Ausgabe 
15.7.1911
 
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Sie ergriff ihr Rad und schritt voran. Er war ihr sofort gefolgt und nahm ihr das Rad ab,, während er zugleich das seilte führte.

Der Sturm hätte wieder nachgelassen. Das' erste Fau­chen ivar nur ein Vorspiel gewesen. Die alte Stille war eingetreten, aber zugleich die Dunkelheit gewachsen. Der Himmel war schwarz verhängt; wo die Sonne stand, schim­merte nur ein mattroter Flecken.

Die beiden schritten jetzt quer über die Heide; sie wollten den Weg abkürzen. Sie gingen eilte Weile stumm nebeneinander. Etwas Unsichtbares wär zwischen ihnen und ging mit ihnen.

Unversehens stolperte Everstedt leicht; er war in ein Kaninchenloch getreten. Traute sprang hinzu und wollte wieder ihr Rad nehmen.

Es belästigt Sie, Herr Everstedt; ich kann es recht gut allein führen."

I Gott bewahre, gnädiges Fräulein.. Ich war nur ungeschickt. Aber seien Sie selbst vorsichtig: die Kanin­chen haben das ganze Land durchlöchert . . Wieder schwieg er einen Augenblick und begann dann von neuem: Fräulein Traute, ich fühle, Sie haben mir meine Bitte übelgenommen. Aber ich möchte sie trotzdem wieder­holen."

Sie baten vorhin nicht, sondern Sie befahlen."

Also gut, dann bitte ich j e tz t."

Bei Niels Kruse waren Sie andrer Meinung. Reh­men Sie an, er hätte sich Lili Menkens oder Suse oder Eva als Modell erwählt: würden Sie da auch so heftig widersprechen?"

Das weiß ich nicht. Doch ich vermute, nein. Suse und Eva und Lili gehen mich int .Grunde genommen gar Nichts an aber Sie..."

Jetzt mußten die beiden einen Augenblick stehen bleiben, denn ein Windstoß kam wieder und fuhr ihnen geradewegs in die Gesichter und fauchte mit solcher Ge­walt heran, daß sie sich umwenden mußten.

Uih!" rief Trante. Sie neigte den Kopf und hießt ihren §ut fest. Everstedt war weniger vorsichtig. Der Wind riß seinen grauen Kastor vom Scheitel, trieb ihn erst hurch die Lust und trudelte ihn dann über die Heide; plötzlich wurde er unsichtbar.

Adieu," sagte Everstedt. Sein Blick fiel auf Trante. Sie stand noch immer gebückt. Der Sturm zerzauste ihr Haar. Die blonden Strähnen flatterten über ihre Wan­gen. Dann kam ein erneuter heftiger Windstoß. Traute hatte nicht aufgepaßt: nun riß sich auch ihr leichtes Ma­trosenhütchen los und wirbelte hoch, und zugleich löste sich der letzte Rest ihrer sorgsamen Frisur, und das Haar umflatterte sie wie eine Mähne. Der Wind war unaus­stehlich. Er verfing sich in ihren Röcken und Preßte sie gegen die Beine; er war so indezent, daß Traute sich nicht anders zu helfen wußte: sie sank mit einem leisen Ausruf komischer Entrüstung in die Kniee und umfing ihre Röcke.

Im selben Augenblick warf Everstedt die Räder hin und kniete gleichfalls nieder. Sie glaubte anfänglich, er sorge sich, daß sie sich etwas getan habe, und schaute ihn unter der wallenden Flut ihres Haares mit lachen­der Miene an. 'Aber dann "kam ein Entsetzen über sie. War es ein Entsetzen? Es war ein nie gekanntes un­beschreibliches Empfinden: ein heißer Grimm mit einer Unterströmnng holder Süße, eine förmliche Wut über etwas unerwartet Brutales, in die sich ein beglückendes Ahnen mischte.

Everstedt umschlang sie. Er schloß sie so fest in seine Arme, daß sie fast wehrlos war. Dann hob er sie auf und sagte zu ihr:

Ich trage dich, Kleine. Das ist wonnig, dich durch den Sturm tragen zu können.Mit meinem Mantel vor dem Sturm" . . . aber ich habe keinen Mantel. Meine Liebe ist auch wärmer uud schützt dich ebenso gut. Schützt dich -- natürlich! Denn du wirst den Schnupfen kriegen mit deinem bloßen Kopf und hast dann ein rotes Näs­chen. Paß auf! Wir fahren bis zum Alten Tvr da hält mein Automobil. Geschlossen es sieht uns keiner. Ich bring dich zu mir nach Hause und zieh dir dein nasses Kleidchen aus und lege dich in mein Bett. Es ist groß und bequem jund 'sehr warm. D-anu braue ich dir Tee

oder Glühwein, damit du dich nicht erkälten kannst. Ank-' Worte nichts sprich gar nichts! Ich habe dich lieb' . .

Brennende Lippen verschlossen ihr den Mund.

Die Hüte mochten noch ein Spiel der Winde sein. Die Räder waren liegen geblieben. Barhäuptig schritt er vor­wärts und trug sie. Ihr Haar umwehte auch ihn, lieb­koste seine Wangen, war int fahlgrauen Dnnst der Dunkel­heit das Licht vor seinen Augen.

Traute fühlte sich wie gelähmt. Sie wußte nicht recht: war sie ohnmächtig oder noch bei vollen Sinnen?i Eine alles Empfinden auflösende Schwäche drückte sie nieder. Sein Kuß glich einem Schmerz des Verlangens. Hatte je ihr kleiner Leutnant sie so geküßt oder da­mals der blonde kleine Referendar, der fast schoß ver­gessen war? m

(Fortsetzung folgt.)

Das Landhaus in Hampshire.

Eine Detektivgcschichte von Conan D o h l

(Schluß.)

Sehen Sie, Herr Holmes, von dem Augenblick an, als mir! klar wurde, daß es mit diesen Zimmern etwas auf sich! habe,, wovon ich nichts wissen sollte, brannte ich vor Begierde, hinten die Sache zu kommen. Es war mehr als bloße Neugier, obwohl ich auch davon mein gutes Teil besitze. Es war mehr ein Pflicht­gefühl, die Empfindung, daß es zum Guten dienen werde, wenn ich mir in diese Räume Eingang verschaffe. Man spricht von weiblichem Instinkt; vielleicht war es dieser, der mir das Gefühl eins löste. Ich spähte nun emsig nach einer Gelegenheit zum! Ueberschreiten der verbotenen Schwelle.

Beiläufig bemerkt, haben außer Herrn Rucastle auch Toller! Und seine Frau gelegentlich in den unbewohnten Räumen zn schaffen; einmal sah ich die beiden zusammen ein großes Bündel schwarzer Wäsche durch die Tür tragen. In den letzten Tagen trank Toller stark, so daß er gestern völlig betrunken war, Und als ich! die Treppe heraufkam, steckte der Schlüssel an der fraglichen Tür., Ganz sicher hatte er ihn stecken gelassen. Herr Rucastle und seine Frau waren mit dem Kinde unten, und so bot sich mir die aller­schönste Gelegenheit, mein Vorhaben auszuführen. Sachte drehte ich den Schlüssel int Schlosse um, öffnete die Tür und schlüpfte hindurch.

Vor mir lag ein kurzer Gang, der sich aut oberen Ende recht- winkelig fortsetzte. Um die Ecke befanden sich drei Türen in einer Reihe, von denen die erste und die dritte offen waren. Sie führten in leere, staubige, öde Zimmer, das eine mit zwei, das andere mit einem Fenster, die sämtlich derart mit Schmutz überzogen waren/ daß die abendliche Helle nur trübe hindurchschimmerte. Die Mittlers Tür war zu, und quer herüber durch eine dicke eiserne Stange verrammelt, die am einen Ende mit einem Vorlegeschloß an einen Ring in der Wand befestigt war, am andern mit einem starken Strick. Die Tür selbst war verschlossen, und der Schlüssel ab­gezogen. Diese verrammelte Tür gehörte offenbar zu demselben Raum wie das Fenster mit dem geschlossenen Laden an der Außen­seite, und doch konnte ich an dem hellen Streifen unten sehen, daß es drinnen nicht dunkel war. Offenbar fiel durch ein Ober­licht Helle hinein. Während ich in dem Gang stand und die un­heimliche Tür betrachtete und mich dabei verwundert fragte, was für ein Geheimnis wohl dahinter verborgen sein möchte, horte ich plötzlich, im Innern Schritte und sah, wie in 6cm schmalen, trüben Lichtstreifen, der unter der Tür durchfiel, ein Schatten sich vor- nnd rückwärts bewegte. Ein jäher sinnloser Schrecken faßte mich bei diesem Anblick. Meine überreizten Nerven versagten plötzlich/ ich wandte mich um und rannte davon rannte, als wäre cinä gräßliche Hand hinter mir her, um mich am Saum meines Kleides, zu fassen. Ich lief den Gang entlang und zu der Tür hinauss gerade Herrn Rucastle in die Arme, der außen stand und wartete., So," sagte er lächelnd,also Sie waren es... Ich dachte es mir gleich, als ich die Tür offen stehen sah."

O, ich bin so erschrocken," stieß ich zitternd hervor.

Mein liebes Fräulein, mein liebes Fräulein!" Sie glaubest gär nicht, in wie liebevollem, sanftem Ton er dies sagte..Und! was hat Sie erschreckt, mein liebes Fräulein?"

/Wer seine Stimme klang doch ein wenig gar zu schmeichelnd., Man merkte gleich, daß er unbefangen scheinen wollte."

Ich war so töricht und betrat den unbewohnten Flügel," ant­wortete ich.Aber es ist so einsam und öde dort bei dieser trübest Beleuchtung, daß mich die Angst packte, und ich eilends wieder; umkehrte. O, es ist so schauerlich still da drinnen!"

Nichts sonst?" fragte er und sah mich dabei scharf an. Wieso, was meinen Sie damit?" fragte ich.

-Wozu glauben Sie wohl, daß ich diese Tür verschließe?"- -Das weiß ich wirklich nicht."

-Nun, damit niemand hineingeht, der nichts darin zu schaffest hat. Verstehen Sie?" Dabei lag noch immer das. liebenswürdig^ Lächeln auf seinen Zügen.

Ganz gewiß, hätte ich das gewußt ich $ $