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mit allein, M es schien der Frau von Hilbach sogar, ab sei sie glücklicher wie früher. „ , ,
„Wann wollen Sie denn zis .'i ?" fragte sie noch, und Frau Natusius sagte, daß sie spätestens im Fruhiahr uber- zusiedelu gedenke: sie kündigte nun noch einmal offiziell und war unendlich erleichtert, daß diese Sache sich so einfach Und glücklich erledigt hatte.
Tie Kosy machte auch weiter keine Worte darüber.
„Wir holen Ihre überflüssigen Möbel vom Boden, Frau vo>r Hilbach und vermieten die ganze Wohnung iin Sommer an Badegäste, ain besten mit Küche, das haben die Berliner tient, und wir nehmen ein hübsches Stück Geld ein und können im Herbst immer noch fest vermieten. Da seien Sie mal ganz zufrieden mit!" Dann redete fie wieder vom Doktor und freute sich, daß Frau von Hilbachs Augen immer so glücklich strahlten, wenn die Rede auf ihn kam.
„Ist mal ganz gut, daß die Gräfin endlich eingesehen hat, daß sie überflüssig ist, nicht wahr? So können Sie sich doch besser was erzählen, denn wenn ich auch mit meinem Strumpf in der Ecke sitze, ich hör doch nicht zu! Ans mich brauchen Sie keine Rücksicht zu nehmen, und wenn es Ihnen besser paßt, wenn ich in der Küche sitze, dann müssen Sie nicht denken, daß ich deshalb beleidigt wäre, Frau von Hilbach."
Frau von Hilbach wurde tiefrot. „Sie sollten nicht so reden, Kosy, wenn Sie nicht in der Stube öleiben wollen, lasse ich den Doktor nicht mehr koninien."
Die Kosy erschrak.
„Aber »ein, nein, da ist ja keine Rede von!" Schnell brachte sie das Gespräch auf andere Dinge, aber innerlich empfand sie eine große Ungeduld.
Wie war das möglich, daß zwei Menschen, die so füreinander geschaffen waren, Woche für Woche jeden Wend zusammensaßen und immer auf demselben Fleck stehen blieben? t ,
Sie liebten sich doch, das mußte ein Blinder sehen, Und daß sie sich immer noch Gleichgültigkeit vorheuchelten, sich „Sie" nannten und nie von der Zukunft sprachen, das wurde auf die Dauer für dritte Personen langweilig.
Ja, die Kosy hatte recht, sie heuchelten sich Gleichgültigkeit vor, aber sie waren beide keine guten Komödianten, und dieser stille, ernste Mensch, der da jeden Abend in das niedere, kleine Wohnzimmerchen trat, betrog sich dazu noch selbst.
Was ging ihn das Leid, die Einsamkeit anderer an? Warum sollte er Interesse haben für eine fremde Frau, die ihm gegen Bezahlung ein Zimmer vermietet hatte?
Er war hierher gekommen, um Ruhe zu suchen, nein, nicht rn,entlich uni Ruhe zu suchen, denn wer Ruhe sucht, der will genesen, will sich zu neuem Lebenskampf ausrüsten, er aber wollte das nicht.
Bor den Menschen, vor der ganzen Welt hatte er fliehM wollen, seine große Bitterkeit und Menschenverachtung in sich nähren und großziehen wollen; darum war er fortgezogen aus seiner Heimat, seit Monaten schon, hatte planlos ein Stück Welt durchstreift, und immer, wenn ein Ort ihm schön und freundlich dünkte, war er schnell geflohen. Er glaubte dann vor dem Platz zu fliehen, der nicht zu seiner Stimmung paßte; in Wirklichkeit aber floh er vor sich selbst, vor seiner Unruhe, vor all dem Groll und der Bitterkeit, die in ihm lebte.
Ziellos war er gewandert, vom Rhein hinunter ein Stückchen nach Belgien und Frankreich zu, von da zurück zum Rhein und dann weiter, immer weiter, ohne Plan, und eines Tages war er müd geworden, so müd wie er sich's gewünscht seit langen Monaten.
Das war der Abend gewesen, an dem er an der Tür des langen, grauen Hauses geklingelt hatte. Gerade das Oede, Graue dieses Hauses hatte ihn angelockt, denn an jenem dunklen Regenabend hatte er nicht vermuten können, daß sein Blick am nächsten Morgen auf so viel Schönheit sauen würde.
Nein, er wollte ja kein Behagen und keine Freundlichkeit, und doch, dies dicke, geschwätzige Weib mit seiner gutgemeinten Zudringlichkeit, dies behagliche, niedere Stübchen mit dem geheimnisvollen Alkoven, in dem er seit langer, langer Zeit zum ersten Male wieder fest und traumlos geschlafen hatte, dies Altväterische, Weltabgeschiedene, dies fast lächerlich Patriarchalische in dem alten Hause hatten Hu bewogen, dazubleiben.
„Noch eine Nacht!" hatte er sich an jenem ersten Morgen gesagt, als das alte Weib mit einem Tablett vor seinem Bett gestanden hatte und ihn wecken mußte, wecken, ihn richtig wecken, ihn, der seit Monaten vergeü- 'ich ein paar ruhige Stunden in der Nacht erhofft hatte.
Und ivie sie ihm dann ein Tischchen ans Bett gerückt, ihm den unglaublich dünnen Kaffee eingeschenkt und ihn aufgesordert hatte, sich doch ja nicht stören zu lassen, sie wolle nur Stiefel und Anzug zum Reinigen holen und ich nach etwaigen Wünschen erkundigen, d!a hatte er em Behagen gefühlt, ein wunderbares Behagen, das viel, viel größer war als sein böser Wille, allem Guten ans dem Wege zu gehen. , , ,,
‘ Der dünne Kaffee und die weichen Semmeln hatten ihm geschmeckt; die Alte hatte ein Fenster geöffnet, sind eine Luft war ,in sein Zimmer geströmt, eine Luft, ach, er hatte sich wie ein glückliches, schlaftrunkenes Kind auf den weichen Federbetten gestreckt und war liegen geblieben, aul, froh und voll Behagen.
Und dieses Behagen war nicht von ihm gewichen in all den Wochen, die er nun hier weilte, nein, es war größer, immer größer geworden, so groß, daß er erschrak, wenn er über sich nachdachte. ...
Es war, als habe ihm eine unsichtbare Hand eine Brille aufgesetzt, er sah die Welt in anderen Farben. So etwas Dummfrohes, kleinlinderhaft Vertrauendes war über ihn gekommen; er freute sich über so viel alberne, nichtige Dinge, so zum Beispiel über das Sck)watzen der Alten, die so vertraut und mütterlich zu ihm tat, als kenne (te ihn sein Lebeti laug. .
Dies alte Weib mit seinen gesunden, naiven, derben Ansichten war ihm-eine Freude, eine Wohltat geworden; die schwatzte so vergnügt und freute sich ihres armseligen Daseins und erzählte ihm von anderen, denen es noch viel kümmerlicher ging und die doch auch am Leben hingen, und jedesmal, wenn sie ihm von dem Schicksal eines der Weiblein aus deni Hause erzählte, war ihm, als habe sie ihm eine Pille gereicht, die bitter schmeckte, die aber heilsam totste. „ „ r , ,.
Hier in diesem Hause wohnten also sieben, nein, acht einsame Frau en, und eine jede von ihnen hatte ein Dasein voll Mühe, Bitterkeit und Enttäuschung hinter sich, und keine hatte den Mut verloren, weiter zu kämvfen, mit ganz armseligen Waffen, die nie zu einem Sieg führen konnten. . ,
Und da neben ihm, nur durch eine Tür getrennt, wohnte eine, auf deren Schultern die ganze Last dieses Hauses ruhte, die alles verloren hatte, Geld und Gut, bett Vater, die Mutter und den Gatten, und die brachte es fertig, stille, freudlose Jahre in dem alten Hause auszuharren, allen Stürmen standzuhalten und womöglich sich ihres Da- eitiS zu freuen, zu lachen, und ihr Kind großzuziehen, damit es sich auch dereinst Niederschlagen lasse vom Leben, von der Erbärmlichkeit der Menschen.
Ja, alle diese Weiblein kämpfteti mit zäher Ausdauer einen schweren Kampf, die verdienten sich Mennige an der Strickmaschine, an Sticken und Vermieten, die weinten und jammerten ein paar Tage lang, wenn ein schweres Ereignis sie traf, und dann saß so eine Mutter, deren Kind der Verzweiflung ins Auge geblickt hatte, doch luieber stumpfsinnig an der Strickmaschine unb vegetierte weiter.
Das war Mut, das war erbärmlich und doch groß, mau konnte über so was lachen oder meinen, je nachdem, wie man es aufsaßte. Doktor Bergholz aber lachte und weinte nicht; er empfand etwas wie Scham, ja, Scham vor der Tapferkeit dieser heimgesuchten Weiblein, vor ihrer Geduld, ihrer großartigen 'Kleinheit.
(Fortsetzung folgt,)
Das getupfte Band.
Eine Detektivgeschichte von ConaU Doyle,
(Fortsetzung.)
„9hm, was hältst du von der Sache, Watson?" fragte Holmes- sich in seinen Stuhl zurücktehnend. ,
„Es scheint mir eine höchst dunkle, unheimliche Geschichte.
„Allerdings recht dunkel und recht unheimlich."
„Unb doch, wenn, wie die Dame sagt, Fußboden und Wände ganz in Ordnung sind, und durch Tür, Fenster und Kamin nichts herein kommen konnte, muß unzweifelhaft die Schwester zur Zeitz ihres rätselhaften Todts allein gewesen sein."


