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Vä'ckwerk tmb Uugarwein und lauschten mit Mgeyalteuem Lrem; es blieb aber alles still oben.
Die Specht hatte schon zum zweiten Mal ihr, Glas geleert, und ein bißchen zögernd bot ihr die Hänflein ein drittes Glas an. c ,
Die Specht dankte sehr wortreich und tat erschrocken, hne ihr Glas doch wieder gefüllt vor ihr stand. Fran Hänflein machte eine bittersüße Miene.
„Ich kann Ihnen versichern, liebe Fran Oberlehrer, Ö: dauert der Skandal jede Nacht bis lange nach Mitter- t; es ist, als ob sie heute ahnt, daß wir sie beobachten !" , t
„Ja, aber liebe Frau Häuflein, ich wurde nicht zögern, trotzdem die allerenergischsten Schritte zu einer Abänderung zu tun!" riet die Specht, und die Hänslein sagte ein nachdenkliches „Ja!"
Noch eine halbe Stunde saßen sie lauschend da. Die KPerne Schale mit dem Backwerk war fast geleert, und e Specht hatte ihr viertes Glas Ungarwein geleert.
„Jetzt!" rief plötzlich die Hänflein, und ihre Augen leuchteten auf. Sie lauschten wieder beide, aber >es >var Nichts — alles blieb still.
Sie waren enttäuscht.
„Dennoch!" rief die Specht, „ich würde den Brief schreiben. Mein seliger Mann hatte den Grundsatz: Jrn- mer sogleich handeln, hat man erst angefangen zu verschieben, so unterbleibt es schließlich ganz."
Die Hänflein war unschlüssig. „Ich muß gestehen, liebe Frau Oberlehrer," sagte sie, „es ijt mir außerordentlich peinlich, daß gerade heute abend der Tumnlt so schnell zu Enoe war----"
„Aber das hat ja gar nichts zu bedeuten, liebste Frau Hänflein. Ich bin Ihr Zeuge, daß ein unerhörter Skandal vollführt wurde, und wie lange er gerade heute dauerte, darauf kommt es ja nicht an!"
,Mürben Sie mir dann behilflich sein, einen Brief an hie Frau Lengerich zu schreibend fragte die Hänfleinimmer poch schwankend.
„Aber gewiß, gewiß! Mit dem größten Vergnügen!" »ntgegnete die Specht eifrig. Der llngarwein hatte sic erregt, und das Gefühl, ein bißchen Aufregung im Hanse schassen zu können, tat ihr wohl.
In der nächsten Viertelstunde saßen sie vor einem Vogen Papier. Die Specht diktierte, und Frau Hänflein ft6rte6. Manchmal machte Frau Hänflein einen schwachen Einwand, aber die Specht riet zu möglichster Kürze und Energie, damit die Wirkung nicht verfehlt würde, und so schrieben sie dann zum Schluß kategorisch: „Hört der Lärm picht in der allernächsten Zeit auf, so werde ich mich gezwungen sehen, mir auf dem Weg der Klage Frieden zu verschaffen. Achtungsvoll Frau Hänfleiu."
Sie beratschlagten noch, wie sie den Brief der Ruhe- pörerin übermitteln sollten, und nach längerer Debatte ßbot sich die Specht, die noch in Straßenkleidung war, das änuskript zum Kasten zu bringen; sie bedankte sich wortreich für Wein und Backwerk und schied in freudigster Dtchnmung von ihrer Flurnachbarin. —
_--Am nächsten Morgen drehte der Brief
träger Langmann einen Brief ein paar Mal in der Hand herum.
„Frau Lengerich! Frau Lengerich! Donnerwetter, soll hie denn auch in der alten Bude wohnen?" Der hatte ßr doch noch nie etwas gebracht.
„Na, Herr Postrat," sagte die Kosh, die vor ihrer Tür totit Eiern und Geflügel hantierte. „Was bringen Sie Neues? Was für meine Wenigkeit? Was für meine Gnädige? Lassen Sie mal sehen!"
Sie nahm ihm den Brief aus der Hand und las die Aufschrift.
„Frau Lengerich?" sagte sie gedankenvoll. „Frau Len- tzrrich? Und wo kommt denn das her?"
Langmann hatte ihr den Brief wieder aus der Hand genommen. „Her damit! Befriedigt Eure Neugier, wo vhr wollt! Aber mein Zeug geht Euch nichts an!"
„Nu — nu!" sagte die Kosh und lachte vor sich hin. pWie wär's denn, Herr Postrat, mit einem Heißen? Direkt
Röhre, und 'ne Schnitte Kirchweihkuchen aus
Langmann lachte übers ganze Gesicht. „Nu, abgeneigt Wär ich grad nicht! Ist eine verdammte Kälte heute Vorgey!"
„Nu, denn immer rin in die gute Stube! Rehmen Sie Platz auf dem Kanapee und seien Sie mal ein bißchen gemütlich!"
Langmann band seine Tasche ab, setzte sich auf das schwarze Wachstuchsofa der Kosh und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
Er war ein netter, stattlicher Mann, ein bißchen barsch im Umgang, aber wer ihm Honig ums Maul zu schmieren verstand, gegen den konnte er freundlich, fast herzlich werden. An diesem naßkalten Spätherbstmorgen aber konnte ihm nichts willkommener sein als eine Tasse heißen Kaffees und ein Stück Kuchen. Zu Haus in seiner Wirtschaft stand's nicht zum besten, und er mußte mehr als einmal in der Woche ohne was Warmes im Magen seine Wanderung antreten.
„Ich hab es immer gesagt, die Polenwitwe hat ein gutes Herz!" sagte er jetzt galant und ließ sich das Vorgesetzte gut schmecken.
„Will ich meinen!" antwortete die Kosh und goß ihm die zweite Tasse Kaffee ein.
Langmann fühlte sich immer behaglicher.
„Fünf Pfennig Porto hat er nur!" reflektierte die Kosh — „also von hier!" Der Brief sah aus der Tasche hervor, aber sie konnte nur die Rückseite sehen.
„Noch ein Stückchen Kuchen?" fragte sie freundlich, und ehe Langmann antworten konnte, hatte er schon eine derbe Schnitte neben sich liegen. Man sah ihm das Behagen von seinem Gesicht leuchten, und die Kosy wurde dreist, wendete den Brief um und las noch einmal die Aufschrift. .
„Frau Witwe Lengerich" stand da nut steifen, etwas Ungewandten Buchstaben.
Wer schrieb doch nur so? Sie kannte die Schrift; so schrieb einer aus dem Haus — aber wer? Die Specht war es nicht — die krackelte mit lauter Haarstrichen, und die Pastorin schrieb mit viel Schnörkeln.
„Aha!" dachte die Kosh, „dann kann es mir die Häuflein sein," und bevor Langmann seinen Kuchen fertig eingestippt hatte, war ,ihr Gedankengang bis zum Schluß gelangt. Sie hatte gestern abend spät die Specht znm Kasten schleichen sehen, und sie hatte auch vorn Dienstmädchen schon gehört, daß die beiden Frauen zwei Stunden bei Wein und Backwerk zusammen gesessen hatten.
Wenn die nun einen Brief au die Lengerich schrieben, dann konnte der Inhalt nur ein unerfreulicher sein; irgend' was war nicht in Ordnung im Haus, und man verhandelte da einfach untereinander, ohne sie vorher zu Rate zu ziehen; das empörte sie. —
(Fortsetzung folgt.) *
Das Reaiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 (2. Grotzh hessisches) am 1$. Januar 1871 bei Briare.
A n s den Erinnerungen eines Mitkämpfers.*) Von E. P i st o r.
Am 1. Januar war das Detachement Rantzau, der Ucber- macht weichend, nach Gien zurückgegangen ((. den Artikel von! 1. Januar), allein bereits am 4. Januar marschierte d-as gesamte Detachement, auf Befehl des Divisionskommandeurs Prinz Ludwig von Hessen, wieder. nach Briare, welches schon am 3. von der Division du Temple geräumt worden war; vielleicht, infolge des! Vormarsches des VII. Korps gegen Süden. War die Lage des Detachements bis zum 30. Dezember schon keine günstige gewesen, so war der erneute Aufenthalt in Briare noch weit unangenehmer und vollzog sich unter noch weit ungünstigeren. Verhältnissen..
Das Landwehrbataillon Detmold war aus Gien zurückgezogen wordeu, dafür verblieb in Gien die 7. Kompagnie des Regiments, so daß das ohnehin schon durch Gefechtsverluste und stark austretende! Krankheiten sehr geschwächte Regiment mit mir sieben Kompagnien in Briare einzog — seine Stärke betrug damals zirka 1800 Köpfe eiuschl. der Offiziere — das 2. Reiterregiment verlor fast täglich einzelne Mannschaften durch Franktireurs auf Patrouille, ja am 5. Januar wurde bei einem Erkundigungsrittei ein Zug, 18 Mann mit einem Offizier, in einem Orte abgeschnitten und gefangen genommen.
Orleans, wo die nächste für uns in Betracht kommende Unterstützung stand, war über 70 Kilometer entfernt und nur zwei kleine Relais-Kommandos, welche als Hilfe gar nicht in
* Benutzte Werke: Dr audt, Detachement Ranzau, Geschichte des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm, und Maurer: In, Frankreich 1870/71.


