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Zimmerreihe. Es bildeten sich vereinzelte Gruppen; andere liefen rastlos umher; der Gesandte mit Kvmteß Andrea und der Honigs Wald hatte schon wieder die Gesellschaft verlassen. Eine Menschenwelle trennte für kurze Zeit auch das Brautpaar. Nun benützte Lili Menkens die Gelegenheit, sich an Paul heranzuschlängeln.
„Herr Eberstedt," fragte sie, „wenn Sie erst verheiratet sind, da hört wohl unsere Lustigkeit auf?"
„Im Gegenteil," antwortete er, „da fängt sie an. Nämlich die des Lebens. Bis jetzt haben wir ja eigentlich nur Theater gespielt. Wenn wir lachten, war immer etwas Gekünsteltes dabei. Nun aber will ich aus vollem Herzen lachen."
„Und unsre Horde? Bleiben Sie der noch treu?"
„Versteht sich. Ich bleibe allem treu. Nur mir selbst nicht."
Jetzt trat der alte Eberstedt heran, und Lilichen zog sich mit unbefriedigter Miene zurück.
„Na, mein Junge," sagte der alte Herr, „das ist eine Parade, nicht wahr? Selbst die größten Neidhammel sehen aus, als wollten sie uns vor Liebe fressen. Aber ich freue mich. Deine Traute — alle Achtung! Und wie sie zu repräsentieren weiß! Bloß die Verwandtschaft Nimm pnr's nicht übel — aber da ift gum Beispiel ein Onkel Krempel, der trinkt immer sechs Sertgläser hintereinander leer. Ich gönn's ihm ja, aber. . . Und die schiefe Tante mit dem Hörrohr, Die immerfort Kniebeugen macht Wie aus einem Puppenspiel. Ist denn das wirk.ich eine leibhaft ge Tante?"
„Es ist eine solche. Aber es liegt auch schon der Beschluß vor: was uns nicht paßt von der beiderseitigen Verwandtschaft, wird kalt gestellt. Traute und ich, wir sind nämlich der Ansicht, daß wir zunächst uns selbst leben wollen."
„Gut so."
„Dann kommen die Eltern — und dann kommt die Auswahl."
Der Alte klopfte seinem Sohn auf die Schulter. „Ein Egoismus, den ich verständigerweise nur loben kann. Ein Lebensideal, das euch eure Liebe erhalten wird. Eine Eber- stedtsche Maxime, die sich immer bewährt hat. Aber du hast zwischeu Eltern und euch noch etwas vergessen."
„Und was?"
„Die Kinder — meine Enkel."
Paul lachte. „Das ist richtig. Die kommen obenhin. Wenn dein erster Enkel ein Junge ist, da sollst du mal sehen — die Erziehung! Die nehme ich selbst in die Hand."
„Na ja," sagte der Alte, „aber weißt du, vielleicht wäre es doch besser, du überließest sie der Traute."
Zur selben Zeit hatte Fritz Eggenolph sich Traute genähert, die sich soeben von der bürgermeisterlichen Familie verabschiedete.
„Ein Wort, gnädiges Fräulein," sagte er. „Ich habe es für richtig gehalten, Fred Dewa Ihre Verlobung telegraphisch anzuzeigen. Er hat mir zurückdepeschiert: „Fräulein Köhler meine Gratulation. Morgen werde ich dem Wunsche meines Vaters entsprechen und mich mit Mabel Stratham verloben."
„Wer ist das?"
. „Die Tochter eines reichen Konkurrenten, des Klavierfabrikanten Stratham in New York."
„Die er auf Wunsch seines Vaters heimführen wird. Lieber Eggennolph, das ist ein Gehorsam, den ich nicht verstehe. Ich selbst war ja einmal nahe daran, meine Persönlichkeit gegen ein falsches Pflichtgefühl einzutauschen. Aber, im letzten Moment hatte ich noch die Kraft des Widerstands. Kann Fred je glücklich werden?"
„Vielleicht ja — weil er eben keine Persönlichkeit ist. Ich glaube sogar, sicher. Bei der Weichheit seiner Natur und seiner Neigung zu zärtlichem Nachgeben würde er auf seine Art mit jeder glücklich werden, die nicht grade schlecht zu il-m ist."
„Das mag sein," entgegnete Traute sinnend; „aber sehen Sie, Eggenolph, ich würde schlecht zu ihm gewesen sein. Denn ich bin nur gut in der Liebe."
Sie nickte ihrem Vater zu, den sie in etwas unterwürfiger Haltung in eifrigem Gespräch mit dem alten Eberstedt sah, und suchte dann nach ihrem Bräutigam. Sie vermutete ihn im Speisesaal, doch der Weg dahin war nicht so leicht. Jeden Augenblick wurde sie angehalten und an- Lesprocheu. Dje fremdesten Menschen begrüßten sie wie
in alter Bekanntschaft. Aber Traute hatte Weltgewandt- heit erlernt. Sie stand Rede und verlor nie ihre Liebenswürdigkeit. Nur einmal störte sie ein schreckhaftes Empfinden. Ihr Kleid strich gegen ein Paar spitze Kuiee; sie sah Onkel Hempel mit seinem hochgedrehten Staallmeister- schnurrbart auf einem niedrigen Sessel sitzen, einen Teller voll Rebhuhnpastete vor sich und ein Glas Champagner in der Hand. Er zwinkerte sie mit feinen lüsternen schwarzen Augen an, über denen die weißgrauen Brauen wie Federn sich sträubten, und grunzte ihr zu: „Schnuteken, vergiß nicht, du bist mir noch sieben Küsse schuldig. .
Sie ging wortlos an ihm vorüber. Aber es streifte doch ein kalter Hauch der Vergangenheit durch ihre Seele: eine Erinnerung an die trostlose Kleinheit, die ihr besseres Selbst zu zerreißen drohte. Doch schon im nächsten Augenblick kam die Freude zurück; der überwundene Kampf war ja auch ein Prozeß der Läuterung gewesen, und daß sie durch alle beengenden Widrigkeiten, ohne Schiffbruch zu erleiden, den rechten Weg zur Freiheit gefunden hatte, das gesellte zu ihrer Freude ein Gefühl des Stolzes.
Am Büfett fand sie Paul.
„I sieh, da bist du ja," sagte er. „Ich suchte dich überall. Aber es ist wie auf einer Volksversammlung: man findet sich nur durch Zufall."
„Ich bin müde," entgegnete sie, „und habe Hunger. Gib mir etwas zu essen, und dann wollen wir uns in einen stillen Winkel zurückziehen, wo niemand sieht, wie wir Poesie und Prosa rechtmäßig teilen."
Damit war Everstedt einverstanden. Er wußte auch schon ein verschwiegenes Plätzchen im Spielzimmer nebenan, das durch spanische Wände in Boxe geteilt worden war. In jedem Box stand ein gedecktes Tischchen; die spanischen Wände -waren heute durch Blumen- und Blattpflanzen verkleidet. Das Zimmer schien ganz leer; es lag hinter einer Tapetentür und fand wenig Beachtung.
Everstedt freute sich. Hier war man ein Viertelstündchen unter sich. Aber er tat geheimnisvoll. „Leise, liebe Maus," raunte er Traute zu, „damit uns niemand folgt. Das ist wie ein Separee für glückliche Pärchen. Ich schließe die Tür."
Er tat es, und dann schlichen die beiden auf den Zehenspitzen, mit heimlichem Lachen, ihre Teller balancierend, nach dem ersten Tisch der ihnen am passendsten gelegen schien, denn ihn schloß auch noch ein großer persischer Äor- hang ab, den von der Holztäfelung der Decke ein geschnitzter Hundekopf im Maule trug.
Aber kaum hatten sich die beiden gesetzt, glücklich über die kurze Einsamkeit, so hörten sie jenseit der Wand sprechen. Everstedt winkte Traute, sich ruhig zu verhalten. Die nebenan konnten plaudern so viel sie wollten: man meldete sich nicht; man wollte in Ruhe soupieren, und zur Versüßung der Materie zwischendurch Küsse tauschen. Das war das Recht der Verlobten.
Es waren die Stimmen von Kruse und Moebius, die hörbar wurden. Sie sprachen nur halblaut, aber doch verständlich. Sie mochten keinen Lauscher fürchtend
„Du bist blaß, Wüstenprediger," sagte Niels Kruse. „Nagt wieder die alte Schlange an deinem Herzen?"
„Sie ist nicht zu töten, aber sie ist zahm gewordene Sie hat ihren Giftzahn verloren. Man findet sich auch iu das unmöglich Scheinende, selbst wenn es Herzblut kostet."
„Orientalischer Fatalismus, Pastor."
„Nein, christliches Denken. Das Schicksal ist keine Macht von außen: wir schaffen es uns selbst. Aber wir dürfen auch nicht den rechten Augenblick vorübergehen lassen, wo wir es zwingen können. Es war der Fehler meiner Jugend,- daß ich es vergaß. Und es ist das Glück der blonden kleinen Braut des Hauses, daß sie in den Kämpfen um! ihr Herz in ihrer eigenen Liebe ihres Schicksals Erfüllung sah. Sie wäre gestrandet, hätte sie einen anderen genommen.
Etwas schleppend und langsam erwiderte Kruse:
„Ich weiß nicht, ob du recht hast. Ich weiß aber, daß es mich schließlich gedrängt hat, zum Handlanger ihres Glücks zu werden. Ich habe nach der albernen Schießkomödie stundenlang mit Everstedt gesprochen. Und da hat er sich mir aufgedeckt — bis auf den Grund seiner Seele. Befreundet, was mau so nennt, waren wir ja seit Jahren. Aber erst in diesen Stunden habe ich ihn aufrichtig lieb gewonnen.^ Erinnerst du dich, wie du mich einmal fragtest: „Was liegt in der innersten Natur dieses Mannes, das


