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Rückert.
So fühlst du nicht die Lust, Die wohnt in deiner Brust; Doch wenn sie dir entfliegt, So suhlst du den Verlust.
nam England, das Land Wales und einen $etl von Schott, and besucht." — „Sie suchten wohl Arbeit?" — Auf dies« lächerliche Frage antwortete der Landstreicher mit einem verächtlichen Lächeln. „Arbeiten," sagte er, „ist gut sur he Pferde und für die Narren. Ich weiß mir auf bessere und leichtere Art Geld zu verschaffen." Sprach's und überreichte rem Zeitungsmann ein Büchlein, das nicht sehr verlockend aussah. Auf Seiten, deren ursprüngliche Farbe unter einer dicken Schmutzschicht völlig verschwunden war, konnte man eine Liste von 150 Häusern entziffern. Jedes bildete den Gegenstand einer besonderen Notiz, die mit einer genauen Angabe der Höhe des den Bettlern dort gewöhnlich gewahrten Almosens endete. Silbermünzen wurden überall ausdrücklich erwähnt. Neben dem Namen einer sehr mildherzigen Person standen die Worte: „Gut für sechs Pence". Eme wohltätige Dame war sogar „gut für emen Schilling . Sehr häufig fand sich die Notiz: „Gut für em Stuck Brot . Em gewinnbringendes Geschäft scheint das Landstreichertum nicht zu sein, aber es nährt doch seinen Mann. Der Bettler, der dem Redakteur von „Sunday at Home" seine vertraulichen Mitteilungen machte, erzählte, daß er eines Tages, abgesehen von einigen reichlichen Mahlzeiten und verschiedenen alten, aber noch gut zu verwendenden Kleidungsstücken, mehr als 6 Mk. eingeheimst habe. Dabei hatte er sich nur an solche Häuser gewandt, die in seinem „Führer" verzeichnet waren. J — Kulturarbeit ppf eigene Faüst. Leo v. Egwff- stein schreibt iw „Knnsüvart": Das ist wohl der traurigste Urin« einer absterbenden Scheinkultur, daß wir unfern Angestellten, unfern Anrtsgehilfen, unfern Nachbarn und Hausgenossen, Mit denen wir ohne jedes Opfer, so ziemlich alle Lebensfreuden ^(eit könnten, innerlich so fern bleiben, als trennte uns ein weites Meer. Daß «außerhalb des Berüses,, des Vereiiislebens, des engfleii Familienkreises die sozialen Pflichten des Gebildeten erst beginnen, kommt Uns raum in den Sinn. Sogar den fernen Ton und Takt dem Volk gegenüber haben wir verlernt; und wir müssen prst wieder einmal mit einem Haufen von andern fröhlich fern und uns in die Kleinwelt eines Bauern oder Arbeiters versenken, UM abzuschätzen, welche Freuden und Anregungen nur uns haben vn - aehen lassen. Eins aber Müssen wrr vor allem beachten, damit der Gebildete der Zukunft nicht wieder in den gehler vergangener Menschenalter verfalle. Wrr muffen reden, um dessen Bildung Wir Uns bemühen, sogleich zu irgendeiner Kulturarbeit anregeni unb anhalten. Es ist nicht schwierig, ein Kind anznle^n, daß es seltene Blumen seiner Heimat wie ein Heiligtum hütet. So heikel es ist, einer Fabrikarbeiterin von der Pflege des eigenen Helms zu predigen, so überraschende Erfolge tonnen, wir in der Arbeiterfamilie beobachten, wenn wir bei den Kindern den SiMi surs Schöiie geweckt haben. Wir sich Mit natur- oder v>olkvknndlicheU Studien abgibt, der versäume nicht, emLn klugen Burschen ssth als Gehilfen heranzUziehen. Er wird mit seiner seinen Beobachtungsgabe unschätzbare,, Dienste leisten, zu seinem üstd unserm Vorteil,. Ein Dienstmädchen, das seiner Hausfrau bei Arbeiten fürs FrüNenwohl helfen darf, wird ihr, fürs ganze Lebm Dank wissen Und ein Besonderes, das keiner staatlichen Fürsorge Und keinem Verein gelingt, können wir crretchm, wenn wir statt immer nur zu predigen, mit einem Mann aus dem Volk an einer Kulturaufgabe arbeiten. ।
* Der Pantoffelmeier. „Trink' doch noch ein Glas!" — , Ach, ich trau' mich nicht! Ich muß immer, wenn ich aus dem Wirtshaus konime, Meiner Alten zur Probe, ob ich nicht zU Ml getrunken habe — eine Nadel einfädeln!"
* Eklatant er B eweis. „Kocht denn deine Frau selbst?" --- „Natürlich, sonst würde ich doch nicht hier iM Restaurant essen!" ______________
Versteckratsei.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben tn folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". , Betschnanen — Finsternis — Bleiburg — Reibeisen — Deidesheim — Wonnemond — Stärkekleister — Wachposteii.
Auflösung in nächster Nummer»
Auflösung der Königspromenade in voriger Nummerr Der Bannt nierkt nicht die Last, Hält drauf ein Vogel Rast;
Doch fliegt der Vogel weg, So schwankt davon der Ast.
kchaft hinMÄi. Recht ärgerliche Erscheinungen zeitigt dagegen jahrelanges Tabakkauen, das häufig von schwer^ Verdauungsstörungen uist» seelischen Alterationen bis zur tiefsten Hypochon- «auch noch so sehr gewechselt Haben, Mig an, die Stelle der Pfeise lallmäblich die Zigarre getreten sein, der wiederuui die Zigarette, ppiatisiert oder mit Teeblättern versetzt, ihr Gebiet streitig zu Machen beginnt, 'so scheint zur Freude aller FmanzmiNister he den starken Genüssen sonst so abholde Gegenwart, tn der das Bier immer dünner wird und an Stelle wässriger Moselwemq die Limonaden des Sankt Abstinentius zu treten beginnen, auf den Tabak doch zu allerletzt verzichten zu wollen. Das deutsche Volk, das im Fahre 1861 nur 46 549 000 Kilogramm Rohtabak verbrauchte, hüt irrt letzten Berichtsjahre 1097s Millionen Kilogramm Tabak in die Luft gepafft und dafür dem Reich an Zollen Und Steuern allein einen Betrag von 89,5 Millionen Mark entrichtet. Weit stärker noch als in Deutschland drückt die Steuer Auf den Däbak in anderen Ländern, in Frankreich, wo das Monopol rund 500 Millionen Franken einbringt, in Oesterreich- Ungarn, wo der Staat aus dem Tabak 350 Millionen Kronen «einnimmt, in Italien, Wo daraus 220 Millionen Lire in M Staatskassen fließen, Und in Großbritannien, wo he Tabaksteuern über 200 Millionen Mark eintragen. Die Freude am Tabak teilen aber noch imMer ungezählte Millionen nut der berühmtesten Raucherin aller Zeiten, der George Sand, he ut ihren Reisebriefen 1838 schrieb: „Wenn während Meiner Abwesenheit die Republik proklamiert werden sollte, so Möge man mir alles nehmen, Was ich besitze. Man gebe meine Ländereien jenen, die nichts haben; Man mache aus meinem Haus em Spital Mr die Verwundeten, Man trinke meinen Wein aus, man lade Mit meinen Drucksachen die Flinten —■ kurz, man nehme mir alles, nur das Porträt Meiner Großmutter nicht unt* lasse mir titte Feder istrtd Tinte und Meine Tabakpfeife!"
Vermischter.
* Die Kraft des Efeus. Das von allen Orient reisenden besuchte Kloster der tanzenden Derwische in Pera ist an sich durchaus keine Sehenswürdigkeit. Der Saal, wo die religiösen Hebungen stattfinden, ist unansehnlich, die hölzernen Häuser, die den Hof umgeben, sind alt und baufällig, die Grabmaler ringsherum ohne Interesse. Als Gegensatz zu der lärmenden, verhältnismäßig modernen Straße draußen wirkt aber der Hof mit seiner altmodischen, orientalischen Ruhe sehr wohltuend. Außerdem befindet sich in diesem Hof eine wirkliche Sehenswürdigkeit, auf die in der „Welt auf Reisen" aufmerksam gemacht wird. Auf einer kleinen Erhöhung, von einem eisernen Gitter umgeben, steht eine uralte Zypresse; vielmehr stand, denn der Baum ist schon längst gestorben, von Efeu erwürgt, so daß der schwere Stamm jetzt nur noch dazu dient, die dicht verschlungenen Efeuzweige mit dem schönen, immergrünen Laub zu tragen. Die von dem Efeu im Lauf der Jahre geleistete mörderische Arbeit ist eine gewaltige gewesen, denn der Stamm der Zypresse hat einen Umfang von Metern. Der Baum muß also sehr hoch gewesen sein, und doch ist von der schlanken, kräftigen Zypresse nichts übrig geblieben, als der jetzt recht untersetzte Stamm. Es ist ziemlich schwer, die Zahl der umschließenden Efeustämme genau festzustellen, da sie selbst ganz unten bei der Erde miteinander so verwachsen und verschlungen sind, daß das Zählen fast unmöglich wird. Es handelt sich um ungefähr zwanzig verschiedene Efeu- pflanzen, die den Baum ringsherum umgeben. Die kräftigsten haben unten einen Umfang von Vs Meter, die meisten find aber viel dünner. Jedoch haben sie es mit vereinten Kräften fertiggebracht, die alte Zypresse umzubringen, und sie haben somit dem Derwischkloster die einzige Sehenswürdigkeit geschenkt, über die es verfügt.
* Vertrauliche Mitteilungen eines Land
streichers. Die Landstreicher Großbritanniens und Irlands haben sich schon seit langem verbunden, um Material zu einem Werke, das ihnen für die Ausübung ihrer Industrie beinahe unentbehrlich ist, zu sammeln; es ist ein „Führer zum Gebrauch für Wanderer, welche Arbeit suchen, mit der Absicht, keine zu finden". „Seit zwanzig Jahren schon liege ich auf der Landstraße," sagte jüngst zu einem Redakteur des Wochenblattes „Sunday at Home" ein kräftiger Mann, der noch in den besten Jahren zu sein schien. Ich habe .
Redaktion: F V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag derBrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, Ä. Lange.HtztN.


