Ausgabe 
14.6.1911
 
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erfeinten, die der jetzt gestreckte Geschtviudbach bildete. Und wenn man nach Langgöns geht, sieht man Unterhand eine prächtige, zwei Morgen große Wiese, deren Nameschinupmtzh noch daraus hinweist, daß der Ort der Gemeinde früher als Schindanger ge­dient hat. Er ist erst in den achtziger Jahren urbar gemacht worden. _ , , 1 _ m , ..

Doch schon sind wir ins Tal gekommen. Der Jteimge Boden knirscht nicht mehr unter dem Tritt, der Fuß tritt in fettes elcker- land. Jenseits des Baches sehen wir ein «eines Wäldchen, das Rotlaub". Ob auch dieser Name eine Erinnerung an die Ro­dungsarbeiten bildet, kann ich nicht entscheiden. Bor dem Gehölz liegt eine Mühle einsam int Tale. Zwei andere noch treibt der Kleebach in der Gemarkung. Sie sind beide Geselllchaftsmühlen geworden, in denen jeden Tag eilt andrer Bauer sein Getrewe mahlen läßt. Die Zeiten, in denen die Müller zu den wohl? habendsten Leuten des Dorfes gehörten, sind längst dahtm Bis in die siebziger Jahre war Bargeld int Dorfe noch eine Selten­heit. Es herrschte noch vollständige Naturalwirtschaft. Wenn der Handwerker um Weihnachten feine Rechnungen austrug, dann nahm er wohl gleich den Sack mit, um die Bezahlung in Korn zu empfangen. Heute noch sieht dem Altsitzer ein bestimmtes Quantum Getreide zu. Als dieses noch das häufigste Zahluugs- mittel war, da war das goldene Zeitalter der Müller, ^eber Bauer brachte sein Korn in die Mühle, und der Müller machte sich bezahlt durch denMolter". Das war das Maß Getrewe, das er einbehielt. Wegen des Gewichtsverlustes, den das Korn beim Reinigen erfuhr, ließ sich der Molter vom Bauern nie genau nachprüfen, und die Muller standen bei ihren mißtrauischen Kunden in punkto Redlichkeit nicht im besten Ruf. Zur Abwehr der ewigen Quängeleien führten sie ein grobes Mundwerk, und was sie sagten, brachten sie aus alter Gewohnheit auch außerhalb ihrer Mühle in schreiendem Tone zum Ausdruck. Ich erinnere mich an einen groben Müllersohn, der in das Hoftpr hinembrüllte: Raut so mocihn?" (Nichts zu mahlen.) Und als der Bauer zu einer langem Rede ausholte, daß der Molter das letzte Mal gar zu grpß gewesen sei, schrie der weiße Mann: ,?Behalt's' und verschwand. Bon demselben habe ich noch das Berschen:

Mir Miller, mir wiesse's de best Mir molten vom Malter e Mäst, En wann die Bauen dann net wonn schwcic?) Dann neamme mer'n a noach die Kleie.

Die meisten Müller sind nun verschwunden. Mancher sitzt als Mahlknecht auf einer Gescllschaftsmühle, die früher sein eigen Ivar. Der letzte auf der Vor mir liegenden Mühle war ent harter Mann, der seinen Existenzkampf schwer gekämpft hat, in dem er schließlich erlegen ist. Nicht wenig hat zu seinem Untergang die Jagdleidenschaft bcigetragen. Er konnte sich nicht von der Anschauung frei machen, daß das Wild Gemeingut ^set. (Diese herrscht auch jetzt noch bei den Bauern. Der zuverlässigste, recht­lichste Mann heißt jeden Hasen, der ihm in die Hände fällt, ohne irgendwelche Skrupel mitgehen. .Tie revolutionäre Betäti­gung anno 1848 bestand darin, daß jeder, der sich ent Schieß­eisen beschaffen konnte, auf die Jagd ging. Bekanntlich haben die Bauern damals , den Bestand an Hochwild in Tenizchland ziemlich ruiniert.) Ämend, so hieß unser Müller, war eilt großer Schütze. Roch heute erzählt man sich von ihm folgende Geschichte: Drei Hasen spielen Skat. Der eine sieht sich um :Der Förster kommt!" Tie andern:Nach drei Runden!" Ter erste nach einiger Zeit:Der Albert kommt!" Die andern:Tas Spiel zu Ende!" Wieder nach einiger Zeit:Der Amend kommt!" Alle:Karten weg! fort! !"

Ich gehe über den Bach an einem Steinbruch vorbei, den die Hochelheimcr Pfingstberg neunen. Anch hier wieder der jähe llebergang von dem fetten Grund des Bachtales, zu dem steinigen Boden der Höhe. Der Weg führt über einen kleinen Wiese«-? gründ,die Schwitz", auf dem ein paar Quellen entspringen.. Ich bin auf dem Kamm einer Bodenwelle angeiommen und sehe wieder das Dorf zur linken; zur rechten liegt ein Erlenschlag, derRaumbach". Dort ist an und für sich schwerer Boden. Er trägt aber nur in trockenen Jahren gut; int nassen tootnnter ist es hier zu feucht. Lange ist erfolglos um diesen Boden gerungen worden. Jetzt wartet man aus den Erfolg einer iünst- gcrechten Drainage. Die Flur auf der ich stehe erinnert an die Vergangenheit des Dorfes. Es ist derZeahnerfrei". Bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war er die einzige Stelle der ganzen Dorsmark, die frei war vom Zehnten. Dieser wurde an das Stift zu Wetzlar bezahlt. Es war dies wahrscheinlich die Rechtsnachfolgerin eines säkularisierten katho­lischen Kirchenbesitzes. , Aeltere Leute erinnern sich noch lebhaft M diese Zeit der Steuerpflichtigkeit. Wenn es gegen die Ernte ging, wurde vom' Stift einZeahnerinecht" eingesetzt. Das war meist der Lehrer, denn einem Bauern wagte man diese Ver­trauensstellung nicht zu geben, weil diese über den Zehnten ähnlich dachten wie über die Jagd. Ter Zehntknecht ging nun mit einigen Leuten aufs Feld und nahm von jedem Hausten. " eine Garbe. Der Hausten wird heute noch ebenso zusammen­gesetzt wie damals. Eine Garbe wird senkrecht ausgestellt, und an diese werden acht andere ängelehnt. Dann stellt derHänster"

*) schweigen,

eine zehnte auf den Kopf, knickt die Halme über das Strohfeil nach auswärts und stülpt den so gewonnenen Hut auf die stehen­den. So sind die Aehren und der längere Teil der Garben vor Regen geschützt und die Winterfrucht kann bis lange in den Herbst hinein stehen bleiben; die Einfuhr kann so zugunsten; notwendigerer Arbeiten aufgeschoben iverdeu. Das Verfahren bietet noch den Vorteil, daß das Getreide ordentlich anstrockuet und das Unkraut verdorrt, so daß die Moderung in der «cheuue verhindert wird. Von jedem dieser Hausten lieg nun der Zehntknccht eine Garbe herausziehen; dann wurde die ganze Beute auf Hansen getragen und versteigert. Damit , die wich­tigsten Konstrnttiousteile des Hauslens nicht zerstört wurden, war es verboten den Hut ans denMittleren" zu nehmen. nn diese beiden wurde infolgedessen so viel hineingebunden als das Wtroh- seil zu fassen vermochte, eine Gewohnheit, die den Bauern so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß sie heute noch geübt wird. Im Laufe der Zeit sind diese drückenden Laften abgelost worden. Es ist dabei zu einer großen Anzahl von Prozessen, gekommen. Dabei, ist eine sehr milde Rechtsprechung geübt wor- deii/ denn ich habe von den Leuten, die oft darüber sprachen, nie klagen hören. In einem Nachbardorf trägt noch eine Familie den NamenStiftewaltersch" (Stiftverwalter), eine dauernde Er­innerung an jene Zeit drückender, lähmender, zweckloser Uvgaben,

Dieser Name erinnert mich daran, wie stark die Abneigung unseres Landvolkes ist gegen unsere Namen denen so ganz das Bezeichnende, Persönliche fehlt. In ganz seltenen Fallen werden die Menschen mit ihrem Schreibnamen gerufen. _ Tue Bezeichnung richtet sich nach der Beschäftigung, nach der Größe,cher Haarfarbe, der Ticke usw.: Woahnisch Weißer, schustisck schwarzer. Oft wird die Beschäftigung mir dem Rufnamen ver.biinven,^>vchulter- 'Hannes, Schmied-Karl. Der Bauer hat viel smn für Tradition. Das geht daraus hervor, daß der Name des Hauses auf einen neuen Besitzer übergeht. Dieses wird dann mit dem Rusnamen oder einer körperlichen Eigenschaft verbunden. Ein Mann, der Johannes Jung heißt, hort diesen Namen nur von Behörden; unter seines Gleichen ist er je nach dem Grad der Freund, chach Rerns-Hannes, Nerns-Großer oder Nerns-Langer, wen er ent Haus bewohnt, das von einem Nern erbaut worden ist. Dep Name Nern ist längst ausgestorbeii. Tiefe Art der Benennung ist wohl die häufigste. Manche Namen erinnern au eine Frau die durch große Tüchtigkeit, Tugend oder bereit Gegenteil hervor- ragte. Sine Familie trägt den NamenLiese" obwohl die Lies, eine Frau mit starken männlichen Eigenschaften, nur noch tit ber Erinnerung lebt. Aber das Haus trägt den Namen, und die Söhne, die es verlassen mußten, haben ihn mitgenommen. An die Lisbeth, die einer andern Familie den Namen gegeben hat, habe ich keine Erinnerungen mehr feststellen tonnen. n» vielen Namen steckt ein Stück Geschichte, s-er Knorrhof liegt eine Stunde vom Dorf in einer anderen Gemarkung. ~tv verschiedenenKuorrhöser" sind sich ihres Zusammenhanges nut jenem Hof gar nicht mehr bewusst, aber der Name bezeugt ihn. An das Steinhaus erinnerte ich schon. Die Steinyauscr haben sich im Dorfe verbreitet, nnd sie haben keine Beziehungen mehr zu ieitern Haus, aber die Bezeichnung haftet ihnen an wie einer Adelsfamilie der Name eines längst verlorenen Gutes. Von manchem alten Bauern, der sich ein Haus baute, das seinen spateren Bewohnern den Namen gab, habe ich mir erzählen lassen Es waren harte, fleißige, eigenartige Männer. Einen habe ich noch als ganz kleiner Knabe gesehen; jetzt noch sind schnurren von ihm im Umlauf. Er war einmal bei andern Bauern zum Kaffee. Nun erforderte es die Sitte, daß man sich bescheiden die erste Schnitte Brot mit Honig .(Zwetschenmus), die zweite mit Schmter- käs und die dritte erst mit Butter bestrich, klebet diesen Branch setzte sich unser Freund hinweg mit ben Worten:Wmn ich guten Honig habe, lasse ich Schnnerkäs stehen und esse - Butter. Ein Schlemmer aber scheint , er nur gewesen zn sem, wenn e», mit fremde Kosten ging. Wenigstens wird heute noch von ihm erzählt, daß er abends, wenn er seine.Dickmilch mit Kartoffeln gegessen hatte, sich vor das Tor stellte und in den Zahhnen stocherte, wie wenn er die Reste einer reichlichen, .Fleischmahlzelt beseitigen wollte. Ob er hiermit täuschen oder sich selbst ironisieren luollte, darüber haben sich seine Nachkommen iind die anderen Leute noch nicht geeinigt. Jene wollen es übrigens auch nicht wahr haben, daß ihr Ahn an warmen Sonntagen ohne Hosen in den Wiesen spazieren gegangen sei.

Ich bin auf den Weg gekommen, der nach Langgon» wirft Einige Kilometer östlich von Mit überschreitet die bcs, ww Grenze. (Hochelheim ist seit 1814 preußisch.) Vor dem oinfniwc- kommeil des Deutschen Zollvereins war hier eilte Zollgrenze, Mid­der Schmuggel blühte wie in alten Teilen nuscirs Vate lande». Die Hochelheimer waren eifrige Schmuggler, ».a» ja eines ber ärmsten der Umgegend, und der Schmuggel. war eine Hmipteimiahmegnelie seiner Bewohner. Viele ^aren smnc w der großen Heerstraße, KasselFranknirt, (bie letzt von vc,l E.scn- pahii begleitet wird), über Hochelheim unerkaiibten Eingang M den Kreis Wetzlar. Eine alte Fran hat mir viel davon er ah ft das meiste hatte sie auch noch voii Hörensagen. Cm « Schmuggelartikel war der Schnaps, der in Langgonsgcbianit wurde. Tort gibt es heute noch Faimlieu, deren Wohlstand auf iene Zeiten znrückgeht. Trotz der Aufmerksamkeit der Gienz- beamten hat das Hefchäft sehr geblüht. Die Unternehmustgen