Ausgabe 
14.6.1911
 
Einzelbild herunterladen

u

'S

D

W\

'i

herzrloldk.

8?omtöt von Georg Freiherrn von OmpkeöG (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

ging nun endlich der Winter zu Ende. Es regte sich in der Natur. Leise überzogen sich Sträucher und" Baume mit grünem Hauch. Der Rasen begann «andere Farbe zu gewinnen, der Zauber des Lenzes hob an. Draußen die Obstbaumpflanzungen färbten sich weiß und rosa, es rieselte nieder von den Zweigen, und -das Gras, das nun schon kräftig gedieh, war wie nach einem leisen Schneefall mit einzelnen Klocken bestäubt.

Dann kam die Wärme. Die Sonne lachte am Him­mel, ein weicher Wind strich über die Saaten, lleberall grünte uüd sproßte cs, und als sich allmählich, Fingern gleich, aus den Kastanien die Blätter streckten, und als sich die Stengel emporschoben in allen Pflanzen und ausein­anderfalteten, da ward mir wie jedes Jahr, wenn der Lenz in die Lande kommt, wieder seltsam frisch zumut, freudig, als ginge es irgend einem Unerwarteten ent­gegen.

Die Besichtigungen kamen. Auf dem weichen Exerzier­platz, der durch die letzten Regen seine Pflasterhärte ver­loren, galoppierten die Schwadronen. Die hohen Stäbe erschienen. Wir ernteten Lob. Mit klingendem Spiel zogen wir heim.

Es ward Sommer. Das Regiment stellte sich zusammen. Hoch standen nun die Felder in Saaten. Da kamen wieder die Stäbe, und in einsamer Weite vor der Front hielt ich, während mein Säbel knielängs fiel. Die Trompeten klangen. Ich übergab den Frontrapport, nachdem ich mich ihn Bogen an die Seite des obersten Kriegsherrn gesetzt hatte. Mn der Front ritten wir hinab.

Ich durfte mein Regiment vorführen, wie ich wollte. Wir exerzierten kurz und schnell, jede Muskel ward an­gespannt, jedes Pferdebein stand am rechten Fleck, jede Pferdenase dort, wo der Reiter sie haben wolltet Signale, Kommandos und Winke wurden richtig auf genommen. Wie em Spektakelstück zog das Ganze vorbei, und mit wildem Hurra kam am Schluß die Attacke. Geschlossen, zusammen- gedrangt, mauepgleich wie ein Wall. Dann stieg hoch die Staubwolke in die Lüfte, und als sie sich verzogen, stand das Regiment da mit prustenden und schnaubenden Pferden, unbeweglich die Reiter, und während die Drompeten schmet­terten, sank wieder knielängs der Säbel.

, Dann kam die Majestät, ritt am Regiment vorbei und sah all die Zungen frischen Burschen an, denen die Freude Ms den Augen lachte, daß alles geklappt hatte und gut "gegangen war. Mr wurden gerufen:Die Herren Offi­ziere!" Und unser Herr und Kaiser sprach. Er reichte mir feie Hand. Es waren nur Worte des Lobes. Ich beugte

mich nieder auf den Hals meines Pferdes. Dann kam die Standarte nach vorn, die Drompeter an die Tete, und die Majestät mit all dem glänzenden Stabe in seinen bunten Uniformen, mit seinen Orden und Schabracken und trippeln­den, tanzenden Pferden ritt hinter der Musik.

Das kleine Städtchen hatte geflaggt. Aus allen Fenstern hingen die Fahnen. Die Menschen drängten sich, die Schul­kinder waren aufgestellt. Weißgekleidete Jungfrauen kamen mit dem Bürgermeister. Stadtobrigkeit, Behörden, alles war versammelt. Ein Fest und ein Jubel und Trubel.

Dann wartete der Zug, und wir standen am Bahnhof. Ein Gruß. Wie die Mauern standen wir, die Hand am Helm. Es zitterte der Boden. Immer kleiner ward der letzte Wagen, Und als der Schienenstrang einsam lag, wandte ich mich zu meinen Herren und sah nur glücklich strahlende Gesichter.

Dann ward das kleine Nest wieder still und einsam, und eines Tages hing ich den bunten Rock in den Schrank, und mit dem Reiseanzug stieg ich in den Zug. Die Felder ivvgten während der Fahrt rechts und links im leichten Wind wie ein riesiges gelbes Meer.

Ich lehnte im Coups in der Ecke, mir war es, als iväre ich Jahre jünger, fester, sicherer, kräftiger geworden, und während ich die Augen schloß auf der kurzen Fahrt, lächelte ich manchmal vor mich hin und fühlte mich wohl und! glücklich.

Ich schlief ein und begann zu träumen. Ich weiß nicht mehr, was es war, etwas Gehobenes, Freudiges, Glückseliges. Etwas tote in meinen jungen Jahren, als ich den Mädchen unter den Hut geschaut, als mein Herz so lichterloh brannte, mein armes, wandelbares Herz, täglich für eine andere.

Ich dachte: Was tue ich in Berlin: Wo gehe ich hin? Ich hatte keine Pläne, nur den Urlaub. Aber es würdig sich schon etwas finden. Sollte ich nach Süden, nach Norden? Mir war alles gleich.

Als der Zug dann einlief, rieb ich mir die Augen, fuhr empor, nahm Ueberzieher und Stock und bummelte, nach­dem ich meine Sachen in das Hotel Unter den Linden ge­schickt, langsam die Straße hinunter.

Ich ging langsam, immer langsamer, denn es war heiß/ und. mir schwebte nur der eine Gedanke vor: du hast Lob geerntet, und dein Kaiser war zufrieden.

In meinem Herzen war ich meinen Herren dankbar, die alle ihre Pflicht getan hatten, den Unteroffizieren, dis durchs Feuer gingen für mich, das wußte" ich, und all den Kerls im ganzen Regiment, den'Musterknaben", tote beit Schweinehunden". Denn auch der letzte, der tausendmal gewiß daneben gehauen, hatte diesmal fein armes Hirn zusammengenommen, und reinen konnte man tadeln.

Da überlegte W so: Jetzt sollte Krieg fein. Mit diesen Sechshundert hättest du keine Not, die ritten blind in den Feind. Und ich hob den Stock, als ginge ich in die Auslage, als säße Hieb und" Stich. Aber ich kam zur