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tzepslafferte» Hof hinaus iutS verpestete die Luft. Durch viele Polizeistrafen ist es der Behörde gelungen, die Bauern zur Anlage von äusgemauerten Gruben zu zwingen. Heute gibt es im ganzen Dorfe wohl keinen einzigen ungepflasterten Hof mehr. Die neueren ssiid so glatt und- reinlich wie Mdtisches. Strastenplastcr. ;— Weil der Acker nicht richtig gebilligt wurde, mußte er jedes dritte Jahr brach liegen bleiben. Auf die Brache wurde das Vieh getrieben, um das dort wachsende! Unkraut abzuweiden. Die Dreifelderwirtschaft besteht übrigens noch heute wie damals, nur daß jetzt kein Acker mehr brach liegen bleibt. Jin sogenanntew Brachfeld werden Kartoffeln, Gemüse und Futter gezogen. Das Land steht in hoher Kultur, das Getreide steht auch auf weniger gutem Boden schön. Die nebeneinander liegenden Grundstücke laden zum Vergleich ein, und- daraus entspringt ein segensreicher Wettbewerb. Ich kenne einen Mann, der sagte, ein Fremder! könne seine sämtlichen Aecker im Felde heracksfinden, eine Behauptung, die er im Kreise seiner Genossen nicht ohne Gefahr Kusstellen dürfte. Verbesserte Pflüge, sorgfältige Benutzung des natürlichen Düngers und häufige Anwendung von künstlichem, haben schöne Erfolge erzielt. Die Bvdenpreise waren in jener tollten Zeit außerordentlich niedrig. Es wird erzählt, daß man in einer schlechten Gegend der Feldmark einen Acker für einen Laib Brot habe kaufen können. Das mag übertrieben sein, aber es ist Bezeichnend. Manch -armer Mann mußte wohl sein Stückchen Land brach liegen lassen, weil es an einem Gespann zur Bestellung fehlte.
Wenn man bedenkt, daß der Ackerbau die einzige Erwerb'sguelle War, kann man sich eine Vorstellung bilden, wie niedrig die ganze Lebeüshaltnng gewesen ist. Das: Brot — nicht die Kartoffel — war das Hanptnahruugsmittel. (Auch heute noch bildet dieses die Zukost zum Fleisch, und die Kartosfel spielt eine verhältnismäßig nebensächliche Rolle.) Der Fleischgenuß war außerordentlich gering. Es gab eine ganze Anzahl von Familien, die keine „Schlacht" hatten, und- auch die wohlhäbe-nderen bestritten ihren Bedarf an Fleisch das ganze Jahr mit zwei, höchstens drei Schweine». Daß man dabei nicht lukullisch leben konnte, ist leicht ersichtlich. Im Sommer begnügte man sich mit „Grieben", gebratenen Speckscheiben, über die manchmal ein paar Eier geschlagen wurden. Das war dann chn Leckermahl. Infolge der Seltenheit des Fleisches war die „Metzelsuppe" ein großes Fest. Hierzu wurden alle Verwandten cingelnden. und bei dem urwüchsigen Appetit der Gäste war eine solche Metzelsuppe eine große Leistung des - Gastgebers. Die Brühe, in der die Wurst gekocht wurde, wurde an Verwandte und Nachbarn verschenkt und bildete eine willkommene Mittagssuppe. In rein bäuerlichen Familien (es gibt deren sehr wenige) wird- heute noch außerordentlich wenig Fleisch gegessen. Ter Lebensunterhalt wird hier noch ganz aus der Wirtschaft bestritten.
Ans diesen ärmlichen Verhältnissen hat sich das Torf zu einem ansehnlichen Wohlstand eniporgeschwungeu. Dessen Quelle bildet der Käsehändel. Um die sechziger Jahre haben ihn wenige begonnen, und deren Erfolg hat die übrigen Bewohner nach und nach fast-sämtlich veranlaßt, Käse zu machen.und zu verkaufen. Ich habe den Mann noch gekannt, der zuerst mit dem Schiebkarren und einem Hund als Vorspann in die Dörser zwischen Marburg und Gi-eßen zu den reichen Bauern fuhr und die Käsematten zu- sammenkauste, um dann die fertigen Käse nach Frankfurt zu bringen. Dieser WäNn hat seinen Landsleuten den Weg zum Wohlstand gezeigt. Bevor es eine Eisenbahn gab, war es eine unendlich mühsame Arbeit, und die paar Mark, die er am Sonntag morgen liebevoll zählte, waren saner verdientes Geld. Aber bald reichten die Ersparnisse, um Pferd und Wagen zu kaufen, und nun ging es rasch vorwärts. Tie siebziger Jahre, die Gründerzeit, als sozusagen das Geld auf der Straße lag, war die goldene Zeit, aus der die Hochelheimer dauernden Gewinn zogen. Nach Offenbach und Franksnrt, wo eine große Bautätigkeit begann und wo die Arbeiter reichlich Geld verdienten, brachten sie ihre Wären.- Diese Hochelheimer waren in armen Verhältnissen ausgewachsen und hatten sich ihre Bedürfnislosigkeit bewahrt. Bei ihnen galt noch die Wertschätzung des Geldes aus früheren Zeiten, und deshalb kamen sie süchtig vorwärts. In der Regel wurde der ganze Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft bestritten und das aus dem .Händel gewonnene Geld erübrigt. Ein riesiger -Geldhunger, verbunden mit zähem Fleiß und großer Sparsamkeit, ergriff die Leute. Es sind Vermögen geschafft worden bis zu 150 000 Mark. Das Dors hatte das Glück einen tüchtigen Lehrer zu haben. (Es war ein strenger Mann vom Hunsrück, dessen Lebensaufgabe es war, seine Schüler stark zu machen in der Frömmigkeit und im Kopfrechnen. — Trotzdem die Hochelheimer Geschäftsleute wurden, blieben sie doch Bauern und sahen im.Ackerbau den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Soweit es möglich war, wurde das Geld in Grundbesitz angelegt, und- da dieses reichlich vorhanden war, erreichten die Bodenpreise eine außerordentliche Höhe. Bis zu 2p Mark wurde für die Rute bezahlt, lind- hierin ist auch keine Aenderung eingetreten, als die landwirtschaftlichen Werte ^infolge der Caprivifchen Handelspolitik so sehr sanken. Aeußerst selten ist Ackerland ans Rot verkauft worden, sondern die Gelegenheit zu den ziemlich häufigen Versteigerungen bot sich, wenn ein Bursche oder ein Mädchen „über Feld" heiratete. Solch eine Versteigerung bildete ein Ereignis, zu dem sich alle Männer des Dorfes versammelten, auch die, welche nicht kaufen wollten. Denn
hier zeigte sich, wer Geld hatte. Es gehört? zum guten Ton,- daß auf Verwandte ober Anlieger Rücksicht genommen wurde. War dies nicht nötig, dann kam es oft zu argen Preistreibereien,- und es bot ein aufregendes Schauspiel, wenn sich zwei Kauflustige mit der Leidenschaft des Spielers überboten, bis das Grundstück doppelt und mehr bezahlt war. Ans solchen Vorfällen ist oft jahrelanger Haß eiftstanden. ■— Es wurde schon darauf hin- gewiesen, daß die Kultur des Bodens eine viel höhere wurde. Man konnte etwas hineiNstecken, nnd deshalb gab er etwas. Daß sich auch die hohen Preise verzinsten, ist ein Beweis für die intensive, erfolgreiche Bebauung. Daß der Wohlstand- zwei Quellen hatte, eine gewerbliche und eine landwirtschaftliche, gab ihm eine sichere Grundlage. Weil sich die Leute in erster Linie als Bauern fühlten, blieb- die Bevölkerung bodenständig. In .beit großen Dörfern um Gießen herum ist ein Proletariat entstanden, das dem Leben dort den Charakter gibt und das Volkstum auflöst., Hochelheim hat wie alle Dörfer des Hinterlandes seinen bäuerlichen, konservativen Charaktesr behalten. Vieles hat sich natürlich int Laufe der Zeit geändert. So ist die ganze Lebenshaltung gestiegen, nnd damit ist in der neuesten Zeit die Sparsamkeit nicht mehr die alte. Diese findet sich wohl nur noch in den wenigen Familien mit rein landwirtschaftlicher Beschäftigung, durch deren Hände weniger Geld- geht und- die es deshalb fester halten. Ter Bauer vom alten Schlag trank wohl den ganzen Sonntag nachi- mittag einen einzigen „halben Schoppen" Schnaps. Mancher von den heutigen trinkt dieselbe Menge Bier wie der Stadter. Damit ist auİdie Sitte des „Zubringens" geschwunden. H-rüher galt es für höflich, daß man dem Manne, der neben einem saß zumal wenn er älter war, das Glas zum Trinken, darreichte, woraus dieser dann einen Schluck na hin und, ebenso tote oe« Gast bei der Metzelsuppe, sich nicht nur über die Freundlichkeit des Spendenden freute. Besonders von Fremden, die sm; am Wirtstisch niederließen, mußte dieser Brauch beobachtet werden'. Als einst Burschen aus einem Nachbardorf das Glas mehrere Male! an den Einheimischen absichtlich vorübergehen ließen, wurde bi.eie Mißachtung der Anlaß zu einer wüsten Schlägerei. Wenn eine Hochzeitsgesellschaft Umzug im Torfe hielt, gingen junge Burschen in weißen Schürzen mit nnd reichten jedem, der am Wege stand ober anS dem Fenster sah, einen Trunk aus der Flasche. Dies zu unterlassen wäre eine grobe Unhöflichkeit gewesen. Dieser Brauch besteht auch heute noch, während das Zubringen int Wirtshaus kaum noch geübt wird. Infolge des reichlich vorhandenen Geldes hat die Sitte ihren Inhalt verloren, und- auch die- Form ist geschwunden.
Andere Gebräuche werden sich noch lange halten. Hierher! rechne ich die „Kameradschaften. Jungen und Mädchen derben Jahrganges schließen sich bald nach dem Eintritt in die Schule zu solchen Kameradschaften zusammen: das sind Gemeinschaften, die durch das einförmige Leben gefestigt werden und die sich ut Freud und Leid bewähren. Die Gleichaltrigen sitzen ut derselben -Schulklasse. Sie werden zusammen eingesegnet und haben ihre sonntäglichen Freuden zusammen. Zwei Brüder gehen nicht etwa am Sonntag zusammen zu Spiel unb Tanz, sondern jeder mit seiner Kameradschaft. Menn ein junger Bursche ober ein Mädchen stirbt, so tragen die Kameraden den Freund zu Grabe, und wenn einer Hochzeit macht, so werden jene eingeladem Zänkereien innerhalb derselben Kameradschaft gelten als verächtlich, während in den Streiligkeiten zwischen den verschiedenen Jahrgängen nichts schlimmes gefunden wird. Zwischen Arm unb Reich machen riese Freundschaften keinen Unterschied, sondern sie werden einzig und allein durch die Gleichaltrigkeit bestimmt....Man kann vielleicht hieraus den Schluß ziehen, daß das . geistige Leben noch lehr 'wenig differenziert ist, nicht nur das intelleituelle, sondern mich das ethische. Tas ist auch natürlich, denn der Bildungsgang aller ist genau derselbe, und der Bildungsstand nnd dje religiösen Anschauungen sind so.einheitlich tote im Mittelalter. Da,die äußere Lebenshaltung ziemlich gleich ist, so gibt es kaum loziale Unterschiede. Wohl aber gibt es ein Unterschied des Besitzes, und dessen ist man sich lebhaft bewußt. Der Wert der Mensche», kommt ut dem zum Ausdruck, was er hat. Kluge- Städter wollen hierin, den Ausfluß einer durchaus aufs Materielle gerichteten Gesinnung sehen. Aber ist es dann in den „besseren" Kreisen.anoers Öler wird doch auch der Mensch in der Regel nach ferner sozialen Stellung und nicht nach seinem persönlichen Werte.elngeschatzt. Und in' dem Besitz des Bauern kommt zum mindesten btctelbc persönliche Kraft zum Ausdruck wie in der sozialen Stellung des Beamten ober Offiziers. Und wenn man dem Bauern zum Vorwurf macht, daß er seine Frau nur nach ihrem Besitz ansivahit (dies tut er tatsächlich), so läßt sich dagegen fragen, welcher Mann in höherer Stellung eine Frau aus einer niederen Kaste heiratet. Es ist wabr, die Romantik hat keine Heimat unter den Bauern. Ich kenne keinen Romeo und keine Julia in den Dörfern meiner Heimat. Für die Bauern eignet sich besser die nüchterne Verständigkeit; nur mit dieser können sie ihren Platz int ganzen des. Bolkskörpcrs ausfuklen. ’»
persönliche Erinnerungen an Adolf Mibrandt.
„Wilbrandt! hatte keine Feinde, er besaß nur Freunde, .und ich darf sagen," oft erzählte Paul Lindau dem B. i-., ,a>«B M sein bester Freund war. Außer mit mir verband ihn, dessen Tod


