Ausgabe 
14.12.1911
 
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Das geht nicht!" zankte der Bürgermeister:ich ivttSü den Vikar herbeiholen bis das Essen beginnt."

Mit raschen Schritten eilte er ins Pfarrhaus.

Sie wollen uns nicht die Ehre antun, Herr Vikar? Warum denn?" fragte Wallbott.

Weil weil ich nicht kann, Herr Wägermeister, ver- zerhen Sre mir."

Darf ich den Grund Ihrer Weigerung erfahren?"

Gewiß! Hier schauen Sie her!" lautete die Antwort, woraus er ein Paar neue schwarze Beinkleider vorzeigte.

Ter Bürgermeister schaute das neue Kleidungsstück an, dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.

Der Unglücksmensch von Schneider hat die Vorderteile hinten angebracht uni) die Hinterteile vornen," rief Wallbott.

.Wenn ich den langen Chorrock anhabe, geht es, aber bei jedem anderen Rock nicht," klagte der Vikar.

Wo haben Sie die bisher benutzten Beinkleider, die sinA als Anzug beim Essen durchaus genügend, Herr Vikar."

Ich habe sie gestern einem armen Handwerksburschen ge­schenkt, bevor ich wußte, daß die neuen verdorben waren."

Der hat sie dem Flickschneider Seip um achtzehn Kreuze« verkauft und hat das Geld sogleich in Schnaps umgesetzt. Ich frage nach, gedulden Sie sich ein Paar Minuten."

Wallbott eilte fort zu Seip; die Beinkleider waren noch vorhanden.

Hier ist ein Guldenstück, Seip; vorwärts, im Galopp mit der Hose zum Vikar. Sei ihm beim Anziehen behilflich; in ein paar Minuten muß alles abgemacht sein. Dann melde dich später im Hochezitshaufe zu einem Stück Braten und Kucksen, Adieu!"

Zehn Minuten später erschien der Vikar im Hochzeitshause.

Die kleine Verzögerung hatte niemand bemerkt. Es kam ost vor, daß der Bürgermeister urplötzlich abgerufen wurde.

Nach und nach hatten alle Gäste Platz genommen. Die jungen Leute und die Kinder saßen im großen Gesindezimmer. Tie übrigen Gäste waren in den drei großen, saalarti^en Räumen des Haupt­gebäudes, die ausgeräumt und zu Speisezrmmern eingerichtet wor­den waren, untergebracht.

Alle hatten Platz genommen, es trat tiefe Ruhe ein. Da! öffnete sich die Saaltüre, ein Mädchen trat ein; es trug ein blankpoliertes Stahlkästchen, das vor die Braut gestellt wurde^

Tie Gäste reckten die Hälse.

Die Braut nahm ein himmelblaues Bändchen, das sie mn den Hals trug, herab, und überreichte es dem Bräutigam. An dem Bande hing ein kleiner Schlüssel. Der Bräutigam schloß das Kästchen auf und nahm zehn schön bedruckte Papiere heraus. Ätuf jedem Papier standen allerlei Worte. Ganz groß gedruckt las man schon von weitem die Worte:

Tausend Gulden".

Es Hub ein Geflüster und Getuschel an, die Köpfe bei »egten sich wieder hin und her; einer fragte den anderen:Was ist >es?"

Staatspapiere sinds," erklärte Vetter Heibel aus Orten­berg, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ansriefr Freut mich!

So, Staatspapiere seins!" antwortete Base Renker ans Steinau, die etwas harthörig war. ,Jch hab noch keine gesehen und muß sie betrachten." Sie erhob sich, ging hin zum Braut­paar, deutete mit dem Finger auf jedes Papier und zählte: eins, zwei, drei, bis auf zehn. Bei jeder Zahl nickte sie mit den: Kopf und sprach zuletzt:Zehe tausig Gealle!" (Gulden.)

Waas?" fragte der Nachbar.

Zehe tausig Gealle!" hieß es.

Waas?" fragte der folgende Gast; er erhielt die Antwort? Zehe tausig Gealle". So liefen die Fragen und die Antworten um die ganze Tafel herum.

Nachdem sich die Gäste an den schönen Papieren satt gesehen und von deren Richtigkeit überzeugt hatten, schloß Thomas die Sachen ins Kästchen und hing sich den Schlüssel mit dem Bandi um den Hals. . m ,

So viel hab ich nicht mitgebracht," rief die Base Renker laut.

Nun sprach der Pfarrer das Tischgebet, dann begann das Hochzeitsmahl. Zuerst kam eine treffliche Reissuppe, die nicht fehlen darf. Frau Wallbott hatte noch eine zweite Suppe mit Klöschen auftragen lassen. ,. _ , ,

Vetter Renker war ein tapferer Esser; er zog die Schüssel mit den Klöschen, die für seinen Tisch bestimmt war, heran- fischte sie heraus mid vertilgte sie schnell.

Vetter Heibel!" sprach Renker,die Klöschen sind gut: em Hack und ein Knack! schlupp! sind sie drunten."

Freut mich!" antwortete Heibel.

Wozu sind denn die sauberen, weißen Tücher hier? fragte Base Renker.Es sind doch keine Schnupftücher?"

Freut mich, Base! Die Tücher breitet man auf den Stuhl aus und setzt sich drauf, daß die Kleider geschont werden. Seht Ihr, so macht man es," belehrte Heibel. .

Die Renkersbase unterrichtete ihren Nachbar un Gebrauch der Servietten; der Nachbar zeigte es seiner Nachbarin. Nach kurzer Zeit saß fast die ganze Gesellschaft auf den weiße» Tüchlei» und der Schalk, Vetter Heibel, rief:Freut mich!"

Als zweiter Gang kam Ochsenfleisch mit Meerretttg Hfl» Zwiebel brüh.

Thomas wallbotts Familienleben, Brautfahrt und Hochzeit.

Von Gg. Schäfer.

^Fortsetzung ans Nr. 194.)

Kurz vor elf Uhr erschienen Matthes und Lore im Walk- vottshofe. Schlag elf Uhr läuteten die Hvchzeitsglocken, Unver­züglich setzte sich der Hoc^eitszug in Bewegung er wurde von den eingeladenen Kindern, die noch schulpflichtig waren, eröffnet. Die Knaben trugen Sträußchen an den Mützen, die Mädchen Kränzchen von künstlichen Blumen im Haar. Auf die Kinder folgten die noch ledigen Freundinnen der beiden Bräute. Darauf kamen Matthes und Lore als erstes Brautpaar. Letztere trug ein dunUes Tuchkleid, weiße Strümpfe in schwarzen Schuhen und einen ziemlich großen Brautkranz, auf den sie, als angejahrtes Mädchen, sehr stolz war. Matthes hatte seinen langen Kirchen- rock, an dem ein Sträußchen stack, angezogen.

Der treue Diener und seine Familie sollen henke den Ehren­platz an feinem Ehrentage einnehmen, hatte der Bürgermeister bestimmt.

Hinter Matthes und Lore folgten Anna und Thomas. Die Eltern des Bräutigams wünschten, daß Anna in ihrer Schlitzer Tracht zur Trauung erscheinen möchte. Das war ein dunkles Tuchkleid, dessen Rock weit herab geht und unten mit einer hand­breiten weißen Borde verziert ist. Dazu gehören weiße Strümpfe Und schwarze Schuhe. Auf dem Kopfe trug die Braut die sog. Brautkrone, die aus bunten Bändern gefertigt ist, welche über den Rücken herabsallen. Um die Schultern wird ein weißes Brusttuch gebunden, das mit Blumen gestickt und mit Spitzen besetzt ist. Der Bräutigam hatte, wie Matthes, einen schwarzen Anzug an. Aus der linken Brust war ein Blumensträußchen, worin der Rosmarin nicht fehlte, befestigt; als Kopfbedeckung diente der Zylinderhut, ähnlich wie bei Matthes.

Nach dem zweiten Brautpaar erschienen die Männer Und ganz zuletzt die Frauen.

Unterwegs wurde der Zug einigemal gehemmt. Dann griff Thomas in die Tasche und warf den Hemmenden eine Handvoll Münzen zu, worauf es weiter ging.

Der Lehrer zog alle Orgelregister als der Zug die Kirche Betrat und begrüßte die Eintretenden mit dem Choral: Lobe den Herrn!

Zuerst traten Matthes und Lore vor den Altar. Pfarrer Eckhardt, der hochbetagte Herr, konnte die Trauung wegen Un­päßlichkeit nicht vornehmen; feit einigen Wochen hatte er einen jungen Vikar, der ein trefflicher Redner war. Er predigte über den Text: Matth. 25, 21:Ci du frommer und getreuer Knecht." Die Ansprache gefiel allgemein.

Nun sollte das Paar sich die Hände reichen.

Lore verstand es falsch, sie ergriff die Hand des Vikars Und hielt sie krampfhaft fest.

Dem Vikar blieb nichts übrig, als sich umzudrehen und zn tun, als suche er etnaS auf dem Altäre. 'Da ließ Lore die! Hand frei.

Nun richtete der Vikar die Frage an Matthes: Wollt Ihr diese Eure Verlobte Eleonore Scholz zu Eurem ehelichen Weibe nehmen?

Matthes war so verwirrt, daß er die Frage nicht verstand. Sie würbe zum zweiten und dritten Male an ihn gerichtet, doch er schwieg.

Da rief der Lehrer von der Orgel:Matthes, sag ja!" Jetzt erst begriff er, was er zu sagen hatte.Ja! ja, Wenn sie ihren Dienst ordentlich tut," rief er.

Lore fügte mit kräftiger Stimme hinzu:Ja! Herr Pfarrer!"

Nun reichten sich die Brautleute die Hände und die Einsegnung fand statt.

Das zweite Brautpaar trat vor. 'Der Geistliche hatte den Text gewählt: Tob. 5, 23:So ziehet nun hin, Gott sei mit euch auf eurem Wege und sein Engel geleite euch."

Es waren die nämlichen Worte, die Frau Stock der Brant zwei Tage zuvor auf den Weg mitgegeben hatte.

Der junge Geistliche sprach so ergreifend, daß viele An­wesende in Tränen zerflossen.

Der Lehrer fang mit seinen Schülern zum Schluß:Nun banket alle Gott," woraus der Hochzeitszug den Mckweg antrat.

Bor der Kirche stand die Musik, die sich an die Spitze des Zuges setzte; sie blies zuerst einen Choral, auf den sie eine»! Marsch folgen ließ.

Im Wallbottshofe stellten sich beide Paare, Hand in Hand, in der Nähe der Musik auf. Die Hochzeitsgäste brachten ihre Glückwünsche dar.

Msdann wurden drei Tänze aufgespielt, die von den Braut­gesellen und den Brautjungfern getanzt wurden.

Das ist der eigentliche Hochzeitsreigen. Während des Reigens Umschritten die Brautpaare langsam die Tanzenden und begrüßten die Umstehenden. Zuletzt tanzten sie selbst einmal herum, worauf sich die ganze Gesellschaft in die Häuser begaben, wo das Hochzeits- fliahl gerüstet War.

Pfarrer und Lehrer hatten inzwischen, nachdem sie' ihre Amts­handlungen verrichtet, auch Einladungen erhalten^