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Wirklichkeit: ich war in Berlin auf der Straße. Ich war ein älterer, gesetzter Herr. Ich war Oberst unb Regimentskommandeur, da mußte man schon würdig tun.
Doch nur ein menschliches Wesen hätte ich totinachen können gerade vor mir eine Dame, die langsamer ging als ich. Schlank, blond. Schlank? Blond? Mein Gott!
Und ich beeilte mich. Ich lief an ihr vorbei und sah ihr Unter den Hut! Dann ein Ruf:
— Herzeloide!
Sie blieb stehen, sie schien erschrocken, sie blickte mich all. Beide Hände streckte ich ihr entgegen:
— Herzeloide, was tun Sie hier?
Sie war purpurrot geworden. Wie sah sie aus? Wie eiitft? War sie älter geworden. Ich weiß es nicht. Ich sah nur dies liebe, freundliche Gesicht und fühlte nur den Jubel im Herzen: jetzt ist es gekoulmen, worauf du gewartet hast. Dies Aussprechen mit ihr, zu hören voll der Vergangenheit.
Sie stand vor mir, und allmählich ebbte die rote Glut aus ihrem Gesicht zurück. Sie sagte nur:
Sie?
— Ja, warum nicht ich? Ich habe Sie so lange nicht gesehen.
Ich wollte ihre Hände nicht loslassen. Ich drückte sie immer wieder.
-— Sieben, sieben, ja sieben Jahre.
Sie hatte es sofort gewußt, und ich wiederholte nur: t— Wirklich sieben Jahre?
Dann fragte ich:
— Warum habe ich nichts von Jhnell gehört?
Sie schlug die Augen nieder:
i— Hörte ich von Ihnen?
Nein, aber Sie koirnten mir doch schreiben.
i— Ich Ihnen?
Ich wußte doch nicht, ivo Sie toareit.
Sie sagte nicht das gleiche. Unwillkürlich waren wir Miteinander weitergeschritten. Ich hätte am liebsten mich in ihren Arm gehängt. So ging ich denn dicht neuen ihr, und nun begann ich zu fragen. Was sie hier täte, ivo sie wären, ivie es ihr gegangen in der Zeit. Auch sie begann zu fragen, und es ging hin und her. Mir war es uichst als ob wir uns so lange nicht gesehen hätten.
Gibt es nicht Menschen, mit denen man nach acht Tagen immer neu anknüpfen muß? Herzeloide war, als ob sie .gestern noch vor mir gestanden, in ihrem schwarzen Kleide, als sie damals dies „Heimgegangen" gesprochen hatte.
Ich erzählte ihr alles aus meinem Leben. Ich sprach von der Zeit dort oben auf der Bajoletthutte, wo ich gesund geworden war und mich wiedergefunden hatte. Wie ich dann un Elsaß geweseii, wie ich das Regiment jetzt hätte. Ich teilte ihr mit, aufgeregt, als wäre ich fünfundzwanzigJahre jünger, wie wir abgeschnitten, was Majestät gesagt. Ich erzählte es ihr nicht, als ob ich der Kommandeur wäre) sondern irgend ein junger Leutnant, der vor seinem Zuge in der Front mit hielt, ein junger Leutnant, der ebon Herzeloiden getroffen in ihrem Kleide mit den seltsamen gemusterten Herzen, und der sie eben erst gebeten hätte, sie so nennen zu dürfen.
Wissen Sie noch, wie ich Sie damals darum bat? Wissen Sie, daß ich einen anderen Namen nicht ftuinto? Wissen Sie, daß, ivenn ich Ihnen hätte schreiben wollen, ich hätte anfaugen müssen: Liebe Herzeloide? Liebe, darf ich denn das?
Sie nickte.
„Liebe" darf ich sagen?
Sie wandte sich zu mir, und wieder ging ein leichtes Rot über ihre Wangen:
b— Was sollten Sie anderes schreiben?
— .Sie haben recht! — sagte ich und gab ihr die Hand. Und wie ich ihre schmalen, kleinen Finger in den meinen fühlte, war es mir, als sollte ich' sie nicht wieder loslassen.
Ich ging nicht zu meinem Hotel, ich folgte ihr. Wir fuw eine. Stunde t— was weiß ich — zwei Stunden zu- samuieu spazieren gegangen, und wahrend der.Zeit erfuhr ich glles.
Sie lebte draußen im Westen mit ihrer eilten Nichte MsaMinen, die andere hatte sie verheiratet.
Endlich trennten wir uns. Wir verabredeten eine Zeit, wo ich hinauskommen sollte, in ihre Wohnung sie zu besuchen.
— Denn wir haben ja noch nichts gesprochen. Ich muß alles wissen, ganz genau.
— Interessiert Sie das?
»- Das wissen Sie doch.
Und sie schien es zu wissen.
(Fortsetzung folgt.)
Sm Spaziergang durch die Feldmark von Hochelheim.
Aus beut Hohlweg schwinge ich mich auf den Raiih drehe mich mit, und mein Blick schweift über vier Ortschaften, die, umgeben von Wiesengründen, im Kleebachtal liegen. So aus der Ferne betrachtet, sieht mein Heimatdorf sehr schön ans. Aus einem Hain von Obstbäumen ragen die braunen Ziegeldächer, zwischen benett_ sich der arme Dachreiter des. Kirchleins bescheiden in die Luft streckt. Aber breitspurig steht das „steinerne Haus" da mit seinem großen Schieferdach, wie ein reicher Bauer unter armen Tagelöhnern. Es ist ein Bau, dessen unterstes Stockwerk aus dicken Mauern besteht. Die Dachfahne trägt die Zahl 1632. Und zweifellos hat das Gebäude in jener wilden Zeit den Einwohnern Zuflucht vor plünderndem Kriegsvolk gewährt. Vor einigen Jahren hatte der Ausgang nach der Rückseite noch eine mächtige, eisenbeschlagene Eichentüre, die durch einen dicken Schiebebalken verriegelt werden konnte. Die Räume sind so groß, daß sie der damals geringen Einwohnerzahl Nnterlimst boten. Ein Raum auf der Rückseite zu ebener Erde war vor kurzem noch mit rohen Steitiplatten belegt, und man dürfte in der Annahme nicht fehlgehen, daß die Flüchtlinge einiges Vieh hier untergebracht haben. In den zwei übereinander liegenden Speicherräumen unter dem ungewöhnlich großen Dach ließen sich genug Nahrungsmittel für Mensch und Vieh unterbringen. Jetzt hat die alte Dors- festung manches von ihren alten Einrichtungen zu Gunsten neuzeitlicher Bedürfnisse verloren. Und nicht viel mehr als die Ausdehnung und der Name erinnern an die alte Bestimmung, Bis vor kurzem verschenkte der Steinhäuser selbstgebrautes Bier, Jetzt trinkt man dort Lagerbier.
Auf einem schmalen Fußpfad wende ich mich nach Süden unb! wandle längere Zeit unter Kirschbäumett dahin. Wohl 50 Grund- .stücke liegen hier, je mit sechs bis zehn Bäumen bestanden, der Stolz meiner Landsleute. Die „Torngräben" heißt das Flurstück. Und nicht nur der Name erinnert daran, das; hier vor nicht allzulanger Zeit noch eine Wüstenei vorhanden gewesen ist. An der Südseite sehen wir noch Gräben, mannstiefe Wasserfurchen, Die Abhänge sind mit Schwarzdorngestrüuch bewachsen, das hie« int Kampfe gegen menschliche Kulturarbeit hartnäckig sein Dasein fristet. Jeden Herbst, bei der Bestellung, reißt hier der Baue« ein paar Furchen von deut wurzeidurchwachsenen Boden ab, obwohl er weiß, daß die Körner, die er hineinstrent, verlören sind. Denn im tiächsten Jahre hat das „RupsgraS", der zähe Vorkämpfer der Unkultur, das Weggenvmmene wieder zurückerobert und ist weit in bett Acker vorgedrungen. Es legt den Bvben in so harte Fesseln, daß diese nur ein gut bespannter starker Pflug brechen kann. So wird hier ein harter, nie rastender Kampf geführt. Auf solche Weise sind bie ganzen Dorngräben urbar gemacht worden. Als die freigelegten Plätze noch kein Getreide trugen, pflanzte man Kirschbäume hinein, denn der Bauer setzt überall, wo er nicht säen kann, an Rainen und Wegrändern, Bäume. Hier, auf dem schlechten Boden ber Dorngräben, sind bie Kirschbäume prächtig gebiehen, und besonders bie wenig Vermögenden, die in dieser dürren Gegend ihr Ackerland haben, ziehen erheblichen Gewinn ans bem Verkauf des schönen Obstes. Zur Zeit der Kirschenernte zieht in Hochelheim eine Stimmung ein, wie bei ber Weinlese am Rhein. Nach dem Kleebach hin senken sich die Kirschenstücke terrassenförmig. Das „Road" (mit dem eigentümlichen Zwischenlant von a zu v) nennt man dieses Stück der Gemarkung. Die Raine sind zum Teil noch mit Schwarzdorn be- wachseii und legen Zeugnis ab, daß die Rodungsarbeiten vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben. Den Pickel kennt der Hochelheimer nur unter dem Namen der „Rodhacke". Armen Leuten gehören die Grundstücke auf dem Road meistens, und bei den wohlhabenden Leuten findet man nur selten jenes Werkzeug, für das sic feine Verwendung haben. Es ist dünnes „Körnchen", das auf jenem Felde wächst, und in trockenen Jahren lohnt es kaum', den Hafer zu schneiden. Wenn man dem Bauern zusieht, der am Raine mit seinen Meinen Kühen pflügt, kann man sich eine Vorstellung machen, welcher Fleiß dazu gehört hat, diese Oede dem Menschen dienstbar zu Machen.
Mancher andere Name in der Hochelheimer Feldmark erinnert daran, daß der Boden noch nicht lange urbar gemacht worden ist. Nach Nordwesten hin liegt das „Mouer" (Moor), ein Wiesengrund, den vor etwa 40 Jahren ein Vorsteher durch Gemein-de- arbeit hat trocken legen lassen. Noch häufiger tarnt man jirt Sommer an dem fetten Gvüs die Achlangeuwinduugen und Inseln


