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immer •einen Strauß verlangen mag, er hat stets einen für sie bereit, und zwar von ihm selbst gepflückt und gebunden, und zu meiner großen Belustigung ist er immer schlauerweise mit einem zweiten versehen, der von genau denselben Blumen und genau ebenso gebunden ist, um die eisige Eifersucht seiner Frau zu besänftigen, ehe sie noch daran denken kann, sich verletzt zu suhlen, ©eine Behandlung der Gräfin (vor den Leuten) ist ein sehenswerter Anblick. Er verneigt sich vor ihr und redet sie gewöhnlich mit „mein Engel" an. Die eiserne Rute, mit der er sie regiert, erscheint nie in Gesellschaft, sie ist eine Privatrute und bleibt stets int Privatgemach.
Seine Art und Weise, sich bei mir beliebt zu machen, ist gänzlich hiervon verschieden. Er hat ausfindig gemacht, (der Himmel mag wissen wodurch), daß gemachte Empfindsamkeit bei meiner prosaischen Natur weggeworfene Muhe ist, und er schmeichelt meiner Eitelkeit, indem er so ernst und verständig mit mir spricht, als ob ich ein Mann sei. Ja! ich durchschaue ihn, wenn ich nicht bei ihm bin. Er weiß mich zu nehmen, wie er seine Frau und Laura zu nehmen weiß, wie er den Hund int Hofe zu nehmen wußte und wie er ©ir Pereival selbst zu jeder Stunde des Tages zu nehmen weiß. „Mein guter Sir Pereival, ich kann dir nicht sagen, wie sehr mir deine rauhe englische Laune gefällt!" — „Mein guter Pereival! ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich über deinen gesunden englischen Menschenverstand freue!" Er hält sich auf diese Weise ©ir Percivals ungezogene Bemerkungen ruhig vom Leibe, wobei er ihn stets bei seinem Danfnamen nennt, mit der ruhigsten lleber- legung ihm zulächelt, ihm auf die Schulter klopft und ihn überhaupt mit der wohlwollenden Nachsicht behandelt, die wohl ein gutmütiger Pater gegen einen eigensinnigen Sohn übt.
Das Interesse, welches ich wirklich nicht umhin kann, für diesen seltsamen Menschen zu suhlen, bewog mich, Sir Pereival über sein früheres Leben zu befragen. Sir Pereival weiß aber davon nur wenig oder will mir nur wenig darüber mitteilen. Er und der Graf trafen sich zuerst vor Jahren in Rom unter Umständen von drohender Gefahr, aus die ich schon früher hingedeutet. Seit jener Zeit sind sie fortwährend zusammen in London, Paris und Wien gewesen, aber nie wieder in Italien, und der Graf hat seltsamerweise seit Jahren nicht mehr die Grenzen seines Paterlandes überschritten. Ist er vielleicht das Opfer politischer Verfolgung? Jedenfalls scheint er einen patriotischen Eifer zu fühlen, seine in England anwesenden Landsleute nicht aus den Augen zu verlieren. Am Abend seiner Ankunft erkundigte er sich gleich, wie weit wir von der nächsten Stadt entfernt und ob dort zusällig Italiener ansässig seien. Jedenfalls steht er mit Leuten auf dem Fest- laude in brieflicher Verbindung, und die Briefe, welche er erhält, tragen alle Arten von sonderbaren Stempeln; heute morgen beim Frühstück sah ich ein Schreiben an seinem Platze auf ihn warten, das eilt großes, offiziell aussehendes Siegel trug. Vielleicht steht er mit seiner Regierung in Korrespondenz? Aber das ließe sich kaum mit meiner anderen Idee, daß er nämlich ein politischer Flüchtling sei, vereinigen.
Den 2. Juli, — Heute gibts auch außer meinen Gedanken und Eindrücken noch etwas aufzuschreiben. Es ist, Laura und mir ganz unbewußt und von ©ir Pereival völlig unerwartet, ein Besuch gekommen: Sir Pereivals Rechtsanwalt. Aber wir erfuhren den Zweck seines Besuches nicht.
Ungefähr zwei Stunden, nachdem ©ir Pereival vom Frühstückstische aufgestanden war, um seinen Advokaten, Mr. Merrtman, in der Bibliothek zu empfangen, verließ ich mein Zimmer, um allein einen Spaziergang in den Anlagen zu machen. Gerade als ich am Dreppenende des Korridors anlangte, öffnete sich die Tür der Bibliothek, und die beiden Herren traten heraus. Da ich es für das beste hielt, sie nicht zu stören, beschloß ich, nicht eher die Treppe hinunterzugehen, als bis sie über den Flur gegangen seien. Obgleich sie ziemlich leise miteinander sprachen, äußerten sie ihre Worte doch mit hinreichender Deutlichkeit, daß ich sie verstehen konnte.
„Beruhigen Sie sich vollkommen, ©ir Pereival," hörte ich den Advokaten sagen, „die Sache liegt durchaus in Lady Glydes Händen."
Ich hatte mich umgewandt, um auf ein paar Minuten in mein Zimmer zurückzukehren, aber Lauras Name von
den Lippen eines Fremden ausgesprochen, ließ mich augenblicklich still stehen, so sehr mir das Horchen zuwider ist.
Sie verstehen mich doch ganz, Sir Pereival? suhr der Advokat fort. Lady Glyde muß in Gegenwart eines Zeugen, oder falls Sie besonders vorsichtig zu sein wünschen, in Gegenwart von zwei Zeugen ihren Namen unterschreiben. Falls dies in Zeit von einer Woche geschehen ist, wird dadurch unser Zweck vollkommen erreicht werden und alle Besorgnis beseitigt sein. Wo nicht —
Was wollen Sie mit Ihrem' „wo nicht" sagen? frug Sir Pereival aufgebracht. Wenn die Sache geschehen muß, so soll sie geschehen, das verspreche ich Ihnen, Merrtman.
Ganz recht, ©ir Pereival, ganz recht; aber in allen Verhandlungen gibt es zwei Alternativen, und wir Advokaten sehen ihnen gern beiden kühn ins Gesicht. Falls durch irgend ein unvorhergesehenes Hindernis die Sache sich nicht machen ließe, da denke ich die betreffenden Parteien bewegen zu können, Wechsel auf drei Monate anzunehmen. Wie wir aber das Geld aufnehmen sollen, wenn diese Wechsel fallen —i
Der Teufel hol' die Wechsel! Das Geld ist nur auf eine Weise zu haben, und ich wiederhole Ihnen nochmals, daß es auf diese Weise geschafft werden soll. Ein Glas Wein, Merriman, ehe Sie gehen?
Ich hatte nicht viel gehört. Aber selbst das wenige hatte mir ernstliche Unruhe verursacht. Nichts anderes hatte den Advokaten hergeführt, als eine ernstliche Geldverlegenheit seines Klienten, und es sollte Laura ototegen, ©tr Pereival davon zu befreien. Die Aussicht, sie in ihres Mannes geheime Schwierigkeiten verwickelt zu sehen, erfüllte mich mit einer Angst, die wahrscheinlich durch meine Geschäftsunkenntnis und mein Mißtrauen gegen ©ir Pereival eine übertriebene wurde. Anstatt deshalb, wie ich mir vorgenommen hatte, meinen Spaziergang zu machen, ging ich sofort auf Lauras Zimmer und erzählte ihr, was ich gehört habe. , . ,
Sie nahm meine schlimme Nachricht mit einer Ruhe entgegen, die mich in Erstaunen setzte. Sie weiß offenbar mehr über ihres Mannes Charakter und seine Verlegenheiten, als ich bisher vermutet habe.
Ich fürchtete es, sagte sie, als ich von dem sremden Herrn hörte, der gekommen war und seinen Namen nicht hatte nennen wollen.
Wer glaubst du denn, daß dieser Herr war? frug ich.
Jemand, der große Forderungen an ©ir Pereival hat, entgegnete sie, und der die Ursache von Mr. Merrimans heutigem Besuche ist.
Weißt du etwas über diese Forderungen?
Nein, keine Einzelheiten.
Du wirst doch nichts unterschreiben, Lauri, das du nicht zuvor gelesen hast? .
Gewiß nicht, Marianne. Was ich nur immer redlicherweise tun kann, um ihm zu helfen, das will ich tun, um dein Leben, meine Schwester, und das meinige so behaglich und glücklich wie nur möglich zu machen. —.
(Fortsetzung folgt.)
Hamburger Kiifeit.
Eine Reiseskizze von Anny Wothe.
(Nachdruck verboten.)
Heute morgen war Graf Bodo Bentheim von seinen Gütern kommend, in Hamburg eingetroffen. Der Arzt hatte ihm, seiner angegriffenen Nerven wegen, einen Aufenthalt in Westerland' dringend empfohlen, und der Graf war, wenn auch nur widerwillig, dem Rate gefolgt und hatte sich auf die Reife gemacht. Hier in Hamburg hielt er nun Rast. Was wußte der alte Sanitätsrat von seinen Nerven? Nichts, rein garnichts.
Er litt am Leben, der Graf. Tas Schicksal hatte ihni arg mitgespielt. Ein schönes, junges Weib, ein blühendes Kind hatte es ihm genommen. Sein großes Haus im fernen Osten lag einsam in schimmernder Weite. Lein Laut wehte durch die Hallen und Gänge des Schlosses. Kein Trippeln kleiner Füßchen, nicht der müde, weiche .Klang einer süßen Frauenstimme. Nur überall todestrauriges Schweigen.
Schauerlich hallte fein eigener Schritt durch die verödetest Räume, durch die verwilderten Gärten mit dem üppigen Gerank, von dem keine weiße, zarte Hand mehr die wilden Blumen brach, wie einst in des Lebens Mai. Alles tot, alles still. Ihm.graute vor der Oede daheim, aber ihm graute auch vor. der Welt.
Und nun war Graf Bodo Bentheim hier in Hamburg, mitten in dem breit dahinflutenden Strom des Großstadtgetriebes, inmitten des heißen, pulsierenden Lebens.


