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M so anziehend macht?" Etwas sehr Einfaches : die Tatfache, das; er so gar kein Schabloncnmensch ist."
„Emsinnst du dich auch deiner Gegenfrage: „Was reizt
?,n Traute?" Du gabst gleich selbst Antwort: oaz ne et» anderer begehre, mache sie allen begehrenswert. Ich kenne deine Vorliebe für Thesen h ^Z^rthesen und für die Paradoxie. Aber in diesem PaI“' glng nur deine närrisch erscheinende Behauptung! doch durch den Kopf; und ich muß zugestehen, daß sie ein Körnchen Wahrheit enthalt. Auch mir schien eine Binde vor den Augen zu reißen, als ich fühlen mußte, daß Eberstedt der Begunsttgte war. Wäre es mir bei jedem aleichso ergangen? Nein, Niels. Die alltägliche Werbung irgend ernes Gleichgültigen hätte mich voraussichtlich kühl ,ge- chsstii. »ter aber trat ein neues Eleinent hinzu,, das du vielleicht wieder als animalisch bezeichnen wirst, und das tu der Tat Naturtrieb ist, wenn auch ein ganz mensch- ltcher. Nicht respektvolle Zärtlichkeit und sympathische Zu- uetgung, sondern die stürmisch heischende Bewunderung eines Mannes umgab das Mädchen mit dem uns anziehenden magischen Fluidum."
„Du kannst ruhig „des" Mannes sagen, Arthur." „Des einen — aber nicht des ersten besten."
„Lieber Freund, jedwede Eva ist, die Gelegenheit vorausgesetzt, ihrem Adam verfallen: dem ersten besten Mann, der in ihr Leben tritt und die latenten Gewalten in ihr löst. Das freilich muß er verstehen. Er läutet die stumme Glocke des Tempels. Sein Wille trifft das Erz, bis es klingt. Ob leise und süß, ob dröhnend und rauschend, hängt eben so sehr von der Reinheit des Metalls ab tote bon der Kraft des Schlages. Genug, daß es tönt."
„Und toeun auf den Ersten später erst der Beste folgt?" Nun wurde Kruse lebhaft. „Folgt!" rief er. „Ja- lvohl, mein Lieber t— das war ja unser aller Irrtum: Deiner und meiner uiib De was und wer weiß wessen noch . . . Wir sind den Spureit des Ersten gefolgt, der sie im Kampfe eroberte — sind in dem Wildwechsel einhergetrottet, den er durch das Gehege brach. In der Liebe aber gibt es kein Folgen — nur ein Vorangehen!"
Einen Augenblick herrschte Stille, dann sagte Moebius: „Laß uns anstoßen. Auf ihr Glück!"
Die Gläser klangen. Stühle wurden gerückt; eine Gabel oder ein Messer fiel klirrend zur Erde. Noch ein paar gleichgültige Worte, und die beiden Männer schritten an dem Vorhang vorüber, der die Nische verhüllte, in der Paul und Traute saßen.
„Scht," machte Everstedt. „Laß sie gehen."
Die Schritte verhallten; man hörte das Klinken der Tür.
Nun lachte Paul heiter auf. „Zwei philosophische Köpfe, Traute — und auch in sie hast du dich hineinqeschlichen. Wer war der erste, sag!?"
Er schaute sie mit seinen hübschen lustigen Augen fragend an. Sie war sehr rot geworden, aber der Purpur ihrer Wangen ebbte langsam zurück.
„Keiner, den ich liebte, Paul. Du warst der Erste, der die Glocke zum Tönen brachte. Ich schwö —"
„Halt," sagte Everstedt einfallend. „Keinen Schwur. Auch kein schönes Gleichnis mehr und keine Philosophie. Bleiben wir bei der Tatsächlichkeit. Und die ist?"
Er hatte sie an sich gezogen und hielt sie umschlungen.
„Wir hajben uns lieb," antwortete sie und küßte ihn.
Mein Koöat!
Von Hermann Horn (Stuttgart)..
Bei meinem Vetter, vor vielen Jahren, habe ich zuerst das Photographieren aus nächster Nähe gesehen. Er war Maler, hatte ein kokettes Atelier und trieb darin das Photographieren, „das heutzutage beinahe das Malen ersetze!" Solche Auffassung bekämpfte ich zwar wild und verächtlich, folgte aber ernsthaft in die Dunkelkammer, die stattlich und reichhaltig war, so daß ich davon einen starken Eindruck bekam, als von einer schwierigen Kunst und einer teuren Sache, die sich nur reiche Leute lüften könnten. Und es erschien mir als etwas Unerreichbares, wie eine Villa oder eine Gemsjagd int Hochgebirge.
Aber ich bekam dennoch einen Apparat. Einen schönen, den mau in einem eleganten Ledertäschchen um die Schulter hängt, herauszieht tote eine Harmonika, mit schwirrenden Blenden versehen, und einem zierlichen Gummibällchen und kleinen Schlauch; Md magische Kreise, Ziffern, Buchstaben auf fein poliertMH
Messing waren rings um die Blenden zum Vergrößern und Ver-
Mein Freund, der in Brooklyn, also in Neuyork, ein Haus beftitf, wo er in einem Laboratorium eine Klapperschlange hausen patz «»zahlte mir zuerst von ihm, während er eine Reitpeitsche tn das Glashaus des Reptils steckte, bis sie bereit zum" Vorstoß vrrr — brrr — brrr — klapperte wie eine Kinderrätfche. Er! Mprach ihn mitznuehmen aus eine Entenjagd in Long-Jsland. wctttgt tn der Bucht von Blue-Point, wo die Enten zu Tausenden und Lautenden, knatternd die Luft mit ihrem Flügelschlage peitschend,^ vor unserem tiefgebeugten Segelboot ausrissen, bedauerte er, daß er ihn vergessen hatte, lind abends, wo wir ausmachten, ich tollte tn den wilden Westen auf eine Rauche seines Vetters, um mit dem Eow-boys zu reiten und jagen, meinte er. Sie können ihn dazu mitneymeii.
Aber _ in greiflichen Bereich rückte er erst, als ein anderer, mit dem ich tagtäglich verkehrte, plötzlich mit so einer Ledertasche umgurtet int Cafshaus erschien. Mau nküsse doch einen Kodak haben, um spater Vorträge mit Lichtbildern zu veranstalten, ohne die gmgs doch heutzutage nicht mehr. Und da — wie hübsch das sei! — Wahrhastig, die vierzehnte Straße, wie sie Tag für Tag wimmelte, „Flatiron" und „Zentralpark" und dies' und das. — Und das alles hatte er einfach „geknipst".
Da sagte mein Freund, Sie können ja auch mit „ihm" umherlausen und Aufnahmen machen.
Und dann hatte ich ihn ins Haus gebracht, elegant am Riemen getragen, das schien mir bescheiden und nett.
Aber es kamen Tage des Trübsinns und der Enttäuschung, wo eine Tatenlosigkeit an mir fraß, und ich ängstlich mit meinem ©eße fnaufcrte, daß ich mir nicht einmal Films zu kaufen wagte. Taglicy staubte meine Hausfrau den Apparat ab und hielt ihn Mit einem vielsagenden Lächeln in die Höhe. Endlich ermannte ich nittf) zu etwas Wohltuendem, fuhr zu meinem Freunde und schenkte ihm meine schöne Browuingpistole.
„Nein," sagte er, „ja — wirklich? — Ich kaufe sie Ihnen ab!" utro als ich das ablehnte, lud er mich für deu anderen Tag zum Etsen ein und daun wollten wir photographieren.
Meine erste Aufnahme war in einer stillen Straße, wo lauge Reihen von hölzernen, gleichmäßigen Treppen zu den Eiu- gängen der kleinen Hänschen hinaufstihrten: eine Gruppe Kinder. Ein Bub mit entern Polieeman-Helm und einem kleinen Knüppel, der andere mit dem Kopfputz eines Indianers, und ein kleines Mädchen, das hochbeinig in kurzem Röckchen ihr weißes Schürz- chen glatt strich. Und aus einem Hanseingang rief eine andere: mit einer großen Puppe: „Oh, Mister, nimm mein Bild!"
Aber mein Freund behauptete, das Bild sei so schon nichts, gegen die Sonne und im Schatten, es wäre Unsinn!
No — no! —
. Wenn man nein sagt, schreit die kleine Baitde: What’s that, nine (nein)? Nine times? — Vielleicht verhöhnen sie ihre deutschen Eltern so? , । |
Inmitten einer kleinen Anlage, wo die Wintersonne mild strahlte, nahm mein Freund seines kleinen Buben und mein Bild auf, setzte sich ans eine Bank und erklärte mir nochmals alles, holte ein kleines Stativ heraus, überreichte mir das und sagte: „So — das wäre es! — Ich möchte Ihnen den Apparat dedizieren!"
In meinen lernbegierigen, geöffneten Sinnen traf mich das unverhofft und ging beseligend auf. Als der Zwölfjährige einst zu Weihnachten das ersehnte Flobertgewehr erhalten hatte, wars nicht beglückender gewesen. Und als der gesellschaftliche Mensch das erste „Aber" gefunden hatte, da schwauds auch schon, wie er dem lieben Menschen ins Gesicht guckte.
Dann drückte ich ihm die Hand: „Wirklich, wenn es so sein soll — — Sie haben mir eine große Freude gemacht!"
In einem befriedigten, satten Geplauder gingen wir diesen Tag nach Hause.
In diese letzten Wochen meines Aufenthalts in Amerika drängte sich in die Schwere mancher Stunden doch ein feiner Freudenrausch, den ich gewähren ließ wie die Ferienfreuden eines kleinen Erfolges, die man hütet gegen böse Blicke, weil man sie erkannt als Zwischenpausen vor dem noch nicht erkannten Ernst der neuen Tage. „Gewiß" — „Ich weiß" — schnitt ich die staunenden und kritischen Blicke und Fragen der Bekannten ab, wenn ich die dunkelsten Ecken abknipste oder die schwierigsten Lichtfragen durch die Tat anschnitt, „es macht mir Freude, Erfahrungen zu sainmelu!"
Aber es ragten vollere Farben ins Leben herein, wenn ich die Straßen durchwandelte, die Schiffe erklomm, die Parke absuchte mit dem Zweck, rasch vergehende Linien, köstliche Situationen, stille Augenblicke festzuhalteii. Und das neue Verhältnis, das man zu den Menschen bekam in diesem Amerika. Da war keine Dame weder in der fünften Avenue noch unter den schmutzigen eisernen Säulen, der Hochbahn der Bowery, die nicht für den kühlen Blick ein Lächeln aufsetzte, die Schultern höhcv das Kleid zierlich raffte, wenn sie die Kamera ans sich gerichtet fühlte. Man wollte doch in irgendeine Zeittmg oder eine Zeitschrift, und Wenns nur ein Privatalbum war, kommen; cs schmeichelt drüben allen, und ein schwebender Balken mit einem Arbeiter darauf hält in der Lust an, toemt jemand Anstalten zum Photographieren macht.


