Ausgabe 
14.10.1911
 
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Erfindung, also die Einführung des Strumpfes war somit eigent­lich gemacht, aber die Flamme genügte den Ansprüchen, die man an eine gute Beleuchtung stellte, noch lange nicht, und vom Er- biumstrnmpf bis zu den heutigen Glühstrümpfen, zu denen Tor­oxyd und Ceroxyd verwendet werden, lagen jahrelange mühevolle Versuche.

Auch die beiden Grundsteine der gerade in Deutschland recht bedeutenden Sprengstoffindustrie sind nicht viel anderes als Zufall- erfindungen. Berthold Schwarz, ein Franziskanermönch in Frei­burg i. B., über dessen persönliche Verhältnisse man nicht viel Zu­verlässiges weiß, widmete, wie viele seiner Mönchsbrüder, sein Leben alchiinistischen Studien und kam auf (der Suche nach dem Lebenselixir zu einer Mischung, deren explosive Eigenschaft sich ihm recht unangenehm bemerkbar machte: er erfand das Schwarzpulver. Aehnlich ging es mit dem Dynamit, das wegen seiner stärkeren Wirkung das Pulver so ziemlich verdrängt hat. Der schwedische Chemiker Alfred Nobel stellte zuerst das Nitroglycerin fabrikmäßig her, da es sich im Bergbau, bei Steinbrüchen, Tunnelanlagen und zu manchen anderen Zwecken wegen seiner außergewöhnlichen Sprengkraft vorzüglich bewährte. Aber Herstellung und Hand­habung dieses Sprengmittels waren recht gesährlich. Die Fabriken flogen in die Luft und das Nitroglycerin sollte trotz seiner sonstigen guten Brauchbarkeit ganz verboten werden. Da hals wieder ein- mal der Zufall: Eine Flasche, die Nobel zu weiteren Versuchen in Arbeit nehmen ivollte, ivar trotz sorgfältiger Verpackung zerbrochen, das gefährliche Oel ivar in die Kiselgur-Hülle gelaufen und von ihr ausgesogen ivorden. Nobel war ein Mann des schnellen Denkens nnö des noch schnelleren Handelns. Mit dem mörtel- artigen Gemisch stellte er sofort Versuche au und sand die furcht­baren Wirktingen des Nitroglycerins insoweit gemäßigt, daß man den neuen Sprengstoff, den er Dynamit nannte, bei einiger Vor­sicht benutzen und verwenden konnte. Daß dieses Dynamit an seiner ursprünglichen Kraft nichts eingebüßt, bewies ei» schnell darauf folgender Vorfall. Das erste Paket Dynamit, das per Schiff nach Peru abging, explodierte in der Nähe des Hafens von Sima und im Bruchteil einer Sektmde war das Schiff vollstäitdig zertrümmert.

Mehr oder weniger gehört auch das Porzellan zu denZufalls- ersindungen. Ter Apothekergehilie Friedrich Böttcher, der schon mit 16 Jahren als so berühmter Goldmacher galt, daß sich zwei Könige um seine Person stritten, wurde von August II. in Dresden und dann aus Festung Königstein gefangen gehalten, um sein Ver­sprechen, Gold zu inactjen, nun endlich einzulösen. Natürlich konnte Böttcher das ebenso roenig, wie irgend ein anderer Alchimist, und als August II , der Gold sehr nötig brauchte, austug, beit Schwindel zu durchschauen, drohte er, den gefangenen Adepten um einen Kops kürzer zu machen, wenn das Gold nicht baldigst erschiene. Da fand der geängstigte Böttcher, während er mit Bolus, einem roten Ton aus der Meißener Gegend, experimentierte, das Geheimnis der Porzellanfabrikalion und rettete soinit seinen Kops.

Wie sich in der Geschichte der Erfindungen noch mancherlei Beispiele anführen ließen, bei denen der Zufall die Hand im Spiele hatte ober mindestens den Boden befruchtete, den die Arbeit des Erfinders vorbereitet hat, so ist auch bei großen und Heinen Ent­deckungen das Mitwirken des Zufalls nicht zu verkennen.

vermr-chtes.

kf. ® i c Herren hutmode des Winters. Aus Lon­don, wo die Diktatoren der Herrenmode hausen, fonunt eine selt­same Nachricht. Ein Londoner, George, hat jüngst einen Spazier­gang durch die vornehmen Straßen Loudons gemacht, hat dabei die ihm begegnenden Herren, soivie die Hutläden betrachtet tmd dabei mit Erstaunen sestgestellt, daß sich eine Umwälzung im Ge­biete der niännlichen Kopfbekleidung vorbereitet. Das Ende des Zylinders ti n d a ti ch d e s st e i s e >t H u t e s steht nnmittel- bar bevor. An ihrer Stelle erobert sich der weiche Filzhut immer neue Scharen von Anhängern. Ter Londoner sah auf dem Strand Herren mit allen möglichen weichen Filzhüten, auch noch Männer mit Strohhüten, ja verspätete Panamahüte, die im Herbstwinde um den Kopf schlappten, aber vergeblich suchte er Zylinder oder steife Filzhüte. Nur nach längerem Suchen entdeckte er den einen oder den anderen, Zylinder und steifer Filzhut sollen in diesem Winter also augenscheinlich eine schwere Niederlage gegen den ehe- tnals in London lange nicht so vornehmen weichen Fut erleiden. Alle Formen des weichen Filzhutes, auch alle Farben sind zu sehen. Der weiche Filzhut ist allgegenwärtig und paßt sich jedem Kopse au. Er hat alle Formen bis zur Formlosigkeit. Der häufigste weiche Filzhttt ist der ursprüngliche, der die Form des steifen Hutes, den man eingebeult hat, zeigt; dann gibt es breitkrempige Hüte, die der Kopfbedeckung unserer afrikanischen Truppeit nach der Beschreibung des Loodoners ähneln müssen, ferner extra­vagante anterikanische Formen, deren Rand hinten hoffuungs- sreudig in die Höhe geschlagen ist und vorne traurig nach unten hängt.

kk. Die armen Milliardäre von Neuyork, von denen man erzählt, daß sie ihre Steuern ohnehin schon nur mit großem Widerstreben bezahlen, haben den Kummer erleben müssen, daß die Stadt Neuyork ihnen die Steuerschraube erheblich strammer

angezogen hat. So ist es gekommen, baß der bekannte Carnegie^ der sich selbst auf ein jährliches Einkommen von 20 Millionen ein­schätzte und deshalb als ein liberaler Steuerzahler galt, jetzt plötz­lich mit einem Jahreseinkommen von 40 Millionen veranlagt ist. Die gleiche Steigerung um 100 Proz. widerfuhr noch einer ganzen Reihe bekannter Persönlichkeiten, so z.B. Pierpont Morgan, Mrs. Rüssel Sage und verschiedenen Mitgliedern der Familie Vanderbilt. Daß auch jetzt noch nicht alles in der Besteuerung so geregelt ist, wie es vielleicht der Fall sein könnte, mag man daraus entnehmen, daß Pierpont Morgan z. B. auch jetzt noch ein Einkommen von nicht mehr als 3 200 000 Mark zu ver­steuern hat.

* Die Rolle oder das Lebenl Der soeben verstorbene Wiener Hosschauspieler Ernst Hartmann, neben Baumeister der letzte aus deralten Garbe der Burg*, der noch von Laube sein Rollenfach und seine Ausbildung erhalten hatte, war in der strengen Hierarchie der Rollenbesetzung an der Burg der eigentliche Nachfolgen Sonnenthals. Wie dieser seine Rollen von dem unvergeßlichen Karl Fichtner, dem Ideal des liebenswürdigen Bon­vivants, geerbt hatte, so sollte Hartmann allmählich bas Erbe seines großen Vorgängers antreten. Ader der glückliche Besitzer all jener Schätze an jugenblichen Helden des klassischen und mo­dernen Spielplans trennte sich nur sehr ungern von den ihm lieb­geworbenen Aufgaben und, wie es nun einmal das traurige Los von Erben ist, Hartmann mußte warten und warten. Ta war es ihm denn nicht zu verdenken, daß er einmal, wie Adolf Wil- b r a n b t in seinen Burgtheater-Erinuerungen erzählt, zu einem Gewaltakt seine Zuflucht nahm, um das ihm angestammte Recht ber Nachfolge auch wirklich antreten zu bütfen. Der hohe Preis, um den er kämpfte, war ber heiß ersehnte Clavigo, von dem sich Sonneuthal nicht trennen wollte. Es war im Sommer, in den Ferien. Wie so manches Jahr hatte sich auch 1880 eine Kolonie von Burgschauspieleru am Gundlsee aerfammelt,die bem schönen Bergsee gleichsam den Burgstempel ausdrückte". Sonneuthal genoß seine Ruhe in der herrlichen Natur, fern von den staubigen Ku­lissen und bem grellen Lampenlicht, und träumte besonders gern, im kleinen, schwanken Boot liegend, zum blauen Himmel empor. Eines Morgens hatte er sich wieder in den See herausgerubert, auf einem sogen. Seelentränker, ber (einen Insassen wehrlos macht und beim geringsten Stoß umzuwerfen ist. Ahnungslos, allen Rollen-Kabalen ünb Theaterintriguen entrückt, träumt er vor sich hin. Da rudert plötzlich Hartmann aus einem handfesten Boot heran und entdeckt den anderen in feiner hilflosen Lage. Sofort fährt er mit raschem Ruderschlage direkt auf den schwankenden Nachen los, mit einem Ernst und einer Schneidigkeit, die nicht mißzuverstehen ist.Lieber Adolf, willst du mir den Clavigo ab­treten ?" fragt er. Adolf, der gern Fische, aber nicht gern von ihnen gegessen wurde, nickt, gibt sein Wort, und die Sache ist ab­gemacht.

* Die.Grabinschrift eines Sonntagsjägers, Der einst so vielgefeierte große Schauspieler Fritz B e ck m a n n (geb. am 13. Januar 1803 zu Breslau, von 1824 an in Berlin, seit 1845 in Wien als Vertreter komischer Rollen am Hof- Burgtheater, gest. zu Wien am 7. September 1866) liebte es, als passionierter Jäger sich zu betätigen, obwohl er nie etwas traf. Er war überhaupt ein sehr gefühlvoller Manu.Sein Charakter," sagt ein Biograph von ihm,war weich wie bet! Ton in seines Vaters Werkstatt," der nämlich Töpfer gewesen! war. In Würdigung solcher Tierfreundlichkeit, wie sie aus seiner ergiebigen Wildschouuug sprach, widmete der Bühnenschriftsteller Friedrich Kaiser dem großen Zwerchfellerschüttever an einem lustigen Versammlungsabend die nachstehende sinnige Grabschrift i Münder er, ziehe deine Mütze: Hier ruht ein Komiker und Schütze In diesem kälten, finstern Loch;

Die Witze, die er sagte, Die Hasen, die er jagte> Sie leben alle noch!

* ® i c U nschnldvo m Land e. Madame:Aber, Marie/ warum hallen Sie denn die Weckeruhr an?" Dienstmädchent Ach, Madame, das dämliche Ding macht ja morgens immer! solchen Radau, gerade, wenn ich irtt besten Schlaf liege,"

versteSrätsel.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbeau" inWanderer". Kalmücken Mäßigkeit Ganges Journalist Halskette Müllerbursche Weinglas Butterbemmchen Spanferkel Jinkensang.

Auflösung in nächster Nummer»

Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer r Weiß. Schwarz.

1. Td2 d3 Kein, d 3 oder n. d 6.

2. 8f 7 e5 oder Dg 2 a2 f und Matt. A.

1. ..... . e4. n, d.3 oder e4 e8.

2. Dg 2 a2 oder 8k 7 - e5 f und Matt.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Umversitats-Buch- und Steindruckerei, R. Lang», Gieße».