Ausgabe 
15.2.1911
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch den IS- Februar

1911

s

bWJ

FM

W

Tm

&

;

Inj

UiJxz.j. ,.rx*£w r,>^i am i.ii

ffl IlJi'

UWM

aa.

gmywi

WOM

Das Witwenhaus.

Roman voll Helene von Mühlau, (Sortierung.) (Nachdruck verboten.)

Wenn man so was hört, das geht einem doch natür­lich im Kopf herum, Fran Häuflern. Slber ich habe ein gutes Herz uno füge nicht gern jemanden einen Schaden Zu. Ich habe darum bis heute geschlviege» unb iviirbe auch weiter schweigen, aber Iveitu ich mir so überlege, wie viel Aerger ich in diesem Hause erleben mußte, mit welcher Niederträchtigkeit mich zum Beispiel das Gemüse- tveib behandelt hat, und daß man mich sogar für eine zerbrochene Fensterscheibe, die vom Sturm herausgerisseu wurde, verantwortlich machen will, dann läuft mir die Galle über. Und Sie, Frau Häuflein, Sie hätten doch auch allen Grund, indigniert zu sein, denn alle Ihre Klagen wegen der Lengerich sind doch einfach nilberücksichtigt ge­blieben, und es kann uns auch nicht gleichgültig sein, daß die Besitzerin des Hauses, in dem wir wohnen, sich so kompromittiert. Nun, was meinen Sie, Frau Hänf­lein?"

Wie? Was soll ich meinen?" fragte die Hänflein, und ein lauernder Ausdruck trat in ihr Gesicht.

Ich werde Anzeige erstatten!" entgegnete die Specht bestimmt.Mein, seliger Mann hatte folgendes Prinzip: Man soll nicht gutmütig sein, wenn man durch seine Gut­mütigkeit anderen Schaden zufügt! Sehen Sie mal, Frau Hänflein, ich ziehe ja aus, aber es ist doch ziemlich sicher, daß die Wohnung sogleich anderweitig vermietet wird, und mein Nachfolger hätte dann dasselbe zu leiden, was ich litt. Das aber wäre unverantwortlich von mir, wenn ich mein Gewissen damit belasten wollte. Vielleicht ist es auch ein Gefallen für die junge Frau, wenn ich die Be­hörden auf die Defekte in ihrem Hause aufmerksam mache. Sie kommt daun zur Vernunft und gibt vielleicht ihren leichtsinnigen Lebenswandel auf. Was meinen Sie?"

Frau Hänflein meinte wieder nichts, und die Specht wurde ängstlich.

Natürlich, wenn Sie dagegen sind, werde ich es unter­lassen, liebe Frau Hänflein, aber"

O, ich bin durchaus nicht dagegen, liebe Frau Ober­lehrer!"

Mcht? Nun, ich dachte es mir! Jeder vernünftige Mensch muß das einsehen!"

Ja, ja," sagte die Hänflein, und ihre Augen leuchteten plötzlich.Wann wollen Sie es denn tun? Bald?"

Ja, darüber bin ich mir noch nicht recht schlüssig, Frau Hänflein! Meinem Gefühl nach dürfte ich eigent- lich keinen Tag versäumen, aber sehen Sie, solange man selbst im Hause wohnt, möchte man seinen Frieden haben Und sich vor Brutalitäten schützen. Ich bin aber über» zeugt, daß das Gemüseweib mehr wie grob sein tvürde,

wenn sie von der Sache hörte. Neujahr kündige ich und ziehe Ostern. Wenn ich nun am Tage meines Wegzugs vie Eingabe an die Bürgermeisterei machte, dann würde die Sache gerade vor dem Sommer in Gang kommen--

Sie schwieg, und die Häuflein lächelte verständnis­innig.

Ja, ich finde auch, daß Sie da nur sehr korrekt und vernünftig handeln würden, Frau Oberlehrer! Wir reden noch darüber! Bitte, trinken Sie doch aus und bedienen Sie sich mit Kuchen!"

Ihre Köchin wird doch nicht gelauscht haben?" fragte Frau Specht erschrocken, als sie ein Geräusch an der Tür hörte. ,

Die Hänflein stand sogleich auf und sah nach, aber es war nichts zu sehen.

Elf Uhr schon!" sagte die Specht, als sie draußen die Kirchenuhr schlagen hörte.Nein, tote mir doch immer die Stunden verfliegen in Ihrer Gegenwart, liebe Frau Hänflein. Gute Nacht, gute Nacht, bis morgen!"--

Mütterchen, Frau Natusius will dich gern einmal sprechen; sie steht draußen!" sagte der kleine Erwin. Er war drüben bei Rechnungsrats gewesen, denn es machte ihm Freude, zuzusehen, wenn Frau Natusius an ihrer Strick­maschine arbeitete.

Frau von Hilbach erhob sich und ging zur Tür.

Bitte, Frau Natusius," sagte sie und war betroffen von dem undurchdringlichen Gesicht ihrer Mieterin.

Doch nicht eine neue, schliinme Nachricht?" fragte sie besorgt.

Nein, nein, das nicht, nun, ja, tote soll ich Ihnen das sagen, liebe Frau von Hilbach? Sehen Sie mal, die Sache hat sich so gemacht. Heiraten kann der Vater von der Frieda ihrem Kind sie zwar nicht, denn er ist ja ein höherer Beamter. Aber helfen will er ihr, und sie hat eine schöne Stellung in Aussicht in einem feinen Bureau. Dazu muß sie erst noch etwas lernen, nun, kurz und gut, bis Ostern wird die Frieda angestellt sein und dann--.

Sehen Sie mal, Frau von Hilbach, vielleicht verstehen Sie mich. Man hat doch hier im Ort viel über uns geredet,- und auf der Straße sieht man uns so merkwürdig an, und sehen Sie, nun schreibt die Frieda---"

Sie kam nicht weiter.

Sie wollen mir sagen, daß Sie von hier fort wollen, Frau Natusius?" hals ihr Frau von Hilbach, und Frau Natusius wurde tiefrot.

Es ist so undankbar, wenn ich Ihnen jetzt kündige, aber--"

Frau von Hilbach gab ihr die Hand.

Das sind doch Umstände, für die Sie nichts können, Frau Natusius. Sie müssen sich darüber keine Sorge machen. Wenn ich die Wohnung nicht ständig vermiete, so werden wir sie an Sommergäste sicher los!"

O, das erleichtert mich sehr!" sagte Frau Natusius froh und erzählte von Frieda und war ganz ausgesöhnt