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Das nette Mädel.
Nornan von Fedor von Zobeltitz, (Nachdruck berboten.)
(Schluß.)
---Bei den Everstedts begannen sich die Zimmer zu fülfert. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen hatte diese Verlobungsnachricht wie ein Blitz eingeschlagen und gewaltiges Aufsehen erregt. Diese Ehe Everstedts wurde allgemein als eine Mesalliance aufgefaßt: aber natürlich: als eine höchst interessante. Man hätte Paulchen noch ganz andere Dummheiten zugetraut. Immerhin — von dem Besuch des Verlobungsrouts schloß sich keiner aus.
Rechts und links des großen Salons mit seinem Riesenkamin aus schwarzem Marmor schlossen die anderen Zimmer sich an. Sie strahlten im Glanz der Beleuchtung. Von links herüber schimmerte das Palmengrün des Wintergartens; rechts bildete das Eßzimmer mit dem Büfettaufbau den Abschluß. An der Eingangstür des Salons hatten sich die alten Everstedts postiert: er in einem Frack von unwahrscheinlicher Weite, ganz ohne Orden, mit ungestärktem Chemisett und den üblichen drei Zigarren in der oberen Westentasche; sie ein liebes kleines Frauchen in grauer Seide, mit rundem, freundlichem Gesicht, in dem kluge und lebhafte Augen hin und her zu huschen schienen. Etwas weiter in der Mitte des Salons hatten Traute und Paul Aufstellung genommen. So ging denn der Empfang in aller Form Rechtens vor sich.
Unten vor dem Portal hielt Wagen an Wagen. Durch das Treppenhaus strömten die Gäste. Was kam da nicht alles! Der ganze Senat, die bürgermeisterliche Magnifizenz, die Präsidenten der verschiedenen Behörden, die Konsuln, die Spitzen der Kaufmannschaft, eine Unmasse von Offizieren. Alles in Damenbegleitung. Die Hochachtung vor dem Hause Everstedt führte an diesem Abend die ganze Gesellschaft der Freistadt zusammen. Der dicke Reeder Appclmann hatte sich sogar die Finger gewaschen; Suse mit Yvedon marschierten hinterher, und als getreuer Anhang folgte unmittelbar darauf Konsul Friederici. Natürlich: von der Goldenen Horde fehlte niemand. Traute wurde viel geküßt. Ellen Meier, die immer leicht gerührt war, weinte sogar ein Tränchen, und Eva Delbrück tat kummervoll: nun kam Paul Everstedt unter die Haube — da war es wohl aus mit allen Hoffnungen auf eine frisch-frei-fröhliche Gesindel- saison. Wenn der Anführer fehlte, ließ sich die Horde nicht mehr zusammenhalten. Davor hatte auch Henny Angst, und Lili Menkens beschloß in dieser wichtigen Frage sogar eine Interpellation an Everstedt zu richten.
Im Augenblick ging das freilich nicht. Immer noch strömten die Gäste. Traute und Paul hatten sich nunmehr dicht neben die alten Everstedts postiert: es erleichterte die Vorstellung. „Ich habe schon siebenundsechzig Hände
gedrückt," flüsterte Paul seiner Braut zu; „ich bekomme bereits Muskelsieber und Sehnenzucken. . ■" „Sei artig, wisperte Traute zurück, „jetzt naht der Schrecken des Hauses — aber ich kanu nichts dafür. . ." Es war Klothilde, in einem papageigrünen Kleide mit schüchternem Ausschnitt; hinter ihr Friedrich, die Schultern hoch, den Kops vorgeneigt, das freudlose Gesicht zu einem Lächeln vergualt. Auch die Wittstockens gaben sich die Ehre, und sogar Onkel Hempel erschien: den eisgrauen Schnurrbart über die knallroten Backen magyarisch spitz aufgedreht, in den Knieen knickend und die Füße stark auswärts setzend — tote ein alter Kunstreiter. Dann floß auf einmal das malerische Wörreshoop in den Saal: Hans Eggers, Wolf von Detten und der Bildhauer Andreas Kögel und natürlich auch Niels Kruse. Er nahm Trautes Rechte zwischen seine beiden Hande und drückte sie stark, und im Samt seiner Augen spiegelte sich die Zärtlichkeit seines warmen Künstlerherzens, ,/licht mehr Irrlicht, soirdern Sonne," sagte er. „Und wer war der Mittelsmann? Fragen Sie Ihren Paul. . ." Hauptmann von Löneysen schob ihn zur Seite. Sein Nußknackergesicht grinste. Er hatte eine eigene Art der Gratulation. Er slüsterte Paul zu: „Lausbub! Der größte Strick hat's größte Glück . . ."
Aber jetzt kam eine leichte Verlegenheit für Traute. Der preußische Gesandte, verbindlich und scharmant tote immer; dann Komteß Andrea: den Kopf hoch, stolz und blaß. Sie berührte kaum die Finger Trautes, sie retchte auch Paul nur flüchtig die Hand. „Besten Glückwunsch," sagte sie von oben herab. Das ärgerte Paul. „Danke, Komteß," erwiderte er, „ich weiß, tote herzlich Sie es meinen . . ." Nun sah man wieder freundlichere Gestchter: Mursinna und Wilm Noeldechen (Noeldechen in einer Art Kammerherrnfrack mit Goldknöhsen und einer so schmalen weißen Weste, daß sie nur wie em Streifen erschien). Dann die Brüder Eggeuolph und der Aeronaut Walter Kym. Hierauf Tante Ballenstedt, mit zu hoher rechter Schulter und einem Hörrohre in der Hand, unaufhörlich knixend, selbst taub, aber dasür sehr laut sprechend. Sie schrte dem alten Everstedt ihren Namen in das Ohr, der erst einen Schreck bekam und sich dann schüttelte und hierauf hocherfreut tat.
Wieder erschienen ein paar Offiziere: diesmal Waldenburger Dragoner, die im Everstedtfchen Hause verkehrten. Dann kam der Syndikus Thielemaun, ein Tartüff mit Honig- süßem Lächeln, und der Pastor Moebius; ernst aus seh end, ein melancholisches Lächeln auf dem Apostelgesicht. Es kamen immer mehr. „Zweihundert Händedrücke," stöhnte Paul. . . „Aber du brauchst nicht auch noch zu küssen/ erwiderte Traute.... „Ich möchte schon — doch nur d i ch."
Endlich dämmte die Anflut sich ein. Nur noch ein paar Nachzügler kamen. Im Speisesaal war man schon am Bufett. Die Diener trugen Tabletts mit Champagner umher. Die Unterhaltung wurde lebhafter. Die Gäste füllten die ganze


