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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Marianne bedachte sich keinen Augenblick, der Wärterin ihr ganzes Vermögen anzubieten, wenn es ihr gelänge, ihrer Schwester aus der Anstalt herauszuhelfen. Und es gelang, am 15. Oktober. Aus der Fahrt nach Cumberland erfuhr Marianne von ihrer 'Schwester folgendes:
Ihre Erinnerungen an die Ereignisse, die ihrer Abreise von Blackwater Park folgten, begannen mit ihrer Ankunft auf der Station der Südwestbahn in London. Sie hatte nicht daran gedacht, sich vorher eine Aufzeichnung über den Dag zu machen, an welchem sie die Reise machte. Alle Hoffnung mußte somit aufgegeben werden, dieses wichtige Datum durch ihr Zeugnis oder das der Haushälterin, Mrs. Michelson, genau zu erfahren.
Graf Fosco holte sie am Bahnhof ab. Als sie ihn sofort nach ihrer Schwester fragte, sagte er ihr (soweit sie sich erinnerte), er sei im Begriffe, sie zu Miß Hatcombe zu führen.
Lady Glyde war so wenig mit London bekannt, daß sie nicht sagen konnte, durch welche Straßen sie kamen. Wer sie war gewiß, daß sie die Straßen nicht verlassen/ und daß sie an keinen Gärten oder Bäumen vorbeikamen. Als der Wagen stille hielt, war dies in einer engen Straße hinter einem großen Platze — einem Platze mit Kaufläden, öffentlichen Gebäuden und einer großen Menschenmenge. Diesen Erinnerungen zufolge (in denen Lady Glyde sich klar war), scheint es, daß Graf Fosco sie nicht nach seiner eigenen Wohnung in der Vorstadt St. Johns Wood brachte.
Sie gingen ins Haus und nach einer Hinterstube entweder in den ersten oder zweiten Stock hinauf. Das Gepäck wurde sorgfältig hereingetragen; eine Magd öffnete die Tür, und ein Mann mit einem Barte, dein Anscheine nach ein Ausländer, empfing sie im Flur und führte sie dann mit großer Höflichkeit die Treppe hinauf. Auf. Lady Glydes Fragen entgegnete der Graf, daß Miß Halcombe sich im Hause befinde und sofoüt von der Ankunft ihrer Schwester benachrichtigt werden solle. Er ging dann mit dem fremden Manne fort und ließ sie altem im Zimmer. Es war ärmlich als Wohnzimmer inöbliert und bot eine Aussicht auf die Hinterseite einer Straße.
Es war auffallend stille im Hause- auf der Treppe kamen und gingen keine Schritte, und sie hörte nichts als ein dumpfes Murmeln von Männerstimmen in dem Zimmer unter dem, in welchem sie sich befand. Sie war nicht lange allein geblieben, als der Graf zurückkam, um ihr 3n kündig en, daß. ,Mß Halcombe augenblicklich schlafe
.aus eine Meile nicht gestört werden könne. Es be
gleitete ihr: ein Herr (ein Engländer), den >er ihr als seinen Freund vorstellen zu dürfen bat. Nach dieser sonderbaren Vorstellung — bei welcher, soviel Lady Glyde sich entsinnen konnte, keine Namen genannt wurden — blieb sie mit dem Fremden allein. Er war vollkommen höflich, aber er erschreckte und verwirrte sie durch einige sonderbare Fragen in Bezug auf sie selbst und durch seine seltsamen Blicke. Nach einer kleinen Weile ging er wieder hinaus; imb ein paar Minuten später trat ein zweiter Fremder (ebenfalls ein Engländer) herein. Dieser stellte sich selbst als einen Freund des Grafen Fosco vor und begann dann seinerseits sie durch seltsame Micke und Fragen zu verwirren, wobei er sie nicht ein einziges Mal, soviel sie sich zu erinnern vermochte, bei ihrem Namen anredete; worauf et dann bald, wie der erste, das Zimmer wieder verließ.
Sie war jetzt bereits ängstlich geworden.
Als der Graf wieder ins Zimmer trat, frug sie ihn sogleich voll Besorgnis, wie lange ihr Zusammenkommen mit ihrer Schwester noch verschoben bleiben müsse. Zuerst gab er ihr eine ausweichende Antwort, dann aber, als sie immer ängstlicher in ihn drang, bekannte er, anscheinend mit großem Widerstreben, daß Miß Halcombe sich durchaus nicht so wohl befinde, wie er es sie bisher habe glauben lassen. Der Ton und die Art und Weise, in der er ihr diese Antwort gab, erhöhten noch so sehr die Besorgnis, welche Lady Glyde in Gegenwart der beiden fremden Herren gefühlt, daß sie von einer plötzlichen Schwäche befallen wurde und um ein Glas Wasser zu bitten genötigt war. Der Graf ging an die Tür und rief, daß man ihm einj Glas Wasser und ein Riechfläschchen brächte. Das Wasser hatte, als Lady Glyde cs zu trinken versuchte, eineu so sonderbaren Geschmack, daß es ihr Unwohlsein verschlimmerte und sie schnell dem Grafen das Riechfläschchen aus der Hand nahm, um daran zu riechen. Es wurde ihr augenblicklich schwindelig; der Graf fing bas Fläschchen auf, als es ihren Händen entfiel, und das letzte, dessen sie sich bewußt wurde, war, daß er es ihr zum zweiten Male zu riechen vorhielt.
Von da an waren ihre Erinnerungen unklar, abgebrochen und schwer mit jeder annehmbaren Wahrscheinlichkeit zu vereinigen.
Ihrem eigenen Eindrücke zufolge kehrte ihr erst spät am Abend das Bewußtsein zurück; ihre Erinnerung war, daß sie darauf das Haus verließ; daß sie (wie sie es vorher im Blackwater Park beschlossen) zu Mrs. Beseh ging, dort Tee trank und die Nacht zubrachte. Sie war durchaus nicht imstande, anzugeben, wie, wann oder in welcher Gesellschaft sie das Haus verlassen, in das Gras Fosco sie geführt. Sie blieb bei der Behauptung, daß sie bei Mrs. Beseh gewesen, und, was noch merkwürdiger war, daß Mrs. Rubelle sie zu Bette gebracht! Sie konnte sich nicht entsinnen, wovon man bei Mrs. Beseh gesprochen, wen sie dort noch außer dieser Dame gesehen, oder warum Mrs. Rubelle im Hause gewesen und ihr geholfen Habe,


