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Die weiße Frau.

Roman von W. Collins.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

'Ich fürchte mich fast, es selbst diesen geheimen Mattern 'anzuvertrauen. Der Mann interessiert mich, zieht mich an, zwingt mich, ihn gern zu haben. In zwei kurzen Dagen ist er geradewegs in meine Gunst hineinspaziert, und wie er das angefangeu hat, ist mehr, als ich mir erklären kann.

Er ist beispielsweise enorm beleibt. Die korpulente Menschheit war mir von jeher ein Greuel. Und trotzdem ist hier Graf Fosco, der so fett ist tote Heinrich VIII. selbst, durch seine abscheuliche Korpulenz ungehindert, in meine Gunst hineingewandert. In der Tat wunderbar!

Ist es sein Gesicht, das ihn empfohlen? Dies mag sein. Es trägt die auffallendste Aehnlichkeit im vergrößerten Maßstabe mit dem Napoleons des Großen. Seine Züge haben Napoleons erhabene Regelmäßigkeit. Ihr Ausdruck erinnert an die großartig ruhige, unerschütterliche Kraft des Gesichtes des großen Soldaten. Diese auffallende Aehu- lichkeit machte gleich zu Anfang Eindruck auf mich; aber es ist noch außer dieser Aehnlichkeit etwas in ihm, was noch größeren Eindruck auf mich machte.

Ich glaube, daß der Einfluß, nach dem ich jetzt suche, durch feine Augen ausgeübt wird. Sie sind die unergründ­lichsten grauen Augen, die ich je gesehen, und funkeln zu Zeiten so kalt, klar, schön und unwiderstehlich, daß es mich zwingt, ihn anzusehen, obgleich es mir zugleich eine Emp­findung verursacht, die ich lieber nicht fühlen möchte. Auch andere Teile seines Kopfes und Gesichtes haben ihre Eigen­tümlichkeiten. Seine Hautfarbe ist zum Beispiel von einer sonderbaren fahlen Weiße, die so sehr von der dunklen Farbe seines Haares absticht, daß ich es in dem Verdachte habe, eine Perücke zu sein, und feilt Gesicht, das vollkommen glatt rasiert, ist ebener und runzelfreier als meins, obgleich er (nach Sir Percivals Angabe) beinah sechzig Jahre alt ist.

Sein Wesen und die Art und Weise, wie er unsere Sprache beherrscht, mag ebenfalls dazu beigetragen haben, ihm meine gute Meinung zu verfchaffen. Wenn er einer Dame zuhört, hat er jeue ruhige Ehrerbietigkeit, jene Miene aufmerksamer Teilnahme, und wenn er zu ihr spricht, liegt in seiner Stimme eine geheime Sanftheit, der wir, was wir auch immer sagen mögen, nicht widerstehen können. Auch hier hilft ihm seine ungewöhnliche Kenntnis der eng­lischen Sprache.

iAlle die kleinsten Eigentümlichkeiten dieses seltsamen Mannes haben etwas auffallend Originelles und verwir­rend Widersprechendes an sich So stark und bejahrt er auch ist, sind doch seine Bewegungen erstaunlich leicht und Unbefangen. Er ist so geräuschlos im Zimmer, wie nur

je eine von uns Frauen, und was noch mehr, er ist Un­geachtet all seiner unverkennbar en geistigen Festigkeit und Kraft so nervös empfindlich wie die Schwächste von uns. Er zuckte und schauderte gestern, als Sir Percival einen der Wachtelhunde schlug, so zusammen, daß ich mich meines eignen Mangels an Gefühl im Vergleich mit dem des Grafen schämte.

Dieser letztere Vorfall erinnert mich an eine seiner sonderbarsten Eigenschaften, deren ich bis jetzt noch nicht erwähnt habe, nämlich seine außerordentliche Vorliebe für Lieblingstierchen. Einige von diesen hat er auf dem Fest- laude zurückgelassen, aber er hat einen Kakadu, zwei Ka­narienvögel und eine ganze Familie von weißen Mäusen mit hierher gebracht. Er sieht persönlich nach allen Bedürf­nissen dieser merkwürdigen kleinen Lieblinge und- hat sie gelehrt, ihn außerordentblich lieb und erstaunliches Zutrauen zu ihm zu haben. Seine weißen Mäuse wohnen in einer kleinen Pagode von buntem Draht, von ihm selbst ent» warfen und angefertigt. Sie sind beinahe so zahm wie die Kanarienvögel, und werden, wie diese, häufig heraus­gelassen. Sie laufen auf seinem ganzen Körper umher, kriechen in seinen Westentaschen aus und ein und fitzen in schneeweißen Pärchen auf seinen gewaltigen Schultern.

Es ist kaum glaublich, aber nichtsdestoweniger wahr, daß dieser selbe Mann, der die Liebe einer alten Jungfer für seinen Kakadu hegt und seine weißen Mäuse mit der Geschicklichkeit eines Savoyardenknaben regiert, mit einer kühnen Gedankenfreiheit, einer Kenntnis von Büchern in allen Sprachen und einer Erfahrenheit über die Gesell­schaft in den Hauptstädten Europas sprechen kann, die ihn in jeder Versammlung in der gebildeten Welt zu einer hervorragenden Persönlichkeit machen würden. Er soll 1 wie Sir Percival mir erzählte ungewöhnliche Kenntnisse auf chemischem und medizinischem Gebiete haben und em hervorragender Hypnotiseur sein.

Dieser korpulente, träge, ältliche Manu, dessen Nerven so zart sind, daß er bei einem zufälligen Geräusche auf­fährt, zusammeuzuckt und schaudert, wenn ein Wachtelhund gepeitscht wird, ging neulich morgens in den Stallhof und legte seine Hand auf den Kopf eines Schweißhundes H eines fjo wütenden Tieres, daß selbst der Reitknecht, her ihn füttert, sich aus seinem Bereiche halt.

Zn diesem Mute steht in seltsamem Gegen,atz feine Borliebe für schöne Kleider. Er hält daraus wie der größte Narr, den es geben kann, und ist bereits in den zwei Tagen seines Aufenthaltes hier in vier verschiedenen prachtvollen Westen aufgetreten, alle von hellen, bunten Farben und selbst für ihn unendlich zu groß. .

Ich kann bereits wahrnehmen, daß er wahrend semes Aufenthaltes hier mit uns allen auf dem freundschaft­lichsten Fuße zu leben beabsichtigt. Er hat offenbar entdeckt, daß Laura ihn nicht gern hat (sie hat mir dies bekannt, da ich deshalb in sie drang), aber zu gleicher Zeit, daß te eine unbeschreibliche Porliebe für Blumen hat, Wann )ie