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Und sofort wieder unter dieselbe ärztliche Obhut gestellt worden, der sie sich durch die Flucht entzogen.
Dies war der erste Teil des Postskriptums. Der zweite bereitete Mr. Fairlie darauf vor, daß sich Anna Cathericks Geisteskrankheit durch die lange Aussetzung der lieber» wachung bedeutend verschlimmert habe, und baß ihr wahnsinniger Haß gegen Sir Percival Glyde, der früher ihre hervorragendste Sinnesverwirrung ausgemacht, auch noch jetzt, und zwar unter einer neuen Form, existiere. Diese letzte Idee der unglücklichen Person in bezug auf Sir Perei- Val Glyde bestehe darin, ihn zu ärgern und zu kränken und sich selbst, wie sie denke, in den Augen der Patienten rntb Wärterinnen zu erheben, indem sie sich für seine Gemahlin ausgebe: eine Idee, die sich ihr wahrscheinlich nach einer Verstohlenen Zusammenkunft, die sie sich mit Lady Glyde zu verschaffen gewußt, in den Kopf gesetzt habe, bei welcher Gelegenheit sie die auffallende Aehnlichkeit zwischen der verstorbenen Dame und sich selbst wahrgenommen haben müsse. Es sei möglich, daß es ihr gelingen möchte, bte Angehörigen der verstorbenen Lady Glyde mit Briefen zu belästigen, und Mr. Fairlie sei deshalb hiermit gegen solche gewarnt.
Dieses Postskriptum wurde Miß Halcombe gezeigt, als sie nach Limmeridge kam, und es wurden ihr außerdem die Kleider und anderen Effekten übergeben, welche Lady Glyde mit in das Haus ihrer Tante gebracht hatte. Diese waren von der Gräfin Fosco sorgfältig zusammengepackt und nach Cumberland gesandt worden.
Dies war die Lage der Sache, als Miß Halcombe Anfangs September in Limmeridge eintraf. Kurze Zeit darauf fesselte ein Rückfall sie wieder an das Zimmer, da ihre geschwächte physische Kraft dein Seelenschmerze erlag, bett sie noch immer um ihre Schwester litt. Als sie sich nach ungefähr einem Monate wieder erholt, war ihr Argwohn in Bezug auf die den Tod ihrer Schwester begleitenden Umstände noch immer unerschüttert derselbe.
Sie hatte inzwischen nichts von Sir Percival Glyde gehört; Graf Fosco und seine Frau hatten wiederholte herzliche Nachfragen über Miß Halcombes Befinden angestellt. Anstatt jedoch diese Briefe zu beantworten, hatte Miß Hal- combe das Haus in St. Johns Wood, sowie das Verfahren der Bewohner heimlich beobachten lassen. Ihre nächsten Nachforschungen, welche sie im geheimen über Mrs. Rub sie veranstaltete, hatten denselben Erfolg. Diese war e:wa sechs Monate vorher mit ihrem Manne in London angekommen. Sie waren aus Lyon und hatten bei ihrer Ankunft in London in der Nachbarschaft vom Leicester-Platze ein Haus gemietet und es zur Aufnahme von Fremden herge- rtchtet, die in großer Menge zur Industrieausstellung von 1851 in England erwartet wurden. Sie waren ruhige Leute und hatten bisher redlich Zahlung geleistet.
Ihre letzten Nachforschungen bezogen sich auf Sir Percival Glyde. Er lebte in Paris, und zwar sehr ruhig in einem Kreise englischer und französischer Bekanntschaften.
Doch ungeachtet der Erfolglosigkeit all ihrer Bemühungen konnte Miß Halcombe nicht ruhen und beschloß zunächst, die Anstalt zu besuchen, in welcher Anna Catherick zum zweiten Male gefangen war. Sie hatte früher eine große Neugier in Bezug auf das arme Wesen gefühlt, und diese hatte sich jetzt noch gesteigert; sie wünschte sich zu überzeugen, erstens: ob es währ sei, daß Anna Catherick sich für Lady Glyde auszugeben versuche, und zweitens (falls dem wirklich so war), welche Beweggründe zu diesem Betrug das arme Geschöpft hatte.
Obgleich Gras Foscos Brief an Mr. Fairlie nicht die Adresse der Anstalt an gab, so legte doch dieses Versehen Miß Halcombe keine Schwierigkeiten in den Weg. Als ich Anna Catherick im Friedhose zu Limmeridge gesprochen, hatte sie mich von der Oertlichkeit des Hauses unterrichtet, und Miß Halcombe hatte die Adresse sofort genau in ihr Tagebuch eingetragen. Demzufolge sah sie uach und fand die Adresse; sie ließ sich darauf des Grafen Bries an Mr. Fairlie geben, damit ihr dieser im Notfälle als eilte Art von Beglaubigungsschreiben diene, und brach dann ohne Begleitung am 11. Oktober nach London auf, wo sie übernachtete.
Am folgenden Tage begab sie sich nach der Anstalt.
Sie wurde sofort eingelassen, um mit dem Besitzer zu E:echeu. Dieser schien anfangs entschieden abgeneigt, sie ne Patientin sehen zu lassen. Als sie ihm jedoch Gras scos Postskriptum zeigte uttb ihn daran erinnerte^ daß
sie selbst die darin genannte „Miß Halcombe" und eine nahe Anverwandte der verstorbenen Lady Glyde sei, und deshalb — aus Familiengründen — ganz natürlich ein Interesse daran nehme, sich persönlich von Anna Cathericks Sinnentäuschung in Bezug auf ihre verstorbene Schwester zu überzeugen — da änderten sich Ton und Wesen des Besitzers der Anstalt, und er nahm seine Einwendungen zurück.
Miß Halcombes eigene Ansicht war, daß Graf Fosco und Sir Percival den Besitzer der Anstalt nicht in ihr Vertrauen gezogen hatten. Ein Beweis hiervon schien darin zu liegen, daß er überhaupt einwilligte, sie mit seiner Patientin zusammenkommen zu lassen, und ging ferner auch aus Einräumungen hervor, welche sicherlich nicht von einem Mitschuldigen gemacht sein würden.
Zum Beispiel unterrichtete er Miß Halcombe im Laufe ihrer vorläufigen Unterredung, daß Anna Catherick ihm am 27. Juli mit den nötigen Anweisungen und Zeug;- nissen durch Graf Fosco wieder zurückgebracht worden, welcher ihm dabei einen von Sir Percival Glyde unterzeichneten Brief mit Erklärungen und Instruktionen übergeben. Er (der Besitzer der Anstalt) gestand, daß er, als er seine Pflegebefohlene wieder gesehen, einige auffallende persönliche Veränderungen an ihr wahrgenommen. Allerdings seien solche Veränderungen bei Geisteskranken seiner Erfahrung nach durchaus nicht ohne Beispiel. Solche Leute seien sich oft innerlich sowohl wie äußerlich zu verschiedenen Zeiten im höchsten Grade ungleich, indem eine Besserung ober Verschlimmerung des geistigen Krankheitszustandes notwendigerweise Veränderungen im äußern Erscheinen des Patienten hervorbringe. Er rechtfertigte diese Veränderungen, sowie auch die gemäßigte Form vou Anna Cathericks Sinnverwirrung, welche sich ohne Zweifel in ihrem Aussehen und Wesen kundgab. Dennoch aber verwirrte es ihn zu Zeiten, daß seine Patientin, ehe sie ihm entwichen, verschieden war von der Patientin, die ihm zurüügebracht worden. Diese Verschiedenheiten waren zu geringfügiger Natur, um beschrieben werden zu können. Er könnte "natürlich nicht sagen, daß sie sich in Größe, Gestalt, Gesichtsfarbe ober allgemeiner Gesichtsform entschieden verändert; es war eine Veränderung, welche er mehr fühlte als sah.
Dies erklärte sich, als Miß Halcombe die Patientin vor Augen bekam. Zu ihrer namenlosen Freude machte sie die Entdeckung, daß die angebliche Anna Catherick niemand anderes war, als ihre totgesagte Schwester Laura.
(Fortsetzung folgt.)
Line Nachtfahrt im Freiballon.
Von L. Roemheld.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Schon wurden im Osten fahlgrau und rötlich gefärbte Dunst- streifen sichtbar, die Vorboten der Morgendämmerung, da setzte ich mich in meiner Ecke zur Ruhe und verfiel bald in einen erquickenden Schlaf. Als ich wieder erwachte, war die Sonne gerade daran, den Dunst- und Nebelschleier, der sich inzwischen weiter ausgebreitet hatte, zu durchbrechen.
Die Zeit, zu der wir Metz sehen mußten, war da und nichts war zu erkennen, als eine Reihe nach Norden führender Chausseen, eine Bahn, ein Flüßchen und in der Ferne einige Häuser, aber alles so wenig charakteristisch, daß man sich danach unmöglich orientieren konnte. Hatten wir die Richtung gewechselt und waren mehr Nach Süden getrieben worden, so mußten wir in der Nähe der franzö - fischen Grenze sein und es war unser fester Vorsatz, diese nicht zu überfliegen. Also blieb nur noch ein Orientierungsmittel, die freundlichen Erdbewohner anzurufen. Aber würde kurz nach vier Uhr nachts wohl jemand wach sein da unten, um antworten zu können? Ta trieb auch der Ballon schon über ein kleines Dörfchen hinweg und aus drei Kehlen tönte der Schlachtruf „Haaloo" hinunter. Und siehe da, er hatte Erfolg. Ohne unsere Fraas nur abzuwarten, schallten in bestem Deutsch die für uns so schmerzlichen Worten herauf: „Nicht weiter fliegen, dort ist die Grenze". Wo war nun das „dort", wie weit war es noch entfernt? Konnte man noch vorher landen und Ivo fand sich ein geeigneter Landungsplatz? Rasch flogen Rede und Gegenrede. Man spähte und suchte den grauen Dämmerungsschleier, der immer noch die Erde leicht umfing, mit scharfen Augen zu durchbohren. Doch bevor wir ein Ergebnis erzielten, tauchte vor uns ein Fluß auf und auf seinem diesseitigen Ufer ein bewehrter, mit einzelnen Gebäuden bestandener Hügel. Sofort erklärte der Führer, daZ sei die Mosel Md hinter dem Hügel müsse Pont ä WpussdA


