Ausgabe 
15.6.1911
 
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Menschenmengen drängten sich dort nuten, Fremde, die ich nie gesehen, von denen ich keinen kannte. Aber ich war doch nicht allein. Ich wußte in all dem Abendgetvuhl und Gelärm, in all dem Treiben der Großstadt, das vielleicht einsamer macht als die große Stille deS Landes: du bist Nicht allein. Nein, du bist nicht allein! Tn hast sie wieder­gefunden. Tn wirst sie nicht lassen. Tn. kannst morgen zu ihr. Und jeden Tag und immer zu. ihr, jtt Herzeloiden!

Ich ging auch 51t ihr. Nichts wurde aus den Bergen, nichts aus der See. Den ganzen Urlaub blieb ich. in Berlin. Er verfloß gleich einem Rausch, wie einst dem Schulknaben die Ferien. Als der letzte Tag gekommen war, sprach ich zu. ihr:

Herzeloi.de, morgen muß ich fort.

Traurig blickten mich ihre Augen an; aber sofort nahm ich ihre Hand und küßte die schlanken Finger, die sie mir willig und selbstverständlich überließ:

Ich komme wieder, Herzeloide.

Sie fragte nichtwann?" Aber ihre Blicke schienen es zu-sagen. Ich war betrübt, daß. es morgen zu Ende sein sollte. Da bedrängte mich etwas. Ich fragte:

Mar es denn recht, daß ich so viel zu Ihnen gekom­men bin?

Sie Zuckte die Achseln:

. 1 Ich bin alt.

Ich lachte:

> Ich auch.

Doch sie wollte davon nichts wissen, ein Mann sei nicht alt. Ich rief:

Glauben Sie, daß ich eine Junge brauchen könnte?

Da sie ein lvenig verlegen schwieg, fühlte ich, daß ich $11 viel gesagt hatte. Zn viel? Mein Gott, was wollte ich denn? Und es ward mir klar in diesen: Augenblick: sollten tvir unser ganzes Leben hier sitzen, Uns besuchen? Denn ich wollte wiederkommen, immer wiederkommen, mit­einander zu schwatzen wie die Kinder! Warum sollten wir beiden alternden Menschen, denen das Herz doch noch jung war, unser Leben nicht zusammentun?'

Da nahm ich ihre Hand, beugte mich vor zu ihr und sagte:

Herzeloide, wollen wir eimnal sprechen wie ver­nünftige Menschen?

Sie lächelte nur:

f Das tun wir doch immer.

Mein, hören Sie! Sie haben mir einmal'gesagt. Sie hätten eine Pflicht, Sie erzögen die beiden Mädchen. Nun, die eine haben Sie ja zwar glücklich untergebracht, die ändere ist jedoch noch hier, und für die müssen Sie sorgen. Ist es nun aber nicht schlimm, wenn so ein araues Geschöpf mir eine Mutter hat und keinen Bater?

Herzeloide wurde unruhig. Sie blickte mich an, luic zu fragen: Was soll das? Es erwachte in ihr etlvas Jung­fräuliches, als wollte sie aufstehen und meinen Fragen entfliehen. Doch ich ließ ihre Hände, die sie mir entziehen wollte, nicht los und fuhr fort zu sprechen:

, . Herzeloide, ich habe Ihnen gesagt, ich bin alt. Ich habe eine Frau gehabt, an die ich immer in Liebe und dankbar denken loerde. Es ist schon lauge her, daß sie von mir ging, aber sie war doch da, und jede andere wurde die zweite sein, die an ihre Stelle tritt. Glauben Sie, daß eine Frau sich nicht daran stoßen würde?

An was? gab Herzeloide zurück mit gesenkten Klugen.

Nun eben alles, was früher gewesen ist; mein Alter, an mein graues Haar?

Da senkte Herzeloide den Kopf und sagte so leise, daß ich es kaum verstand:

mit

Sehen Sie die weißen Fäden?

Als sie sich ivieder aufrichtete, erblickte ich sie von roter Gi'.'.t überflammt. Da nahm ich ihren Kopf in beide Hände und druckte die Lippen auf das Haar, und wie ich hittschaute entdeckte ich nur ein, zwei weiße Fäden. Da sie mit gesenkten: Haupte blieb, suchte ich sie auMrichten und fragte:

Herzeloide, wollen Sie es mit mir versuchen? Sie nickte.

. Ich stand ans, zog sie empor, legte ihre Arme nur lnnnen Hals, dann sahen wir uns in die Augen, und so

blieben wir lange. Sie begann Zu lächeln. fügte ich sie auf den Mund. Umschlungen blieben wir stehen.. Wir, die wir iinnrcr zu sprechen gewußt, schwiegen fetzt beide.

Es' war dunkel tut Zimmer geworden. Ich weiß nichts tote lange wir so standen. Ich küßte nur ihre kleine Hand, und bnint legten wir Stirn an Stirn und Wange 01t Wange. Sie hob den Kopf und wollte mir etwas sagen, aber sie sprach es nicht aus. Ich fragte:

Was sollte es sein?

Sie wehrte- ab.

1 Ich muß es wissen.

Sie schüttelte wieder den Kopf

Wollen !vir nicht alles wissen, einer von: andern?, Nun sagte sie lebhaft:

' a

Dann fragte sie ganz leise, nicht verschämt, sondern' mit ängstlichem Ausdruck und indem ihre lieben Augen mich forschend anblickten:

-Bin ich Ihnen nicht zu alt?

Ich lachte auf:

Zu alt? Nein, aber es muß anders heißen. Wie?

! Bin ich dir nicht zu alt?

Sie gab einfach, selbstverständlich mit einen: Lächeln zurück:

Bin ich dir nicht zn alt?

! Und ich nicht dir?

1 Nein. Der Manu soll älter sein als die Fran.

Ich stellte milch böse:

- . Wo steht das?

Es ist besser. .

1 In unserem Alter?

Sie lachte und senkte die Stirn. Ich drückte die Lippen auf ihr Haar. Dann traten wir ans Fenster und hielten uns untschlungen, während ivir hinausblickten auf den weiten dämmernden Platz, an dem sich allmählich ringsum die Lichter zu entzünden begannen.

Ich fragte:

Hast du geglaubt, daß ich kommen würde?

Sie nickte.

Und ich bin nicht gekoinnten.

Sie sagte leise:

So lange nicht.

> Und wenn ich nun gar nicht gekommen wäre?

Ich hätte nur tut Sie gedacht.

Was ist das? Sie?

Da ging eilt glückseliges Lächeln über ihr Gesicht, daß ihre schönen Zähne in der Dämmerung glänzten, und ich sagte wie ein Leutnant in der Instruktion:

Also, wie war das? Noch einmal die Antwort!

Gelehrig antwortete sie, langsam, jedes Wort betonend: i Ich hätte nur an dich gedacht.

(Fortsetzung folgt.)

Ein Zpaziergang durch die Keldmark von Hochelheim.

(Schluß.)

Die Beseitigung der Zollgrenze hat den Hvchelheimern nichts geschadet. Denn das Dorf hat sich in erstaunlicher Weise an dem wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt, den unser Vaterland im vorigen Jahrhundert genommen hat. Vorher war Hochelheim, wie schon gesagt, ein sehr armes Dorf, und nur ganz allmählich beginnt die Erinnerung an diese Zeit zu verblassen. Der Ertrag des Bodens war sehr dürftig, da das Ackerland nur zum geringen weil gut war und die AckerlÄtur beinahe alles zu wünschen übrig ließ. Wie spärlich das Getreide wuchs, geht daraus hervor, daß dasSchneiden" die einzige Art des Erntens war: Es wurden so viel Halme mit der Hand umfaßt, als man aus einmal erreichen konnte, und daun mit der Sichel abgeschnitteu. Heute haut der Mann mit der Sense eine Mähtwider", und die Fraueiv.nehme.nl das Getreide mit der Sichel zusammen. Diese Art des Mähens ilt nur bei gutem Getreide möglich, weil nur dieses sich in dichter Menge sauft geneigt an die steheubleibende Saat anlehnt und dann mit der Sichel reinlich weggeuonnucn werden kann. Wenn kurze, düuustehcnde Frucht mit der Seuse gemäht wird, fallen die Halme laug auf den Boden und geraten durcheinander, so daß sie mit der Sichel nicht aufgehoben werden können.1 Es ist leicht zu ermessen, daß das Schneiden ein sehr langwieriges Geschäft war, und man kann daraus sehen, tote viel Zeit die Leute haben Mußten. Man verstand den Acker weder richtig zu pflügen, noch zu düngen. Mageres Ackerland, schlechtes Vieh, wenig Dung- das war der elende Kreislauf, Die Jauche floß aus dem.