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herzeloidr.
EUotttctn von Georg Freiherrn von OmPted'kLj (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Am Nachmittag war ich draußen, eine Stunde vor der Verabredeten Zeit. Ich hielt es allein im Hotel nrcht mehr aus. Dann saß ich bei ihr, die Nichte war ausgegangen. Was sprachen wir? Ich weist es nicht. Bon allem, von jedem. Alles interessierte sie, alles interessierte mrch. Wir hatten dieselben Gedanken, die gleichen Berührungs- p unkte. „${te .()r £ange von Meran, dann wieder vom Regiment, von meinem Leben, von meinen Pferden, von meinem Dasein. Ich erfrchr, daß, als der Geheimrat starb, sie gerade im Süden gewesen wäre, und sie es zu spät er- fahreu babe. Dann begann sie von ihrem Leben mir den Inhalt zu geben: Wann sie ausging!. Wann sie heim- kehrte, womit sie sich beschäftigte. Jede, rede Klenngtert wollte ich wissen. Ich erzählte, ich hatte Urlaub. Sie fragte:
-—Wohin gehen Sie? , .
Ich weiß es selbst nicht. Ich meine, ich bleibe m Berlin.
- Den ganzen Urlaub?
.— So lange Sie wollen-
Sie gab leise zurück:
h- Das habe ich doch nicht zu sagen.
H- Doch. Sie sollen es bestimmen.
Sie lachte darüber. , , _ ...... ~ ,
Dann sah ich sie an, wie sie vor nur saß, jetzt ohne Hut, und gewahrte, daß doch vielleicht ein paar weiße Faden ihr Haar durchzogen. Aber man merkte es nicht, und das Gesicht schien jugendlich Ivie einst. Ja, etwas Meriwnr- diges kam mir vor: sie war hübscher geworden. Sie hatte jene Züge, die durch das Alter nicht leiden, dre, wenn sie runder werden, besser aussehen vielleicht als in jungen Jahren.
Aber die Gestalt war die gleiche, groß und schlanß nur etwas voller vielleicht. Das Haar war so schön, der Mcund so lieb, wenn er lächelte, und die Augen wie früher; dre Augen, das Beste an diesem Wesen. Denn man sah in ihnen die Tiefe, die Güte, die Weiblichkeit. Es waren Augen, die das Lügeil nicht gelernt hatten. Augen der Treue, der Klarheit, der Wahrheit.
Lange blickte ich sie an. Aber da wir nicht sprachen, tnerkte sie es uttb fragte:
t— Was haben Sie denn?
Darf ich Sie nicht anschauen?
Sie lachte:
f— Gewiß.
J=! Ich habe Sie so lange ,licht gesehen.
Ganz flüchtig, vorsichtig fast gab sie zurück, und dann war es beinahe, als ob es ihr leid tüte:
-— Mir ist es lange erschienen.
Ich wollte noch mehr sagen, doch ich schwieg.
Dann kam die Nichte, ein liebes, junges Dmg, be-> cheiden wie Herzeloide, beinahe als wäre es ihre ^ochter. Doch ich hatte nicht Augen für sie, ich sprach mrt Herze- loiden. Nicht einen Augenblick ging es mit' so wie mrt tausend Menschen, daß man sucht nach etwas, dre Gedanken fortzuführen. Immer wußte ich es, immer kam es von selbst, daß ich ihr etwas erzählte, daß ich etwas fragte, zur Vergangenheit zurückleitend, daß ich von der Gegenwart sprach, nur nicht von der Zukunft. . '
Es war schon dunkel geworden, als rch endlich auf- brach. Die Nichte war ab und zu fortgegangen. Dann kam sie wieder, still und leise, und hörte, zu, wie wrr beide rins unterhielten. Ich ging, und wie es mir selbstverständlich schien, zog ich Herzeloidens Hand an die Lippen. Sie wehrte es nicht ab. Ich fragte nur:
r— Wann darf ich wiederkommen?
— Wann Sie wollen.
— Morgen?
i— Natürlich. .
Ich ging, pfiff auf der Treppe ein L-rgnal, summte auf dem Wege ein Lied, focht wieder in der Luft Auslage vorwärts, Stich und Hieb und kam mir jung vor und elastisch iuib spannkräftig, daß ich es hätte nut jedem Leutnant aufnehmen mögen.
Am nächsten Tage wurde ich eitel: ich überlegte, welchen Anzug ich loähleu sollte und welche Krawatte. Ich kaufte mir ein Paar neue Handschuhe, setzte den Hut schräg auf den Kopf, und auf dem Wege dachte ich: Es geht ja zu Herze- loiven.
Dann saß ich wieder bei ihr, und abermals verrannen die Stunden. Als ich endlich gehen mußte, fragte ich tote am
•— Wann darf ich wiederkommen?.
!— Wann Sie wollen.
■— Morgen?
\— Natürlich.
Spornstreichs rannte ich davon, und tn meinem Herzen war es Sonne, wie es seit Jahren nicht gewesen war. Nicht eilt Frühling, nicht das Heraufziehen einer Leidenschaft wie einst in jüngeren Jahren, nicht das Bewußtsein: es keimt und sproßt, es wird grün, und die Sonne scheint! Nein, ick wußte: es ist Hochsommer tn all seiner Pracht Stolz stehen die Ernten, es reift die Saat. Belaubt sind die Bäume, es ist die hohe Zeit des ^ayres. Warme, Wacch'- tum, Leben und Licht überall. Es ist die Mittagsstunde
Abends ging ich noch aus und setzte mich, ins Lass Bauer, auf den Balkon ganz «allein. Unablässig rollten die Wagen die Friedrichstraße auf und ab. Unablässig kamen sie vorüber, die Linden herauf und hinunter,


