die innigsten Freundschaften geknüpft tvurden, so hat man das beklemmende Gefühl, daß sich eine schöne Landschaft durch uu- abwendbar heraufziehende Gewitterwolken allmählich verdüstert, ihre Traulichkeit und Schönheit unheimlich verändert, immer fremder, unkenntlicher wird. So verstärkt sich bei nahendem Wetter das zarte Grün irgend einer Baumgruppe, wird schwer und kräftig oder unheimlich gläsern. Grell leuchtet irgend eine Helligkeit eines Hügelrückens, schreit beinahe auf gegen das trübe Violett des Himmels. Das Zwitschern und Zirpen hat ein Ende, eine große Angst, ein großer Schauer hält alles still. Vielleicht reißt einen Augenblick die Düsterheit des Himmels auseinander, vielleicht bricht noch ein Sonnenstrahl seltsam unerwartet durch, ein einzelner Vogel wird laut, und das alles wirkt gewaltig und traurig, weit xs im Wetterwinkel schon bedenklich blitzt.
Gesammelt sind die Briefe an Wilhelm Pinder, an Paul Drussen, an den Freiherrn van Gersdorff, an Tr. Fuchs, an Freiherrn von Seydlitz und einige andere, ei» ganzer Band enthält die Korrespondenz mit dem treuesten Jugendfreund Erwin Rohde. Endlich sind noch Briefe an zwei Frauen vorhanden, an Frau Marie Baumgartner, die finge Uebersetzerin und liebevolle, Vcrsteherin der Werke, und einige zarte Briefchen an Frau Louise O. Nietzsche wurde mit ihr bei den ersten Nibelungen- aufführungen 1876 bekannt. Diese Briefe möchten gerne eine wärmere Sprache reden als die der Freundschaft. Zart weiß aber Nietzsche brüderliche Gesinnung zu betonen, umreißt schnell, doch bestimmt, was er unter platonischen Gefühlen sich dachte: Wir wollen an der Reinheit des Geistes festhalten, der uns zusamnrenführte, wir wollen in allein Guten uns gegenseitig treu bleiben.
Außer dieser entsagenden Freundschaft und der dankbaren. Empfindung für Frau Maria Baumgartner kannte Nietzsche noch begeisterte Anhänglichkeit an Fräulein Malvida von Meysen- bug, deren mütterliches Wesen er rühmte, die er mehrmals herrliche und beste Freundin nannte ititb die dem Leidenden gegenüber von stiller, warmer Opferfähigkeit war. Ich verdanke sehr viel dem Buche unserer herrlichen Freundin Meysenbug, schrieb er an Gersdorff, und werde den einen Sonntag, den ich in der höchsten moralischen Nachbarschaft mit ihr verbrachte,......
nicht vergessen.
Verlöscht mußte die traute Erinnerung an diese edlen Frauengestalten sein, als Nietzsche später so bitterlich behauptete, das Weib sei freundschaftsunfähig. In seinen letzten Betrachtungen ziveifelt er ja auch an der Freundschaftsfähigkeit des Mannes, er, der mit einer sogar an Schiller erinnernden Wärme sich einst den Genossen der Jugend anschloß und innigst alles mit ihnen teilte. Sein Beinühen, ihnen auf verschiedenste Art nützlich zu sein, ist rührend. Stets will er von ihren Interessen hören und gibt sich lange Mühe, die eigenen Leiden wenig zu betonen, um damit seinen Freunden nicht störend zu kommen. Wunderbare Gedanken über Freundschaft finden sich in den Briefen zerstreut. An Gersdorff schreibt er: ^Durch die tägliche Not sich und andere höher heben, mit der Idee der Reinheit vor den Augen, immer als Excelsior, so wünsche ich mm und meiner Freunde Leben.
An Seydlitz: Ich sehe die schöne Gewißheit vor mir, eineir wahren Freund mehr zu gewinnen, und wenn Sie müßten, was dieses ftir mich bedeutet, bin ich doch immer auf Menschenraub aus. wie nur irgend ein Korsar, aber nicht, um diese Menschen in die Sklaverei, sondern um mich mit ihnen in die Freiheit zu verkaufen.
Au Frau Marie Baumgartner ist das Bekenntnis gerichtet: Zum ersten Male fühle ich mich gleichsam geborgener, ich habe den reichen Zuwachs an Liebe und bin damirch geschützter und nicht mehr so leicht verletzlich und so preisgegeben. Sie müssen nicht glauben, daß ich je in meinem Leben durch Liebe verwöhnt sei.
Der große Liebeshunger Nietzsches offenbart sich am tiefsten mit dem schmerzlichsten Pathos in seinem Briefwechsel mit Rohde, der vielleicht typisch ist ftir die Fremchschast überhaupt zwischen zwei jungen begeisterten Menschen, die das Leben allmählich auseinauderführt. Den einen brachte das Schicksal in ein Tal konventioneller Behaglichkeit und Br-otgelehrtemtums, den andern .«nf steilen Pfaden zum Gipfel erhabener Dichtung in die Schrecknisse einsamen Erkennens. Zuerst der schöne Wahn des vollständigen Jneinauderausgehens, der beide beseligt und in dem Weihnachtsbrief 1868 beredsamen Ausdruck findet. Rohde schreibt: Dir allein verdanke ich die besten Stunden meines Lebens. Ich wollte, du könntest in meinem Herzen lesen, wie innig dankbar ich dir bin für alles, was du. ihm geschenkt. Der Du mir das selige Land der Freundschaft einst erschlossen hast, in das ich Mit liebcdurstigcm Herzen früher wie ein armes Kind in reiche Gärten geblickt hatte. Der ich von jeher einsam !oar, ich füllte mich jetzt vereint mit der besten Einem. Und Du kannst schwerlich verstehen, wie das mein inneres Leben verändert hat. ^Bei Meinem tiefen Bewußtsein meiner Härten und Schwächen erquickt mich Liebe und Milde wie etwas Unverdientes unsäglich.
Nietzsche dankt villcicht mit noch tieferem Empfinden, aber mit einer gewissen Vcrschämtheft, die sich in Scherz kleiden will: Wer sich als Einsiedler zu fühlen gewöhnt hat, wer mit kalten Blicken durch alle die gesellschaftlichen und kameradschaftlichen
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Verbindungen hindurchsieht und die winzigen Bändchen merkt, die Mensch an Mensch knüpfen, Bändchen so fest, daß ein Wind- häuchchen sie zerbläst, wer dazu die Einsicht hat, daß nicht die Flamme des Genies ihn zum Einsiedler macht, jene Flamme, aus deren lichtem Kreis alles flieht, weil es von ihr beleuchtet so totentanzmäßig, so narrenhast spindeldürr und eitel erscheint, nein, wer einsam ist, vermöge einer Naturmarotte, vermöge einer seltsam gebauten Mischung von Wünschen, Talenten und Willens- strebungen, der weiß, welch ein unbegreiflich hohes Wunder ein Freund ist. Und wenn er ein Götzendiener ist, so muß er vor allem dem unbekannten Gotte, der den Freund schuf, einen Altar errichten. Ich habe hier Gelegenheit, mir die Ingredienzen eines glücklichen Familienlebens in der Nähe anzusehen. Hier ist kein Vergleich mit der Höhe, mit der Singularität der Freundschaft. Das Gefühl im Hausrock, das alltäglichste und trivialste, nber- schimmcrt von diesem behaglich sich dehnenden Gefühl. Das ist Familienglück, das viel zu häufig ist, um viel wert sein zu können. Aber Freundschaft! Es gibt Menschen, die an ihrer Existenz zweifeln. Ja, in ihr ist eine ausgesuchte Gournmndise die nur zu wenigen zu teil wird, jenen ermatteten Wanderern, denen der Lebensweg ein Weg durch die Wüste ist. Sie tröstet ein freundlicher Dämon, wenn sie im Sande liegen, ihnen netzt er die verdorrten Lippen mit dem Götterneitar der Freundschaft.
Einige Stellen aus diesem Briefe haben etwas Prophetisches. In einigen Jahren sollte Nietzsches Genie und sein Unglück wahrhaftig eine Flamme bedeuten, in der alles totentanzmäßig, narrenhast und eitel erschien, selbst die heilige Freundschaft, imb Rohde war Familienglück, »ms Nietzsche Gefühl int Hausrock nennt, beschieden. Seine Briefe werden immer vernünftiger, maßvoller, gesetzter, müssen immer weniger zu Nietzsches verzweifelten Stimmungen gepaßt haben, obwohl er noch von Zeit zu Zeit einen herzlichen Tvit anschlägt, wie z. B. in einen: Brief vom Dezember 1879: Ich kann dich nie verlieren, mögest du die fernsten Gedankengchirge erklimmen, was inan im vorigen Jahr- huirdert die Sympathie nannte, zieht mich mit, ein Verständnis, das nicht nur aus dem Kopse, sondern aus der ganzen Kompo- fitioii des Wesens stammt und sich fest wie ein Zwang auferlegt.
Doch die Jahre vergehen und eine Kette von Zufällen will es, daß sich die Freunde nicht mehr sehen und nicht mehr aussprechen dürfen, bis es zu spät ist. Mit bescheidener Wehmut bittet Nietzsche 1881: Ich hätte gern etwas recht, recht Persönliches. von Dir wieder einmal in Händen, damit ich nicht immer nur den vergangenen Freund Rohde im Herzen empfinde, son- derir mich den gegemoärtigen. Im Jahre 1882 kann et; nicht anders als in einem Postskriptum den Herzensschrei auszustoßen, Himmel, was bin ich einsam.
In beit Tragödien der Freundschaft sind es meist ganz stille, kleine Dinge, die anzeigen, daß etwas getötet worden ist oder totimtnd daliegt. Eine Meinungsverschiedenheit, die in schönen Tagen belanglos gewesen wäre, zeigt letzt an, wie weit weg einer vom andern gewandert ist, bringt Qual und Verzweiflung hervor. Nach einer solchen kleinen Meinungsverschiedenheit der Freunde bricht etwas von dein lang verhaltenen Jammer Nietzsches hervor: Aufrichtig, du hast mir nie ein Wort gesagt, das mir zu vermuten erlaubte, du wüßtest, welch Schicksal auf mir liegt. Habe ich dir je daraus einen Vorwurf gemacht, nicht einmal in meinem Herzen, wer wäre mir bisher auch nur mit einem Tausendstel von Leidenschaft und Leiden entgegeitgekommen. Ich habe, jetzt 43 Jahre hinter mir und bin genau noch so allein, wie ich es als Kind gewesen bin. Als die Freitnde sich nach 10 Jahren endlich Wiedersehen, ist es mir, um Nietzsche das Bewußtsein ganz hoffnungsloser Einsamkeit noch näher zu bringen. Jenes Erkennen des^Allrin- seins ist das Schlußwort in der Geschichte dieser großen Freundschaft, und dies Schlußwort ließ den unglücklichen Denker in seiner Philosophie zu dem Schluß kommen, daß bei der heutigen kleinlichen Beschaffenheit des Menschen die heilige, von den Weisen geträumte Freundschaft unerreichbar sei und erst bem erlesenen höheren Neber- menschen beschieden tvürde.
* ueber Nervenfchwä ch e u u b ihre V e h a n d tu na schreibt in den „Blättern für Vollsgeümdheitspflege (1911, Nr. 6) Dr. ined. R. Gutzeit u. n.: „Auch Menschen, die unter der icleu und verständnisvollen Führung ihrer Eltern und Erzieher, herau- gewachien sind, können ihr Nervensystem schwächen und erf bovien, iuenn sie der Selbsterziehung eratangeln und unter den sorgen und Anstrengungen des Lebens und Beru'es sich nicht einer menen Beschränkung in ihrem Genußleben befleißigen. . • . Man baue seine Kräfte lieber für edlere Zwecke bereit als für Tabaksgualm und Schoppenleeren. Das ist weit männlicher, und lächerlich wäre es, wenn man es Gesimdheitshypochoudrie nennte . . . . ver Sorgen und Mühen, Krankheiten imb Unfälle, die mir nuferen Körper einstürmen und sein Nervensgslem schädigen, sind auch schon so genug, daß es dazu keiner besonderen Giste bedarf. Vbte verächtlich sehen wir auf die morgenländischen Opiumraucher und abendländischen Morphinisten herab und hallen den Bier ludenten und vieifenrauchenden Philister für Reprüsentanlen echter Männlichkeit! Und dabei gleichzeitig noch ein besonderes Wort über die Un'älle. Sie spielen int heutigen gewerblichen und Verkehrsleven eine große Rolle .... Rur größte Vorsicht aller im Betrie» und


