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Im Botel Le l'Europe am Alsterdamm hatte er Wohnüttg tzrnommen und pflichtschnldigst schon die Sehenswürdigkeiten von Hamburg genossen. Er hatte das Bismarckdenkmal gesehen, eine Hafenrundfahrt gemacht und war im Alsterpavillon und bei Kem- pinsky gewesen, auch war er die Harvesdehude entlang gefahren, jene wundervolle Straße vornehmen Bürgertums in Hamburg, die jeden Fremden entzückt.
Tie gewaltigen Hafenanlagen hatten seinen Anschauungskreis erweitert und ihm gezeigt, welch eine Fülle von Intelligenz, Arbeitskraft, Wissenschaft, Technik und Kapital hier notwendig gewesen war, ein so großes Gesamtbild zu schaffen. Tie tausendjährige Geschichte .der alten Hansastadt, die vor ihm auftauchte, hatte seine Seele seltsam, wie mit Andacht erfüllt, und er war sich so klein, so haltlos mit seinen Schmerzen und Grübeln vorgekommen, inmitten dieses großartigen Getriebes in dem >,nordischen Venedig", daß er sich immer wieder sagte: „Was wollen wir eigentlich immerfort etwas für unser eigenes Ich? Wir, die wir nur ein Atom in den: Äeltenreich sind?"
Zu Hause, da erschien er sich selbst alles, da war er wie ein Gott in seinem Reiche. Hier war er nur ein Sandkorn im Weltenmeer.
Wie reines Gold von Schlacken, so löste sich diese Erkenntnis in seiner Seele.
Er wollte -gesund werden. Er wollte wieder schaffen und wirken und nicht nutzlos sein Leben dahindämmern und sich in seinem Schmerz vergraben.
„Bring dir ein hübsches Hamburger Küken mit," hatte ihm ein Freund in Berlin, den er auf der Durchreise traf, zugerufen^ „unb laß das Grillenfangen."
Gras Bodo mußte lächeln. Es stand ihm gut, dieses Lächeln. Tie großen, blauen Augen in dem braunen Gesicht mit der leisen Lcidensfalte um die feinen Lippen, konnten noch so schalk- hast blitzen, so feurig strahlen. Nur ein Schleier lag darüber, den der Seele Kummer darüber gespannt. Er war erst sechs- jinddreißig Jahr alt, und das Leben lag noch vor ihm.
„Bring dir ein Hamburger Kiiken mit," hallte des Freundes Ruf in seinem Herzen wieder. Graf Bodo fröstelte. Nein, niemals! Keine andere sollte den Platz in seinem Hause und seinem Herzen einnehmen, den seine holde Inka besessen.
Tie Hamburger Mädchen waren ja allerdings reizend. Blauäugig, mit blondem Haar und das Rosenrot der Jugend auf den frischen Wangen, so hatte er schon viele gesehen, aber er dankte doch für diese reizenden „Hamburger Kücken", die den Freund, der seine Jugendzeit in Hamburg verlebt, so begeisterten. Es war nur gut, daß Morgen früh die Reise weiter ging. Der Graf sehnte sich, hinaus zu kommen auf die wogende See, fort aus dem Großstadtgewimmel, das ihm die Sinne verwirrte Md seltsame Wünsche entfachte, die lange geschlafen.
Heute abend war er noch im Uhlenhorster Fährhaus gewesen. Beim Klange lustiger Weisen hatte er dort.Hamburger Jugend auf und nieder wandeln sehen: Blauäugige, blond- zöpfigc Mädchen, und mehr oder minder intelligente Jünglinge, die den kleinen Hamburgerinnen die Cour schnitten.
Graf Bodo hatte einsam an einem Tisch gesessen und hatte auf die Speisekarte gestarrt, die der Kellner ihm reichte.
„Hamburger Küken?" hatte der Ober empfehlend gefragt.
„Natürlich," hatte er wie im Traum zurückgegeben, und dann hatte.er im Uhlenhorster Fährhaus mechanisch die „Ham- burger Küken" verspeist, und .es war ihm, als hätt er damit jede Hoffnung auf Glück vernichtet.
Wie lächerlich das war, er hatte schon hundertmal in seinem Leben „Hamburger Küken" gegessen. —
Er stand jetzt im Hotel de l'Europe am Fenster seines 'Zimmers und starrte auf das malerische Bild, das sich seinem Auge bot. Wie ein Märchenbild aus Tausend und eine Nacht spannte sich dort unten die Alster im Mondenlichte aus. Vom Alsterpavillon stiegen Raketen leuchtend zu dem blauen Nachthimmel empor, und .tausende von Lichtern spiegelten sich in der blinkenden Flut.
Und wie Graf Bodo dastand und auf das Märchenbild sah, da kam es wieder über ihn, wie eine verzweifelte Sehnsucht nach Glück, nach dem seine todwunde Seele schrie.
Er vergrub sein .Gesicht in die Kissen seines Lagers, und wie ein Krampf erschütterte es seinen mächtigen Körper, daß er einsam war, ganz einsam.
Er lag in seinem Bett mit weitgeöffneten Außen und sann. Das Mondlicht malte Schatten um Schatten in das Gemach. Nur undeutlich konnte er die Umrisse der einzelnen Gegenstände erkennen.
Und wie der Graf, schon halb im Traum, plötzlich die Empsindung hatte, als nahe sich ihm das Glück auf leisen Sohlen ünd beuge sich zu ihm hernieder, seine Stirn zu küssen, da flog plötzlich die Tür seines Zimmers auf, und eine helle Stimme rief:
„Nein, Grete, wie war das köstlich. Was bist du für em kleines Schaf, daß du zu Hause geblieben bist. -Ich sage dir, singen kann der Kerl, göttlich. Papa findet es auch. Ach, Und dann nachher bei Kampinsky. „Hamburger Küken" haben wir gegessen, und Baron Reichenbach war auch da. „ Er hat Ulir natürlich mächtig die Cour geschnitten. Ich hätte mich
zu finden.
(Schluß folgt.)
der auf
Augen und träumte und sann. ,
Er würde sie gewiß wiederfinden, die schlanke .Iran mit der süßen Stimme und dem fröhlichen Lachen. Unter Tausenden würde er sie erkennen, und hatte sie nicht gesagt, daß sie auch nach Westerland gingen. Ulnd dann sielen ihm die „Hamburger Küken" ein, die sie auch so gern mochte. Bei bicfeit Anhaltspunkten mußte es leicht sein, den holden Eindringling
a'usschütten können vor Lachen. Er denkt, wenn so'n armes Huhn, wie ich, seine ungezählten Millionen nur ahnt, dann! hat er sie weg. Ich danke, Herr Baron! Wenn ich mal heirate, dann nehme ich nur einen aus Liebe, weißt du, Grete, so wie Tristan und Isolde in Not und Tod trotz König Marke. Ach, Grete, wie herrlich muß es sein, so geliebt zu werden und für seine Liebe zu sterben."
Graf Bodo lag mäuschenstill. Er wagte kaum zu atmen. Seine Augen mühten sich, die Dämmerung des Zimmers zu durchdringen. Augenscheinlich hatte eine Dame die Zimmer verwechselt und glaubte, daß ihre Freundin dort an seiner Stelle im Bett liege.
Eine siedende Angst überkam den Grafen. Das war ja eine geradezu unglaubliche Situation.
Und die Fremde schien ihren Irrtum auch garnicht zu bemerken. Sie plauderte unausgesetzt mit ihrer süßen Stimme,, einer Stimme, die ihm wie Musik dünkte — und schildertg überaus drollig und launig den Millionenfreiersmann und jetzt — dem Grafen stockte fast der Herzschlag — fing sie auch wohl gar noch an, sich auszukleiden. Bei dem unsicheren Licht sah er deutlich eine hohe, schlanke Gestalt vor dem Spiegel, und es war ihm, als ob sie ihren Hut abnahm und die Oberkleidcr abzustreifen begann.
Nein, das durfte ja auf keinen Fall geschehen. Er wollte rufen, sie warnen, aber das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und die süße, weiche Stimme redete noch immer allerhand liebes, närrisches Zeug, jetzt aber lachte sie plötzlich laut lauf und rief launisch hinüber:
„Ich glaube gar, Grete, du schläfst. Ich rede und rede, um dir diesen himmlischen Abend in Hamburg, bevor es nach Westerland geht, möglichst anschaulich zu beschreiben, und du sagst kein Wort. Fehlt dir etwas? Bist du krank?"
Näherte sich die schlanke Gestalt nicht seinem Lager? Tödliche Angst überkam ihn.
„Sie irren, gnädiges Fräulein," sagte er so ruhig wie möglich, „ich bin nicht Ihre Freundin, Sie haben sich in der Zimmertür geirrt."
Ein gellender Schrei irrte durch das Zimmer. Dann vernahm der Graf noch das hastige Zusammenraffen von Bekleidungsstücken, es war ihm noch, als sähe er noch die Umrisse eilten zarten, mädchenhaften Büste, und dann schlug die Zimmertür krachend ins Schloß.
„Gott sei Dank," rief der Graf wie erlöst, indem er aufstand, um Licht zu machen und die Tür zu verschließen, „das war eine Höllenqnal. Das arme Ding," dachte er weiter, „wie muß sie sich erschreckt haben," und dann sah er sich eifrigst im Zimmer um. Vergebens, nirgends war etwas zu entdecken, das an den Eindringling erinnerte. Doch da auf dein Spiegel
tischchen, was war das? , .
Ein weicher, perlgrauer Handschuh. Zögernd, wie in geheimer Scheu, nahm der Gras ihn auf.
Ein zarter Wohlgeruch ging von dem Handschuh aus, wie der Dust fremdländischer Blumen, die ein Windhauch verweht.
Und da geschah das Ungeheuerliche. Gras Bodo Bentheim, Frauenverächter, der Einsame, der preßte seine Lippen heiß den Handschuh, dann Barg er ihn an feiner Brust.
Und dann lag Graf Bodo die ganze Nacht mit offenen
Zufall und Erfindungen.
Von Dr. Heinrich Wiesenthal.
Ter viel geschmähte Zniall, den Lessing Gotteslästerung genannt hat, spielt in der Geschichte der Erfindungen eine große Rolle. Natürlich soll diese Ta-mche die bedeutsame Arbeit so vieler Erfinder keineswegs herabsetzeu, denn hätten sie nicht verstanden, den gegebenen Wink anszunutzen und den Zufall zum Glück zu meistern, so wäre er unverwertet geblieben und unsere Kultur wäre nm zahlreiche wiffenschastliche unb technische Grotz-
Bei den meisten Erfindungen ist vom Anfcmgsstadium bis zu ihrer praktischen Verwertbarkeit ein weiter, steiniger Weg dessen Uebernnnbuug große Mühe erfordert. Die Erfindung des Gluh- strumpies, die das Gaslicht billig und den mannigfachen Vorzügen des elektrischen Lichtes gegenüber konkurrenzfähig gemacht hat, gehört dahm. Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhimderts studierte der Wiener Chemiker Auer von Welsbach bte Eigen- schailen des Erbiummetalles unb besonders sein Verhalten un Spektralapparat. Ta ihm von dem seltenei: Metall nur eme geringe Wenge zur Verfügung stand, konnte er die übliche Methode, die Substanz an: Platindraht zu glühen, nichts benutzen. Er stellte sich deshalb eine Lösung des Salzes her, tränkte "" dieser em Baumwollgewebe und bekam eine« unerwarteten Lichteffekt. A,ie


