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Sie zog die Vorhänge des Alkovens zu und' ließ Frau bon Hilbach allein.
„Schlafen!" flüsterte die zweimal und machte die Augen zu, aber ihr armer Kopf wollte keine Ruhe. Toll und wirr wogten ihre Gedanken auf und nieder, wie ein aufgepeitschtes Meer, das nicht zur Ruhe kommen kann und will.
„Mein Haus! Mein Haus!" stöhnte sie, „ich will es nicht hergeben!" In ihrer Fieberangst sah sie das alte Witwenhaus wieder als Menschen vor sich und begann mit ihm zu sprechen, so warm, so eindringlich, so flehend! —
„Sieh mal, warum bist du denn so hart, so grausam? Warum machst du mir denn so entsetzlich viel Sorgen? Ich meine es doch so gut mit dir! Nie, nie in meinem Leben könnte ich dir ein Leid zufügen, und du bereitest mir fortwährend Schmerz! Sieh mal, wenn du es nun immer so weiter treibst, und wenn ich dich nicht halten kann, dann kauft dich vielleicht irgend so ein wildfremder Mensch, so wie der Lasker, der läßt dich dann niederreißen, mordet dich einfach hin und baut sich ein wunderschönes, neues Haus, und ich weiß doch, du möchtest gern noch stehen bleiben, möchtest sehen, wie die Saale fließt, wie das Wehr schäunit, wie es Frühling und Sommer wird! Ach liebes, liebes Haus, sei doch gut, ich tu dir nie, nie ein eSib, ich verspreche es dir, aber du mußt es mir auch nicht so furchtbar schwer machen!"
Da war es chr Plötzlich, als ob das alte Haus lächelte, aber es war so ein unbestimmtes Lächeln, halb höhnischs, halb mitleidig, und sie fragte es ganz trostlos:
^Lachst du mich aus? Bist du schlecht? Bist du so grausam wie die Specht und die Hänflern und die Pastorin?" Als oas Haus immer weiter lächelte, erfaßte sie eine tiefe Trostlosigkeit.
„Das ist so hart von dir!" sagte sie, „so furchtbar hart! Aber das schwör ich dir, an dem Tag, an dein du nicht wehr mein bist, nehm ich mein Kind und gehe in die Saale, und du mußt zusehen, wie wir sterben, weil du uns zu Tode gemartert hast!"
Da Plötzlich hatte das Haus ein anderes Gesicht, so wie ein guter, alter Mann mit schneeweißen Haaren und milden, blauen Augen, so etwa wie ein alter Landpfarrer, der viel Trost in seiner Gemeinde spenden mußte sein Leben lang, der an manchem Kranken- und Sterbebette gestanden hat und mit lieben, einfältigen, alten Worten gebrochene Menschen aufgerichtet hat. Der legte ihr jetzt die Hand auf die Stirn und sagte ihr irgend einen Spruch aus der Bergpredigt, und dieser Spruch machte im Augenblick all ihre erregten Gedanken ruhig und still, wie Oel, das die Wellen des Meeres glättet. —
Schlafen konnte sie nicht; sie lag in stillen, müden Träumen die ganze Nacht hindurch und sah viel Altes, Vergessenes vor sich auferstehen. Ihre tote Mutter kam aus chrem Grab und klagte, daß das Leben so kurz sei und daß man es später, wenn man erst in dem engen, dunklen Sarg liege, bitter bereue, daß man sich viel zu wenig an Sonne und Licht auf Erden gefreut habe.
Auch ihr toter Mann kam zu ihr und sagte ihr, daß es ihm leid tue, daß sie so viel zu tragen habe. Die Specht und die Hänflein und die Pastorin baten sie um Verzeihung und waren traurig, weil sie so Böses angerichtet hatten; plötzlich gingen die Türen weit auf, und der Doktor trat Über die Schwelle und sagte: „^omm!" Da flog sie an seine Brust, und alles Schlimme und Schwere lag weit, weit hinter ihr.
Am frühen Morgen sand sie Sck)laf, und wie die Kosh mit dem Kaffee an ihr Bett trat, brachte sie es nicht übers Herz, sie zu wecken.
„Wer weiß, wie teuer sie das bißchen Schlaf bezahlt hat!" dachte sie, „und wenn sie drei Monate lang die Hypothek vergessen hat, dann kommt's aus einen Tag mehr »der weniger auch nicht an!"
„Pst," machte sie zu bem Keinen Erwin, der auf das Bett klettern wollte, nahm ihn bei der Hand, zog die Vorhänge des Alkovens wieder zu und war so zufrieden mit sich selbst, als habe sie eben eine große, gute Tat vollbracht.
Fünftes Kapitel.
Die Frau Natusius war noch bis zum achten April wohnen geblieben, weil ihre Frieda nicht früher bereit war, fie zu empfangen.
Bis zwei Tage vor ihrem Wegzug hakte sie au der Strickmaschine gesessen, dann, als alle Möbel verladen waren, ging sie in ihrem Sonntagskleid umher, wußte nicht recht, was sie tun sollte, und hielt sich viel bei der Pastorin auf, die ihr und ihrer alten Mutter Nachtlogis gewährt hatte.
Die Pastorin beklagte sich bitter über Frau von Hll- bach und die alte, ordinäre Gemüsefrau und bedauerte daß sie aus lauter Gutmütigkeit nicht gekündigt habe. Der Natusius tat es leid, daß die Specht ihren abscheu-t lichen Plan ausgeführt hatte, aber die Pastorin versuchte^ die Sache von einer anderen Seite zu beleuchten.
Die Specht habe nur ihre Pflicht tun wollen, sagte? sie; wie gutmütig sie selber sei, das sähe man daraus^ daß sie davon Abstand nähme, auch eine Klage bei der Baupolizei einzureichen, denn sie wisse ganz genau, daß zum Beispiel die Anlage der Aschengruben eine unvor- schriftsmäßige sei. Aber obschon mau fie in diesem Hause fortgesetzt beleidige, unterließe sie solche Sachen, und die Natusius gab zu, daß das schön und edel von deg Pastorin sei.
Am letzten Abend klopfte Frau Natusius mit ihrer alten Mutter bei Frau von Hilbach und verabschiedete sich. Sie fanden die junge Frau sehr bleich, auch weniger herz,- lich wie sonst.
Frau Natusius hätte gern ein Wort über die Spechtsche Angelegenheit mit ihr geredet, aber sie tat es nicht, weil sie so ein unbestimmtes Gefühl hatte, daß man ihr nicht antworten würde.
Unter gegenseitigen Wünschen für ein ferneres Wohlergehen verabschiedete man sich; die Natusius fragte noch nach der Kosh, die ans der Küche herbeikam, ihre Hano an der Schürze trocknete und sie den beiden Frauen reichte.
„Grüßen Sie Friedan!" rief sie der Frau Natusius nach, „ich laß ihr alles Gute wünschen. Das war ein braves Mädchen trotz allem."
„Danke, danke!" sagten die Frauen, stiegen die Treppen hinauf und sprachen oben mit der Pastorin einen langen Abend über die Zukunft des Witwenhauses. Sie glaubten alle drei nicht daran, daß die junge Frau es! halten könnte, und die Pastorin jammerte: „Wenn es ihr nur nicht gepfändet wird, so lange ich drin wohne. Die Schande ertrüge ich nicht! Denken Sie, wo doch all meine Schloßmöbel hier im Hause sind!"
Am nächsten Morgen gingen sie zum Bahnhof; die Pastorin blieb mit rotgeweinten Augen und einem Herzen voll Bitterkeit in ihrer einsamen Wohnung zurück. —
Frau von Hilbach war in Naumburg gewesen und hatte mit dem Besitzer ihrer zweiten Hypothek gesprochen. Er war nicht abgeneigt, sie ihr zu lassen, wenn sie ihm bis zum 1. Juli dreitausend Mark davon abzahlte, bla er für einen Umbau nötig hatte.
Sie hatte ihn groß angesehen. Woher sollte sie dreitausend Mark nehmen?
Er hatte ihr Erstaunen beinerkt, hatte sich ihre Verhältnisse auseinandersetzen lassen und ihr schließlich den guten Rat erteilt, mit einem Rechtsanwalt Rücksprache zn nehmen.
Die Unterredung mit dem Rechtsanwalt hatte aber Frau von Hilbach erregt und erschreckt. Daß sie mit wildfremden Leuten so offen über ihre Vermögenslage sprach, oaß sie ihre große Armut und Verlegenheit bekennen und das Erstaunen aus ddm Antlitz derer, denen sie sich offenbarte, sehen mußte, das peinigte sie. Der Rechtsanwalt hatte die Sache hin und her überlegt und war schließlich zu der Ansicht gekommen, daß sie sich das Geld entweder auf privatem Wege oder aber als oritte Hypothek verschaffen solle. Diese Hypothek, die nicht mehr mündel- sicher war, müßte dann auf ihren Namen gehen, damit das Kind vor Schaden geschützt sei. Frau von Hilbach hatte gern darein gewilligt.
Der Rechtsanwalt mußte über ihre Bereitwilligkeit lächeln, nur setzte er Zweifel darein, ob sie wohl dreitausend Mark an dritter Stelle auf das alte Haus erhalten würde.
(Fortsetzung folgt)


