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Dir Percival Glyde, zuzubringeu. Er kehrte soeben mit seiner Gemahlin von dem Festlande zurück, wie ich mit der meinigen. England ist das Land des ehelichen Glücks ■— wie angemessen war es daher, daß wir es unter dieses ehelichen Verhältnissen betraten. Das Band der Freundschaft, welches Percival und nlich aneinander knüpfte, wurde bei dieser Gelegenheit noch durch eine rührende Gleichheit unserer pekuniären Lage befestigt. Wir brauchten beide Geld. Gibt es ein menschliches Wesen, das nicht mit uns zu fühlen imstande wäre? ,
Im Hause empfing uns jenes herrliche Wesen, das in meinem Herzen als „Marianne" eingegraben steht,, in der kälteren Atmosphäre der Gesellschaft aber als >„Miß Hal- combe" bekannt ist. 1
Gerechter Himmel! mit welch unbeschreiblicher Schnelligkeit lernte ich dieses Weib vergöttern! Mit sechzig Jahren betete ich sie mit der vulkanischen Glut von achtzehn Sommern an. Alles Gold meiner reichen Natur schüttete ich hoffnungslos vor ihren Füßen aus. Meine »Frau, die mich anbetet, erhielt nichts als die Schillinge und Pfennige. So ist die Welt; fo der Mann — so die Liebe.
Das häusliche Verhältnis zu Anfänge unseres Aufenthaltes in Mackwater Park ist von Mariannens eigener Hand mit erstaunlicher Genauigkeit und tiefer geistiger Einsicht beschrieben worden. Eine genaue Bekanntschaft nut dem Inhalte ihres Tagebuches — dem ich mir durch heimliche Mittel Zugang verschaffte, der mir in der Erinnerung noch unendlich kostbar ist — warnt meine eifrige Feder gegen Mitteilungen, welche dieses begnadete Weib bereits zu den {einigen gemacht' hat.
Die Interessen — atemlose, ungeheure Interessen! — mit denen ich hier zu tun habe, beginnen bei dem beklagenswerten Unglücke von Mariannens Krankheit.
Die Lage war um diese Zeit sehr ernst. Percival brauchte große Geldsummen, welche zu einer gewissen Zeit bezahlt werden mußten (ich sage nichts von dem Wenigen, dessen ich in demselben Grade benötigte); und die einzige Quelle, in der er diese Bequemlichkeit noch suchen konnte, war das Vermögen seiner Gemahlin, von dem ihm kein Heller früher als nach ihrem Tode zufiel. Aber es kam noch schlimmer. Mein verstorbener Freund hatte Privatsorgen, über die ihn genau zu befragen das Zartgefühl meiner uninteressierten Anhänglichkeit mir verbot. Ich wußte weiter nichts, als daß eine Frau mit Namen Anna Ca- therick sich in der Umgegend versteckt hielt, daß sie mit Lady Glyde in Verbindung stand, und daß die Folge hiervon die Enthüllung eines Geheimnisses sein konnte, das Percival unfehlbar zugrunde richten mußte. Er hatte mir selbst gesagt, daß er verloren sei, falls nicht seine Frau zum Schweigen gebracht und Anna Catherick gefunden würde. Falls er tierloren war, was sollte da aus unseren pekuniären Angelegenheiten werden? 1
Die ganze Kraft meines Verstandes war jetzt auf das Aufsinden Anna Cathericks gerichtet. Ich kannte sie nur der Beschreibung nach, der zufolge sie eine außerordentliche persönliche Aehnlichkeit mit Lady Glyde hatte. Die Erwähnung dieser merkwürdigen Tatsache — welche bloß in der Absicht geschah, mir beim Erkennen der von uns gesuchten Person behilflich zu sein, erweckte — gepaart mit der noch hinzugefügten Mitteilung, daß die Catherick aus einem Jrrenhause entsprungen — zuerst jenen großen Einfall in meinem Geiste, welcher spater zu so ungeheuren Ergebnissen führte. Dieser Gedanke brachte nichts Geringeres mit sich, als die vollständige Verwandlung der beiden getrennten Identitäten. Lady Glyde und Anna Catherick sollten Namen, Aufenthalt und Bestimmung austauschen — und die erstaunlichen Folgen dieses beabsichtigten Austausches waren: ein Geivinn von dreißigtausend Pfund und ewige Bewahrung von Percivals Geheimnisse.
Mein Instinkt (der sich selten täuscht) ließ mich •— nachdem ich die Umstände überlegt — annehmen, daß unsere unsichtbare Anna früher oder später nach, dem Boothause am Blackwater See zurückkehren würde. Hier stellte, ich mich als Wache auf, nachdem ich zuvor gegen Mrs. Michelson, die Haushälterin, erwähnt, daß, falls man meiner bedürfe, ich an dieser einsamen Stelle bei meinen Studien zu finden sein werde. Es ist eine meiner Regeln, nie unnötige Heimlichkeiten zu machen, oder die Leute aus Mangel an ein bißchen wohl angebrachter Aufrichtigkeit mißtrauisch gegen mich zu machen. Mrs. Michelson glaubte von Anfang bis zu Ende an mich.
Ich wurde 'für meine Geduld, am See Schildwaches zu stehen, durch das Wiedererscheinen — nicht von Anna! Catherick selbst, sondern der Frau, unter deren Obhut sie sich befand, belohnt. Durch sie gelangte ich zu dem Gegenstand ihrer mütterlichen Pflege.
Als ich Anna Catherick zum erstenmal sah, schlief sie. Ich war durch die Aehnlichkeit zwischen dieser unglücklichen Person und Lady Glyve wie elektrisiert. Die Einzelheiten des großartigen Projektes, von dem ich bisher nur erst die Umrisse entworfen, stellten sich mir beim Anblicke dieses schlafenden Gesichtes in ihrer ganzen meisterhaften Kombination vor die Seele. Zu gleicher Zeit löste sich mein Herz, das stets allen zärtlichen Einflüssen zugänglich! ist, beim Anblicke des Leidens vor mir in Tränen auf. Ich beschäftigte mich sofort damit, ihr Erleichterung zu verschaffen. .Mit anderen Worten, ich sorgte für ein Reizmittel, welches Anna Catherick hinlänglich stärken würde, unt sie in den Stand zu setzen, die Reife nach London zu machen.
Es lag durchaus in meinem Interesse (wie mau sogleich sehen wird), Anna Cathericks Leben zu erhalten; meine ganze Sorge konzentrierte sich darauf, Marianne aus den Händen des privilegierten Dummkopfes zu erlösen, welcher sie in ihrer Krankheit behandelte, und der von Anfang bis zu Ende meinen Rat durch den Arzt aus Loudon bestätigt fand. Bei nur zwei Gelegenheiten — welche beide für die Betreffenden Individuen durchaus harmlos waren — rief ich den Beistand meiner chemischen Kenntnisse zu Hilfe. Bei der ersten benutzte ich, nachdem ich Mariannen nach dem Wirtshause zu Macktvater gefolgt war (indem ich hinter einem mir gelegen kommenden Frachtwagen welcher mich ihr verbarg, die Poesie der Bewegung studierte, die in ihrem Gange verkörpert war), die Dienste meiner unschätzbaren Gemahlin, um den einen von zwei Briefen, die meine angebetete Feindin den Händen einer entlassenen Kammerjungfer anvertraut hatte, abzuschreiben und den anderen zu unterschlagen. In diesem Falle konnte nur die Gräfin, da das Mädchen die Briefe im Busen trug, sie durch wissenschaftlichen Beistand öjfnen, lesen, ihre Instruktionen befolgen, sie versiegeln und wieder an ihren Platz tun — und diesen Beistand gab ich ihr in einem halb- lötigen Fläschchen. Die zweite Gelegenheit, bei welcher derartige Mittel angewendet wurden, war die von Lady Glydes Ankunft in London (auf welche ich in kurzem zurückkommen werde). Ich war nie zu irgend einer anderen Zeit meiner Kunst verpflichtet. Allen anderen dringenden Fällen und Verwickelungen war meine natürliche Fähigkeit, mit den Verhältnissen zu kämpfen, unabänderlich gewachsen. Ich behaupte die alles durchdringende Kraft dieser Fähigkeit. Auf Kosten des Chemikers recht,ertige ich den Mann.
Nachdem ich Mrs. Clements (oder Clement, ich bin mir darüber nicht klar) darauf aufmerksam gemacht, daß die beste Methode, Anna davor zu bewahren, daß sie in Percivals Hände fiele, die sei, sie nach London zu bringen; nachdem ich gefunden, daß sie eifrig auf meinen Vorschlag einging, und nachdem ich einen Tag bestimmt hatte, an welchem ich mit den Reisenden auf der Station zusammentreffen und sie abreisen sehen wollte — war ich frei, nach Hause zurückzukehren und den Schwierigkeiten, welche mir dort noch übrig blieben, entgegenzutreten.
Mein erstes war, von der erhabenen Ergebenheit meiner Gemahlin Gebrauch zu machen. Ich war mit Mrs. Clements übereingekommen, daß sie in Annas Interesse Lady Glyde von ihrer Adresse in London in Kenntnis setzen solle. Aber dies genügte nicht. Es konnten hinterlistige Leute in meiner Mwesenheit ihren einfachen Glauben erschüttern und sie so am Schreiben werhindern. Wen konnte ich da ftudeu, der mit ihr in demselben Zuge nach London reiste und ihr dort bis an ihre Wohnung folgte? Ich legte mir diese Frage, vor — und meine eheliche Zärtlichkeit antwortete sogleich — die Gräfin Fosco.
Nachdem ich mich für die Reise meiner Frau nach Loudon entschieden, beschloß ich dadurch einem doppelten Zwecke jn dienen. Eine Krankenwärterin für die leidende Marianne, die in gleichem Verhältnisse mir und der Kranken ergeben sein mußte, war eine Notwendigkeit meiner Lage. Glücklicherweise stand mir die zuverlässigste und fähigste Frau von der Welt zur Verfügung. Ich meine jene achtbare Matrone, Madame Rubelle — der ich durch meine Frau einen Brief zustellte.
(Fortsetzung folgt.)


