wie die andere aus dem ersten Stock, die Frau Specht, vor deren Augen die arme Frau Lengerich hätte fliehen mögen bis ans äußerste Ende der Welt.
„Wenn ich ihr nun alles sagte — ob sie mich verstehen würdet dachte sie sorgenvoll und legte die Hand auf ihr armes Herz, und je mehr sie sann, desto mehr Vertrauen gewann sie zu der schönen Frau Kaufmann Häuflein, und ehe eine Stunde vergangen war, klopfte es
bescheiden an Frau Häufleins Tür, und auf ihr „Herein^ trat Frau Lengerich ein, sah sie mit unsäglich traurigen Augen an und begann auf den Brief zurückgreifend ihre schlimmen Lebensschicksale zu erzählen.
Nachdem Frau Häuflein über die erste große Verwunderung herausgekommen war und sich vergewissert hatte, daß sie es hier nicht mit einer Irren, sondern mit einer Frau, die eine schwere Last auf ihren Schultern trug, zu tun hatte, wollte etwas wie Milleid in ihr erwachen.
Sie hörte und staunie und blickte die gebeugte, un- 7",einbare Frau an, die da mir leiser, zitternder Stimme io große, furchtbare Dinge aussprach, und ihr einziger Schmerz war der, daß sie der merkwürdigen Frau mit Handschlag versprechen mußte, das Geheimnis für sich zu behalten.
Frau Lengerich dagegen verpflichtete sich, ein Anderes Zimmer zum Schlafen zu beziehen, und die Specht, die in ihrer offenen Flurtür stand, konnte nicht genug staunen über die freundschaftliche Verabschiedung der beiden Frauen. Sie machte sogleich der Frau Häuflein einen Besuch, aber merkwürdigerweise sprach die von tausend anderen Dingen, nur nicht davon, was die Specht wissen wollte, und wie sie endlich eine schüchterne Frage in her „Angelegenheit Lengerich" wagte, meinte die Häuflein gleichgültig, die Sachs sei erledigt.
Sie wurde rot und bleich vor Wut, beherrschte sich aber und schied freundlich von ihrer Flurnachbarin, und die Häuflein lachte auf, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte.
Frau Lengerich aber faß oben in ihrem Zimmercheu und fühlte sich von einem schweren Druck befreit und dankte Gott dafür, daß sie mit so guten Menschen in einem Hause wohnen durfte .
Nur die Kosy war verdrießlich; das war das erste Mal, daß etwas Großes sich im Haase ereignete ohne ihrs Mitwirkung. Sie ging ein paar Tage beleidigt umher, nahm nicht an den Leseabenden der Pastorin M>.lzing teil und wurde erst wieder eigentlich lustig, als ein Neues Ereignis ins Daalehaus einzog.
(Fortsetzung folgt.)
Liebesbriefe Napoleons des Ersten.
Der rühmlichst bekannte Napoleon-Forscher F. M. Kircheisenj hat vor kurzem eine Auswahl aus den Briefen Napoleons in drei Bänden veröffentlicht (Verlag Robert Lutz in Stuttgart), die es! uns gestattet, die 'intimsten Seiten im Leben des Gewaltigen! aus der Nähe zu schauen. Mit Erlaiibnis der VerlagsbuchlMidliutg bringen wir nachstehend einige der höchst interessanten Liebesbriefe zum Abdruck, die der junge, rasend verliebte, eifersückstigck General zwischen seine Siegesberichte hinein während des italie-i nischen Feldzuges au Josefine geschrieben Hai.
Marmirolv, den 29. Messidor, 9 Uhr abends. (17. Juli 1796.)
Ich habe Deinen Brief erhalten, meine aubetungAvurdigS Freuiidin, er hat mein Herz mit Freude erfüllt. Tausend Da ich für die Mühe, die Du Dir genommen . . .
Seit ick) Dich verlassen, bin ich stets traurig gciuefeit; glücklich! bin ich nur in Deiner Nähe. Fortwährend denke ich im Geiste au Deine Küsse, Deine Tränen, Deine reizende Eifersucht, und! der Zauber der unvergleichlichen Josefine entfacht immer von neuem die wildglühende Flamme meines Herzens und meinest Sinne. Wann werde ich endlich, frei von Sorgen und Geschäften, all meine Zeit bei Dir verbringen können, nichts anderes zu tust haben, als Dich zu lieben, an nichts anderes zu fünfen brauchen, als an das Glück, es Dir zu sagen, und zu beweisen? Bor einigen Zeit glaubte ich Dich zu lieben, aber seitdem ich Dich gesehen, fühle ich, daß ich Dich noch tausendmal mehr liebe. Seitdem ich Dich kenne, bete ich Dick) täglich mehr an. . . Ach, laß mich, ich bitte Dich, wenigstens einige Deiner Fehler sehen! Set weniger schön, weniger anmutvoll, weniger zärtlich, weniger gut) besonders fei niemals eifersüchtig, weine niemals; Deine Träneiil bringen Ntich um die Vernunft, erhitzen mein Blut. Glaube mir, es steht nicht mehr in meiner Macht, auch nur einen Gedankckni zu haben, der nicht ,Dir gehörte, eine Idee, die ich nicht ,Dist unterbreite.
Ruhe Dich nur gut aus. Erhole Dich recht schnell und komm«! mir nach, damit wir wenigstens, ehe wir sterben, sagen tonnen! wir verlebten so viele glückliche Tage!
Millionen Küsse, selbst für Fvrtunä*, trotz seiner Garstigkeit
Bonaparte,
* Josefines Schoßhündchen.


