Wc! essen mit finsteren Gesichtern. Viele Maschen haben! das Lachen völlig verlernt, ihr Gemüt ist starr und kalt geworden. Und sie behaupten, das Leben sei kein Spaß. Pah! Die heiteren, frohgemuten Menschen sind nicht nur die glücklichsten, sondern auch die brauchbarsten, denen alles am besten gelingt und denen das längste Leben beschieden ist. Cs ist! eine wahre Sünde, wenn man bei der Jugend die Freude am Lachen ertötet. Man sollte sie nur mit Heiterkeit umgeben, sie lachend erziehen. Die Gabe, froh zu sein, ist uns ebenso verliehen worden, wie die Fähigkeit, ünser Brot zu verdienen, und man sollte diese Gabe in jedem pflegen und entwickeln. Sie ist das Allheilmittel der Seele, das Uns jung und frisch erhält. Eine heitere Gemütsart ist im praktischen Leben wichtiger als eine Gymnasialbildung ohne sie, und am ärmsten wird immer der sein, der ohne Frohsinn ist, besäße er auch Millionen. Ich selbst möchte lieber an Frohsinn Und Sonnenschein Millionär heißen können als an Geld. . .
Mit solchen l'unb ähnlichen Sätzen, die ich hier 1 zu einem Ganzen Vereinigt habe, finde ich ein englisches Buch eingeleitet, das zu jener Gruppe herzstärkender und erbaulicher Schriften zählt, die im Leben des Engländers eine so große Rolle spielen. Was vor mehr als hundert Jahren Lord Chesterfield in den Briefen an seinen Sohn an praktischer Weltweisheit niedergelegt hat, was Samuel Smiles vor Jahrzehnten in seinen Büchern übet die Bildung des Charakters und den Weg zum Erfolg uns lehrte, was der feine John Lubbock über die Bedeutung der Freude im menschlichen Leben erzählte, was St. B. Stanlon unb andere englische Schriftsteller von den Werten dieses Lebens überhaupt zu sagen wußten, das alles hat sich in diesenr neuen Buche zum Evangelium verdichtet, und sein Verfasser, O. S. Marden, trägt es mit einem starken Temperament imb sehr viel Wärme vor. Schlicht und volkstümlich weiß er zu reden, es muß ihn 'jeder verstehen. Nur mit seinem moralisierenden Ton hat inan sich W- zuftnden, der wird ntanchmal lästig. Aber so sind nun einmal diese prächtigen, echt englischen Erziehungsbücher, die Glück und Erfolg, Freude am Dasein, Liebe zu jedem Beruf, den einer ausübt. Und gesteigerte, nimmermüde Schaffenslust verbreiten wollen in ihren: Volke. Sie haben alle einen pastoralen Beigeschmack. Mer welche Tüchtigkeit, welche Stärke, welches Selbstgefühl lebt nicht in diesen Druckseiten! Sie sind kein Buch für müßige Leser, die jeden Tag einen Band verschlingen und wieder vergessen. Dieses kleine Büchlein ist ein Lexikon der praktischen Weltweisheit, atls dein Menschen jeden Standes, jeden Alters, jeden religiösen Bekenntnisses sich täglich ein Kapitelchen zur Stärkung vorlesen' sollten.
Lerne froh zu sein und froh zu machen. Das stellt der! Verfasser allem voran, es ist ihn: die Wurzel des menschlichen Glücks. Die Macht der Liebenswürdigkeit schätzt er als eine der größten Mächte im Leben ein. Damit könne man Wunder wirken. Die scheltende Frau, die immer nörgelt Und tadelt, habe nicht den zehnten Teil der Macht über ihre Kinder und ihr Hauslvesen, als die sanfte, geduldige, liebenswürdige Frau, denn diese verwandle überall in der Familie die roher: Kräfte in milde Menschlichkeit. „Ein junger Mann, der ein Mädchen mit heftigem Wesen heiratet, weiß nicht, was er auf sich ladet." Ob eine Frau hausbacken, ob sie häßlich, ob schön oder geistreich ist, das bedeute welliger als die eine Frage, ob sie liebenswürdig ist. Liebenswürdigkeit bedeutet Eintracht in der Familie und in der Gesellschaft, Eintracht aber ist Wohlergehen, langes Leben und Glück.
Das Pastorale dieser Worte verschwindet hinter der Wärme des Vortrages. Lächle jedem zu, von dem du einen Dienst forderst, schenke jedem, dem du eine Gabe reichst, auch einen freundlichen Blick. Damit verzehnfachst du dein Geschenk, denn du gibst dich selbst, „Nach Liebe hungert die Welt am meisten. Streu Blmnen aus auf deinen Pfad, denn du wirst nicht ein zweitcsmal desselben Weges kommen." .
Von der Miene, die ein Kaufmann feinem Personal zeige, von der Freudigkeit, mit der man bei ihm bedient werde, hängen feine Erfolge ab. Man gehe noch einmal so gern dorthin, wo Sonnenschein herrsche. Die Scheidemünze des Lebens sei eine freundliche Miene, ein Gruß, ein Händedruck des Mitgefühls, ein Lächeln. Je freigebiger man mit dieser kleinen Münze sei, je mehr man davon anstelle,- desto reicher werde man. ®in frohgemuter Mensch habe immer meh-r Freunde, als er wisse.
Feindschaft allen Nichtigkeiten! Man lasse sie ja nicht an sein Gemüt herankommen. Was liegt an einer versalzenen Suppe, jan einer mißlungenen Lieblingsspeise? Wer wird sich Wer Fingerabdrücke auf Porzellan oder Glas oder Möbeln ereifern? Manche Frauen versetzen ihr Haus in einen Kriegszustand um solcher Lappalien willen und verderben der ganzen Familie einen schönen Tag, sie verpuffen ihre Energie an Nichtigkeiten. Sie sind wie! ein Dampftessel, der Löcher Hain sie vergeuden einen großen Teil be« Dampfes, der den Kolben und die Räder treiben sollte. Wie kostbar ist doch das Sprichwort: Macht aus einer Mücke keinen Elefanten! Mücken verscheucht man, Elefanten werfen uns nieder. Das gilt auch von Vorgesetzten und Lehrern, die die Neigung haben, alles auszubauschen und immer zu nörgeln. „Manche Leute können verglichen werden mit versteckten Nadeln in den Kleibern; sie stechen uns fortwährend und doch bringen wir sie wicht los."
Tu Schönheit in dein Leben! Ganz ohne sie kann nichts in tztr gedeihen. Ueberall drängt sich das nackt Materielle hervor.
einförmig wird das moderne Stadtbild und nüchtern; überall! fehlt das Ansprechende, das Warme, das Heimelige. Reicher sind wir scheinbar geworden, aber um wieviel ärmer an Schönheit! Anstatt des Anmutigen, des WohltueWen, des Künstlerischen sehen! wir überall das Harte, das Nützliche, das Gradlinige, das Lang- wnlige. Umgebe dich mit irgend etwas, das du für schön hältst; erfülle dich mit guten Gedanken, lies gute Bücher, verweise alles Rohe und Gemeine aus deiner Nähe. Wenn all unsere Lebensarbeit nur den Zweck hätte, unser Fleisch zu ernähren, wäre das! Dasein sinnlos. Sichere deinem Gemüt den Anteil, der ihm zukommt.
Unti setze große Hoffnungen auf dein Leben, gehe nicht umher Und trage die Miene des Verzichtes zur Schau, halte dich nie; für Kleines geboren. Kannst du nicht nach außen wirken, kannst du es nach innen. Und was für ein Geschäft du treibst, ist gleichgültig, treibe es nur nicht mechanisch, nicht seelenlos. Und erwirb dir alles Wissen, das dir erreichbar ist. Glaube Wer nicht, daß ein vollgestopfter Kopf schon Bildung bedeutet. Was du nicht selbständig in dir verarbeiten kannst, wirf als Plunder fort. Bildung ist die Erziehung des Geistes zur Kraft. Lerne früh, dich gewandt atiszudrücken. Viel wissen genügt nicht, man muß der Welt auch in anmutiger Form davon mitteilen können. Wer in dev Welt wirken will, muß reden können.
Prachtvoll ist das Kapitel über unfern „wertvollsten Besitz". Was ist das? Ein gutes Gewissen. Man glaubt, unter einer, Kanzel zu stehen, von der herab der Oberpastor fordert, daß jeder danach strebe, ein Gentleman zu fein. Wer Kunstwolle für reine! Wolle verkauft, wer einheimischen Posel für importierte Waren ausgibt, wer eine Arbeitsstunde, in der er nichts geleistet hat, für voll rechnet, dessen Charakter ist auf dem Wege der Entartung und feine innere Stimme kann ihm nicht mehr zuflüstern: Das ist recht. Wer aber mit seinem Gewissen uneins ist, der ist kein vollkommener Mensch mehr. Alles in uns muß echt sein und recht feilt. Und die beste Schutzmarke für ein Erzeugnis unserer Hände! oder unseres Geistes fei feine Vortrefflichkeit. Kein Patent und kein staatlicher Schntz könne etwas vor Nachahmung bewahren, die Gediegenheit, der gute Name sei der beste Schutz. . Aber ohne Fleiß, ohne saure Mühe, gebe es keinen Preis, keinen Lohn. Genie? Der große Dichter Lord Byron sagt, das Genie bestünde seines Wissens darin, daß man täglich sechzehn Stunden! arbeitet. Unti Carlyle erklärte, das Genie fei die „unbegrenzts Fähigkeit, sich anzustreugen". Michelangelo, Raffael, Rubens scheuten nicht davor zurück, zehntausend Pinselstriche an ein Bild zu wenden, das heute einer mit zweihundert malen zu können meint. Daß Künstler strenger arbeiten als Ackersleute, das will keilt Dilettant glauben.
Verachte das Geld, das du nicht selbst erworben hast. Ist dieses Wort nicht ein Talisman? Tu kannst deinem Sohn! Millionen hinterlassen, aber hast du bann auch gesorgt für ihn? Gib ihm die Schulung zur Tüchtigkeit, mit der du dein Vermögen erworben, und du hast ihn reicher gemacht als mit deinen Millionen. Entwickle seinen Charakter zur Genauigkeit, Ueberlegung und Entschlossenheit, zur Geduld, zu ehrlichem Handeln, zu fteund- lichem Wesen und lehre ihn arbeiten. Sonst bleibt er ein ^Krüppel, und dein Geld wird ihm nur eine Krücke fein. Wer nicht selbst arbeitet und erwirbt, ist stehendem Wasser vergleichbar. Es fault. Fließendes Wasser aber wird klar und hell. Als man Bismarck einige Zeit vor seinem Tode um eine Lebensregel bat, die einfach auszusprechen und anzuwenden wäre, da sagte er: „Ohne Arbeit ist das Leben leer, nutzlos und unglücklich. Arbeitet, arbeitet/ arbeitet!"
Unser Autor verlangt mehr, er fordert auch Freude zur Arbeit; nur einem frohgemuten Menschen fei die Arbeit eine Erquickung, den Sauertöpfen erscheine sie als Plackerei. Und er schreibt ein ganzes Kapitel gegen die üble Gewohnheit, sich krank zn fühlen. Er rüstet sich gegen die Schwächlinge und Weichlinge, die jeher leichten körperlichen Verstimmung nachgeben. Wenn sie morgens beim Aufstehen ein leichtes Kopfweh fühlen, melden sie sich krank, arbeiten mit Pulvern dagegen, anstatt mit frischem Wasjer und guter Luft, und bereiten allen Krankheitskeimen ein warmes Nest. Das Kränkeln mancher Menschen sei nichts anderes als etmi Verwöhnt- und Verhätscheltsein, ein Nachgeben gegen geistige oder körperliche Trägheit. Die üble Gewohnheit, krank zn sein, ist überhaupt nur Mangel an Zucht, vor allem an Selbstzucht. Basta. Und so wie das gewohnheitsmäßige Kränkeln, so dekretiert O S Marden *) auch die Launen aus der Welt hinaus und den Aerger. Jeder Aerger sei überflüssig, sagt er. Ein frohgemiitm: Mensch bewabre in allen Lagen sein seelisches Gleichgewicht und suche an jedem Ting die andere Seite. Wer sich gern ärgert, fei fein eigner Todfeind. Wer sich von Lannen beherrschen laßt, ist wie einer, feer seinen Esel auf sich retten läßt, anstatt daß «s ihn selber reitet. Sind launenhafte Arbettsmenschen denkbar? Erfolgreiche Kaufleute? Geschästsmänmr? Nimmermehr. Sie sind Stümper und gehen zugrunde. „Tausende Menschen, die nie etwas Rechtes leisten, könnten zu Riesen werden an Kraft und Vollbringen, wenn sie nur ihre Launen beherrschen wollten. Sie kranken an einem verkehrten Denken. Für ständige Tadel-
*) „Vom frohgemuten Leben". Von O. S. Marden. Verlag von Julius Hoffmann in Stuttgart


