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|9U — Nr. 8
Samstag den l<. Januar
Das Witwenhaus.
9loman von Helene von Mühlalt.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Frau Kaufmann Hänflein toar die einzige in diesem Hause, die nicht mit dem Pfennig zu rechnen brauchte, und diese Tatsache verlieh ihr einen Nimbus bei all den andern Witwen, aus die sie zum Teil sehr von oben herabsah. Sie wiederholte bei jeder Gelegenheit, daß sie sich eine ganz andere Wohnung leisten könne, wie die in dem alten Saalehaus war — aber der Blick, der wunderschöne Blick habe sie gefangen genommen.
Das sagte sie auch heute abend wieder zur Frau Oberlehrer Specht, und die machte ein ganz gläubiges Gesicht, obschon sie etwas anderes dachte.
Das Pförtchen, die nach der Waldseite zu gelegene Hintertür, die so versteckt lag und die auf einen Weg führte, der abends stockdunkel war, hatte sie bewogen, ins alte Saalehaus zu ziehen, in dessen Räumen sie schmerzlich den Stuck an Wänden und Decken und die parkettartigen Fußböden, die es überall in den bes.eren Villen gab, vermißte.
Auch daß sie Lampen brennen mußte, wo sie doch drei prächtige Gaskronen besaß, war ihr bitter--aber
die Tür! die Tür!
Frau Häuflein war dreiundvierzig Jahre alt, aber sie war immer noch eine schöne Frau zu nennen, und besonders auf der Straße mit dem großen Rembrandthut auf dem Kopf und dem gutsitzenden, glattanli g nden Schneidertleid sah sie gut aus und lenkte die Blicke manches Mannes auf sich.
So stolz sie aber auch im allgemeinen war und so hoch sie ihren Kopf zu tragen pflegte, so ganz unempfänglich gegen ein bißchen Bewunderung von feiten des starken Geschlechts war sie nicht, und das sonnte ihr eigentlich niemand verübeln, denn sie war seit elf Jahren Witwe Und batte viel freie Zeit und dadurch viel Langeweile — Und der Verkehr mit grauen, die sie ja doch höchstens beneideten, sagte ihr nicht zu.
Es war ihr nichts, wenigstens nichts eigentlich Schlimmes nachzusagen, aber in diesem Thüringer Städtchen sand man ja bei allem etwas, und wenn eine Frau mit grauen Haaren einen ehrsamen Spaziergang auf die Rudelsburg mit einem kaum der Schule entwachsenen Herrchen unternahm, so hieß es gleich in irgend einem Kränzchen: „Haben Sie schon gehört — die und die ist mit dem gegangen 1— unglaublich, schrecklich!" und man dichtete einen ganzen Roman und sah „die" immer spöttisch an und beobachtete sie auf Schritt und Tritt.
Das hatte auch die Hänflein an sich erfahren müssen, Und sie hatte bitter darunter gelitten, denn sie hielt etwas auf einen guten Ruf und konnte mit Fug und Recht den
Kopf hoch tragen, denn ihre Freundschaft mit einem Naumburger Villenbesitzer war rein platonisch gewesen; aber die Leute in diesem Ort waren eben zu biet zurück, um fd etwas zu begreifen.
Wie sie noch „drüben" auf der andern Seite in der Qchaftlichen Villa gewohnt hatte, hatte „et" jedesmal den ganzen Ort gehen müssen, wenn er sie besucht^ und ehe er in ihr Zimmer trat, wußte schon die ganz» Nachbarschaft, daß er bei ihr war, und auch „ihm" war das Spießrutenlaufen peinlich geworden. Seine Besuche wurden seltener, und ihre Sehnsucht wuchs. So war sie vor einem halben Jahr zur jungen Frau von Hilbach gekommen und hatte sie gefragt, ob sie die leerstehendb Wohnung in der ersten Etage an sie vermieten wolle; und wie sie in Frau von Hilbachs etwas verträumte Augen gesehen hatte, da wußte sie, daß ihr durch diese Frau feine Unannehmlichkeiten erwachsen würden, und hatte die Wohnung genommen, der Vorsicht halber nur auf ein halbes Jahr mit vierteljährlicher Kündigung.
Ihr Naumburger Freund aber hatte diese Verkehrserleichterung keineswegs gewürdigt. Kaum war sie einen Monat im Saalehaus, da hielt sie eines Tages einen Brief in Händen, und ehe sie ihn öffnete, wußte sie, datz er etwas Großes und Schweres enthielt, und zwei Minuten später lag sie kreidebleich, an allen Gliedern zitternd aus ihrem Sofa und war nicht fähig, das Entsetzliche zu begreifen. „Er" hatte sich verlobt.
Seit jenem Tage hatte sie einen Haß gegen das armselige, altmodische Saalehaus, in dessen Räumen solch ein merkwürdiger, altertümlicher Duft schwebte und dessen Insassen ihr unsympathisch waren, alle, alle, auch ihre Flurnachbarin, die Frau Oberlehrer Specht, die ihr jetzt gegenübersaß.
Wer war denn auch diese Specht? Ließ sich stolz „Frau Oberlehrer" titulieren, und jedermann wußte doch, daß sie nicht einmal Pension bezog, daß sie einstmals die Wirtschafterin des verwitweten Oberlehrers gewesen war und daß dieser sie dann, weil sie gut kochte und sauber war, auf seine alten Tage geheiratet hatte.
Nun saß sie da, hatte zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben und würgte sich mit Badevermietung, Nähunterricht und Handarbeiten für Leipziger Geschäfte durch. Nebenbei hatte sie eine böse Zunge, und wer ihr Feind war, der hatte nichts Gutes von ihr zu erwarten.
Frau Hänflein, die eine weltkluge Frau war und es wohl verstand, ihre Gefühle und Gedanken zu beherrschen, hatte es für klüger gehalten, sich diese Flurnachbarin zur Freundin zu machen. Sie schickte der Specht manchmal ein Tellerchen „Speise" oder ein Gläschen Un garwein herüber, und dafür machte die Specht sie mit allen Vorkomm- nisjen des Ortes bekannt und unterstützte sie in allen Pläne« und Unternehmungen. So auch heute.
Die beiden laßen nun seit einer halben Stunde bei


