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fctan Vorschein kommen. Wir seien also bereits in Frank- rerch. '
Nachdem der erste Mißmut über diese Unliebsame Entdeckung verflogen war, fingen seine Augen wieder an zu leuchten, er Zahlte die Sandsäcke,,die noch in der stattlichen Zahl von 9 Stück vorhanden warm und versicherte, daß sich der Ballon damit Noch bts gegen Mittag in der Luft halten könne. Wir könnten also W dm brs letzt zurückgelegten 300 Kilometern fast nochmals so viel und damit ein großes Stück französischen Landes überfliegen. M bitte um Unsere Zustimmung, da die Schwierigkeiten einer Landung ini Auslande fetzt die gleichen seien, ob wir nun hier dder im Herzen Frankreichs niedergirrgen.
Wer wichtige Pflichten erforderten unsere baldige Rückkehr Und so mußte der schöne Vorschlag unausgeführt bleiben und mit N^Ayem Herzen rüsteten wir uns zur Landung. Während wir die Mosel überflogen und das hübsch gelegene Pont ä Monsfon. rollte außen, mit ruckweisen Stößen den Korb erschütternd, das Schleppseil nieder, rasch wurden die Instrumente emgehvlt und verpackt, Gläser und Flaschen gesichert und die Lernen klar gemacht. Tort lag neben einem Wald ein scheinbar Unbestelltes Feld; ein Zug an der Bentilleine Und der Ballon senkte sich schnell darauf zu.
Aber der Wind war schneller und stärker als wir. Er wollte Uns wohl, denn er trieb uns von dem, wie sich jetzt zeigte, be- stelltm Feld hiwveg auf den Wald zu. In niedrigem Fluge, fast die Baumkronen streifend, trug er uns darüber hinweg Und bot uns hinter dem Walde ein mit einzelnen Lärchenbäumchen bestandenes Oedland als geradezu idealen Landungsplatz. '®in weiterer Ventilzug brachte uns auf die Erde, wobei ein Lärchenstämmchen sein junges Leben lassen mußte. Dann setzte der Korb gerade auf, ein blitzschneller Zug der Reißleine und der sich rasch entleerende Ballon blieb zunächst senkrecht über dem aufrecht stehenden Korb schweben. Dann aber erfaßte ein Windstoß die schoil fast entleerte Hülle und legte sie sanft neben den Ballon auf eine vollkommen freie, wie dazu geschaffene Fläche.
Diese „Salon"- oder „Damenlandung" tat nach der imMerhiU etwas anstrengenden Fahrt ganz wohl und in dem uns jetzt umfangenden Sonnenschein reckten wir wohlig die Glieder und tranken den Rest des mitgebrachten Mineralwassers, das uns besser mundete als sonst der vorzüglichste Kaffee. 4y2 Uhr war es nach deutscher, oVs Uhr nach französischer Zeit. War das auch der Grund/ daß die Bauern in dem nahe gelegenen deutschen Dörfchen schon fleißig gewesen waren, ivährend hier noch alles in tiefer Ruhe 5U schlummern schien? Lange Zeit hatten wir nicht zum Ueber- legen, denn es mußte nach kurzer Frühstückspause mit den ohne tüchtige Hilfe immerhin anstrengenden Verpackungsärbeiten begonnen werden.
Hiermit ist mein Thema eigentlich erschöpft. Da es über vielleicht manchen interessieren wird, was man' alles zu tun und zu leiden hüt, um mit einem Ballon aus Frankreich wieder! nach Hause zu kommen, will ich noch etwas weiter plaudern.
Ein vorliberfahrender Bauer wurde zum Abfahren des Ballons gestellt Und sandte seinen alten Vater zur erwünschten Hilfeleistung. Dieser holte uns Mch nach getanener Arbeit aus dem benachbartMj Dörfchen eine prachtvolle „Limonade gazeuse“. Bald aber sollten wir die Eigentümlichkeiten einer Auslandslandung kennen lernen. Nachdem einige vorüberreitende Dragoner, unter denen sich nach feinem fließenden Deutsch zu schließen, ein geborener Deutscher befand, uns gründlich ausgefragt und ihre Neugierde befriedigt hatten, kam eine Kavalkade Offiziere mit ihren Damen, die auf einen nahe gelegenen Rennbahn sich vergnügten und das Fragen ging von neuem los. Nachdem die stereotype Hauptfrage „Sind Sie Offiziere?" zu ihrer Beruhigung und Befriedigung verneint war, begrüßten sie uns aufs liebenswürdigste und erkundigten sich- vor allem, woher wir gekommen und warum wir die Grenze überflogen hatten, sprachen aber noch viel schlechter Deutsch, als wir Unser Gymuasialfranzösisch. Unsere Auskunft schien sie zu befriedigen und in schlankem Galopp ging die Kavalkade davon. Schon glaubten wir, jetzt unbehelligt unsere Arbeit beenden zu können, da knackten die Zweige des benachbarten Gebüsches Und! zwei wild aussehende, aber uniformierte Reitersmänner erschienen in Begleitung eines Regimentsarztes, der sich vorerst im Hinter- gvuiÄ hielt. Zunächst erfolgte eine oberflächliche Besichtigung und ein kurzes Verhör durch, einen der Hunnenreiter, das ihn offenbar P fchr beruhigte, daß er seinen Begleiter alsbald zurückschickte.
wste er den mit zwei Holzklützchen in der Trense befestigten Zügel l eines Pferdes auf der einen Seite los und band das ungebärdige, wild bäumende und ununterbrochen wiehernde Roß an einen dünnen Lärchenbaum, den es bei der geringsten Anstrengung hätte umreißen können. Da es dieses Hemnis der scheinbar heiß begehrten Freiheit aber ängstlich respektierte, machte seine Pust so gut gespielte Wildheit einen sehr komischen Eindruck. Sollten damals etwa in Frankreich die Gäule Komödie gespielt Haben, um die Deutschen Gruseln zu machen? Inzwischen Hattens bekanntlich auch ihre Herren wieder gelernt und wir sind jetzt froh, daß unsere Landung noch vor dem Beginn der Marosto- Schandlungen lag, da wir sonst wohl, wie kürzlich gelandete Luft- iffer, zunächst auf 24 Stunden eingesperrt worden wären, nm die Vorzüge der erhöhten Zivilisation jenseits der Vogesen kennen Au lernen. Damals hatten wir keine Zeit biarüber nachzudenken, den» letzt begann feag hochnotpeinliche Verhör, bei hem her Re-
gimentsärzt, der sich als geborener Deutscher entpuppte, in der liÄenswurdrgsten Weise den Dolmetscher spielte, da eine Meng« technischer Ausdrücke zu erklären war. Seinen Bemühungen ist e® auch zu danken, daß unsere photographischen Platten vor der Vernichtung bewahrt blieben, denn schließlich sah der Polizei- beamt.e em, daß auch die 'Deutschen, trotz ihrer vorgeschrittenen Technik, noch nicht in der Lage sind, bei einer Nachtfahrt in Deutschland die französischen Festungen zu photographieren. Ein um so größeres Interesse aber zeigte die Polizei für unsere Personalien und die mitgebrachten wissenschastlichtzn Instrumente, die! wir einzeln erklären mußten nnb deren Namen und Zweck sehr eingehend notiert wurde.
,. Du aber auch die große Gefahr bestand, daß Gegenstände, die die Sicherheit der Republik gefährdeten, von uns mit dem Ballon zusammen verpackt sein konnten, mußte der mühsam verschnürte Ballon wieder ausgepackt und der polizeilichen Untersuchung liuter- breitet werden. Nachdem auch diese zur Zufriedenheit des Polizei- gewaltigen ausgefallen war, hellte sich fein Gesicht merklich auf Uüd er gab uns seine Anerkennung für unsere Korrektheit und Ungesahrllchkeit dadurch zu verstehen, daß er in leutseliger Weise em Schnäpschen mit uns trank.
Roch am selben Abend lasen wir in den größeren Deutschen! Zeitungen unter voller Namensnennung die Geschichte unserer! Fahrt.und unserer Landung und erfuhren zu unserem Erstaunen, daß die Polizei verpflichtet ist, solche, die Staatssicherheit in so hohem Maße gefährdende Ereignisse sofort dem auswärtigen Amte nach Paris zu telegraphieren, von dem sie sich dann die Presse- buraus zur telegraphischen Weiterverbreitung verschaffen. Wie Mel mehr Ruhe und Würde weiß man doch in Deutschland in solchen Dingen zu bewahren, wo sich die Polizei um niedergehende Ballons nur dann kümmert, iuen.it wirkliche Verdachtsmomente verhanden sind.
.,..,.Nun war alles z'ur Abfahrt bereit und wir erwarteten eine höfliche Verabschiedung des Polizeibeamten, um dann in aller Ruhe die Ankunft unseres Transportwagens abzuwarten, den wir versehentlich nach deutscher Zeit bestellt hatten und dessen Stemmen daher erst in zwei Stunden in Aussicht stand. Aber! weder das. -eine noch das andere trat ein. Der Polizeibeamte blich da -und ließ uns nicht aus den Augen Und die Wartezeit war lange und. ungemütlich, da wir unter dem niedrigen Buschwerk gegen die immer glühender werdenden Sonnenstrahlen nur wenig Schutz fanden. Aber bevor die festgesetzte Abfahrtsstunde da war, fuhr ein einspänniger Leiterwagen auf dem Platze vor, bracht« -die nötige Hilfsmannschaft mit und ehe wir uns dessen versahen, war der Ballon darauf verladen. Aufklärung erhielten wir keine, ober doch nur in ganz unverständlichen Ausdrücken, und da der Vater des von uns gemieteten Transporteurs keinen Widerspruch erhob, nahmen wir an, daß sein Sohn wegen eigener Verhinderung den Ersatzmann geschickt habe und gaben uns zufrieden. Die Polizei bestieg ihr Schlachtroß und führte unter sicherer Bedeckung den Ballon seinem Ziele zu, während wir, froh-, dem glühenden Sonnenbrand entronnen zu fein, im Waldesschatten vergnügt hinterdrein gingen.
Nicht lauge dauerte die Reise, da kommt uns unser zwei- spänniger Transportwagen in schlankem Trabe entgegen, dessen Besitzer seinem Versprechen gemäß auf den Landungsplatz fahren! Und das Ballonmaterial abholen wollte. Doch kaum sieht er, daß ihm ein Konkurrent zuvorgekommen ist, als sich fein ZovN in heftigen und nicht gerade unbegründeten Schimpfworten List macht. Aber einige befehlende, nicht sehr freundliche SBorte' deH Polizeigewaltigen, der auf diesem Gebiete kein Neuling war, brachten ihn zum Schweigen, und resigniert fuhr er von bannen, tief betrübt, daß ihn die Polizei aus Gründen der höheren Staatssicherheit um den schönen Verdienst von 15 Franks gebracht hatte. Dem Polizeifuhrmann mufften wir später für fein trauriges Gefährt 20 Franks zahlen, wobei in diesem Ueberpreis offenbar der Wert der polizeilichen Bedeckung mit einkalkuliert war.
Langsam ging die Fahrt weiter. Der Waldweg bot nichts besonderes und so würde wohl die Müdigkeit über uns Herd geworden sein, wenn nicht ein neues Ereignis uns wieder aufge- muntert hätte. Mit freundlichem Lächeln trat ein mit einem1 Strohhut geschmückter Herr auf uns zu urtb stellte sich in zwar etwas gebrochenein, aber gut verständlichem Deutsch als Grenzt- kommissar vor, mit der Bitte, uns zu legitimieren. Obwohl nun der ihm untergebene Polizeibeamte unter Vorlage feiner so genaues Notizen Bericht erstattete, nahm der Herr Grenzkommissar nochmals ein eigenhändiges Protokoll auf und das Vorzeigen und Erklären der Apparate usw. begann von neuem. Währenddessen blieb die schmale Waldstraße gesperrt und eine lange Kette Holzfuhrwerke reihte sich hinter uns an, bis sie endlich die Erlaubnis zum Vorbeifahreu erhielten und der Polizeifuhrmann Platz Machte, Dann schloß sich auch der Herr Grenzkommisfar unserem Zuge an und Unter doppelter Bedeckung zogen wir in Pont ä Monsfon ein, zur Freude der Einwohner, die zunr bevorstehenden Fest der Republik bereits ihre Straßen und Häuser schmückten.
Die komplizierten Verhandlungen auf dein Bahnhof erledigten sich glatt und nur die Verzollung führte zu Schwierigkeiten. Auf dem ZollbUrean saß ein alter Herr, das Urbild eines verknöcherten Bureaukraten. Als ich ihm gesagt hatte, daß der Ballon aus- gummiertem Stoffe bestehe, stug er über die Brille hinweg 7-caoutchpuc?" »,caputcho!uc?", worauf ich verständnisinnig „vm


