Ausgabe 
13.12.1911
 
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Mr. Hartright! Wir iverben einander später als tödliche Feinde gegenüberstehen lassen Sie uns bis dahin die höflichen Aufmerksamkeiten wohlgeZUeter Ehrenmänner tauschen. Erlauben Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, meine Frau zu rufen.

Er öffnete die Tür. Eleanor! rief er mit seiner tiefen Stimme. Die Dame mit dem Naiterngesicht kam herein. Die Gräfin f^-oSco Mr. Hartright, sagte der Graf, uns mit würdevoller Unbefangenheit einander vorstellend. Mein Engel, fuhr er zu seiner Gemahlin gewendet fort, wird deine Beschäftigung des Einpackens dir vielleicht Zeit ge­statten, mir einen schönen, starken Kaffee zu machen? Ich habe Schreibgeschäfte mit Mr. Hartright und bedarf des vollen Besitzes all meiner Geisteskräfte, um ersteren gerecht werden zu können.

Die Gräfin verneigte zweimal den Kopf einmal strenge gegen mich und das zweitemal in Unterwürfigkeit gegen ihren Gemahl und glitt dann aus dem Zimmer.

Der Graf ging an einen Schreibtisch am Fenster, öff­nete sein Pult und nahm mehrere Bogen Papier heraus. Er zerschnitt dann das Papier in einen Haufen Blätter von der Gestalt, wie sie von Schriftstellern für den Druck gebraucht werden.

Ich werde hieraus ein außerordentliches Dokument machen, sagte er, mich über die Schulter hinweg an- Llickend. Ich bin vollkommen mit literarischen Arbeiten vertraut. Eins der seltensten Geistestalente, die ein Mann besitzen kann, ist die Fähigkeit, seine Gedanken zu ordnen. Ich besitze es.

Er ging, bis der Kaffee kam, int Zimmer auf und ab, indem er vor sich hin summte und die Stellen, wo ihm beim Ordnen seiner Gedanken Hindernisse aufstießen, da- dur chmarkierte, daß er sich mit der Handfläche vor die Stirne schlug. Die ungeheure Frechheit, mit der er die Situation ergriff, in die ich ihn versetzt hatte, und aus ihr das Piedestal machte, das seine Eitelkeit zu dem ge­liebten Zwecke der Schaustellung seiner selbst bestieg, be- meisterte sogar mein Erstaunem. So tiefen Widerwillen ich auch gegen den Mann hegte, machte doch die wunder­bare Kraft seines Charakters, selbst unter ihrem unbedeu­tendsten Anblicke, wider meinen Willen tiefen Eindruck auf mich.

Die Gräfin selbst brachte den Kaffee. Er küßte ihr in danlharer Höflichkeit die Hand unb begleitete sie dann Kur Tür; darauf kehrte er zurück, schenkte eine Tasse Kaffee für sich ein und trug sie auf seinen Schreibtisch.

Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten, Mr. Hart­right? frug er, ehe er sich setzte.

Ich dankte.

Wie! Sie glauben, ich werde Sie vergifteir? sagte er munter. Der englische Verstand ist gesund, soweit er geht, fuhr er fort, während er sich an seinem Tische zu­rechtsetzte; aber er hat einen bedeutenden Fehler: er ist stets am unrechten Orte vorsichtig.

Er tauchte seine Feder in die Tinte, legte einen Streifen des Papiers mit einem Schlage der Hand vor sich auf das Pult, räusperte sich und begann. Er schrieb mit großem Geräusche und großer Schnelligkeit in einer so großen kühnen Handschrift, daß er in kaum zwei Minuten, nach­dem er angefangen, am Ende der einen Seite angelangt war. Jeden Streifen warf er, nachdem er damit fertig war und ihn numeriert hatte, über feine Schulter auf den Boden. Ein Streifen nach dem andern, zu Dutzenden, zu Fünfzigen, zu Hunderten flogen zu beiden Seiten von ihm über seine Schultern, öis er in Papier geradezu ein­geschneit war. Eine Stunde verging nach der andern und da saß ich und wartete; da saß er und schrieb. Er machte keine Pansen, ausgenommen um seinen Kaffee zu schlürfet:, und als dieser zu Ende war, um sich von Zeit zu Zeit mit der Hand vor die Stirne zu schlagen. Es schlug ein Uhr zwei, drei, vier und immer noch flogen die Streifen um ihn her, noch immer kratzte die unermüdliche Feder ihren Weg über die ©eiten fort, und immer höher stieg das weiße Papierchaos um seinen Stuhl. Um vier Uhr hörte ich ein plötzliches Spritzen der Feder, welches den Schnörkel verkündete, mit dem er seinen Na­men unterzeichnete. Bravo! rief er aus, indem er mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes aufsprang und mir mit einem Lächelte süperben Triumphes ins Gesicht sah.

Fertig, Mr. Hartright! und er schlug sich mit der Faust aus die breite Brust. Fertig! Der Gegenstand ist

erschöpft: der Mann Fosco nicht. Fetzt ans Ord­nen, Lesen unb Revidieren meiner Streifen die aus­drücklich für Ihr Auge allein beftimmt sind. Gut Das Ordnen, Lesen und Revidieren von Vier bis Fünf. Ein kurzer Schlummer zu meiner Stärkung von Fünf bis Sechs. Letzte Reisevorkehrungett von Sechs bis Sieben. Geschäfte mit bett Agenten unb wegen des versiegelten Briefes von Sieben bis Acht. Um acht Uhr en route. Das Programm le vollst!

Er setzte sich mit übereinanbergeschlagenen Beinen zu seinen Papieren auf bett Fußboden, zog die Streifen mit einer Schnürnadel auf ein Band, korrigierte sie, schrieb alle Titel und Ehren, durch die er persönlich ausgezeichnet war, oben über die erste Seite unb las mir das Manuskript dann mit tcyiter Emphase und vielfältigen theatralischen Gesten vor. Es entsprach meinem Zwecke.

Nun schrieb er mir die Adresse des Mannes auf, von dem er den Wagen gemietet hacke, und gab mir Sir Per- civals Brief. Er war aus Hampshire und bett 25. Juli datiert und kündigte Lady Glydes Abreise nach London auf den 23. an. Demnach also war sie an demselben Tage, an dem des Arztes Zertifikat sie als in St. Johns Wood verstorben erklärte, nach Sir Percivals eigenem Beweise lebend in Blackwater und sollte am folgenden Tage eine Reise antreten! Sobald ich den Beweis dieser Reise von dem Lohnkutscher würde erhalten haben, sollten also jetzt meine Beweise vollständig sein.

Ein Viertel nach Fünf, sagte der Graf, auf seine Uhr blickend. Es wird Zeit zu meinem Stärkungsschlummer. Sie haben vielleicht meine persönliche Ähnlichkeit mit Napoleon dem Großen bemerkt, Mr. Hartright ich gleiche aber dem großen Manne auch noch in der Fähigkeit, nach Willen über meinen Schlaf zu verfügen. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich will die Gräfin bitten, Sie vor Sanger» weile zu bewahren.

Da ich so gut wie er wußte, baß er die Gräfin nicht zu meiner Unterhaltung herbeirief, fonbern damit sie es ver- hinbere, daß ich das Hans verließe, erwiderte ich nichts und beschäftigte mich mit dem Zusammenbinden der Papiere, welche er mir eingehänbigt hatte.

Die Dame kam herein kühl, bleich und giftig wie immer. Unterhalte Mr. Hartright, mein Engel, sagte der Graf. Dann reichte er ihr einen Stuhl, küßte ihre Hand zum zweitenmal, zog sich nach dem Sofa zurück und schlief in drei Minuten so friedlich und glücklich, wie der ingend- hafteste Mensch von der Welt.

Die Gräfin nahm ein Buch vom Tische, setzte sich und! blickte mich mit der ruhigen, rachsüchtigen Bosheit einer Frau an, die nie weder vergißt noch vergibt.

' Ich habe Ihre Unterhaltung mit meinem Gemahle cul- gehört, sagte sie. Wäre ich an feine r Stelle ge­wesen, so hätte ich Sie tot auf den Kaminteppich hcn- gestreckt.

Mit diesen Worten öffnete sie ihr Buch, und von diesem Augenblicke bis zu dem Augenblicke, wo ihr Manu er­wachte, sah sie mich weder an, noch sprach sie wieder ein Wort zu mir.

(Fortsetzung folgt.)

Nietzsches Sremideskms.

Bon A. vonGleichen-Rußwurm. *)

Zu Wagners vertrautesten Genossen gehörte ein junger Philo­soph, der vielleicht so heiß wie irgend einer zu seinem Meister betete, aber so bald er sich von dem Erlösungsproblem des Kunstwerks und der Art seiner Verbreitung angewidcrt fühlte,' auch vom Freunde nichts mehr wissen wollte, weil er sich int Ernst und in der Größe von dessen Weltanschauung getäuscht sah. Ein Freundschaftsbruch, wie ihn die Psticht gegen sich selbst unb andere ähnliche Formeln nach der Ansicht der streng' Denkende:: verlangten, zerstörte den Bund zwischeit Wagner und Nietzsche und wandelte die einstige Bewunderung in grimme Feind­schaft auf musikalischem wie auf persönlichem Gebiet. Wagner empfand dies schmerzlich, Nietzsche wohl noch schmerzlicher, wenn er auch der Angreifer war, denn Frenndschast war ihm von! Jugend an heilig, seine lichte Göttin. _

Die Freundesbriefe Nietzsches gehören zu den schönsten und erschütterndsten, die je geschrieben wurde::. Wenn man sie durch­blättert von den sonnigen Leipziger- Tagen an, während denen

*) Diese:: Aufsatz entnehmen wir mit Erlaubnis der Verlags- Suchhandlung Julius Hofßnann in Stuttgart dem neuen Buche von Alex, von GleichemRnßwurmFreundschaft. Eine vsyMi­lo gische Forschungsreise"