Ausgabe 
15.11.1911
 
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Ihre Erinnerung an das, was sich am folgenden Mor­gen zugetragen, war noch unklarer und unzuverlässiger. Sie hatte eine undeutliche Idee, als ob sie mit dem Grafen uitb mit Mrs. Rubelte als weiblicher Begleitung aus ge­fahren, doch konnte sie nicht sagen, zu welcher Stunde, noch wie, wann und weshalb sie iMs. Beseh vcrlassem Ebensowenig konnte sie sich erinnern, welche Richtung der Wagen nahm, wo sie ausstieg, und ob der Graf und Mrs. Rnbelle fortwährend bei ihr blieben oder nicht. An diesem Punkte ihrer traurigen Geschichte Ivar eine vollkommene Leere. Sie hatte auch nicht den schwächsten Eindruck irgend einer Art zu berichten keine Idee,.ob ein Tag oder mehr als ein Tag verflossen war, bis sie plötzlich an einem fremden Orte, wo unbekannte Frauen sie umringten, wieder zur Besinnung kam.

Dies war die Irrenanstalt. Hier hörte sie sich zuerst bei Anna Cathericks Namen nennen, und hier als letzten bemerkenswerten Umstand in der Erzählung des an ihr begangenen Verrates gewahrte sie mit ihren eigenen Augen, daß sie Anna Cathericks Kleider trug.

Die Wärterin hatte ihr am ersten Abend, da sie sie auskleidete, die Zeichen in jedem einzelnen Gegenstände ihrer Unterkleider gezeigt und ihr dabei ohne.alle Unfreund­lichkeit oder Gereiztheit gesagt:

Sehen Sie doch Ihren eignen Namen in Ihren eignen Kleidern an und langweilen Sie uns nicht mehr mit Ihrer Idee, daß !S-ie Lady Glyde wären. Die ist tot und be- tzraben, und Sie sind lebendig und gesund. Sehen Sie doch Ihre Kleider einmal an! Da steht es ja, mit guter Zeichen­tinte, und an derselben Stelle werden Sie es in all Ihren Kleidern finden, die wir hier für Sie aufbewahrt haben: Anna Catherick", so deutlich als ob es gedruckt wäre!

Und allerdings war es da, als Miß Halcombe am Abend ihrer Ankunft in Limmeridge House die Wäsche ihrer Schwester besichtigte.

Dies war in deutlichen Ausdrücken die Erzählung, welche Miß Halcombe auf der Fahrt nach Cumberland durch sorg­fältige Fragen aus ihrer Schwester herausbrachte. Miß Halcombe enthielt sich, mit Fragen über die Ereignisse in der Anstalt in sie zu dringen, da ihr Gemütszustand offenbar nicht derart war, diese Erinnerungen zu ertragen. Man erfuhr auf Umwegen durch den Eigentümer der An­stalt, daß sie am 27. Juli in derselben ausgenommen wor­den war. Von diesem Tage an bis zu dem. Oktober (dem Tage ihrer Befreiung) war sie in Haft gewesen, indem man systematisch ihre Identität als Anna Catherick behaup­tete und ihr entschieden von Anfang bis zu Ende ihren gesunden Verstand ableugnete.

Da sie erst spät am Abende des 15. Oktobers in Lim­meridge House anlangten, beschloß Miß Halcobe wohlweis­lich, den Versuch, Ladh Glydes Identität geltend zu machen, bis zum folgenden Tage zu verschieben.

Am nächsten Morgen war ihr erstes, zu Mr. Fairlie zu gehen; sie erzählte ihm dann nach der erdenklich vor­sichtigsten Vorbereitung mit einfachen, klaren Worten, was sich zugetragen.' Sobald er sich von seinem ersten Erstaunen und seiner Bestürzung einigermaßen erholt, erklärte er mit zornigen Worten, Miß Halcombe habe sich durch Auua Catherick zum Narren halten lassen. Er verwies sie auf Graf Foscos Brief und auf das, was sie selbst ihm über die Aehnlichkeit zwischen Anna und seiner verstorbenen Nichte mitgeteilt hatte, und weigerte sich entschieden, auch nur auf eine einzige Minute eine Wahnfinnige vor sich zu lassen, welche in sein Haus gebracht zu haben allein schon Beleidi­gung genug ftir ihn sei.

Als Miß Halcombe ihin nun doch eines Tages ihre Schwester zuführte, erklärte er in den entschiedensten Aus­drücken, er erkenne die Person, die man ihm vorführe, nicht; er sehe nichts in ihren Manieren oder ihrem Gesichte, das ihn einen Augenblick daran zweifeln ließe, daß seine Nichte im Kirchhofe von Limmeridge begraben liege, und daß er den Schutz des Gesetzes anrufen wolle, falls die Person nicht, ehe der Tag zu Ende, sein Haus verlassenl haben werde.1

Selbst wenn man Mr. Fairlies Egoismus, Trägheit und angeborenen 'Gefühlsmangel aus dem allerschlimmsten Gesichtspunkte betrachtete, war es doch offenbar unmöglich, anzunehmen, daß er einer solchen Schändlichkeit fähig ge­wesen wäre, das Kind seines Bruders geflissentlich zu ver- tzugnen.

Als sie über darauf die Probe mit der Dienerschaft

machte und fand, daß auch sie durchgängig wenigstens un­sicher war, ob die Dame, die man ihr vorstellte, ihre sunge Gebieterin oder Anna Catherick sei (von deren Aehnlichkeit mit der ersteren sie alle gehört hatten), konnte Miß Hal- combe nicht länger zweifeln, daß die Veränderung, welche die lange Haft im Jrrenhause in Ladh Glydes Aussehen und Wesen hervorgebracht, eine weit bedeutendere sei, als sie zuerst angenommen hatte.

Da nun eine Verfolgung von feiten der Irrenanstalt zu befürchten war, und Mr. Fairlies Benehmen aus­schlaggebend sein würde, beschlossen sie, nach London zu fliehen.

Am letzten Tage ihres Aufenthaltes besuchten sie den Friedhof. Wie.sie dort mit mir zusammentrafen, habe ich bereits erzählt.

IV.

Nach all diesen Tatsachen lag es demnach auf der Hand, daß Anna Catherick als Lady Glyde in Graf Foscos Hause eingeführt worden, und daß Lady Glyde die Stelle der Verstorbenen in der Anstalt eingenommen wobei man die Substituierung so ausgeführt, daß unschuldige Leute (wenigstens der Arzt und die beiden Mägde ganz gewiß und wahrscheinlich auch der Besitzer der Irrenanstalt) Mitschuldige an dem Verbrechen wurden. Der Erfolg des Verbrechens hatte jenen beiden Männern einen klaren Ge­winn von dreißigtausend Pfund gebracht dem einen zwanzig- und dem andern durch seine Fran zehntausend. Wir drei durften vom Grafen und von Sir Percival Glyde keine Barmherzigkeit erwarten.

Das Bewußtsein dieser drohenden Gefahr einer Ge­fahr, welcher jeder Tag, jede Stunde uns näher brachte bestimmte mich in her Wahl eines Zufluchtsortes für uns. In einer Woche waren Marianne und ich über­eingekommen, wie wir unsere neue Lebensweise einrichten wollten. . . ,

Es wohnte außer uns niemand im Hause, und wir konnten ein- und ausgeh-en, ohne unseren Weg durch den Laden zu nehmen. Ich bestimmte, daß wenigstens fürs erste keine der Schwestern das Haus verließe, und daß sie in meiner Abwesenheit niemanden in ihre Zimmer ließen. Sodann ging ich zu einem Bekannten, der mir Arbeit ver­schaffte. Sobald wir hierüber beruhigt waren, legten Ma­rianne Halcombe und ich zusammen, was wir besaßen. Es blieben ihr noch zwei bis dreihundert Pfund von ihrem kleinen Vermögen und mir noch fast dasselbe von dem Ertrage des Verkaufs meiner Kundschaft, ehe ich England verlassen hatte; zusammen besaßen wir mehr als vierhundert Pfund. Ich legte dieses kleine Vermögen in einer Bank nieder, um mit ihm jene geheimen Nachforschungen und Erkundigungen zu bestreiten, welche ich anzustellen und allein durchzuführen entschlossen war, falls ich niemanden fand, unr mir zu helfen.

Ich gab alle Hoffnung auf, mich auf mein oder auf Mariannens Erkennen Lauras zum Beweise ihrer Identität zu berufen.

Die äußeren Veränderungen, welche die Leiden und Schrecken der jüngsten Vergangenheit. auf furchtbare, ja fast hoffnungslose'Weise in ihr hervorgebracht, hatten ihre unheilbringende Aehnlichkeit mit Anna Catherick noch ver­größert.

Die eine noch übrige Aussicht, auf die ich anfangs, noch gehofft die Aussicht, ihre Erinnerungen an Per­sonen und Ereignisse anzurufen, mit denen keine Betrügerin vertraut sein konnte, erwies sich nach unseren letzten Ver­suchen als hoffnungslos. Jede Keine Vorsicht, welche Ma­rianne und ich gegen sie anwandten, jedes kleine Mittel das wir versuchten, um langsam die geschwächten und er­schütterten Fähigkeiten zu kräftigen und sicher zu machen^ waren an sich schon wieder neue Hindernisse gegen das Wagnis, ihre Erinnerungen auf die unruhige und schrecken­volle Vergangenheit zurückzuführen.

(Fortsetzung folgt

vom frohgemuten Leben.

Von Adam Müll er-Gut enbrunn, Weidling bei Wien!«

Man könnte auf den Gedanken kommen, das Lachen sei polizei­lich verboten worden, wenn man die Gesichter der Geschäftsleute und Angfttellten in unseren großen Städten studiert. Sogar wenn sie' im Restaurant sitzen und ihr Mahl einnehmen, könne» hie Leute von der ernsten Seite des Lobens, nicht wegkommM