Ausgabe 
15.7.1911
 
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Sie haben ganz gewiß rocht, Herr Kolmes," rief Fräuleist Hunter ans.Es fallen mir jetzt tausenderlei Dinge wieder ein; die mir beweisen, daß Sie das Richtige getroffen haben. O, wir wollen keinen Augenblick verlieren, um dem armen Geschöpf zu Hilfe zu kommen."

Wir müssen vorsichtig Zn Werke gehen, denn wir haben es mit einem ganz geriebenen Patron zu tun," versetzte Holmes.- Vor sieben Uhr können wir nichts beginnen. Um diese Stunde werden wir bei Ihnen eintreffen, und dann wird das Rätsel bald gelöst sein."

Ganz pünktlich um sieben Uhr fanden wir uns ein, unfern Wagen hatten wir in einem' Wirtshaus an der Straße eingestellt.. An der BauMgruppe mit ihrem dunklen Laub, das jetzt im Licht der sinkenden Sonne einen blinkenden Metallglanz ausstrahlte- würden wir das Haus sofort erkannt haben, auch wenn Fräuleist Hunter nicht freundlich lächelnd an der Haustreppe gestanden hütU-

Haben Sie es ausgeführt?" fragte Holmes.

Ein larites heftiges Pochen drang von unterhalb des Treppend Hauses herauf.Das ist Frau Toller int Keller," sagte sie,ihrs Mann liegt schnarchend auf der Küchenbank. Hier sind feine Schlüssel; er hat ganz die gleichen wie Herr Rueastle."

Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht," rief Holmes ent­zückt aus.Nun gehen Sie voran, und wir werden dieser dunkelst Geschichte bald auf den Grund kommen."

Wir stiegen die Treppe hinauf, schlossen die Tür auf und! gingen den Gang hinunter, bis wir vor der verrammelten Tür standen, die. Fräulein Hunter uns beschrieben hatte. Holmes schnitt den Strick durch und nahm die vorgelegte Stange weg; Dann probierte er verschiedene Schlüssel im Schloß, aber ohne Erfolg. Drinnen vernahm manckeinen Laut- und bei dieser. Stille! verdüsterten sich Holmes Züge.Ich will nicht hoffen, daß wir ztr spät kommen," sagte er,Wir tvollen lieber ohne Sie hinein- gehsu, Fräulein Hunter. Nun, Watson, stemme einmal betitel Schulter an, dann werden tote ja sehen, was sich ausrichten läßt." Es war eine alte, wackelige Tür, die unserem vereinten Druck ofort nachgab. Zusammen drangen wir in das Zimmer eilt,. §s war leer. Ein schmales Feldbett, ein kleiner Tisch und eist Korb mit Wäsche bildeten die ganze Einrichtung. Das Oberlicht sand offen, und die Gefangene war fort.Hier ist eine Schurkerei vorgegangen," sagte Holmes,der saubere Herr hat Fräulcith Hunters Absichten erraten und fein Opfer fortgebracht,"

Aber wie?"

Durch das Oberlicht. Wir werden bald sehen, wie er es angestellt hat." Damit schwang er sich auf das Dach hinauf.Q ja," rief er aus,hier schaut eine lange, leichte Leiter über die Dachrinne empor; mit dieser hat er die Sache ausgeführt."

Aber das kann ja nicht sein," bemerkte Fräulein Hunter,diel Leiter stand noch nicht da, als die Rueastles fortgingen."

Dann ist er zu diesem Zweck noch einmal heimgekommen. Ich sage Ihnen, er ist ein schlauer, gefährlicher Mensch. Es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn es fein Tritt wäre, den ich eben auf der Treppe höre. Ich glaube, Watson, du wirst gut tun, deine Pistole bereit zu halten."

Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als ein sehr dicker, ausgedunscner Mann, mit einem schweren Stock in der Hand, Unter der Tür des Zimmers erschien. Fräulein Hunter schrie! laut auf bei seinem Anblick und drückte sich an die Wand, Holmes dagegen sprang vor und trat ihm gegenüber.

Sie Elender," rief er ihm ^entgegen,wo ist Ihre Tochter?"

Der dicke Mann sah sich ringsum und schaute dann nach benU Oberlicht hinauf.

Diese Frage muß ich an euch richten, ihr Spitzbuben Ititö Diebe! Aber jetzt habe ich euch gefangen! Ihr seid in meinest Händen. Ich will euch heimleuchten!" Damit wandte er sich Um und eilte die Treppe hinunter, was er laufen konnte,

Er holt den Hund," rief Fräulein Hunter,

Ich habe meinen Revolver," sagte ich.

Wir wollen lieber die Haustür schließen," schlug HolnteI vor, und sofort stürmten wir alle zusammen die Treppe hinunter; Kaum hatten wir den Hausgang erreicht, als ivir das Bellest eines Hundes und gleichdarauf einen kläglichen Hilferuf vernahmen. Ein ältlicher Mann mit rotem Gesicht und schlotternden Gliederst trat taumelnd aus einer Nebentür und rief:Wer hat den Hund losgemacht?! Seit zwei Tagen hat er nichts zu fressen bekommest.. Schnell, schnell zu Hilfe, ehe es zu spät ist!" '

Ich stürzte mit Holmes zur Tür hinaus und um die Hanöecke herum, Toller hinter uns drein. Eine gewaltige, heißhungrigÄ Bestie hatte ihre schwarze Schnauze in Herrn Rueastles Hals gegraben, der sich ächzend am Boden wand. Ich lief hinzu und jagte dein Hund eine Kugel durch den Kopf. Er stürzte zusammen- aber seine scharfen, weißen Zähne steckten noch in den müchtigest Falten von Herrn Rueastles Halse. Mit vieler Mühe brachtest wir beide auseinander und trugen den Verwundeten zwar lebend- aber schauerlich zugerichtet ins Haus. Wir legten ihn auf das Sofa im Wohnzimmer, und nachdem wir den inzwischen jmebcC nüchtern gewordenen Toller mit der Botschaft von dem Vorfall ast eine Frau abgeschickt hatten, tat ich, was ich vermochte, um bte Qual deö Verwundeten zu lindern. Wir standen alle um ihn herum! als die Tür anfging und eine große, hagere Frauensperson ins Zimmer trat.

Fräst Toller!" rief Fräulein Hunter-

Nun, jetzt wissen Sie es also; und Wern Sie ie wieder Ihren Fuß über jene Schwelle setzen," dabei verwandelte sich sein Lächeln mit einem Schlage in ein wuterfülltes Grinsen, UM dr stierte mich mit einem teuflischen Gesichtsansdruck NN .|o werfe ich Sie dem Hunde vor",

Ich war so entsetzt, daß ich nicht mehr sagen kann, was ich tat. Vermutlich bin ich an ihm vorbei auf mein Zimmer gcctjlt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bett und bebte am ganzen Körper. Da fielen Sie mir ein, Herr Holmes. Ich hielt es nicht länger aus ohne Beistand. Es graute mir vor dem Hause, vor dem Herrn, vor der Frau, vor den Dienstboten, selbst vor dem Kinde. Wenil ich Sie nur hier hätte, dachte ich, wäre ich ganz ruhig. Ich hätte ja freilich wohl aus dem Hause ent­fliehen können, allein meine Neugier war fast ebenso groß als meine Angst. Mein Entschluß war bald gefaßt: ich wollte Ihnen telegraphieren. Ich nahm Hut und Mantel und ging nach dem Ungefähr eine halbe Meile entfernten Telegraphenamt, und als ich zurückkäm, war mir bereits viel leichter ums Herz. Vor dem Tor faßte mich plötzlich der schreckliche Gedanke, der Hund möchte am Ende losgelassen worden fein; doch fiel mir bann wieder ein, daß Toller sich an jenem Abend bis zur Sinnlosigkeit betrunken hatte, und er war, wie ich wilßte, der einzige, der etwas mit dem gefährlichen Tier machen durfte; außer ihm luiirbe es niemand wagen, dasselbe loszulassen. Unversehrt schlüpfte ich wieder herein Und konnte die halbe Nacht nicht schlafen vor Freude bei deut Gedanken, daß Sie nun bald da fein würden. Urlaub in die Stadt erhielt ich heute früh ohne Schwierigkeit, aber ich muß vor drei Uhr zurück sein, denn Herr Rueastle geht mit feiner Frau fort auf Besuch, und sie ; werden den ganzen AbeNd ausbleiben, so daß Ich nach dem Kinde'sehen muß. Jetzt habe ich Ihnen alle meine Erlebnisse erzählt, Herr Holmes, und ich wäre sehr froh, wenn Sie; mir sagen könnten, was dies alles, zu bedeutest hat, und vor allem, was ich tun soll."

Wir beide hatten mit 'atemloser Spannung diesem merkwürdigen Berichte zugehört. Nun erhob sich Holmes.»und schritt, die Hände ta den Rocktaschen und mit dem Ausdruck tiefsten Ernstes. int Zimmer auf und ab.

Ist Toller noch betrunken?" fragte et.

Ja; ich hörte, wie seine Frau zu Herrn Rueastle sagte, sie Kirnte gar nichts mit ihm anfangen."

-,Das ist gut. Und Rueastles gehen heute abend aus?" Ja."

-Ist ein Keller mit gutem, festem Schloß vorhanden?" Jawohl. Der Weinkeller."

Nach meinem Dafürhalten, Fräulein Hunter, haben Sie in dieser Sache bis jetzt recht viel Mut und Umsicht bewiesen. Glauben Sie, daß Sie noch etwas weiteres leisten könnten? Ich würde die Frage nicht an Sie richten, wenn ich Sie nicht für eine Aus­nahme unter den Frauen hielte."

Ich will sehen, ob ich es vermag. Was ist es?"

Wir werden gegen sieben Uhr in Copper Beaches eintreffen, .mein Freund und ich. Die Rueastles sind wohl um diese Zeit bereits fort, und Toller wird hoffentlich noch nicht wieder zu sich gekommen fein. Die einzige, die dann allenfalls noch Lärm machen könnte, ist also Tollers Fran. Wenn Sie diese mit irgend einem Auftrag in den Keller schicken und daun hinter ihr abschließen könnten, so würden Sie uns die Sache außerordentlich erleichtern,"

Ich bin dazu bereit."

Vortrefflich. Nun wollen wir einmal das Ding genauer ins Auge fassen. Selbstverständlich gibt es nur eine einzige mögliche Erklärung. Sie sind hier, um irgend eine andere Person vorzu­stellen und diese Person selbst wird in dem Zimmer gefangen ge­halten. Das liegt ja auf _ber Hand; und die Gefangene ist, wie ich nicht im mindesten bezweifle, die Tochter, Fräulein Alice Rueastle, wenn ich mich recht erinnere, die sich angeblich in Amerika befindet. Jedenfalls ist die Wahl auf Sie gefallen, weil Sie ganz dieselbe Größe, Figur und Haarfarbe haben. Ihr hatte man höchst- ivahrscheinlich infolge irgend einer Krankheit, die sie durchgemacht hat, das Haar abgeschnitteu, und so mußten Sie das Ihrige gleich­falls opfern. Durch einen merkwürdigen Zufall sind Ihnen die Strähnen in die Hände gefallen. Ter Mann auf der Straße war zweifellos ein Bekannter von ihr, vielleicht wohl ihr Berlobter-

da Sie nun die Kleider des Mädchens trugen und ihr so ähn­lich sehen, so mußte er aus Ihrer Heiterkeit bei seinem jedes­maligen Erscheinen und bann vollends aus Ihrer Handbewegung schließen, das; Fräulein Rueastle völlig zufrieden sei und seine Aufmerksamkeiten nicht ferner wünsche. Der Hund wird nachts losgelassen, damit ihr Verehrer keinen Versuch macht, sich mit ihr i Verbindung zu setzen. Soweit ist alles ganz klar. Den ernstesten Punkt bildet der Charakter des Kindes,"

-Was in aller Welt hat denn das damit zu tun?" rief ich, aus'.

Mein lieber Watson, wenn du dir in deinem Beruf als Arzt Wer die Neigungen des Kindes Aufschluß verschaffen willst, so studierst du jedesmal dessen Eltern. Siehst du denn nicht ein, daß das umgekehrte Verfahren ganz dieselbe Berechtigung hat? J-ch habe! oft und viel wirkliches Verständnis für den Charakter der Eltern erst durch das Studium ihrer Kinder gewonnen. Dieses Kind hat einen abnormen Hang zur Grausamkeit, und mag dieser nun von seinem stets lächelnden Vater herrühreu, wie ich vermute, oder von seiner Mutter jedenfalls bedeutet es nichts "Gutes für das arme Mädchen, das sich in ihrer Gewalt befindest"