Ausgabe 
15.3.1911
 
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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.!

Es hat schon mancher Mensch! einmal vor bem1 Nichts gestanden und ist wieder in die Höhe gekommen. Und w e n n sie uns den alten Kasten nehmen---"

Nein, nein, nein, Kosy, das will ich nicht, ich geb es nicht her!" rief Frau von Hilbach leidenschaftlich.Ich hab es lieb gewonnen, ich kann es nicht hergeben, Kosh­er will doch auch wiederkommen, ich hab ihm doch ver­sprochen --"

Lassen Sie den Doktor aus dem Spiel, Frau von Hilbach! Wo nu alles und alles auf Sie einstürzt, läßt er Sie allein, das kann ich nicht gutheißen, das nimmt Urich gegen ihn ein."

Aber er weiß doch nichts von alledem, Kosy!"

Egal! Einer, der sich verlobt hat mit einer allein­stehenden Frau, die ein Haus besitzt, der hat ihr Ujre Sorgen abzunehmen. Geld ist zu so was gar nicht ein­mal nötig, .aber ein Männerkops denkt anders wie eine Frau."

Sie schwiegen beide; die Kosy lief im Zimmer hin und h er. ,

Kämpfen tun wir auf jeden Fall bis zum letzten Atemzug, Frau von Hilbach," sagte sie endlich entschlossen. -,Jch glaub poch nicht daran, daß uns das Haus genom­men wird. Wenn unser neuer Bauunternehmer oben in der Specht Wohnung glicht so angegriffen wär, daß er im Wett liegen muß und kein überflüssiges Wort reden darf, dairn könnte per Ihnen vielleicht einen sachverständigen Rat geben. Aber seine Frau ist ja in einer schrecklichen Aufregung, und wo er erst seit dem Mittag im Haus ist, kann man ihm nicht gleich mit solchen Dingen kommen."

Ich soll pach Naumburg!" sagte Frau von Hilbach leise,an der Bürgermeisterei haben sie es mir geraten. Ich soll ,fragen, ob er mir die Hypothek bis Oktober läßt, damit wir Zeit haben."

Ja, das ist vernünftig!" meinte die Kosy,ich würde dann gleich morgen früh neun Uhr fünfzig Minuten fahren, dann sind Sie vor Mittag wieder zu Haus. Aber unsere Tapete müssen Sie dann heute noch fertig aufkleben, Frau von Hilbach; bis morgen nachmittag ist der Kleister ein- getrocknet, und dann find Sie auch womöglich müde und wenn Sie heute den ganzen Nachmittag im Zimmer sitzen und nachdenken, das ist cntd) schlecht. Ich bring Ihnen eine Tasse Kaffee, Sie ziehen sich um, und unser Jung­chen hilft Ihnen wieder. Es ist ja nur noch eine halbe Wand und die Borde oben und unten. Ja, ja, ick komme schon!" rief sie Erwin zu, der ihr mitteilte, daß die neue Frau in der Wohnung der Frau Specht sie gerufen habe. ,,Der Kaffee steht in der Röhre, trinken Sie mal zwei

Lasse,:, Frau von Hilbach, und dann machen Sie das oben mit der Tapete, bitte!"

Frau von Hilbach war wieder in der Stimmung, daß sie mechanisch alles tat, was die Mte ihr sagte. Sie wechselte rhre Kleider, trank Kaffee und ging die Treppen hinauf. Der kleine Junge hielt die Tapetenstreifen unten fest, wenn sie auf die Leiter stieg, sagte ihr, ob das Muster genau stimme und schnitt neue Streifen mit ihr zurecht. Das ging alles ruhig und selbstverständlich, so als habe sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes getan, als Wände mit rosafarbenen Tapeten beklebt.

In ihrem Kopf war es still und stumpf geworden^ ihr Gehirn arbeitete wohl, aber nur ganz träge, ganz schwerfällig, so wie wenn ein schweres Lastfuhrwerk sich langsam, langsam weiterbewegt.

Schön!" lobte die Kosy, als sie ins Zimmer kam, die Borde ist großartig; das haben Sie gut gemacht! Ich war in der, Apotheke, der Herr Bauunternehmer leidet an Atemnot. So, nu pack alles, was herumliegt in den Korb, Erwin, und dann kommen Sie herunter, Frau von Hilbach, der Tee steht schon auf dem Tisch. Ich will noch mal schnell der Frau Bauunternehmer was zum Abendbrot bringen, dann komm ich nach. Ich hab auch von dem Rum, der noch von unserm Doktor da ist, auf den Tisch gestellt. Tun Sie sich da ein paar Löffel von in den Dee- Frau von Hilbach, der belebt Sie ein bißchen. Sie haben heut zu viel durchgemacht!"

Frau von Hilbach gehorchte immer noch mechanisch. Sie schüttete Rum in ihren Tee, einen Löffel nach dem andern und trank; nach der zweiten Tasse fühlte sie, daß ihre dumpfen Gedanken sich zu lösen begannen und in kleinen Kreisen in ihrem Kopf schwirrten. Ihre Stirn brannte, und vor ihren Augen flimmerte es. Eine tödliche Angst ergriff sie plötzlich. Sie sah wieder ihren Traum- man nahm ihr das Haus, ihr altes Haus, in dem er ge­wohnt, alles alles! Den Alkoven, in dem er geschlafen, den Teppich, auf dem er hin und her gewandert war, nächtelang, den Schreibtisch, an dem er gesessen, und wenn er eines Tages kam, wenn er die braune Haustür auf- klinkte, kamen ihm fremde Menschen entgegen und sahen ihn verwundert an und er würde traurig werden, so furcht­bar traurig, weil sie nicht Wort gehalten, weil sie nicht; tapfer gekämpft hatte. Sie schluchzte laut auf.

Ich glaube, Sie haben Fieber!" sagte die Kosy besorgt, als sie mit einem Stoß Gardinen ins Zimmer kam. Sie legte ihre Hand auf den Kopf ihrer Frau, befühlte ihr den Puls, deckte das Bett im Alkoven auf und half ihr beim Ausziehen.

So, nu ganz ruhig werden!" ermahnte sie mütterlich, gar nichts mehr denken, damit Sie morgen frisch sind; Gute Nacht, Frau von Hilbach Das Jungchen schläft aus dem Sofa in der Vorderstube, jdamit Sie nicht gestört werden. Gute Nacht!"